Romane, Wirtschaft
Kommentare 3

Verena Mermer: Autobus Ultima Speranza

Es ist ein paar Tage vor Weihnachten am Busbahnhof in Wien. Die Fahrer bereiten die Busse für die nächsten langen Fahrten vor oder machen eine Pause, erste Fahrgäste für die nächsten Touren treffen ein. Hier, am Busbahnhof, kommen die zusammen, die sich auf eine Reise begeben. Aber die, die hier eintreffen, fahren nicht in den Urlaub oder starten zu einer Besichtigungstour. Die, die hier losfahren, pendeln zwischen ihrer Arbeit und ihren Familien. Die meisten der Passagiere des Busses mit dem pinken Logo der Gesellschaft Speranza fahren über die Weihnachtstage nach Cluj in Rumänien. Sie besuchen dort ihre Familien, die sie das Jahr über kaum sehen, weil sie in Österreich, in Deutschland, in Großbritannien arbeiten. Nur wenige Mitreisende fahren zurück nach Cluj, weil sie ihre Familien schon besucht haben und sie mit Kommilitonen oder Freunden feiern werden.

Verena Mermer erzählt in ihrem Roman von dieser einen Fahrt von Wien nach Cluj im Autobus der Linie Speranza. Wir lernen Fahrer und Passagiere kennen, manche kurz nur, manche länger und genauer. Und dabei bekommen wir Einblicke in die verschiedenen Lebensgeschichten der Reisenden, in ihre unterschiedlichen Gefühlslagen und Träume. Und werden oft Zeuge der ganz besonderen Form der Einsamkeit, die sich ergibt, wenn die Menschen fern von zu Hause arbeiten müssen, weil es zu Hause keine Arbeit gibt. Weil nach der Wende die Fabriken, die es früher gab, geschlossen haben, die Kolchosen aufgelöst wurden und die finanzielle Situation der Menschen so erbärmlich ist, dass sie weggehen müssen von zu Hause, um in der Fremde eine Möglichkeit zu finden, sich das Leben leisten zu können.

Ioan, der ältere Fahrer steht neben dem Bus und raucht eine Zigarette raucht. Er hängt seinen Gedanken nach und erinnert sich, wie er vor über 30 Jahren durch den Eisernen Vorhang aus Rumänien geflohen ist, weil er wissen wollte, wie es sich lebte im westlichen Ausland. Jetzt fährt er zwei- bis viermal in der Woche über diese Grenze, die er damals unter Lebensgefahr überwand und die heute kaum mehr erkennbar ist. Adrian, der zweite Fahrer, kehrt währenddessen den Boden des Busses, hebt Papier auf, wischt Krümel von den Sitzen und stellt die Lehnen wieder steil. Er überprüft den Fahrplan und ärgert sich. Es wird Verwechslungen geben, denn 10 Minuten vor ihnen wird ein weiterer Bus nach Cluj losfahren, von Abfahrtsplatz 13. Er gehört zu der ungarischen Busgesellschaft, deren Fahrpreise oft nur die Hälfte von dem betragen, was üblicherweise auf den Langstrecken verlangt wird. Dafür bleiben die Busse dann auch mal liegen oder fahren bereits mit defekten Scheiben los. Gleich, so ahnt Adrian, werden die Fahrgäste ihnen mehrere falsche Tickets vorweisen, Tickets für den weißen Bus. Er hat noch eine dreiviertel Stunde Zeit und zieht sich in die Schlafkoje zurück.

Und dann steigen sie alle ein in den Bus und suchen sich einen Platz:

Petru, der in Großbritannien als Lkw-Fahrer arbeitet und zu seiner Familie nach Bukarest reist, 4 Mal Umsteigen inbegriffen. Andrej, der Erntehelfer, den die Eltern aus der Schar der Kinder ausgewählt haben, um Geld im Ausland zu verdienen, monatlich etwas nach Hause zu schicken, einen Rest könne er behalten. Wenn er doch nur eine Ausbildung erhalten hätte, dann würde er jetzt vielleicht auch hier sitzen, aber mit von einem Friseur geschnittenen Haaren, mit einem Duft, der seine Jugend und Männlichkeit unterstützte und mit Markenkleidung.

