Romane, Wirtschaft

Anna Weidenholzer: Der Winter tut den Fischen gut

Weidenholzer_1Seit 25 Jahren wohnt Maria Beerenberger in ihrer kleinen Wohnung, die sie mit wenigen Schritten durchschreiten kann. Aus der Wohnung kann Maria in den Hof blicken und auf die Straße, um den Himmel zu sehen, muss sie sich am Fenster bücken und nach oben schauen, vorbei an der immer höher wachsenden Fichte im Hof, die ihr noch zusätzlich das Licht nimmt.

 Seit ihr Mann gestorben ist, lebt sie hier alleine. Aber eine erfüllte, glückliche Ehe ist das auch nicht gewesen, das Zusammenleben mit Walter, dem Elvis-Imitator, der sie auch schon einmal schlägt, wenn sie ihn zu lange bittet, auf sein Gewicht, auf seine Gesundheit zu achten. Walter ist eine traurige Gestalt: Schon sein Elternhaus steht auf der Schattenseite des Tals, dort, wo im Winter die Sonne nicht hinkommt. Er ist ein Muttersöhnchen, der Maria daran misst, ob sie den Weihnachtsbaum so schmückt, wie er es von Zuhause kennt und den Braten so zubereitet, wie seine Mutter es immer macht. Zu seinen Elvis-Nummern hat Maria eine feste Meinung: Als King betritt er die Bühne und er verlässt sie als Bettelmann, erst dann, wenn der Veranstalter ihm den Ton abdreht.

 Wenn Walter sich in Elvis verwandelt, duscht er lange, er singt, er seift sich ein, mehr als sonst. Er zieht die schöne Unterwäsche an, auch wenn sie bereits getragen und noch nicht gewaschen ist. Warum, fragt Maria beim ersten Mal, deine Unterhose sieht doch niemand. Der King trägt nur Sonntagsunterwäsche, antwortet Walter. (…) Das Publikum johlt, als Walter auf der Bühne zum ersten Hüftschwung ansetzt. Maria sitzt ganz vorne, aber sie schaut an Walter vorbei auf die Bühnenverkleidung, sie sieht, wie sie wackelt, wenn Walter sich bewegt. Walter begrüßt das Publikum mit den Worten: Seid ihr bereit für den King. Einige lachen, einer in der ersten Reihe schreit: Geh nach Hause, Elvis ist tot. Als Walter zu singen beginnt, übersteuert das Mikrofon, aber Walter singt weiter, er schnippt mit seinen Fingern, er klopft auf seinen rechten Oberschenkel, er schwingt sein Becken. (S. 199/200)

 Seit 19 Jahren arbeitet Maria als Textilverkäufern in der Boutique von Herrn Willert. „Maria, was würde ich ohne Sie machen, sagt Herr Willert an manchen Tagen, und Maria weiß, dass Herr Willert auch sie meint, wenn er sagt, unsere Boutique läuft gut“. Aber dann läuft die Boutique nicht mehr so gut. Herr Willert bittet Maria, doch noch eben die Blusen zu sortieren, die die Kunden in Unordnung gebracht haben, dann möge sie zu ihm ins Büro kommen. Und dort verkündet er ihr, dass sie sich werden trennen müssen, „wir können Sie nicht mehr halten“. Er bietet ihr, der Mitarbeiterin, die am längsten bei ihm arbeitet, einen einvernehmlichen Aufhebungsvertrag an mit sechs Monaten Abfindung und sofortiger Freistellung. Der Vertrag liegt auch schon zur Unterschrift bereit – und Maria, überrollt und fassungslos, unterschreibt. Herr Willerts Sohn, der dieser Unterredung beigewohnt hat, und den Maria kennt, seit er ein kleiner Junge ist, versucht sie aufzumuntern:

Sehen Sie, Frau Maria, das ist Ihr Leben. Da ist noch viel Platz bis zum Ende, wie alt sind Sie, siebenundvierzig, sehen Sie, Sie stehen hier, sagt er und zieht einen senkrechten Strich. Sie haben noch viele Jahre vor sich, freuen Sie sich, es ist nicht selbstverständlich, in diesem Alter noch die Möglichkeit zu bekommen, sein Leben neu zu gestalten. (S. 142)

