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Sabine Donauer: Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt

Vor einhundert Jahren machte Max Weber eine interessante Beobachtung bei den Arbeitern in der Produktion: Bei jeder Erhöhung des Stücklohns nämlich gingen sie einfach früher nach Hause. Das kann niemand verstehen, der sich heute mit der Arbeitswelt beschäftigt. Wie soll denn ein Arbeiter in seinem Leben vorankommen, wie eine bessere Wohnung finden, Konsumgüter jeder Art zur Erleichterung des Lebens und zur Unterhaltung erwerben, vielleicht sogar einen Urlaub machen, wenn er die Möglichkeit zu einem höheren Einkommen zu gelangen ausschlägt? Wie soll ein Unternehmen, wie soll eine Volkswirtschaft vorankommen, wie soll Wirtschaftswachstum erzielt werden, wenn die Arbeiter nicht einmal über den Faktor Lohn zu mehr Arbeit, zu mehr Output motiviert werden können? Mit solchen Arbeitern jedenfalls, die sich bewusst für Freizeit entscheiden statt für ein höheres Einkommen, ist kein Kapitalismus zu machen. So notierte dann auch Max Weber in seiner „Protestantischen Ethik“, dass es eines „Erziehungsprogrammes“ bedürfe, damit die Arbeiter „die rechte Gesinnung“ und ein „Verantwortlichkeitsgefühl“ entwickelten für eine Produktion in einem wachstumsorientierten Umfeld.

Wer heute einen Blick in die Stellenanzeigen wirft, der reibt sich auch die Augen. Nicht, weil den Bewerbern viel Freizeit versprochen wird, sondern weil die Arbeitswelt offensichtlich zu einem Bereich geworden ist, der es den Menschen in ganz besonderer Art und Weise ermöglicht, tagtäglich neue und bereichernde Erfahrungen zu machen, täglich neue Herausforderungen zu bewältigen – ja, die Arbeit scheint überhaupt der Bereich zu sein, der es ermöglicht, die Persönlichkeit zu entwickeln. Und so stellt sich beispielsweise die Arbeitswelt heute vor:

„Nur was uns fordert, lässt uns wachsen. Finden Sie bei uns die Aufgaben, für die Sie wirklich brennen. Meistern Sie Herausforderungen, die ökonomisch und gesellschaftlich von hoher Bedeutung sind. Tag für Tag um wertvolle Erfahrungen reicher, wird die Zeit bei uns Ihren Blick schärfen, Ihren Horizont erweitern und Ihre Persönlichkeit stärken.“ BSC

Was ist passiert in den letzten einhundert Jahren? Wie ist dieser Wandel vom notwendigen Übel des Arbeitens, vom Bewusstsein, dem Arbeitgeber nur eine begrenzte Zeit für produktive Tätigkeiten zur Verfügung zu stellen, zur heutigen Idee, alleine die Erwerbsarbeit forme einen Menschen, gewähre ihm Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, verlaufen? Wie konnte es dazu kommen, dass wir heute zur Arbeit Lust haben, gute Gefühle ziehen aus der Anerkennung, die uns in Feedback-Gesprächen zuteilwird, wenn wir unsere „individuellen“ Jahresziele erreicht haben, wenn die Präsentation des tollen neuen Marketingkonzeptes angekommen ist?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Sabine Donauer in ihrem Text, indem sie historische Dokumente auswertet und die vier Entwicklungslinien aufzeigt, die innerhalb des zwanzigsten Jahrhundert zu dieser enormen Umdeutung des Wertes der Arbeit führen. Sie identifiziert dabei gleichsam vier Epochen, in denen Arbeiter und Angestellte durch unterschiedliche Maßnahmen den Unternehmen gegenüber eine freundlichere Haltung einnehmen sollten, eine Identifikation mit dem, was sie tun, lernen sollten, mehr Verantwortung für ihre Tätigkeiten zu übernehmen, ganz so, wie Max Weber es schon formuliert hat.

