Flucht und Entwurzelung, Lesen, Romane
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Jagoda Mariniċ: Restaurant Dalmatia

Marinic_2Als Mia zu einem Auslandssemester nach Kanada kommt, geht alles plötzlich ganz leicht. Aus Mija Markoviċ wird Mia Markovich, aus dem Anglistik-Studium wird ein Studium der Kunst, niemand fragt sie, woher sie denn komme, aber jeder fragt, was sie als nächstes vorhabe, welche Pläne sie verwirklichen möchte. Alles ist so, wie Mia es sich immer erträumt hat, hier scheint auch für sie das pursuit of happiness Realität zu werden. Da ist Jane, bei der Mia wohnt, und die sich mehr um Mia kümmert, als ihre Mutter es je getan hat. Da sind die neuen Freunde, da ist Raphael, den sie beim Studium kennenlernt und der Dokumentarfilmer wird. Aus dem Auslandssemester wird ein Leben in Toronto. Mia bricht alle Brücken nach Europa ab, nichts soll sie mehr an ihr altes, unglückliches Leben erinnern. Und dann gewinnt sie auch noch den Grange-Prize, einen renomierten Preis für Fotografie, und ihr stehen noch viel mehr Türen offen als vorher schon. Mia aber fällt in ein tiefes Loch, verkriecht sich zu Hause, hat keine Ideen mehr, keine Interessen. Raphael drängt sie, „nach Hause zu fahren“, sie solle „ihre Leute besuchen“. Mia wehrt sich, sie bekommen Streit, aber schließlich fliegt sie nach Berlin. Ziellos läuft sie durch die Straßen, fragt sich, ob ihre Familie irgendetwas hinterlassen habe, aber dann kommt sie doch am Restaurant Dalmatia vorbei und findet Zora und Jesus.

Zora leitet das Restaurant seit Jahren mit ihrem unverwüstlichen derben Charme, den sie als „nicht-amerikanische-Kundenbindung“ bezeichnet. Bei ihr hat Mia als Jugendliche oft ausgeholfen, mit Zoras Sohn Ivo ist sie befreundet gewesen. Jesus, den Spanier, der wie ein Penner aussieht, aber als Übersetzer arbeitet, hat sie mitgebracht ins Restaurant, nachdem er ihr geholfen hat, von der Straße aufzustehen, auf der sie bei Schnee und Eis ausgerutscht und vor ein Auto gefallen war.  Jesus ist für Mia der erste Erwachsene, der sie ernst nimmt und ihr zuhört, der nicht in einer so anderen Erwachsenenwelt lebt.

Esist schon ein wenig unwahrscheinlich, aber Zora und Jesus nehmen Mia ganz schnell wieder auf, fast vergessen sind die vielen Jahre, in denen sie aus Toronto nichts von sich hat hören lassen. So verbringen sie viel Zeit mit Mia – und sie wissen beide ganz genau, welche Ratschläge Mia jetzt braucht, um sich selbst wiederfinden zu können:

„Und du meinst, das löscht das Leben aus? [fragt Jesus]

„Es hat dieses Leben bereits ausgelöscht“

„Du hast nichts vergessen, Mia. Nichts.“

„Ich weiß aber so gut wie nichts mehr. Ich weiß fast nichts.“

„Weil du aufgehört hast zu erzählen. Man weiß nicht einfach etwas oder erinnert es. Man muss es sich erzählen, sich und anderen. (…) Ich glaube nicht an ein Leben, von dem man nicht weiß, wo man herkommt. Und das meine ich nicht nur geografisch. Alles ist damit verbunden, selbst die Art zu lieben. Wer hat dich geliebt, wen hast du geliebt, wer hat dich geschützt, wer hat dich verletzt? Wer hat deine Träume zerstört, wer hat sie in der Welt platziert und wie. Und was genau willst du aus alldem machen?“ (S. 122/123)

Und so kommen langsam die Erinnerungen zu Mia, schieben sich in ihren Tagesablauf in Berlin, machen sich bei Gängen durch die Stadt bemerkbar, kommen abends oder während der Gespräche mit Jesus, Zora und Ivo. Mia ist in Berlin-Wedding aufgewachsen als Tochter von jugoslawischen Gastarbeitern. Im Viertel haben ihre Brüder mit ihren Fäusten dafür gesorgt, dass Mia Respekt entgegengebracht wird. Als sie nach Moabit auf das Gymnasium geht – weil es dort weniger schlechte Familien gebe, so meinen ihre Mutter und Zora – kennt niemand ihre Brüder. Und so meint Mia, sich selbst Respekt erprügeln zu müssen.