 Maria lebt ein einfaches, ein unspektakuläres Leben. Als Jugendliche, als sie Walter kennenlernte, hat sie noch den Wunsch, später eine Familie zu haben, ein Haus, einen Hund, sie sehnt sich nach Liebe und Anerkennung. Später hat sie sich dann eingerichtet in ihrem bescheidenen Leben in der dunklen Wohnung, sie arbeitet zuverlässig, sie versorgt die Wohnung, sie kocht für Walter und ihre Schwiegereltern, sie trifft sich mit ihren Kolleginnen und besucht die Nachbarn im Haus; sie führt ein Leben in einem kleinen, überschaubaren Radius, ohne eigene Ideen, ohne besondere Ambitionen. Manchmal könnte man sie rütteln und schütteln, sie anschreien, doch mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen, ihrem Mann gegenüber zum Beispiel, auf jeden Fall aber bei ihrem Rausschmiss aus der Boutique. Hier muss sofort ein Anwalt her, möchte man ihr zurufen, so ein Rausschmiss geht doch nicht. Manchmal findet man ihr Verhalten befremdlich, wenn sie die Post vom Arbeitsmarktservice ungelesen in der Schublade verschwinden lässt („Ich werde das Schlechte nicht mehr in mein Leben lassen“) oder als sie aus dem Teich Kaulquappen mit nach Hause nimmt, sie möchte eben auch ein Haustier haben, von denen allein Otto überlebt, bis er in ihrem Kühlschrank im Gemüsefach überwintern soll, der Kühlschrank aber defekt ist. Aber immer überzeugend ist ihre Beobachtung, ihr scharfer Blick auf die obskuren Dinge des Alltags, auf die Urne des Hundes in ihrem Lieblingsbistro, die die Besitzerin auf dessen Lieblingsplatz gestellt hat oder die denkwürdigen Gespräche bei ihrem Berater beim Arbeitsmarktservice.

 Anna Weidenholzer nimmt in ihrem Roman den Leser mit in die Welt der wenig abenteuerlichen und aufregenden Maria. Sie zeichnet ganz wunderbar das Porträt einer einfachen Frau, indem sie immer ganz nah bleibt bei Maria, ihren Beobachtungen und Erlebnissen, ihren Gedanken, in einer ruhigen, langsamen, sehr genauen, aber völlig unaufgeregten Sprache. Und sie fesselt des Leser, indem sie Marias Geschichte von heute in die Vergangenheit erzählt. Durch diese ungewöhnliche Struktur erklärt sich Marias Situation und ihr Verhalten heute, denn indem der Roman sich an ihrem Leben entlang immer weiter in ihrer Biographie vortastet vermittelt sich der Eindruck, dass Maria nie eine Entscheidung treffen konnte, denn alle Stationen ihres Lebens sind schon festgeschrieben durch ihr vorheriges Erleben. Es bleiben letztlich zwei Entscheidungen, die Marias leben bestimmen: einmal die der Ausbildung zur Textilverkäuferin, zum anderen die der Heirat mit Walter, einem Mann der bei seinem Heiratsantrag tatsächlich sagt:

 Ich weiß zwar nicht, wie ich mit dir leben soll, aber ohne dich geht es auch nicht. (S. 216)

 So lässt sich der Roman lesen als Geschichte einer merkwürdigen, fast aus der Zeit gefallenen Frau, die sich ihrem ganz bescheidenden Leben völlig angepasst hat und nun auch noch arbeitslos wird, dem aber nichts mehr entgegensetzen kann und so erst ins soziale und dann ins finanzielle Aus gerät.

 Aber der Roman lässt sich eben auch lesen als die Geschichte einer Modernitätsverliererin, einer, die eben nicht individuell, mobil und flexibel genug ist, um sich die Verheißungen unserer Gesellschaft zunutze zu machen und sich jeden Tag neu zu erfinden. In ihrer Wohnung, in der sie seit 25 Jahren lebt, mit ihrer Tätigkeit, die sie gelernt und seit 19 Jahren im gleichen Geschäft ausführt, verkörpert sie einen Lebensentwurf, der geradezu anachronistisch anmutet:

 Heutzutage scheint sich alles gegen … lebenslange Entwürfe dauerhafte Bindungen, ewige Bündnisse, unwandelbare Identitäten zu verschwören. Ich kann nicht langfristig auf meinen Arbeitsplatz, meinen Beruf, ja nicht einmal auf meine eigenen Fähigkeiten bauen; ich kann darauf wetten, daß mein Arbeitsplatz wegrationalisiert wird, daß mein Beruf sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, daß meine Fähigkeiten nicht länger gefragt sind. [1]