Eine erste Epoche der Veränderungen im Umgang der Unternehmen mit ihren Arbeitern sieht Donauer nach dem ersten Weltkrieg und in den Zeiten der Weimarer Republik. Der Arbeiterbewegung gelang es, soziale Forderungen umzusetzen wie den Achtstundentag, und Urlaubsansprüche. Die Betriebsräte in den Unternehmen konnten die Verantwortung für Sozialprogramme an sich nehmen, sodass Verteilungsgerechtigkeit besser organisiert werden konnte. Da nun auch die Produktionsprozesse aufwendiger organisiert waren, die Arbeiter diese aber häufig boykottierten, erkannten die Unternehmensleitungen, dass es wohl sinnvoll sei, „gefühliger“ zu werden, die Mitarbeiter freundlicher zu behandeln und sich die Sorge um die Mitarbeiter zu eigen zu machen.

In einem nächsten Schritt gelang es von 1925 bis 1940 die Idee der Werksgemeinschaften umzusetzen. Dazu gehörte eine Einführung der Berufsausbildung, in der die Lehrlinge nicht nur die Grundlagen ihrer beruflichen Tätigkeiten lernen sollten, ressourcenschonend selbstverständlich, sondern auch einen ganz besonderen Stolz entwickeln durften auf ihren Beruf. Die Unternehmen versuchten ihre Mitarbeiter mit Werkskantinen, Waschräumen, Sport- und Wohnanlagen, Parkanlagen, Erholungsheimen und Werkzeitschriften an sich zu binden. Der Umgangston mit den Mitarbeitern sollte wertschätzender werden – das mag man kaum glauben, wenn man an den rüden Ton denkt, der auch in den Nachkriegsfilmen zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiter üblich war.

Schon während des Krieges begannen Psychologen daran mitzuwirken, in den Unternehmen die Arbeitsleistung zu erhöhen. In der Folge dieser sich neu entwickelnden Disziplin war man der Meinung, dass der Mitarbeiter nicht leistungsfähig sein kann, wenn er ungelöste persönliche Probleme mit zur Arbeit bringt. So wird ein Kommunist, der immer wieder den Produktionsprozess stört nicht mehr als Klassenkämpfer gesehen, sondern seine Auflehnung wird zu einer psychischen Deformation umgedeutet. Diese Idee von der Bedeutung der Psychologie kam in der Nachkriegszeit zu voller Blüte, als – auch unter dem Einfluss amerikanischer Personalmanagementtheorien – bis 1957 ungefähr 20000 Mitarbeiter vom Vorarbeiter aufwärts in therapeutischer Gesprächsführung, in der „Kunst des Heraushörens“, geschult wurden. Aber nicht nur das: in dieser Epoche bis zu den 1960er Jahren kam auch die Rede davon auf, wie wichtig ein Arbeitsplatz für die persönliche Entwicklung sei, ja, „dass die Tätigkeit auch den Charakter bilde“. Und so war aus dem Arbeitsplatz, der einmal die negativen Gefühle auslöste, der Ort der „therapeutischen Heilung geworden“.

Seit den 1960er Jahren hat die Motivationstheorie Frederick Herzbergs weitere große Veränderungen am Arbeitsplatz angeschoben. Hygienefaktoren, das sind eine materielle Absicherung, die Beziehung zu Vorgesetzten, das Gehalt und die Arbeitsbedingungen, machten die Menschen unzufrieden, wenn die fehlten. Sie dienten aber nicht dazu, die Mitarbeiter zu exzellenten Leistungen anzuregen. So meinte Herzberg und stellte seine Motivationsfaktoren vor:  das Erreichen von Zielen, die Übernahme von Verantwortung, berufliches Vorankommen und Persönlichkeitswachstum. Dies alles ließ sich mit Job Enrichment, also den komplexeren, verantwortungsvolleren Tätigkeiten, gut umsetzen – und sparte den Unternehmen nicht nur eine Menge Geld, sondern verschaffte ihnen auch mit Blick auf die zunehmenden Konkurrenzsituationen durch den internationalen Handel eine große Flexibilität und Schnelligkeit in der Produktion. Und so stand sie also, die „neue Gleichung von den Arbeitsgefühlen – Herausforderung = Glück = Leistungsstärke.“ Und der Arbeitnehmer selbst wird mehr und mehr dafür verantwortlich, nach dieser Formel auch sein Glück zu finden.

