Lesen, Romane, Wirtschaft
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Anna Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter

Man nehme: das bedrückende und traurige Leben einer jungen spanischen Akademikerin, die wegen der Euro- und Wirtschaftskrise keine Arbeit findet und bei ihren Eltern wieder in ihr altes Kinderzimmer einziehen muss; schaurige und fantastische Motive, die aus der Romantik entlehnt sind, einer Epoche, die gegen die Rationalität von Aufklärung und Industrialisierung erzählen wollte; einen Schriftsteller, der sich dem Literaturbetrieb und der Öffentlichkeit konsequent entzieht und dadurch erst einen richtigen Hype um seine Person auslöst; und eine gut Prise Nazi-Vergangenheit.

Ana María, auch Anita genannt, ist die Protagonistin und Ich-Erzählerin, eine temperamentvolle Spanierin, die ihren Gefühlen meistens freien Lauf lässt. Und was sie empfindet und denkt an diesem denkwürdigen Samstagmorgen, das klingt wie der viel versprechende Anfang eines rasanten Romans zur Wirtschaftskrise.

Eigentlich wollten die Eltern zusammen mit Ana María über das Wochenende in das Ferienhaus in den Bergen der Sierra Guadarrama fahren. Dann aber machen die Eltern noch einen Spaziergang im Jardin Botánico und als sie nach Hause kommen, fühlen sie sich kränklich und legen sich hin. Ana María ist langweilig, sie fragt ihre Freundinnen und Freunde, was sie vorhaben. Die haben aber Madrid schon verlassen. Sie haben den Auftrag eines reichen Madrilenen angenommen und renovieren sein Wochenendhaus, Essen und vor allem auch die Getränke werden gestellt. So bleibt Anita alleine in Madrid zurück. Um sich die Zeit zu vertreiben, macht sie sich auf zu einem Spaziergang, kommt dabei immer wieder an der Zoohandlung vorbei, in der seit ein paar Tagen Welpen zum Verkauf angeboten werden. Aber statt eines Welpen geht sie mit der Schildkröte Achilles nach Hause. Ein junger Mann, Pablo, hat sie ihr geschenkt, denn er kann sie nicht mit nehmen nach Deutschland, wo er endlich einen Job als Ingenieur bei Mercedes bekommen hat, Deutschkurs inklusive.

Pablo hat Glück mit seinem Job, Anita und ihre Freundinnen und Freunde haben, trotz ihrer guten akademischen Abschlüsse, keine Chance auf einen Job. Ángel, Anitas Bruder, versucht auch sein Glück in Deutschland, bekommt für seine Gastdozentur an der Berliner Humboldt-Universität aber kein Geld, dafür aber das wunderbare Versprechen  auf „unbezahlbaren Lehrerfahrungen“. Er verdingt sich auf dem Bau, um seine Eltern so wenigstens ein bisschen unterstützen zu können. Die Freunde sind alle wieder zurück zu den Eltern gezogen und man mag sich gar nicht vorstellen, zu welchen Konflikten es kommen kann, wenn nun des Abends die erwachsenen Kinder auf dem Sofa sitzen, wenn sie sich bei ihren Eltern wieder abmelden müssen, wie früher, und rechtzeitig Bescheid geben, wenn sie die Nacht woanders verbringen: Junge Erwachsene, die, statt sich weiter entwickeln zu können, wieder zum Kind werden. Dass aber die Rente der Eltern auch nicht wirklich reicht, um noch einen Esser den Monat über satt zu bekommen, dass die Bank ihre Zinsen für die noch belastete Wohnung erhöht, so dass der Vater, selbst wenn er früher Literaturkritiker einer angesehenen Zeitung gewesen ist, sich am Monatsende aufmachen muss, um bei der Cáritas Lebensmittel abzuholen, das ist eine sehr bedrückende Realität.