Ihre Eltern haben ihr Dort verlassen, weil sie hofften in Deutschland Geld verdienen zu können, um ein sorgenfreies Leben zu haben, weil sie hofften, genug Geld zu verdienen, um sich zu Hause ein schönes Haus bauen zu können, in das sie später zurückkehren könnten. Das ist ihre Hoffnung auf Glück, es sind ihre Wünsche und Träume, die sie so manches erdulden lassen, was ihnen in Deutschland nicht so gefällt. Aber für Mias Eltern erfüllt sich das Glücksversprechen nicht. Mias Vater Marko arbeitet auf dem Bau, später in der Metallverarbeitung, in seiner Freizeit hilft er auf Baustellen aus, in den Ferien baut er sein Haus im Dorf. Nach vierzig Jahren hat er Gicht und ist arbeitsunfähig. Sein Haus im Dorf, das nunmehr in Kroatien liegt, das er über Jahre mit den eigenen Händen aufgebaut hat, ist zerstört, Soldaten haben darin gehaust, er selbst hat ihnen den Schlüssel gegeben, als seinen Beitrag zum Krieg, in dem er mehr nicht helfen konnte.

Die Erinnerungen kommen in der Form der Stimmen der Menschen ihrer Familie und ihrer Umgebung, die ihr von ihren Leben erzählen. Ihr Vater erzählt vom Hunger in seiner Kindheit und von seinem großen Verrat, von der Fremdheit, die er empfindet, wenn er mit der heranwachsenden Mia und ihren in der Schule erlernten Meinungen konfrontiert wird, Zora erzählt, wie sie nach Berlin kam und wie sich ihre Träume in Luft auflösten, Ivo vom Sterben seines Vaters, Mias Oma Ana erzählt, wie sie es angestellt hat, sich und ihren Töchtern ein Leben ohne die Gewalt eines Mannes und Vaters zu ermöglichen, Zora, welche große Zufriefenheit sie aus Mias Entwicklung zu einer selbstbestimmten und unabhängigen jungen Frau hat gewinnen können.

Es sind die ganz starken Szenen dieses Romans, wenn die verschiedenen Stimmen und wenn Mia aus der Vergangenheit erzählen. Dann erschließen sich die individuellen Lebenswege, Motive, Wünsche und Träume der verschiedenen Figuren, dann wird erkennbar, wie die Menschen, manchmal  ihrer familiären oder dörflichen Umwelt, manchmal auch den großen politischen Verhältnissen zum Trotz, versucht haben, ihren Weg zu ihrem kleinen Glück zu gehen – und wie sie dabei auch gescheitert sind. Diese Geschichten sind unglaublich lebendig und zeigen uns sehr anschaulich die Lebenswege derjenigen, die, mitten in Europa aufgebrochen, als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen sind und sich nie wirklich dazugehörig fühlten.

Schwächer dagegen sind die oft langen Dialoge, die oft die Gespräche Mias mit den Personen der Gegenwart schildern. Das mag daran liegen, dass in diesen Dialogen zum Teil abstraktere Themen besprochen werden – die Frage der Ausprägungen nationaler Besonderheiten zum Beispiel -, es mag aber auch und vor allen Dingen daran liegen, dass hier oft der Streit in der Familie oder zwischen zwei Figuren wiedergegeben wird, der in einer schnodderigen, abwertenden Sprache geführt wird. Sicher, Streit ist nie eine freundliche Angelegenheit, aber die vielen Streitgespräche, die hier erzählt werden, zeigt ein anderes Bild der Figuren, als ihre doch oft sehr reflektierte Sicht auf die Dinge, die sie in ihren eigenen Erzählungen vermitteln. Und manchmal bräuchte es die Streitgespräche auch gar nicht, um Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit, Ärger oder Wut deutlich zu machen.

