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Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit

Hannah steht vor einem Scherbenhaufen. So oft sie sich auch als Journalistin bewirbt, sie bekommt keinen Job. Und die Partnerschaft zu Jakob, die Partnerschaft, die sie einst als sicheren Hafen, als Bollwerk gegen die Anfeindungen des Lebens, gesehen hat, hat sich auch in Luft aufgelöst. Nun ist Hannah 30 Jahre und ist an diesem runden Geburtstag alleine in Berlin, ohne Anrufe, ohne Emails, ohne Freunde, ohne große Geburtstagsparty. In dem kleinen Einzimmer-Appartement der Freundin Miriam, die gerade für einen Fernsehsender in Moskau arbeitet, wohnt sie, das wenige Geld, das sie hat, muss sie sorgfältig verwalten. Und dabei haben ihre Eltern ihr vor ein paar Jahren noch gesagt, dass sie es dich gut habe. Dass sie doch zu einer Generation gehöre, die alle Freiheiten habe, „der alle Wege offenstünden. Man könne alles werden, alles sein, hieß es, alles sei möglich, das sei die totale Freiheit.“

Friederike Gösweiner fackelt nicht lange, erzählt gar nicht erst um den heißen Brei. Nach den ersten beiden Kapiteln liegen die beiden Konfliktfelder fein säuberlich ausgebreitet vor dem Leser. „Dann hat es wohl keinen Sinn mehr“ ist der erste Satz des Romans, der programmatisch die Situation Hannahs schildert, auch wenn Hannah an dieser Stelle zunächst einmal das Zusammenleben mit Jakob meint.

Da liegt Jakob lang ausgestreckt auf dem Bett, auf Hannahs Seite, so, als wäre sie schon weg, schaut an Hannah vorbei, zum Fenster hinaus und schweigt. Hannah schweigt auch, ihr sind die Argumente ausgegangen, um zu erklären, warum es ihr so wichtig ist, das Volontariat in Berlin anzutreten, auch wenn das bedeutet, dass sie mit Jakob für ein halbes Jahr oder auch ein Jahr eine Fernbeziehung führen muss. Zu oft schon haben sie in den letzten Wochen darüber diskutiert und gestritten, solange und ausführlich, bis sich zwei Positionen unversöhnlich ineinander verhakt haben. Jakob will keine Wochenend- und Fernbeziehung, er meint, dass Hannah dableiben soll, sie werde auch hier schon eine Stelle finden, wenn auch vielleicht nicht als Journalistin, sie solle weitersuchen, er werde schon die Miete zahlen. Aber Hannah will nun die Chance, die sie in dem Volontariat sieht, nutzen: Sie will beweisen, dass sie als Journalistin arbeiten kann, sie will ihr eigenes Geld verdienen, nicht von Jakob abhängig sein, sie will endlich etwas tun gegen das Gefühl, nichts wert zu sein, ein Gefühl, das immer mehr Besitz ergreift von ihr nach fünfzig Absagen, die sie schon bekommen hat.

Ist die Beziehung, die Jakob so hochhält, nicht auch immer wieder gefährdet? Ist nicht Jakob es gewesen, der vor ein paar Jahren Schluss gemacht hat, auch wenn die neue Liebe nur drei Monate gedauert hat? Ihr Gespräch gerät wieder in eine Sackgasse, beide sind sie kraftlos vom ewigen Streiten, beide ratlos, wie es weiter gehen soll. An diesem Abend zieht Hannah aus aus der gemeinsamen Wohnung, zieht zurück in ihr Kinderzimmer, räumt in den nächsten Tagen und Wochen ihre Sachen aus der Wohnung und tritt ihr Volontariat bei der Zeitung in Berlin an.

Und da ist, im zweiten Kapitel des Romans, auch gleich das zweite Konfliktfeld, eigentlich ein Kampfplatz mit der entsprechenden Rhetorik. Hannah ist im Wissensressort gelandet, nicht unbedingt ihr Spezialgebiet. Das Volontariat hat ganze acht Wochen gedauert, schon ist der letzte Tag gekommen und die Volontäre werden, ganz „wertschätzend“ natürlich, mit Brötchen, Sekt und Schokolade in den Konkurrenzkampf als Freie verabschiedet. Die Ansprache des Chefredakteurs ist deutlich:

„Sie hatten jetzt acht Wochen Zeit, sich unvergesslich zu machen, ich hoffe, Sie haben Ihre Chance genutzt. Der Markt ist hart, das wissen Sie, und die Krise allgegenwärtig. Für Sie heißt es jetzt also: kämpfen! Beweisen Sie uns, dass Sie hierher gehören, lassen sie sich was einfallen, seien Sie originell, zeigen Sie uns, was Sie hier alles gelernt haben. Und fangen Sie am besten jetzt sofort damit an. Denken Sie daran, die Konkurrenz schläft nicht, am Montag fangen acht Neue hier an, die wollen genau das Gleiche wie Sie. Also kämpfen Sie!“ (S. 20)

Die Freiheit, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, den Beruf ergreifen zu können, der einen Sinn zu haben scheint, der vielleicht auch Spaß macht, in einer Partnerschaft zu leben, so wie es den Partnern gefällt, Kinder zu haben oder nicht, Freunde zu haben, Hobbys zu pflegen: Das könnte alles so schön sein. Für Hannah aber geht von diesen Wünschen keiner in Erfüllung. Getrennt vom Freund, alleine in Berlin in der kargen Einzimmerwohnung ist sie isoliert, ja: unbehaust.

Ihre zahlreichen Bewerbungen laufen alle ins Leere, sie weiß nicht, ob es im Bewerbungsgespräch besser ist, die Zumutungen der versprochenen Bezahlung jenseits des Wertes ihrer Arbeit zu thematisieren oder lieber nicht durch Kritik aufzufallen. Soziale Kontakte hat sie alleine über die Medien, über SMS, die sie nach wie vor mit Jakob austauscht, via Skype, wenn sie mit Miriam in Moskau spricht. Die Menschen, die sie ganz real immer wieder trifft, den Verkäufer vom strassenfeger immer wieder in der U-Bahn, Martin Stein, den Journalisten aus Hamburg, der einmal in der Woche an der Berliner Universität eine Vorlesung hat und den sie bei ihrem „Studentenjob“ als Kellnerin in einem Café kennenlernt, sie alle bleiben ihr fremd. Nach einigen Monaten ist sie so isoliert, dass sie sich zu fürchten beginnt, als es eines Abends an der Tür ihre Appartements klopft.

Friederike Gösweiner erzählt eine auf den ersten Blick konventionell konzipierte Geschichte, bei der ihre Protagonistin von den Fährnissen des modernen Lebens immer weiter weggerissen wird von den schönen Freiheiten der Generation der 30-Jährigen. Hoffnung scheint es zwischendurch auch zu geben, dann, als sie die Arbeit als Kellnerin findet, als sie Stein kennenlernt, der ihr ja vielleicht den Einstieg als Journalistin erleichtern kann. Die ist aber nur ein retardierendes Moment, das sich als äußerst trügerisch erweist, denn gerade Stein beherrscht die neoliberal-darwinistische Rhetorik in Perfektion: “Dass es heute wesentlich schwieriger sei, sich einen Platz zu erkämpfen…“, „Aber es war ja immer so. Am wichtigsten ist es, präsent zu sein in der Szene, sich selbst im Spiel zu halten.“ … “Es sind die, die am besten angepasst sind an die Gegebenheiten. Wusste schon Darwin. Survival of the fittest.“ … “…das jeder sich seinen Platz erkämpfen müsse. „Ohne Rücksicht auf die anderen“, hatte Stein gesagt, „je härter die Zeiten, umso brutaler der Kampf.“ Und dann der Schlag tief in die Magengrube: „Aber mit dem nötigen Einsatz schafft man es auch heute.“

Gösweiner hat eine Protagonistin erschaffen, die dem Leser, darüber wurde schon an anderer Stelle geschrieben, näher kommt als es Isabell in Kristine Bilkaus „Die Glücklichen“ geschafft hat. Das mag an der sprachlich nüchternen, fast emotionslosen Gestaltung des Textes liegen, ganz passend zur Verfasstheit Hannahs, das mag an den vielen Leerstellen liegen, die die Autorin dem Leser für eigene Bilder und Überlegungen lässt, das mag auch liegen an den klug konzipierten Motiven, mit deren Hilfe Gösweiner die inneren Stimmungen Hannahs veranschaulicht. Das Fallen beispielsweise spielt eine große, immer wiederkehrende Rolle, die Kälte dieser Welt, in der jeder sein Platz erkämpfen muss, krabbelt Hannah immer wieder und immer mehr in die Glieder, die Stille rund um Hannah herum, der lauten Außenwelt zum Trotz, wird in verschiedenen Facetten gezeigt, die Atemnot, die Hannah immer wieder, immer öfter heimsucht: das alles verweist auf eine feine, zurückhaltende, aber doch sehr beeindruckende Art auf Hannahs Empfindungen.