Diese Entwicklungen haben, so Donauer vier Konsequenzen:

Erstens eine Dematerialisierung, da der Geldwert einer Tätigkeit, gemessen an der Lohnentwicklung, geringer geschätzt werde, als sie tatsächlich sei, schließlich habe der Arbeitnehmer ja auch die Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu entwickeln.

Zweitens eine Dynamisierung, denn die Vermittlung positiver (Arbeits-)Gefühle ziele auf eine Erhöhung der Leistung, ein Muss in einer wettbewerbsorientierten und auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaft.

Drittens eine Desomatisierung, denn das körperliche Wohlbefinden trete immer mehr in den Hintergrund; physische Belastungsgrenzen seien durch Begeisterung, Leidenschaft und Spaß im Job quasi wegdefiniert.

Und viertens werde die Arbeit durch persönliche Leistungsvereinbarungen und andere Maßnahmen immer mehr individualisiert, sodass auf der einen Seite kein Klassenbewusstsein mehr vorhanden sei, zum anderen aber auch der Arbeitgeber immer weniger dafür verantwortlich gemacht werden könne, wenn die Mitarbeiter eben nicht voller Begeisterung zur Arbeit kommen.

In einem mittleren Teil geht Donauer in den oben beschriebenen vier Epochen noch einmal ganz besonders der Entwicklung zu den Gefühlen bei der Arbeit nach. Das wirkt in großen Teilen redundant, liest sich, als seien hier zwei Aufsätze oder Vorträge zusammengefasst worden. Interessant wird dann wieder der dritte Teil des Buches, in dem sie den vier Konsequenzen in unserem heutigen Arbeitsleben nachgeht, anhand von Statistiken untersucht, wie die Löhne in den letzten Jahren gesunken seien, wie viele Akademiker, gerade in sozialen Bereichen, mit prekären Jobs abgespeist werden und unglaubliche Arbeitszeiten leisten müssen. Sie zeigt auf, wie die Zahlen der Herzinfarkte und Schlaganfälle auch unter jüngeren Menschen steigt, verweist auf die Erhöhung der psychischen Krankheiten und der Resilienz-Konzepte, mit denen die Unternehmen ihre Mitarbeiter stärker wollen. Und sie verweist auf die Schwierigkeit, Arbeit und Elternschaft unter einen Hut zu bringen, denn kein Unternehmen, und auch kein Kollege, haben Verständnis, wenn Mama oder Papa wegen der kranken Kleinen schon wieder von der Arbeit fernbeleiben.

Auch wenn die Untersuchung einseitig wirkt, denn Donauer hat sich vor allem mit den Quellen von der Arbeitergeberseite und ihr nahestehenden Organisationen und Forschungseinrichtungen beschäftigt, auch wenn sie an keiner Stelle die Wirkung auf die Arbeitnehmer beschreibt, die die eine und die andere Veränderung sicherlich auch mit großer Zufriedenheit angenommen haben, auch wenn Donauer kaum die Veränderungen in gesellschaftliche Kontexte einordnet, also beispielsweise in die Demokratisierung, so ist ihr Verdienst bei dieser Untersuchung, eben gerade den Fokus auf die Arbeitsgefühle gelegt zu haben und zu zeigen, wie diese im Laufe der einhundert Jahre – ganz mit Bedacht – verändert worden sind.