Und so bräuchte es auch nicht immer die genaue Anweisung, die genauen Ratschläge, die nicht nur Mia gelten, weil offensichtlich alle – Raphael, Jesus, Zora – genau wissen, was ihr gut tut, sondern auch dem Leser genau vor Augen führen sollen, was das Problem ist. Hier hätte Mia und dem Leser ein wenig mehr zugetraut werden können…

Trotz der Einwände: Jagoda Mariniċ hat einen ungemein kraftvollen Roman geschrieben über die Träume und Wünsche der Einwanderer und Gastarbeiter, über ihre Leben und ihre Gründe für das Fortgehen und über ihr Ankommen in der Realität der neuen Welten. Und durch Mias Perspektive als Tochter hat sie der zweiten Generation eine Stimme gegeben, der Generation, die die Entscheidung wegzugehen nicht selbst getroffen hat und trotzdem den Riss in der Familie erkennt, sich trotzdem fremd fühlt und sich in dieser fremden Umgebung beweisen und einen Platz erkämpfen muss und die sich dann auch wieder selber für einen neuen Platz zum Leben entscheidet. Mia jedenfalls scheint sich nach ihren Tagen in Berlin mit ihrem alten Leben ausgesöhnt zu haben – und auch mit ihrem alten Namen.

Jagoda Mariniċ (2013):  Restaurant Dalmatia, Hamburg, Hoffmann und Campe

Ein Fernsehinterview mit Jagoda Mariniċ ist hier zu sehen , ein Radiointerview könnt ihr auf Tobias Lindemanns Blog hören. Die Autorin liest hier (Autorin suchen) aus ihrem Buch, hat eine eigene Homepage und schreibt dort auch an ihrem Blog.

4 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    dieser Roman ist bisher an mir vorbeigegangen. Was du über ihn schreibst, erinnert mich ein bisschen an Olga Grjasnowas Debüt Der Russe ist einer, der Birken liebt – kennst du es? Dort geht es auch um die zweite ‚Migrantengeneration‘, um eine junge Protagonistin, die erfolgreich ihren eigenen Weg geht, dabei aber immer wieder mit ihrer Herkunft konfrontiert wird und gezwungen ist, die eigene Identität infrage zu stellen. Ein wütender, (heraus)fordernder Roman, der mich manches Mal auch verärgert hat. Restaurant Dalmatia scheint in eine ähnliche Richtung zu gehen. Danke für den Tipp!

    Herzlich,
    caterina

    • Liebe Caterina,
      ja, einen Bezug kann man wirklich herstellen zum „Russen“, in dem auch die Identitätssuche der zweiten Generation thematisiert wird. Super, das wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen. — Aber sonst gibt es da nicht viele Gemeinsamkeiten. Vor allem habe ich Jagoda Marinics Roman wesentlich kraftvoller und eindeutiger gelesen, als Olga Grjasnowas Roman, mit dem ich nicht so wirklich, ach, überhaupt nicht, warm geworden bin. Für Mia fügt sich ja in Kanada alles so wunderbar, wie sie es gar nicht für möglich gehalten hat, nur ihr altes Leben, das sie so erfolgreich verdrängt hat, fordert nun doch sein Recht. Und so wissen eben alle ihre Freunde, dass sich sich dem stellen muss. So können wir dann die Geschichten der ersten Migrantengeneration aus Jugoslawien/Kroatien lesen und die Geschichten sind schon sehr beeindruckend. Vielleicht wandert der Roman ja auf Deine schönen Seiten.
      Viele Grüße, Claudia

      • Ich hatte ja auch so meine Schwierigkeiten mit Grjasnowas Roman, v.a. wegen der Aggressivität und Überheblichkeit, mit der die Protagonistin ihre Geschichte erzählt. Aber vom Thema her fand ich ihn eben doch sehr spannend. Ebenso dieses hier, vielleicht fällt es mir ja bald mal in die Hände.

        LG caterina

      • Dann bin ich mal gespannt, ob es Dir in die Hände fällt und was Du über Dein Lesen schreibst :-)!
        Viele Grüße, Claudia

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