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Angelika Overath: Alle Farben des Schnees. Senter Tagebuch

Overath_1Der kleine Ort Sent im Unterengadin scheint für Angelika Overath und ihren Mann seit vielen Jahren eine besondere Anziehungskraft zu haben. Nachdem sie viele Urlaube in Griechenland verbracht haben, beginnt die Bergwelt sie zu faszinieren, beim Skifahren zuerst, dann auch in den Sommerurlauben. Irgendwann kommt die Idee auf, hier eine Ferienwohnung zu kaufen, wenn erst genug Geld vorhanden ist. Und dann sehen sie, ein paar Jahre später, einen kleinen Zettel in einem Schaufenster, auf dem ein Bauernhaus in Sent angeboten wird, schon mit Plänen, wie hier zwei Wohnungen entstehen könnten. Sie verabreden einen Termin, sich das Haus vor Ort anzuschauen und wissen, „dass diese fremden Räume etwas mit uns zu tun hatten“. Und dabei ist der erste Eindruck nicht der beste: „Das Haus war häßlich. Rauher, auberginenfarbener Putz, blaue, abbröckelnde Fensterläden. Wie ein Balkon hing ein selbstgebauter Hasenstall auf mittlerer Höhe.“(S. 17)

Ein paar Jahre verbringt die Familie ihre Ferien in Sent, in ihrem umgebauten Haus, und schon kommt der nächste Gedanke: Wie wäre es, hier zu leben, das ganze Jahr über und nicht nur in den Ferien herzukommen? Das ist eine Frage, die bestimmt vielen Menschen durch den Kopf geht, meistens im Urlaub in einer besonderen Stadt oder am Meer, an einem See, in den Bergen, in einer ganz besonderen Umgebung eben, die man zu Hause vermisst. Vielleicht ist es auch das Lebensgefühl, das man bei den Ortsansässigen zu erkennen meint und bewundert, das quirlige Leben in den Bars, Restaurants und auf der Straße oder eine Freundlichkeit und Gelassenheit, die es zu Hause so doch nicht gibt. Vielleicht ist es schlicht das bessere Wetter, die Sonne und der blaue Himmel statt der ewigen grauen Wolken, die die Sehnsucht nach einer neuen Umgebung entfachen. Aber wie ist es, wenn der Urlaubsort auf einmal der Ort ist, an dem der Alltag stattfindet, wenn aus dem Sehnsuchtsort Heimat werden muss?

Angelika Overath zieht mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn, recht kurz entschlossen so scheint es, nach Sent und in ihrem „Senter Tagebuch“ erzählt sie dem Leser, wie es der Familie dort ergeht. Sie erzählt von dem vielen Schnee während des kompletten Jahres und sie erzählt, wie sie sich die neue Heimat und das Heimatgefühl erschließen. Und dabei schaut sie den Begriff der Heimat, der ihr Tagebuch wie ein roter Faden leitet, aus verschiedenen Perspektiven an, schaut in die Literatur, die Sprache, forscht, was Heimat für die Senter ist.

„Heimat richtig verstanden, hat zu tun mit Lebensqualität. Heimat ist ein Kürzel für Orientierungssicherheit, für konstante und verläßliche Beziehungen und Erfahrungen. In diesem Sinn, als Identitätsinstrument, ist Heimat ein wichtiger Gegenpol zu den diffusen globalen Tendenzen  (…) Wo ist die Heimat? In der Wohnung – im Haus – der Straße – dem Viertel – der Stadt – der Umgebung – dem Kreis – dem Bundesland – in der weiteren Gegend, die über die Grenze reicht – in  der ganzen Republik? Antwort: überall ein bißchen und je nach Situation. Heimatbezüge und auch Heimatgefühle profitieren von der Vielfalt des Heimatlichen.“ (Overath zitiert hier Hermann Bausinger, S. 180-181)

