Reportagen
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Gabriele Goettle: Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag

Goettle_1Gabriele Goettle hat diesem Band mit 26 Reportagen, die zwischen 2007 und 2009 entstanden und bereits in der TAZ erschienen sind, den Untertitel „Reisen durch den unbekannten Alltag“ gegeben. Tatsächlich erzählen die in diesen Reportagen porträtierten Frauen von ihrem Alltag und konzentrieren sich bei ihrem Reden und Erzählen vor allem auf ihre Berufe oder ihr sozialpolitisches Engagement, sodass ganz ungewöhnliche, eben unbekannte Bereiche des Alltags beleuchtet werden. Es sind Texte entstanden, in denen außergewöhnliches Expertentum deutlich wird und das vor allem auch in seiner hier zusammengetragenen Vielfalt ungewöhnlich, interessant und spannend ist.
Die Kioskfrau berichtet über ihre jahrzehntelange Arbeit und beschreibt dabei, fast nebenbei, nicht nur ihr Arbeitsethos, sondern auch die soziale Entwicklung in ihrem Umfeld. Die Körperhistorikerin schildert die Ergebnisse ihrer Forschungen und ihre Erkenntnis, dass sich Körper- und Krankheitswahrnehmungen im Laufe der Jahre und Jahrhunderte geändert haben, von einer ganz unmittelbaren, fast bildlich-naiven Beschreibung von Krankheitssymptomen hin zu unserem eher mathematisch-statistisch geprägten Blick auf Krankheiten, der Risiken fast vorhersehbar macht. Die Gründerin des Krisentelefons „Pflege in Not“ berichtet von den schon irrwitzigen Zuständen in Alters- und Pflegeheimen, aber auch von den Familien, die von der oft langjährigen Pflege überfordert sind, und die sich nur noch durch Gewalt zu helfen wissen. Die Landwirtin im Wendland skizziert ihren Widerstand gegen die Atomendlagerstätte in Gorleben, die Bodybuilderin von ihrer besessenen Körperarbeit, die Rechtsmedizinerin davon, dass sie mehr lebendige Menschen, meistens Kinder untersucht als Leichen zu obduzieren, weil sie und ihre Kollegen Experten darin sind, die Verletzungen zu erkennen, die aus Gewalt resultieren. Die Arbeitsvermittlerin bei der Bundesagentur für Arbeit schildert ganz drastisch die Folgen der Zusammenlegung von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe, also ALG II bzw. Hartz IV, indem sie dem vorangestellten Zitat Peter Hartz´ (“Was für ein glücklicher Tag für alle Arbeitslosen“) ihre ganz konkreten Arbeitserlebnisse gegenüberstellt:

(…) ich mache vor allem EINE grundsätzliche, häßliche Erfahrung und das ist die der Würdelosigkeit. Die ist quasi schon per Gesetz angelegt, und zusätzlich wird sie noch durch schlecht qualifizierte Kollegen verschärft. Dem Arbeitslosen ist seine Würde aberkannt worden, das schlägt natürlich auch auf uns zurück, ich habe eine richtige Wut im Bauch. (247).

Eine Arbeitslose erzählt vom Berliner Umsonstladen und der Idee, Gegenstände, die man nicht mehr braucht, nicht wegzuschmeißen, sondern in den Laden zu bringen, sodass andere Menschen sie dort finden und weiter nutzen können. Und eine Bestatterin hat es sich zum Ziel gemacht, Sterben, Tod und die Rituale des Trauerns aus der Tabuisierung und Verdrängung herauszuholen und wieder zu einem Bestandteil des Lebens werden zu lassen – und skizziert damit schon eine deutliche gesellschaftspolitische Bewusstseinsänderung:

Es könnte ja auch ganz anders sein, die Berührung mit dem verstorbenen Opa oder der Oma könnte eine Selbstverständlichkeit sein für die Kinder, oder daß gesagt wird zu den Nachbarn, kommt mal rüber, wir nehmen Abschied und trinken zusammen einen Wein. Die Kinder würden begreifen, der Tod ist gar nicht das Bedrohliche, Schreckliche, er ist ganz natürlich. Also, wenn Menschen mit so einem Bewusstsein aufwachsen und durch Leben gehen, dann würde doch kein einziger sechzig Stunden in der Woche bei Siemens Platinen löten! Jeder würde Prioritäten setzen und sich überlegen, wie er sein Leben gestaltet. (311)

Gabriele Goettles Reportagen sind alle nach dem gleichen Schema aufgebaut: Einem kurzen biografischen Überblick über die wesentlichen Lebensstationen der porträtierten Frauen folgt eine knappe Einführung in die – räumliche – Interviewsituation und schon beginnen die Frauen zu sprechen, werden nur wenig von der Journalistin unterbrochen, um noch einmal den einen oder anderen Aspekt zu vertiefen. So scheinen Goettles Reportagen, ganz anders als die sowohl sprachlich als auch durch ihre besondere Konstruktion eher wie kleine literarische Werke erscheinenden Geschichten Erwin Kochs , viel mehr dokumentarischen Charakter zu haben, lässt sie doch im größten Teil ihrer Texte die Frauen zu Wort kommen. Und so bestimmen auch die Frauen, wie sie ihre Geschichten erzählen, welche Reihenfolge sie wählen, welche Besonderheiten ihnen wichtig sind. Dieser eher dokumentarische Stil wird auch dadurch gestützt, dass Goettles Reportagen die mündliche Erzählsituation, also Satzbau, Wortwahl, regionale sprachliche Besonderheiten, wiedergibt und so die Unmittelbarkeit der Interviewsituation erhalten bleibt.