Und bei ihrer Reise durch die Manipulation der Arbeitsgefühle wird auch klar, dass einige der Ideen, die im Laufe der Zeit in der Arbeitswelt umgesetzt wurden, eben auf sehr dünnem wissenschaftlichen Eis gestanden haben, dass sie kaum eine valide Grundlage hatten, aber dennoch mit ganz viel Lärm und Getöse umgesetzt worden sind. Das macht nun nachdenklich, wann immer eine Reform ausgerufen wird mit dem Versprechen, es werde nun alles besser…

Sabine Donauer (2015): Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt, Hamburg, edition Körber-Stiftung

19 Kommentare

    • Vielen Dank, liebe Anna. Ich musste wieder einmal etwas Sachliches lesen. Dann lesen sich die nächsten Lektüren auch wieder in einem ganz anderen Licht: Friederike Gösweiners „Traurige Freiheit“ und Michael Schneiders „Ein zweites Leben“. Immer dann nämlich, wenn es mit der Arbeit als Glücksversprechen und Persönlichkeitsentwickler nicht so klappt, weil sie entweder gar nicht angeboten wird (Gösweiner, bei Hahns spanischen jungen Erwachsenen auch) oder – auch aus privaten Gründen – so überfordernd wird, dass nichts mehr geht (Schneider).
      Viele Grüße von einem Korrekturberg zum anderen :-), Claudia

  1. Liebe Claudia,
    das Buch werde ich einem Kollegen empfehlen. Mich hat Deine Besprechung gepackt – weil ich durch die Thematik „Arbeit als Glücksversprechen“ auch beruflich mit einem besonderen Aspekt konfrontiert bin. Die Behörde, für die ich als Pressesprecherin arbeite, ist auch zuständig für die Hilfen für Menschen mit Behinderung – und hier steht die Thematik, mehr Arbeitsverhältnisse auf dem 1. Arbeitsmarkt zu schaffen, ganz weit oben, aber vor allem überhaupt Arbeit zu bieten.
    Insbesondere bei psychisch Kranken wird das dann immer verknüpft mit der Aussage: Arbeit bringt Sozialkontakte, schafft Selbstbewußtsein, stärkt die Psyche etc…
    Neulich nun hatte ich mit einem knapp 30jährigen Mann zu tun, schizoid, der nach einer langen Krankheitsphase endlich über ein Projekt eine Zuverdienststelle erhalten hatte. Nach einigen Monaten wurde die Krankheit jedoch wieder akut – und er fiel wegen mehrmonatigen Krankenhausaufenthaltes aus der Stelle raus. Jetzt saß er mir gegenüber und wiederholte wie ein Mantra: „Ich will wieder arbeiten, ich kann das.“ Auch unterstützt durch den Ehrenamtlichen, der ebenfalls das Lob und die heilsame Wirkung von Arbeit predigte. Ich saß da und mir ging durch den Kopf, wie es denn wäre, wenn man dem jungen Mann sagen würde, „Arbeit ist nicht das ganze Glück“. Hat man ihm nicht eine falsche Vorstellung, ein falsches Heilsversprechen implementiert? Was ist, wenn er erneut eine Stelle findet und wieder krank wird? Wird das seinen Zustand nicht verschlechtern? Aber es ist eben in allen unseren Köpfen so drin: Man ist nur was wert, wenn man eine Arbeitsstelle hat. Gerade jedoch, was so kranke Menschen anbelangt, sollte man umdenken – für sie speziell, aber für die Gesellschaft allgemein, wäre eine Umwertung des Arbeitsbegriffes sicher nicht schlecht (auch wenn das illusorisch ist):
    Sorry für den langen Kommentar…

    • Liebe Birgit,
      vielen Dank für Deinen langen Kommentar, der mich sehr beeindruckt hat. Er macht je gerade deutlich, was passiert, wenn Menschen die hohe Arbeitsschlagzahl nicht leisten können, ihnen aber ständig eingetrichtert wird, wie wichtig – wie heilsam geradezu – die Arbeit doch sei. Und diese Aspekte hat Sabine Donauer ja gar nicht betrachtet. Auch nicht, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft trotz einer guten Ausbildung (Studium) keine Arbeit zu finden oder sich nur mit befristeten Stellen herumschlagen zu müssen. Gerade also an den Randbereichen dieses merkwürdigen Arbeitsethos werden die Probleme so sichtbar, die es mit sich trägt, weil die Menschen, die keinen Zugang finden zum Arbeitsmarkt sich dann auch nichts wert fühlen, weil man eben nur „was wert ist, wenn man eine Arbeitsstelle hat“.
      Viele nachdenkliche Grüße, Claudia