Die Freundinnen und Freunde der Clique, vom einem genervten Kellner „La Plaga“ genannt, was nun zum klangvollen Titel geworden ist, vertreiben sich die Zeit mit Demonstrationen gegen die stetigen Kürzungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Da sie notorisch pleite sind, kaufen sie Limonade und billigen Fusel, mischen alles zusammen und verbringen ihre Abende mit dem Gebräu in den lauschigen Ecken der öffentlichen Parks. Und dort haben sie sich einen ganz besonderen Zeitvertreib ausgedacht: wie sich im Decamerone die Pest-Flüchtlinge mit Geschichten unterhalten, so wollen sich auch die Freunde Geschichten erzählen. Die, so die Regeln dieses „Clubs der Schwätzer“, sollen aktuell sein und sie sollen tatsächlich auch erlebt sein. Und so erzählt Juan Carlos seine Geschichte vom Supermarkt, in dem er drei Jugendliche dabei beobachtet, wie sie Kühlprodukte unter ihren Beanies hinausschmuggeln wollen, wegen der Kälte am Kopf aber schon an der Kasse kollabieren: Die Wirtschaftskrise also spiegelt sich auch in den „wahren Geschichten“ La Plagas. Soweit also der gelungene Romaneinstieg.

Zurück aber zu Anitas Samstagvormittag: Als sie mit der Schildkröte Achilles nach Hause kommt und nach den Eltern schaut, sieht sie mit großen Erschrecken, dass sie tot sind. Sie hat nun eine denkbar merkwürdige Art, mit diesem Tod umzugehen: Sie zieht den Eltern die besten Kleider an, die sie besaßen, und setzt sie auf die Stühle, die am Fenster stehen. Als es dann an der Tür schellt, zieht sie sich schnell das Hauskleid ihrer Mutter über und öffnet der Nachbarin. Und nun passiert die zweite Merkwürdigkeit: die Nachbarin spricht sie als ihre Mutter Blanca an. Dann ruft die Freundin der Mutter an, Paloma, und erinnert die vermeintliche Blanca an das Treffen am Montag. Und auf dem Handy der Mutter kommt eine SMS von einem ominösen R, die ganz eindeutig eine Liebes-Nachricht ist. Und zu alledem ärgert Ana María sich über den Tod der Eltern, denn die lassen sie nun mit dem ganzen Schlamassel des fehlenden Geldes und der unbezahlten Kredite alleine sitzen:

„Auf dem Weg in die Küche trat sie mit voller Wucht vor die Schlafzimmertür. „Das ist alles eure Schuld! Ihr ward schon damals viel zu alt für Kinder! Total egoistisch seid ihr, alle beide! Und jetzt auch noch die Scheiß-Rezension! Mich kotzt das alles an.“

Ana María schlüpft also, halb freiwillig, halb gezwungen in die Schuhe der Eltern, geht hundert Schritte (nach einem indianischen Sprichwort) damit und lernt die ungewöhnlichen Seiten des Lebens der Eltern kennen. Während die Eltern auf ihren Stühlen am Fenster immer weiter schrumpfen – bald sind sie in ihren Kleidern nicht mehr zu sehen -, lernt Ana María in Blancas Kleid, dass die Mutter sich mit ihrer Freundin immer wieder für Fotoshootings und Kunstinstallationen, mal angezogen, mal nackt, zeigt und so etwas für die Familienkasse hinzuverdient. Die vom Chef des Vaters geforderte Rezension findet sie auch auf dessen Rechner – das sichert die ersten Einnahmen für die nächste Rate der Wohnung.

Doppelgängermotive, auf die Größe von Puppen schrumpfende Eltern – das sind fantastisch-schaurige Motive der Romantik. Der hierdurch zu erkennende Emanzipationsprozess von den Eltern, der durch das Wieder- Einziehen in die elterliche Wohnung ja deutlich verlangsamt oder gar rückgängig gemacht worden ist, ist durchaus spannend erzählt.

Aber nun kommt es: die Rezension des Vaters bespricht das Buch des berühmten deutschen Schriftstellers Gerd de Ruits, der wahrscheinlich in Spanien, vielleicht gar in Madrid, lebt und die Öffentlichkeit so sehr meidet, dass es seine Fans nur noch verrückter macht. Der Schriftsteller, mittlerweile in den 80ern, ist außerdem der geheimnisvolle R, mit dem die Mutter seit Jahr und Tag ein Verhältnis hat. Mit dessen Übersetzerin vom Deutschen ins Spanische, Carmen, aber war der Vater vor zwanzig Jahren mehr als bekannt.