So erzählt sie in ihrem Tagebuch von ihrem Tagesablauf, vom Plausch mit den Nachbarinnen im Garten, im Ort, am Brunnen, vom Wegfahren aus Sent und von der Freude, nach Tagen, manchmal Wochen, zurückzukehren in die, ja, Heimat. Sie erzählt, wie sie teilnimmt an den Veranstaltungen im Dorf, wie sie im Chor mitsingt, beginnt, Klavier zu lernen, sich an den Festen beteiligt, eingeladen wird und einlädt, mit den anderen Kindern vor Weihnachten Plätzchen backt und so immer mehr und immer tiefere Kontakte knüpft zu ihren Nachbarn. Sie erzählt aber auch, welche Schwierigkeiten sie, die Schriftstellerin, deren Instrument die Sprache ist, beim Erlernen des Romanischen hat, der Sprache, die hier ganz selbstverständlich gesprochen wird und in der Schule als Unterrichtssprache gilt, bis die Schüler, erst in der vierten Klasse, Hochdeutsch lernen, als Fremdsprache. Sie möchte die Sprache richtig sprechen können, um dazu zu gehören – und es fällt ihr so schwer, sie zu lernen.

 21. Dezember

Wie singen. Am Dorfplatz, am Brunnen Curtin, am Brunnen bei der Plazetta, an unserem Brunnen Bügl Süt, am Brunnen Schigliana, am Brunnen Stron, dann vor der Kirche. Wir sind sicher 50 Sänger, Einheimische und Gäste. Gianna Bettina dirigiert. In dieser Nacht scheint sie nur aus vielen Armen zu bestehen. (…) Nach dem letzten Gloria sagt ein Baß hinter mir zu seinem Nebensänger: Quai d´eira fich bun. Das sei doch jetzt richtig gut gewesen. Hinterher gibt es Glühwein in der Grotta, aber ich gehe  nicht mit. Ich würde lieber mit ihnen gehen und nicht nach Hause. Aber ich möchte nicht deutsch sprechen und romanisch sprechen kann ich nicht. (S. 68-69)

Sie erzählt auch vom Aufwachsen ihres Sohnes, der den ganzen Tag mit seinen Freunden im Dorf herumtoben kann, der sich zum Fußballspielen im Sommer und zum Eishockeyspielen im Winter gar nicht erst verabreden muss, man trifft sich ja sowieso. Sie erzählt, wie er vom ersten Tag an mit viel mehr Freude in die Schule geht, auch wenn deren Inhalte doch sehr kritisch beäugt werden vom intellektuellen Besuch aus der ehemaligen Heimat, als in Tübingen, wie er im übrigen auch vom ersten Tag an kaum Schwierigkeiten mit der neuen Sprache hat. Wenn Angelika Overath von Schule und Schulleben erzählt, beschreibt sie damit auch ganz exemplarisch, wie das Zusammenleben im Dorf funktioniert: die Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs, meistens sind es ungefähr zehn, lernen nicht nur zusammen, sondern bereiten auch Feste vor, üben Schauspiele und Lieder ein, spielen Fußballturniere gegen Mannschaften anderer Schulen und knüpfen so in ihrer Kindheit ganz enge Kontakte untereinander. Und am Schuljahresende stellen alle Schüler ihre Lernergebnisse dieses Schuljahres vor – und erfahren so eine Wertschätzung der Besucher, der anderen Kinder, der Eltern, des Dorfes: „Das Dorf feiert seine Schüler.“ (S. 218)

Und neben diesen alltäglichen Dingen, die sie erzählt, reflektiert Angelika Overath auch immer wieder, was Heimat ist. Und auch hier liefert das Dorf viel Anschauungsmaterial. Sent, ein Dorf von 900 Bewohnern, mit 1450 m schon ziemlich hoch gelegen im Unterengadin, hat selbst eine bewegte Geschichte was Wegzug und Zuzug betrifft. Da gibt es zum einen die Feriengäste, die zum Teil schon in der vierten Generation  nach Sent kommen, manche von ihnen bleiben dann auch ganz. In jüngerer Zeit ziehen neuen Bewohner ins Dorf, meistens Menschen mit freien Berufen, die sich aussuchen können, wo sie wohnen und arbeiten, Journalisten, Dokumentarfilmer, Schriftsteller. Und es gibt die Senter, die vor über Hundert Jahren aus wirtschaftlichen Gründen nach Italien ausgewandert sind, dort Zuckerbäcker  geworden sind, Bars und Cafés eröffnet haben. Einige von ihnen sind so erfolgreich gewesen, dass sie sich Ferienhäuser im Dorf gebaut haben, ein Stück italienische Architektur im Unterengadin. Radulins werden sie genannt und ihre Häuser stehen viele Monate im Jahr leer. So finden sich alle Facetten von Migration auch in Sent. Aber natürlich gibt es auch die alteingesessenen Bauern, die nach wie vor Vieh haben und ihre Wiesen bewirtschaften.