    • Oh Birgit, das ist hart. In unserer Arbeitsgesellschaft, die wir sind, identifzieren wir uns über die Tätigkeit, nicht über unser Sein als Mensch. Ich habe nach meinem Studium eine zeitlang Interviews für ein soziologisches Institut transkribiert, die sich mit Vertrauensarbeitszeit beschäftigt haben. Mir ist im Gedächtnis geblieben, dass nur ausländische (englische und holländische) Vorgesetzte, die in Deutschland leben und arbeiten tatsächlich darauf geachtet haben, dass ihre Mitarbeiter nicht zu viel arbeiten, weil sie den Wert der Freizeit höher einschätzten als reinen Präsentismus. Anwesend zu sein heißt ja auch nicht, tatsächlich etwas zu schaffen. Ich glaube aber wirklich, dass gerade ein Umdenken stattfindet!! LG, Bri

  2. Gerade am Wochenende hatte ich mit meiner Freundin, die Arbeits- und Organisationspsychologin ist, darüber gesprochen, dass aber auch noch ewtas anderes mit reinspielt: Unsere Eltern sind diejenigen, die nach dem zweiten Weltkrieg wieder mit aufgebaut haben. Sie lehrten uns, dass Fleiß sich lohnt – natürlich durch das, was Du so wunderbar in deiner Besprechung gezeigt hast „geschult“. Doch heute ist das nicht mehr so. Wir denken zwar immer, wenn wir mehr leisten, bekommen wir auch mehr zurück, aber heutzutage gehen wir so sehr über unsere Grenzen hinaus, dass wir überfordert sind und erhalten keine Gegenleistung mehr dafür. Im Moment erlebe ich sehr häufig, dass sich die Menschen wieder mehr auf sich besinnen, lieber mehr Zeit haben für die Dinge, die sie gerne tun, die ihnen gut tun. Aber unser Lebensstandard ist eben auch ein anderer. Die meisten können es sich leisten, etwas zurückzuschrauben. Danke für die Besprechung – das Buch merke ich mir! Und sicher gibt es noch viele weitere Aspekte, die in diesem Kontext wichtig sind – eben ein weites Feld! LG, Bri

    • Liebe Brigitte,
      und unsere Eltern sind dann auch diejenigen, die in diese psychische Umdeutung der Arbeit, die Sabine Donauer beschreibt, ihr ganzes Arbeitsleben gelebt haben und das sicherlich an uns weitergeben haben. In einem anderen Zusammenhang habe ich gerade gelesen, dass nun aber eine Generation heranwächst, die sich eben icht mehr sicher sein kann, dass ihr Engagement, ihre Leistung(sbereitschaft) sich auszahlen wird, denn auch die gute bezahlten Jobs haben nicht die Einkommenszuwächse, die sie haben sollten. Und wie viele gut ausgebildete Menschen finden erst gar keine Arbeit. Und das erzeugt eben auch Angst. Und dann gibt es natürlich noch viele Anpassungsoptionen. Ja, das ist ein weites Feld – ich fand bei Donauer so interessant, wie die Arbeitsgefühle sich einfach in den letzten 100 Jahren so komplett verändert haben. Und damit lese ich dann auch die nächsten Romans wieder mit ganz anderen Augen.
      Viele Grüße, Claudia

      • Ja, genau. Auch wir können uns nicht sicher sein. Aber was den jungen Menschen zum Teil noch dazu im Weg steht, sind die vielen Möglichkeiten, die Angst davor, ein Leben lang etwas tun zu müssen, was man eigentlich nicht tun will … so ein bißchen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geht damit flöten. Und das ist fatal. Ich habe schon viel in meinem Leben gemacht. Und viele Wendungen hingelegt, geschadet hat es nicht, glaube ich zumindest. Aber Arbeit ist nicht das ganze Leben. Und man muss von seiner Arbeit auch gut leben können, da geht die Schere gerade weiter gewaltig auf. Ja, so ein Sachbuch rückt manches in ein anderes Licht. Sehe ich genauso. LG, Bri