Das alles erschließt Ana María aus den zahlreichen Unterlagen, die sie bei den Eltern findet, und durch einen Brief, den die Übersetzerin Carmen plötzlich schreibt. Und gewinnt so ein Bild des unbekannten Schriftstellers, das zwischen Furcht und fanatischer Bewunderung changiert. Für den Leser ist der Schriftsteller ein ziemliches Ekel, aber die Frauen, Blanca und Carmen zum Beispiel, liegen ihm geradezu zu Füßen, egal, wie er mit ihnen umspringt. Das Motiv des berühmten, aber unbekannten Schriftsteller hat gerade Konjunktur, Bolano nutzte es in seinem Roman „2666“, auch in Abrams „Das Schiff des Theseus“ spielt es eine große Rolle. Und dann erschließt sich ja auch noch die eigene Biografie des Schriftstellers, indem sich die Nazi-Vergangenheit der Eltern – der Vater ist Chemiker und an den Vergasungen der Juden in LKW beteiligt -, die auch im Umgang mit ihm als neugeborenem Baby nicht zimperlich gewesen sind, entfaltet.

Gelingt Anna Katharina Hahns Rezept? Jein. Wer Spaß hat, die vielen literarischen Anspielungen aufzudröseln, die Hahn hier überall versteckt hat, wer sozusagen das Rennen des Achilles gegen die Schildkröte de Ruit beobachten möchte, wer Spaß hat an einem auf Spannung setzenden Roman, der ist hier richtig. Aber bei aller Kunstfertigkeit der vielen intra- und extratextuellen Verweise gilt es doch auch festzuhalten, dass der zweite Teil des Romans, die Geschichte um de Ruit, seine mephistophelischen Auftritte zusammen mit seinem gerne auch bissfreudigen Hund Stromian (siehe Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert) und dann auch noch das das Gedankenguts der Nazis, Zutaten sind, die den viel versprechenden ersten Teil des Romans so überlagern, dass daraus keine homogene Masse, kein homogener Roman wird.

Vielleicht aber hat Ana María hier aber auch ein fantastisch schönes Schauermärchen erdacht, um beim „Club der Schwätzer“ nun auch endlich mit einer wahren Geschichte aufwarten zu können. Das freudvolle Gruseln des Nachts im Park, man kann es sich gut vorstellen.

Anna Katharina Hahn (2016): Das Kleid meiner Mutter, Berlin, Suhrkamp Verlag

5 Kommentare

  1. Liebe Claudia, mir hat der Roman sehr gefallen. Ich mag solche Geschichten, für mich hätte er allerdings noch länger sein können, um so manches deutlicher zu beleuchten …

    • Liebe Marina,
      vielleicht bin ich mehr am Realistischen interessiert, vielleicht habe ich einfach zu oft schon über den öffentlichkeitsscheuen Schriftsteller und seine Übersetzungsmuse gelesen, vielleicht hätte ich lieber eine Leiche aus dem Keller eines IWF- oder Weltbankmanagers, eines EZB-Managers oder eines anderen Verursacher des spanischen Sparwahns – mit anschließender Arbeitslosigkeit – geholt, jedenfalls hat mich der zweite Teil nicht mehr so überzeugt. Aber da scheiden sich dann halt die Geschmacks-Geister – und das ist ja auch völlig richtig!
      Viele Grüße, Claudia

      • Lustig. Mich hat der in meinen Augen sehr gelungene zweite Teil mit dem ersten versöhnt. In der Familiengeschichte des Schriftstellers kommt das gewohnt Hintergründige von Hahn besser zur Geltung.

      • Ein doch sehr schönes Beispiel dafür, wie unterschiedlich sich die Literaturwirkungen entfalten können. Wobei du den Vorteil hast, wenn ich mich richtig an Deine Besprechung erinnere, dass du auch schon die anderen Romane Hahns gelesen hast und so ihre Art des Schreibens besser im Zusammenhang beurteilen kannst. Die kenne ich eben (noch) nicht.

  2. Pingback: Metamorphose – Anna Katharina Hahn „Das Kleid meiner Mutter“ – Zeichen & Zeiten

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