Und immer wieder schildert die Autorin die gewaltige Landschaft, die hohen, immer weißen Berggipfel, auf die sie schaut, die fantastischen Farbspiele auf ihnen bei Sonnenauf- und –untergängen, der Schattenverlauf im Laufe des Jahres. Sie erzählt vom Skifahren bis in den April, von wunderbar, duftenden Sommerwiesen, durch die ihr Hund tollt, von warmen Sommerabenden, an denen es keinen Senter zu Hause hält, denn diese Abende sind tatsächlich selten. So wundert man sich gleich beim Lesen des ersten Eintrags vom 1. September über ihre Naturwahrnehmung, dass es warm sei und nach Schnee rieche. Und tatsächlich, am 3. September liegt der erste Schnee. Natürlich wird er schmelzen, aber Schnee wird es geben bis in den Juni des nächsten Jahres: „Sommeranfang, wir tragen Wollpullover und Anoraks. Es schneit fast bis hinunter ins Dorf.“ (S. 212) Und so begleitet der Schnee die Senter fast das ganze Jahr über.

Bei der Lektüre dieses wunderbar positiven und poetischen Buches über ein Jahr in Sent kann man verstehen, dass die Familie angekommen ist in der neuen Heimat, dass da wohl tatsächlich von Anfang an eine bestimmte Anziehung eine Rolle gespielt hat – die Anziehung als gemeinsames Werk von Wetter, Landschaft, Haus und Menschen, die einen festen Orientierungsrahmen und Erfahrungsraum schaffen. Und Angelika Overath erschließt sich auch mehr und mehr die romanische Sprache, nämlich nach Art und Weise von Schriftstellern: Sie schreibt Gedichte in der neuen Sprache.

Angelika Overath (2010): Alle Farben des Schnees. Senter Tagebuch, München, Luchterhand

Eine weitere Rezension findet sich hier

6 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    ich freue mich ganz doll, nicht nur über die Verlinkung, sondern auch darüber, dass dir das Buch so gut gefallen hat. Mir erging es ähnlich wie dir: auch mit haben die Beschreibungen der Landschaft und des Senter Dorflebens gefallen, aber und vor allen Dingen auch die Reflexionen über den vielschichtigen Begriff Heimat.

    Im Versuch so viele Neuerscheinungen zu lesen, wie möglich, ist es immer mal wieder wichtig, sich auch älteren Bücher zuzuwenden. Das habe ich mir auch verstärkt für das kommende Lesejahr vorgenommen.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      und ich danke Dir für Deinen tollen Tipp, denn erst durch Deine Besprechung bin ich auf das Buch aufmerksam geworden. Und „Alle Farben des Schnees“ ist ja wirklich ein sehr „zeitloses“ Buch, das man auch immer mal wieder zur Hand nehmen kann und wahrscheinlich in 10 oder 15 Jahren noch genau die Wirkung hat wie heute. Nun bin ich gespannt, welche „alten“ Werke Du uns im kommenden Jahr zum Lesen empfiehlst :-).
      Viele Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia,
    das ist wirklich ein ziemlich tolles ‚leises‘ Buch. Eine sehr schöne Besprechung jedenfalls und ein Buch, das ich immer wieder mal gerne vorkrame, wenn mich jemand daran erinnert. Was mir dazu noch einfällt: Als ich es zum ersten las, habe ich gedacht, dass selten ein Buch, das ich gelesen habe so gut zur Persönlichkeit der Autorin passt. Jedenfalls den Eindrücken nach, die ich von Ihr bei Lesungen in Tübingen (vor etwa 100 Jahren) hatte.
    Liebe Grüsse, Kai

    • Lieber Kai,
      dann hast Du das Vergnügen ja schon gehabt! Und hast die Autorin auch schon einmal live gesehen! Ich habe durch die „Farben des Schnees“ auf jeden Fall eine Autorin kennen gelernt, von der ich gerne noch mehr Bücher lesen möchte.
      Viele Grüße, Claudia

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