      • Und das nächste Buch zum Thema liegt schon auf dem Stapel: Svenja Flaßpöhler: „Wir Genussarbeiter“. Ich bin schon gespannt, was sie schreibt.
        Viele Grüße, Claudia

      • Und ich bin auf deine Besprechung gespannt. Ein wichtiges Thema Claudia …

  3. Sehr interessant. Schade finde ich, dass das Gefühlsleben derjenigen, die des „Faktors Freude“ nicht teilhaftig werden, weil sie gar nicht erst Zugang zum Arbeitsmarkt finden oder unfreiwillig wieder herausfallen, offenbar nicht einbezogen wurde.

    • Liebe Maren,
      das stimmt, die Randbereiche werden nicht gezeigt. Hier muss ich aber Sabine Donauer insofern in Schutz nehmen, als dass sie sich ja auf der Spur gemacht hat, die grundsätzliche Umdeutung der Arbeitsgefühle in den letzten 100 Jahren zu untersuchen. Und zwar von der ja auch von Max Weber diagnostizierten Arbeitsunlust aus bzw. sogar von Arbeitsboykotten aus, die die Arbeiter, sich ihrer Klasse sehr bewusst, vorgenommen haben, wenn ihnen etwas nicht passte. Und wie es dann dazu kam, dass wir heute unsere persönliche Entwicklung nur noch in der Arbeit sehen, das hat Donauer eben sehr genau herausgearbeitet. Und das macht aber dann eben auf der Interpretationsebene deutlich, was passiert, wenn jemand den Zugang zum Arbeitsmarkt nicht bekommt oder ihn nicht bekommen kann, weil er in irgendeiner Form eingeschränkt ist – so, wie Birgit es inj ihrem Kommentar beschrieben hat.
      Viele Grüße, Claudia

  4. Eine sehr interessante Besprechung. Das Buch werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Ein spannendes Thema. Die Balance zu finden, zwischen positiver Selbstverwirklichung inner- und außerhalb der Arbeit und Überforderung kann schmal sein. Ich träume nach wie vor, von einem bedingungslosen Grundeinkommen, dass die Arbeit stärker von Zwängen befreit.
    Ich arbeite gerne viel, wenn es mir Spaß macht und ich den Sinn in dem sehe was ich tue und ich arbeite so gar nicht gerne, schon gar nicht gut, wenn das fehlt.

    • Liebe Sabine,
      wenn Du über den feinen Grat sprichst, der da zwischen der positiven Wirkung und der Überforderung ist, dann ist das der Punkt, der mir ein wenig fehlt bei Sabine Donauers Überlegungen (es ist aber auch nicht genau das Thema, dem sie sich angenommen hat). Denn wenn es gut läuft und wir eine Arbeit gefunden haben, die uns Spaß macht, dann kann Job Enrichment ja durchaus genau die Aufwertung bedeuten, die die Möglichkeit verschafft, selbstbestimmt und verantwortlich arbeiten zu können. Aber genaus das kann auch der Zwang, die Überforderung sein. Vielleicht auch „nur“ die Ausbeutung, weil die Arbeit nicht ihrer Wertschöpfung nach entlohnt wird, sie macht ja Spaß, scheint ja „Sinn zu machen“, ist befriedigend. Das ist ja gerade für viele im kulturellen Bereich arbeitenden Akademiker so, die sich von einem prekären Job zum nächsten retten (müssen). So ein bedingungsloses Grundeinkommen hört sich da erst einmal sehr gut an, es würde ja die Selbstbestimmung auf jeden Fall unterstützen (und wird wohl aus dem Grund schon an den Lobbyisten der Arbeitgeberseite scheitern). Aber so richtig zu Ende gedacht habe ich das Thema noch nicht. .- Ja, Donauer hat da ein spannendes Them aufgegriffen, das mich auch noch weiter interessieren und beschäftigen wird.
      Viele Grüße, Claudia

