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Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

Anke Stellings Roman führt uns mitten hinein in den modern-alternativen und trotzdem konservativen Großstadtkiez, in dem die sozialen Unterschiede von früher nur auf den ersten Blick aufgelöst sind. Da ist Resi, Schriftstellerin und Journalistin, mit ihrem Mann Sven, einem Künstler und den Kindern Bea (14), Jack (11), Kieran (8) und Lynn (5). Resi stammt aus einer Familie, die einmal als bildungsnah, als guter Mittelstand bezeichnet wurde. Sie verfügt über eine gute Schulbildung und ein Studium. Sven natürlich auch, er hat es im Gymnasium sogar zu den Alten Sprachen geschafft. Doch bei der Berufswahl sind sie irgendwie falsch abgebogen, haben sich gleich beide für Jobs entschieden, die zwar selbstbestimmt und kreativ sind, keineswegs aber eine soziale Sicherheit, geschweige denn einen finanziellen Aufstieg garantieren. Anders als die Freunde aus Schulzeiten, die als Architekten und Ärzte längst ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Und dann auch noch vier Kinder, die zusätzlich zum Armutsrisiko beitragen.

Trotz der langen Ausbildungen, trotz einer anspruchsvollen Arbeit können Resi und Sven sich die Mietwohnung innerhalb des Berliner U-Bahn-Ringes kaum mehr leisten, den Musikunterricht der Kinder finanziert das für sozial schwache Familien aufgelegte Teilhabepaket und wenn die anderen Kinder in den Ferien in Urlaub fahren, dann müssen Resi und Sven ihre Kinder in der heimischen Wohnung bei Laune halten. Wenn ein Auftrag für Resi hereinkommt, dann läuft alles gut für die nächsten Wochen, vielleicht Monate, wenn keiner kommt, dann sieht es mau aus. Als prekär kann die finanzielle Situation der Familie durchaus beschrieben werden.

Und nun zieht es Resi komplett den Boden unter den Füßen weg. Denn Frank hat seine Wohnung gekündigt. Die Wohnung in der Berliner Innenstadt, die er bewohnte, bevor er mit seiner Frau Vera in das Haus der Bauprojektgruppe eingezogen ist, der Gruppe, die der Freundeskreis um Resi und Sven gegründet hat, um auf einem begehrten Grundstück in der Innenstadt ihren Traum vom Wohnen zu realisieren. Auch Resi und Sven sollten mit ins Haus ziehen. Ingmar, der Arzt, wollte ihnen Geld leihen, damit sie damit der Bank Eigenkapital nachweisen konnten als Grundlage für die Finanzierung. Über das verlockende Angebot haben Resi und Sven lange nachgedacht. Es dann aber ausgeschlagen. Frank hat immerhin vorgeschlagen, dass sie dann doch wenigstens seine Mietwohnung übernehmen sollten, mit der billigen Miete aus dem schon lange bestehenden Mietvertrag. Und die hat er nun gekündigt. Weil er und die Freunde aus der Baugruppe ordentlich sauer sind auf Resi.

Früher, in der Schule waren sich die Freunde einig darüber, dass die sozialen Grenzen abgebaut werden müssten, „dass Geld nicht glücklich macht, Besitz belastet, Reiche nicht in den Himmel kommen“. Dass gerade die Reichen mit ihren Privilegien dafür verantwortlich seien, dass es der sogenannten Dritten Welt so schlecht gehe, dass alle daran teilhaben wollten, „Leid und Ungleichheit zu mindern“.

„Schön ist es, sich in solchen Kreisen zu bewegen.

Bis man feststellt, dass irgendwas faul ist.“

Faul ist für Resi die Sache, seit die Clique beschlossen hat, das Bauprojekt umzusetzen. Früher wollten sie zusammenwohnen, wie in einer Kommune und so, wie sie zusammengelebt haben nach dem Abitur, als fünf Freunde aus Stuttgart zum Studium nach Berlin gezogen sind in das Haus von Christians Vater, in dem sie gemeinsam eine Etage bewohnten. Nun aber entsteht ein Haus, dem man den gediegenen Wohlstand ansieht: die Fassade im Vanilleton, die Wohnungen mit den modernen Küchen, den besonderen Bodenfliesen, den maßgefertigten Einbauschränken, den begehbaren Kleiderschränken, dem Gemeinschaftsgarten mit Schilf am Mülltonnenplatz und nur zartblättrigen Pflanzen wie Birken, Flieder, Bambus und Wein.