Tudor, der einen Job in einem Schlachthof in Westfalen gefunden hat. Früher hat er in einer Geflügelfabrik gearbeitet, hat den Job aber gekündigt, als seine Frau Mihaela eines Tages angerufen hat und ihm erzählte, dass es Anca, der kleinen Tochter so schlecht gehe und welche Diagnose der Arzt gestellt habe. Er fuhr sofort nach Hause.

„War anwesend und konnte trotzdem nicht wirklich da sein. Der Gedanke, seiner Frau keine Hilfe zu sein zwischen den Krankenhausbesuchen, der Geldsammlung für die Behandlung und dem Warten, was passieren würde. Die Distanz als erste Ahnung der späten Gewissheit. Dass es unmöglich ist, sein Weggehen und all die damit zusammenhängenden Versäumnisse auf irgendeine Art wiedergutzumachen.“

Tudor darf bei seinem Job nicht zimperlich sein, auch nicht, wenn die Rinder vor Angst und Panik mit den Vorderbeinen um sich schlagen. Zwölf Stunden arbeitet er, tötet die Tiere, lässt sie ausbluten, zerlegt sie, als Hilfsarbeiter in der Fabrik. Den Gedanken, dass er die Arbeit nicht mehr aushält, verdrängt er. Dass er sich mit drei anderen Arbeitern ein Zimmer teilt, macht die Sache sicher nicht besser. Aber er weiß, dass es sonst nichts zu arbeiten gibt für ihn, denn die Kolchosen sind längst aufgelöst worden und sein Traum, Kosmonaut zu werden, war ein Kindheitstraum.

Es sitzen eine Menge weiterer Menschen im Bus: Elena, die schon lange in Wien lebt und sich so eine kleine Rente erarbeitet hat, die ihr das Bleiben ermöglicht und Lucia, die sich viel zu spät für die Reise ins Ausland entschieden hat und nun als sechzigjährige klapperige 80- und 90-jährige als 24-Stunden-Pflegerin betreut. Den Job haben auch Alexandru und Oana. Da sitzt Silviu, der in Ingolstadt als ausgebildeter Mechaniker bei Audi arbeitet und Cornel, der etwas mit Computern zu tun hat und Markenkleidung trägt. Florin, der früher einmal als Bergarbeiter gearbeitet hat und nun im Gewächshaus Tomaten erntet und Daiana, mit dem abgeschlossenen Masterstudium in Psychologie, fährt mit, die sich beim Putzen von Privatwohnungen das Geld zusammenspart, um zu Hause in eine Praxis einsteigen zu können. Da sind auch Matei, seine Frau Codruţa und Susana, ihre Tochter, die gleich argwöhnisch beäugt werden und in deren Nähe sich keiner freiwillig setzt, denn jeder sieht, dass sie Roma sind.

Lisa kommt aus Linz. Sie hat dort ihre Eltern besucht und fährt jetzt wieder nach Cluj, wo sie lebt und Deutsch unterrichtet. Ihrer Familie hat sie von Paul erzählt und dass sie wegen ihm die Feiertage in Cluj verbringen möchte. Dabei ist das eine Lüge gewesen, denn Paul wird sie nicht mehr treffen. Aber immerhin ist sie so ihrer Familie entkommen und dem Weihnachtsfest mit Geschenken und Truthahn, Wein, Kaffee und Christstollen. Lisa ist es, die über die Busfahrt und die Fahrgäste nachdenkt und dabei die Konzeption des Romans auf den Kopf stellt:

„Jede Reisegesellschaft ist eine Konstellation, die nur eine Nacht lang besteht – ein absehbares Ende macht vieles erträglich. Was zählt ist das Abreisen und das Ankommen, das Davor und das Danach.“

In Mermers Roman ist es genau anders: die Zeit des Fahrens zählt, denn sie ist die Zeit, etwas über die vielen Menschen, die zufällig hier versammelt sind und kaum miteinander in Kontakt treten, zu erfahren. In dieser Zeit, in der sie zur Untätigkeit gezwungen sind, in der es eben nur die Gedanken, Erinnerungen und Reflexionen gibt, erfahren wir Leser etwas über sie. Auch wenn es manchmal nur Blitzlichter sind, die uns die einzelnen Menschen einen kurzen Augenblick erhellen, so erahnen wird doch, welche unterschiedlichen Schicksale sich in solch einem Bus versammeln, welche verschiedenen Lebenswege hier verborgen sind, welche vielschichtigen Gründe es für die Arbeitsmigration gibt. Und welche Bürde diese Menschen tragen, die sich eben von ihren Familien, ihren Männern und Frauen, ja, sogar von den Kindern, durch ihre physische Entfernung gleichermaßen psychisch entfernen und entfremden.