 Maria aber ist, schon vor Geburt an, nicht mit den Fähigkeiten ausgestattet, die notwendig sind, um sich auf diese schnellen Veränderungen einzustellen, sie bleibt in ihrer verdunkelten Wohnung, auch wenn die Fichte, die ihr das Licht nimmt, immer höher wächst, sie hat einfach keine „Landstreicher-Moral“:

Der Landstreicher „weiß nicht, wie lange er dort, wo er ist, noch bleiben wird, und zumeist ist nicht er es, der über die Dauer seines Aufenthaltes befindet. Unterwegs wählt er sich seine Ziele, wie sie kommen und wie er sie von den Wegweisern abliest; aber selbst dann weiß er nicht sicher, ob er an der nächsten Station Rast machen wird, und für wie lange. Er weiß nur, daß seines Bleibens sehr wahrscheinlich nicht lange sein wird. Was ihn forttreibt, ist die Enttäuschung über den Ort seines letzten Verweilens sowie die nie versagende Hoffnung, der nächste Ort, von ihm noch nicht besucht, oder vielleicht der übernächste möchte frei sein von Mängeln, die ihm die bisherigen verleidet haben.“ [1]

 Und so geht es Maria im Prinzip wie ihrem Frosch Otto, der, aus seiner ursprünglichen Umgebung herausgenommen, keine Chance zum Überleben hat, nicht nur, weil er sich den neuen Umweltbedingungen nicht schnell genug anpassen kann, sondern weil diese anderen Umweltbedingungen ihm erst gar keine Überlebensmöglichkeit schaffen. Es bleibt die Beobachtung und Sammlung der skurrilen kleinen Dinge und Sätze, die Maria aufschnappt und auf kleinen Zetteln an ihrem Spiegel archiviert:

 Auf Wiedersehen und ein schönes Wochenende, auch Ihren Tieren.(S. 22)

Eine weitere Rezensionen gibt es bei buzzaldrins Bücher.

Anna Weidenholzer (2012): Der Winter tut den Fischen gut, St. Pölten

[1] Zygmunt Baumann (1993): Wir sind wie Landstreicher – Die Moral im Zeitalter der Beliebigkeit, SZ 16/17.11.1993, zitiert in: Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim: Individualisierung in modernen Gesellschaften – Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie, in: Beck/ Beck-Gernsheim (1994): Riskante Freiheiten, Frankfurt am Main, S. 13.

2 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    eine wunderbare Besprechung eines außergewöhnlichen Buches. Ein bisschen hadere ich immer noch damit, dass sie dann doch nicht den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat, auch wenn ich mich sehr für David Wagner gefreut habe.
    „Der Winter tut den Fischen gut“ ist ja schon allein aufgrund der Erzählrichtung unheimlich ungewöhnlich. Ich hatte auch negative Stimmen dazu gelesen von Lesern, die es abgebrochen haben. Mich hat aber von der ersten Seite an vor allen Dingen die Beschreibung von Maria gepackt, in die ich mich sehr gut hineinversetzen konnte. Außerdem ist das Thema Arbeitslosigkeit und vor allen Dingen auch Arbeitslosigkeit im Alter ein wichtiges Thema, das bisher viel zu selten literarisch abgehandelt wurde.

    Ich wünsche dir und deinen Hunden schöne Ostertage!
    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      ich habe ja nun David Wagner noch nicht gelesen, aber ich hätte mir nach der Lektüre schon vorstellen können, dass Anna Weidenholzer den Preis bekommt, weil sie wirklich eine „gewöhnliche“ Geschichte so „ungewöhnlich“ erzählt hat. Ich finde den Roman wirklich ganz, ganz toll – wie gut er geschrieben ist, ist mir auch noch einmal beim Schreiben meiner Besprechung aufgefallen – und wünsche ihm ganz viele Leser, die hoffentlich auch so begeistert sind wie wir.
      Und Langzeitarbeitslosigkeit mit 47 ist natürlich, gerade auch vor dem Hintergrund einer Rente mit 67 oder gar noch später, ein wichtigs Thema, denn das bedeutet ja wirklich ein Abrutschen ins Existenzminimum – bis zum Tod. Wie es hier mit Maria weitergeht, bleibt ja offen, aber es sieht nicht gut aus, wenn sie zum einen schon das Geld gestrichen bekommen hat und die schlechten Nachrichten dann auch noch in die Schublade zum schnellen Vergessen ablegt.
      Ich wünsche Dir und Bandit auch schöne Feiertage und viele schöne, lange Hundespaziergänge!
      Viele Grüße, Claudia

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