Vielleicht aber ist die Stimmung in der Clique schon viel länger faul. Vielleicht schon, seit sie und Sven die Kinder bekommen haben, als Erste in der Gruppe. Immer haben die Freunde sie gefragt: „Wie schafft ihr das?“. Zuerst hat Resi Bewunderung herausgehört, auch Achtung vor der vielen Arbeit und dem unvermeidlichen Chaos mit den vier Kindern. Im Laufe der Zeit hört sie aber auch Abwehr – und vor allem Schuldzuweisung. Wenn sie nämlich klagt über die hohen Ausgaben von Kitaausflug und Klassenfahrt in einem Monat, dann hört sie immer häufiger: „Weiß man doch.“ Was ja nichts anderes heißt, übersetzt sich Resi, dass „man weiß, dass Kinder Geld kosten und man sich nichts zulegt, was man sich nicht leisten kann.“ Schon gar nicht vier Kinder. „Selber schuld, Katapult“, haben die Freunde immer gesagt, als sie noch jünger waren. Ja, „es ist größenwahnsinnig, ohne Großeltern und Großraumwagen und Großverdienst eine Großfamilie zu gründen. Es ist unbedacht. Es ist asozial.“

Aber vielleicht ist auch damals schon etwas faul gewesen, als sie noch jung waren, Schüler am Gymnasium. Linke Ideen waren ihnen allen selbstverständlich, auch den Freunden aus den reichen Elternhäusern der Fabrikanten und Immobilienbesitzer. Und Geld von den Eltern wollten sie alle nicht, das war ihr moralisches Credo. Aber als die Freunde sich überlegt haben, ein Wochenende ins Berner Oberland zu fahren, wo Christians Eltern ein Ferienhaus haben, da ist Resi zu Hause geblieben, denn sie konnte nicht Ski fahren. Und keinen der Freunde hat es irgendwie gekümmert.

Nun, nach Franks Kündigung, schreibt Resi für Bea, die älteste Tochter, die ungerechte Geschichte auf. An ihrem alten Laptop in ihrem kleinen Schreibkämmerchen, in dem in anderen Wohnungen die Waschmaschine steht. Resi denkt darüber nach, wie die sozialen Verhältnisse bei ihren Eltern gewesen sind, wie bei ihr und ihren Freunden, wie bei ihren Kindern, bei denen gleichzeitig Gruppenzwang und Individualisierungsdruck die Heruaforderungen sind. Und ist so wütend darüber, in drei Monaten auf der Straße zu stehen. Denn wer wird in Berlin schon eine bezahlbare Wohnung für eine Familie mit vier Kindern haben?! Schon gar nicht im Innenstadtbereich. Sie werden in die Platte müssen, fürchtet Resi, nach Marzahn.

Umgangssprachliche Weisheiten leiten die Erzählungen und Reflexionen, fassen zusammen, und erklären. So, als hätte schon ewig festgestanden, dass auch dieses Freundschaftsprojekt scheitern muss:

„Nichts währt ewig.“

„Kinder kosten Geld.“

„Der Mensch ist des Menschen Wolf.“

„Man muss seine Schäfchen ins Trockene bringen.“

Und auch: „Beim Geld hört die Freundschaft auf.“

Anke Stellings Geschichte um Resi und ihre Familie bebildert diese Redensarten. Dafür hat die Autorin eine starke Erzählfigur geschaffen, eine höchst lebendige, eine ziemlich erzürnte, eine, die hemmungslos überspitzt, und gnadenlos die Mechanismen ihres sozialen Umfeldes seziert. Eine, die mit ihrem Klassenbewusstsein nicht nur ihr Umfeld nervt, sondern manchmal auch den Leser, eine, die so auf den Punkt formuliert, dass auch der Leser in schallendes Lachen ausbricht. Und eine Protagonistin, die ihre Geschichten und Deutungen nicht nur im heimischen Kämmerchen für die Tochter aufschreibt, sondern eine, die immer wieder Texte über die Lebensweisen und Werte in ihrem Kiez veröffentlicht, in der Zeitung, in einem Roman. Das zieht natürlich den Zorn der Freunde auf sich, die sich bloßgestellt fühlen und verraten. Die dann als Reaktion die Freundschaft kündigen und die Wohnung, die sie gar für verrückt erklären. Das ist rasant zu lesen, fordert manchmal Widerspruch heraus und gibt jede Menge Fragen auf. Stellings Roman liest sich so, als würden sie die Thesen Oliver Nachtweys aus seinem Band „Abstiegsgesellschaft“ in einen Roman übersetzen.

Zum Ende wendet sich fast alles noch zum Guten. Die Freunde sind zwar verloren, dafür wird der Umzug in die Randgebiete Berlins – und es muss ja auch nicht gerade Marzahn sein – gar nicht so schlimm. Resi bekommt einen Preis für ihren Roman und Sven, dem die Freundesclique wohl schon länger quer liegt, kommentiert die Kündigung ganz lässig:

„Man kann gar nicht weit genug wegkommen von diesen Arschgeigen.“

Anke Stellings Roman ist für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert , er wird im Februar auch auf der SWR-Bestenliste geführt.

Anke Stelling (2018): Schäfchen im Trockenen, Berlin, Verbrecher Verlag

4 Kommentare

  1. Na, diesen Tipp, samt Hinweis auf die Leipziger Buchmesse merke ich mir. vielleicht findet sich ja dort eine Lesung im Programm.
    Schön, diese Beschreibung hier gefunden zu haben, auch wenn ich ja nun fast schon alles weiß. 😦 😉

    • Lieber Bücherjunge,
      bestimmt gibt es auf der Leipziger Buchmesse Lesungen mit Anke Stelling – und den anderen Nominierten. Und ich denke, dass du noch jede Menge in dem Roman entdecken kannst, über das ich nicht geschrieben habe. Viel Spaß beim Lesen!
      Viele Grüße, Claudia

  2. Pingback: Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen – LiteraturReich

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