Dabei springt die Erzählerin mal zu dem einen Passagier mal zu der anderen Reisenden, sodass die vielen Namen und Geschichten, die vielen Meinungen und Erinnerungen verwirrend wirken auf den Leser. Auch den Charakteren der Reisenden kommen Leserin und Leser so nicht richtig nahe. Dafür ist, wären wir Leser mit im Bus, die Zeit der Busfahrt wohl auch zu kurz. Trotzdem entfalten sich durch die vielen individuellen Geschichten unterschiedliche und eindrucksvolle Lebenswege, unterschiedliche – und doch zeitlose – Motive zur Arbeitsmigration.

Doch stimmt Lisas Satz auch, weil Mermer nur während der Fahrt bei ihren Figuren bleibt, weil sie nicht erzählt, was vorher passiert und wohin sie sich nach ihrer Ankunft wenden werden. Und so gehen sie dann am Ende ihrer Reise in unterschiedliche Richtungen davon, die gemeinsame Fahrt hat kein Band zwischen ihnen gespannt. Und so ist es eine handlungsarme Geschichte – alleine der Bus bewegt sich durch die winterliche Landschaft –, die Mermer erzählt, weil die Figuren in dieser Zeit wie in einer Zwischenwelt leben, sie sind nicht mehr hier und noch nicht da.

Mermer verknüpft ihre Erzählungen immer wieder mit verschiedenen Medien, mit Liedzeilen aus Popsongs, Seiten im Internet, die die Reisenden sich während der Fahrt anschauen, mit Filmen, die über das Bordkino laufen. Und schafft so oft eine zusätzliche Tiefe ihrer Erzählungen. Zum Ende der Reise haben die Fahrer die ET-DVD eingelegt. Die Passagiere erkennen vielleicht in der rührseligen Geschichte des Außerirdischen, der doch nichts mehr will, als wieder nach Hause zu kommen, da er in der ungewohnten Umgebung auf der Erde krank und matt wird, eine Parallele zu ihrer eigenen Lebensgeschichte. Dabei geraten jedoch die Nacherzählungen der Filmhandlung zu lang, die Figuren der Reisegesellschaft rücken in den Hintergrund und das Erzählkonzept des Romans zerfranst.

Während also der Bus Speranza, der in beide Richtungen, in die er fährt, für seine Passagiere so etwas symbolisiert, wie die letzte Hoffnung, so gewinnt der Leser einen neu justierten Blick auf die Menschen, die in unseren Gesellschaften die unangenehmen Arbeiten zu unwürdigen Konditionen übernehmen. Und das ist doch im besten Sinne eine der Aufgaben der Literatur.

Verena Mermer (2018): Autobus Ultima Speranza, Salzburg – Wien, Residenz Verlag

3 Kommentare

  1. Das Konzept, einzelne Menschen und Schicksale in einem Bus (ich hab mir in München am Hauptbahnhof schon oft gedacht, dass es mich interessieren würde mal mit einem der sogenannten „Gastarbeiterbusse“ nach den ehem. jugoslawischen Staaten mitzufahren) zu versammeln und darzustellen, klingt, trotz deiner wenigen Kritikpunkte, ganz gut. Danke für den Tipp!

    • Liebe Birgit,
      das Lesen lohnt sich auf jeden Fall. Ich lese ja sowieso immer mit Stift und habe mir, nachdem ich den Überblick verloren habe, die Namen und Stichpunkte ihrer Geschichten notiert. Ich denke aber, dass es auch ohne Notizen geht, wenn man nicht, wie ich in diesem Fall, so sehr lange an dem Roman liest. Die Idee der Konzeption und die Geschichten der „Gastarbeiter“ sind wirklich beeindruckend. Vielleicht wirst du es ja auch lesen.
      Viele frühlingssonnen Grüße, Claudia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s