Friederike Gösweiner hat einen ruhigen, sehr beeindruckenden Roman über die Situation einer Generation verfasst, der die Gegen-Geschichte erzählt zu Sabine Donauers Sachtext „Faktor Freude“. Gösweiner nämlich lotet aus, was es bedeutet, wenn der Zugang zur Arbeit, der gesellschaftlich akzeptierte Zugang zu Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsentwicklung, durch eine sinnvolle Arbeit fehlt. Und daran trägt, auch das eine gesellschaftliche Zuweisung, zunächst einmal jeder selbst Schuld. Dann aber erweist sich die große Freiheit lediglich als „traurige Freiheit“.

Friederike Gösweiner (2016): Traurige Freiheit, Wien, Literaturverlag Droschl

Friederike Gösweiners Roman steht mit auf der Liste der eingereichten Romane für den in diesem Jahr erstmalig ausgeschriebenen Bloggerpreis für Literatur, der von der den Bloggerinnen der Seite „Das Debüt“ ins Leben gerufen wurde.

13 Kommentare

  1. eigentlich mag ich solche Romane nicht besonders („solche“: allzu voraussehbar in Verfasstheit der Gestalten und Realitätsausschnitt), sie deprimieren mich. Aber du hast ein suspense-Moment eingebaut, so dass ich gern wüsste: wer oder was tritt mit dem Klopfen an die Tür in das Leben der Protagonistin? Wird die unglückliche zu einer glücklichen Freiheit? Oder zu einer glücklichen Gefangenschaft/Bindung?

    • Libe Gerda,
      die Hannah-Geschichte ist auch deprimierend. Aber, glaube und fürchte ich, für viele Menschen dieser Generation leider auch die Realität. Deshalb finde ich Romane zu diesem Thema so wichtig. Meiner Generation ist die Berufswahl und die Arbeitsplatzsuche ja auch schon nicht mehr so leicht gefallen. Ich erinnere mich im Gegenzug noch an die Biografie von Wiebke Bruhns, die schreibt, dass sie einfach mal als Journalistin arbeiten konnte, obwohl sie ihr Studium gar nicht abgeschlossen hat. Heute aber ist selbst ein abgeschlossenes akademisches Studium (die Tendenz geht tatsächlich zu Mehrfachabschlüssen) überhaupt kein Garant mehr für einen Job, schon gar keinen der Bildung entsprechenden und entsprechend entlohnten. Das ist schon besorgniserregend. Bilkaus und Gösweiners Romane thematisieren dies zwar für den journalistischen Bereich, die Probleme sind aber überall dort zu finden, wo es keine wirtschaftlichen, informationstechnischen oder naturwissenschaftlichen Kenntnisse gibt. — Ob deine Fragen nur rhetorischer Natur sind oder ich sie beantworten soll: das weiß ich gerade nicht?!?
      Viele Grüße nach Griechenland, Claudia

  2. Liebe Claudia, du hast es toll besprochen! Stimmt, „Die Glücklichen“ ist mir während der Lektüre auch eingefallen, aber es unterscheidet sich enorm, ist dichter dran und sprachlich schöner. Gerade dieses immer wiederkehrende Motiv des „Fallens“ ist stark. Danke fürs Verlinken!
    Viele Grüße!

    • Liebe Marina,
      ich bin ja auch auf Deinem Blog aufmerksam auf den Roman geworden – genau passend für mein Schwerpunktthema. Ich finde auch, dass die Geschichte selbst „dichter“ erzählt ist als Bilkaus Roman. Und das Thema des arbeitslosen Geisteswissenschaftlers ist ja tatsächlich in beiden Romanen enthalten. Gösweiner hat ja, das passt vielleicht auch zum „dichten Erzählen“, einige Motive eingebaut. Mir ist auch die Kälte deutlich aufgefallen. Beim Schreiben des Besprechung und bem nochmaligen Durchblättern habe ich schon auf der zweiten Seite den Hinweis auf den Kühlschrank, der in das Gespräch zwischen Hannah und Jakob hinein anspringt, gefunden. Da sind bestimmt noch mehr solcher schönen versteckten Verweise (also jede Menge Stoff für literaturwissenschaftliche Auseinandersetzungen :-)) zu finden. – Wie ist es Dir ergangen am Ende: gibt es einen Hoffnungsschimmer – oder überhaupt keinen?
      Viele Grüße, Claudia

      • Es gibt keinen. Aber ich bin auch ein pessimistischer Mensch;-)
        Ich finde deine Hinweise auf literaturwissenschaftliche Kriterien super, da gibt es bei mir nämlich oft ein Manko. Womöglich nehme ich die Figuren zu persönlich.
        Aber irgendwie schön, dass wir uns gegenseitig so befruchten … Viele Grüße!