Form und Stil erweisen sich jedoch nur auf den ersten Blick als dokumentarisch, denn zum einen zeigt die Auswahl der Frauen eine ganz deutliche Handschrift, nicht nur mit Blick auf die Themen wie Umgang mit Krankheit, mit Alter und Tod, sondern vor allem auch mit Blick auf Aspekte wie soziale Veränderungen, soziale Gerechtigkeit, soziale Ideen und soziales Engagement. Interessanterweise hat Goettle kein Interview geführt mit einer Managerin oder einer erfolgreichen Unternehmensgründerin, sondern gerade mit Frauen, die in irgendeiner Form mit den Rändern der Gesellschaft, mit ihren Verwerfungen und Abgründen zu tun haben. Aber: so unterschiedlich die Biografien, die Interessengebiete und Wirkkreise der Frauen sind, so eint sie alle ihr besonderes Engagement in ihren Bereichen und ihr vertieftes Wissen.

Und manchmal, und darin ist zum zweiten ihr Anteil an den Reportagen zu erkennen, fragt Goettle, wenn sie einen Punkt genauer betrachten möchte, vielleicht einen Widerspruch vermutet, nach, manchmal meldet sie sich gar mit Anmerkungen zu den Monolgen der Frauen zu Wort, wenn sie die Aussage einer Frau so nicht stehenlassen kann. Und manchmal bringt sie die Frauen auch dazu ganz ehrlich, fast naiv, Dinge zu formulieren, die dem Leser deutlich die Widersprüchlichkeit dieses Engagements vor Augen führen. So erzählt die Schulleiterin einer Montessori-Gesamtschule in Potsdam voller Stolz von dem besonderen erzieherischen und didaktischen Konzept an ihrer Schule, das auf sozialen Umgang miteinander und Selbstständigkeit der Schüler setze. Und im nächsten Satz dann berichtet sie über ihre Schüler und deren Herkunft und Einstellung und redet sich dabei geradezu um Kopf und Kragen:

Also unsere Eltern sind in diesem Sinn Avantgarde, aber keine Geldelite, es gibt hier auch Eltern, die arbeitslos sind, die Sozialhilfeempfänger sind. Unser Prinzip ist ja Heterogenität. Aber es gibt keine Ausländer. (…) Also wir legen sehr großen Wert darauf, daß bestimmte Tendenzen, die an vielen anderen Schulen große Probleme verursachen, besonders Gewalt, bei uns sofort ausgegrenzt werden. Und Sie haben es vorhin auch sehen können, wir haben z.B. keine Schüler, die gepierct sind oder tätowiert. (S. 135)

Dieser Reportagenband also vermittelt dem Leser ganz besondere Einblicke in ungewöhnliche Berufsbiografien und in das Expertenwissen, die Erkenntnisse und Werte der Frauen. Sein Verdienst ist es aber vor allem, gesellschaftspolitisch besonders relevante Themen zu beleuchten, sodass sich, ganz im besten Sinne einer journalstischen Aufklärung, leicht Sichtweisen des Lesers verändern. Dies erreicht Goettle durch die von ihr gewählte besondere Form der Reportage, in der sie tatsächlich „Augenblicke“, so auch der Titel des Bandes, festhält, die Augenblicke nämlich ihrer Gespräche mit ihren Interviewpartnerinnen.

Gabriele Goettle (2012): Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag. Verlag Antje Kunstmann, München 2012

2 Kommentare

  1. Danke für die Besprechung. Ich finde seit der Veröffentlichung ihres ersten Bandes mit Reportagen in der Anderen Bibliothek, dass Gabriele Goetle eine der besten Alltagsbeschreiberinnen dieser Republik ist.
    Liebe Grüsse, Kai

    • Guten Morgen Kai,
      die anderen Reportagen kenne ich nicht, dass es sie gibt habe ich jetzt nur bei meiner kleinen Recherche herausgefunden. Und was Deine Bewertung angeht, so simme ich Dir nach diesem ersten Reportagenband wirklich zu. Da ich ja Reportagen sehr, sehr mag… Aber jetzt muss ich erst mal wieder einen – hoffentlich – guten Roman lesen.
      Viele Grüße, Claudia

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