  5. Liebe Claudia, dieser Kommentar verdankt sich gleich mehreren Zufällen: „eigentlich“ wollte ich hier auf deinem Blog einen anderen Hinweis unterbringen (mache ich gleich noch ;), dann sah ich diesen Titel, der mich interessierte, weil ich zuletzt mit dem Thema „Arbeit“ beschäftigt war und nachdem ich die diversen anregenden Kommentare gelesen hatte, fiel mir ein, dass ich heute morgen bereits einen sehr interessanten Beitrag zu diesem Thema gelesen hatte – und zwar hier: https://arbeitmorgen.wordpress.com/2016/06/17/resonanz-teil-2/ Würde mich wundern, wenn dich das nicht interessiert 😉

    • Liebe Jutta,
      vielen, vielen Dank für den Link. Da werde ich mich einmal mit Ruhe und Muße nicht nur umschauen, sondern auch lesen. Und was für ein – weiterer – Zufall: Hartmut Rosa liegt schon auf dem grauen Sofa, zwar nicht das sehr dicke Werk zur „Resonanz“, auf das Du ja verlinkst hast, sondern zum Eingewöhnen erst einmal schmalere Bände zu „Beschleunigung und Entfremdung“ und zur „Resonanzpädagogik“. Du hast also so etwas von voll ins Schwarze getroffen mit Deinem tollen Hinweis!
      Zur Donauer-Lektüre kann ich nur raten. Die verleidet einem zwar jedes Reden und Denken von Arbeit als einer Tätigkeit, die auch die Persönlichkeit verändern und stärken kann (zumindest gilt dies mit Blick auf „abhängige Beschäftigungen“), entlarvt dadurch aber das permanente Reden der Arbeitgeber sehr schön. In dem Bewusstsein, dass es für Unternehmen durchaus wichtig ist, den Mitarbeitern den Eindruck zu vermitteln, dass Arbeit für sie selbst inneres Wachstum bedeutet, kann jeder selbst viel besser abwägen, wie weit er sich auf dieses Spielchen einlässt. Und darüber hinaus erklärt Donauer auch ein Stück Arbeitsgeschichte.
      Liebe Grüße nach Bremen, Claudia

      • Liebe Claudia, der Dank ist mal wieder ganz auf meiner Seite! Denn ich der „dicke“ Resonanz-Rosa hat bei mir im Moment keine Chance, aber die Resonanzpädagogik werde ich mir auf jeden Fall mal ansehen (auch wenn ich mich gerade tatsächlich auch für das Arbeits-Thema interessieren, wegen einer sehr spannenden Ausschreibung zum Thema – interessiert mich ja „eigentlich“ an der Resonanz das alte, auch von uns ja schon diskutierte Thema: Was passiert zwischen Text und LeserIn und warum. Ich behelfe mir ja nicht nur mit dem Bild von den „Kügelchen“, sondern eben auch mit der Rede von der „Resonanz“. Und da wäre es natürlich ganz schön, etwas klarer zu sehen, was das eigentlich ist – Resonanz? Sehr herzliche Grüße!

      • Da bin ich ja gespannt, ob Du mit Deinem Wissensdrang bei Buch über die „Resonanzpädagogik“ fündig wirst. Aber genau Deine Frage zum Thema lässt gerade meine Neugier auf das Buch auch deutlich wachsen. Dann also (beide) ran an die Lektüre!
        Viele Grüße, Claudia

      • …bei mir hat es heute immerhin schon mal zu der Lektüre eines langen Streitgesprächs zwischen Rosa und Martin Dornes in der FAS geführt, das man sich auch anhören kann unter faz.net/rosa-dornes … Ach ja, die Streitfrage sollte ich vielleicht auch noch erwähnen: „Macht der Kapitalismus uns krank?“ Wünsche dir einen schönen Sonntag und grüße herzlich!

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