      • [Bitte nicht weiterlesen, wer keinen Inhalt verraten haben möchte!]
        Liebe Marina,
        ich sehe es wie Du: es gibt keine Hoffnung. Alleine Miriams Ankunft – also die Freundschaft zwischen den beiden Frauen – könnte beiden Halt geben. Ein Thema des Romans sind ja auch die Beziheungen, die zwischen Mann und Frau nicht gut laufen, vielleicht klappt es mit den Freundschaften, die nicht ganz so viele Ansprüche mit sich tragen, besser. Auf der anderen Seite: Hannah und Miriam haben in den letzten Monaten ja eine elektronische Bzeiehung gehabt. Ob sich die in der Realtiät, der Enge der Wohnung und den finanziellen Sorgen aber so aufrecht erhalten lässt? – Auch im Ende des Romans lässt Gösweiner also alles offen und überlässt es wiederum dem Leser, die Geschichte fortzuspinnen. –
        Und der gemeinsame Ausstausch zwischen uns – auch „nur“ elektronisch – ersetzt zumindest ja ein bisschen das reale Gespräch, das ja leider wegen unserer räumlichen Verstreutheit nicht so oft zustande kommen kann.
        Viele Grüße, Claudia

  3. Liebe Claudia, Freundschaften geben tatsächlich enormen Halt, auch auf die Entfernung, wie ich finde, wenn da etwas wegbricht, ist es ganz schlimm. Aber Gösweiners Schluss ist ja auch so angelegt, dass es zum Äußersten kommen könnte. Das ist das Schöne, dass jeder Leser eine eigene Geschichte weiterschreibt nach Abschluss der Lektüre. Das fand ich auch bei Stamms: Weit über das Land so gelungen. Ich finde übrigens vollkommen ungerechtfertigt, dass das Buch im Schweizer Literaturclub(so was wie das literarische Quartett) so wenig erkannt wurde.
    Ist eigentlich von irgendeiner Seite wieder einmal so eine Bloggerrunde wie mit „Die Glücklichen“ geplant?
    Viele Grüße, Marina

    • Ist der Roman im Schweizer Literaturclub bespreochen worden? Ich google mal, ob ich einen Link finde, es würde mich ja schon interessieren, was die hohen Damen und Herren dazu gesagt haben. – Und nein, eine neue Bloggerunde ist nicht geplant. Viele der damaligen Teilnehmer haben über viel Arbeit „geklagt“. Und mir ist es zwischendurch auch recht anstrengend geworden, mehrere Kanäle zu bespielen. Aber wir könnten ja wieder einmal überlegen. Die Seite steht ja noch, zum Mitschreiben einladen kann ich auch. Wenn Du Ideen hast, dann schreib mal: dasgrauesofa@web.de.
      Viele Grüße, Claudia

  4. Zu deinem Thema passt vielleicht auch „Bodentiefe Fenster“ von Anke Stelling, fällt mir gerade so ein. Hast du es gelesen?

  5. Was für eine tolle Besprechung eines wie mir scheint, wirklich wichtigen Buches. Danke und liebe Grüße …

    • Vielen Dank, liebe Sabine. Gösweiner erzählt sehr „schön“ die Geschichte der Generation, für die sich eben eine gute Bildung und Einsatz nicht immer und fast automatisch zu einem sorgenfreien Berufsleben fügt, sondern nach der Bildung der Kampf erst richtig losgeht. Und das erzählt sie schon beeindruckend. Auch wenn, das hätte ich vielleicht auch noch in meine Besprechung packen können, die dramatische Verdichtung vielleicht ein bisschen arg ist. Da hätte es angesichts der desolaten Situation auch etwas weniger Drama sein können. Aber sonst: für mich besser als „die Glücklichen“.
      Viele grüße, Claudia

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