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Philipp Schönthaler: Nach oben ist das Leben offen

Schönthaler_2„Arbeit als Hochleistungssport“ überschreibt die Süddeutsche Zeitung vor einigen Tagen einen Artikel, der von den „World Skills“ berichtet, einem Wettbewerb, der in diesem Jahr in Leipzig stattgefunden hat und bei dem die Teilnehmer, Berufsanfänger aus 46 nicht-akademischen Berufen, gegeneinander antraten. Unter den Augen der Öffentlichkeit mussten sie in einer knapp bemessenen Zeit das Design für eine Jacke entwickeln und diese nähen, ein Auto lackieren, Fliesen legen, einen Gartenweg oder eine Wandfläche nach einer Vorlage gestalten. Und damit der Pinsel ruhig in der Hand liegt, hat sich die Maler-Meisterschülerin mit autogenem Training und mit Yoga gut vorbereitet.

Die Menschen, die in diesem Artikel beschrieben werden, könnten Figuren sein aus Philipp Schön-thalers Erzählungen. Allen gemein ist ihr Streben nach Höchstleistungen, sowohl im Beruf als auch in Freizeitaktivitäten, die aber längst so professionell ausgeführt werden, dass sie zum Beruf ge-worden sind.

Da ist zum Beispiel Termann, Apnoetaucher, dessen Ziel es ist, 200 Meter tief zu tauchen ohne Sauerstoff, nur mit seiner eigenen Luft. Diese Art des Tiefseetauchens ist nicht ganz ungefährlich, denn die eingeatmete Luft muss auch dazu reichen, langsam wieder aufzutauchen, damit der Tau-cher nicht an der Tiefseekrankheit erkrankt. Vor zwei Jahren ist Termann an diesem Ziel am gleichen Ort gescheitert, es hat einen Unfall gegeben, er ist bewusstlos geworden, Rettungstaucher haben ihn aus der Tiefe geholt, viel zu schnell, sodass der Druckausgleich nicht durchgeführt werden konnte. Nun ist er wiedergekommen, hat einen ganz genau geplanten Tagesablauf mit physischen und mentalen Trainingseinheiten und Ruhezeiten, eine große Crew unterstützt ihn so, dass er sich nur auf sein Tauchen konzentrieren muss. Er weiß, dass es für ihn wichtig ist, sich zu entspannen, denn

Je entspannter du bist, desto niedriger ist dein Sauerstoffverbrauch, desto besser tauchst du.“ Positive Gedanken verbrauchen weniger Energie als negative Gedanken, das sei Fakt, sagt die Wissenschaft, sagt Termann. (91)

Termann begründet sein extremes Ziel damit, dass er das Meer liebe, dass er gerne eins sein möchte mit dem Meer, weil es ihm Unendlichkeit zeige und Unbeschränktheit. Aber natürlich liebt er nicht nur das Meer, sondern auch den besonderen Kick, den er erlebt, wenn er nach der Extrembelastung wieder auftaucht und den ersten Atemzug tut. Und er ist ein Getriebener, der sein ganzes Leben dem Ziel unterwirft, einen Rekord zu brechen und zu zeigen, wozu Menschen in der Lage sind:

Später erklärt er: „Nachdem die höchsten Berge erschlossen sind, sind die wahren Höhen die Tiefen der Meere. Nur hier sind Vorstöße in unerreichte Gebiete noch möglich, nur hier gibt es Bereiche, in die kein Mensch bisher vorgedrungen ist. Die Grenzen sind bislang unabsehbar. (81)

Diese Grenzen scheinen auch xaver, gerda und vera, jedoch in der normalen Alltags- und Arbeits-welt, auszuloten, indem sie alle denkbaren mental-körperlich orientierten Programme der Selbstop-timierung erproben, damit sie ihr Leben effektiv und effizient gestalten können. Sie machen Yoga und Feldenkrais, um ihre Muskelgruppen intensiv zu trainieren, managen ihre optimal über den Tag zu verteilende Getränkezufuhr und ernähren sich ganzheitlich, sie halten sich an merkwürdige Rituale, sagen sich noch merkwürdigere Mantren auf und bestreiten Verhaltenstherapien, tiefenpsy-chologisch fundierte Therapien, hochfrequente psychoanalytische Therapien und Gesprächsthera-pien, manchmal auch mehrere Formen gleichzeitig, und so ausgerüstet überwinden sie spielend die Tiefpunkte ihrer Lebensläufe, um sich stetig und permanent zu verbessern:

grundsätzlich gilt: der körper ist wie ein bankkonto: nur wer einzahlt kann auch abheben. für vera hat sich das training bereits ausbezahlt. Sie tritt jetzt formschön auf. zu den regeln eines gelungenen auftritts zählt eine sympathische, selbstbewusste körperhaltung. (S. 33)

Philipp Schönthaler seziert in seinen Erzählungen gnadenlos die Merkwürdigkeiten und Verrückt-heiten einer Leistungsgesellschaft, die tatsächlich dem Glauben anhängt, das Leben könne mit dem richtigen Input, den richtigen Trainingsmethoden und Lebensweisen so optimiert werden, wie eine Maschine optimiert werden kann, ein Produktionsprozess oder eben ein Bankkonto.

Der Autor erzählt die Geschichten seiner Protagonisten ganz nüchtern und verhindert so jegliche Identifikation des Lesers, der von außen staunend auf die Ereignisse und Verhaltensweisen schaut. Die anspruchsvolle, sehr poetische Sprache sowie die besondere Gestaltung der Erzählungen, zum Teil mit Perspektivwechseln innerhalb eines Satzes, mit Zeit- und Zeilensprüngen, erschweren zunächst einen Zugang zur Geschichte, machen das Leseerlebnis dann beim Entschlüsseln und Enträtseln aber umso intensiver. Manche Erzählungen sind durch die Ballung der Selbstoptimie-rungsinstrumente, die die Protagonisten für sich entdeckt haben, ironisch, aber auch das erschließt sich erst auf den zweiten Blick, weil der erste so damit beschäftigt ist, der Geschichte zu folgen.

Aber es stimmt ja gar nicht, dass das Leben nach oben hin offen ist, die Figuren in den Erzählungen sind hier wohl einem Irrglauben aufgesessen. Sie scheitern alle, der eine, trotz der besten Vorberei-tung, vor allem an sich selbst, so Termann, der Taucher, die anderen, weil auch die angesagtesten Optimierungsmethoden nicht darüber hinweghelfen, dass das Leben schwierig sein kann, der nächs-te, weil kein Geld mehr da ist, um seinen Vertrag zu verlängern und wiederum andere, weil das Wetter einfach wochenlang nicht zum Bergsteigen geeignet ist. Und durch diese Wendungen erdet Schönthaler seine Geschichten, passt sie wieder in das ganz normale Chaos unseres Lebens ein. So müssen auch diese ehrgeizigen und hoch motivierten Figuren lernen, mit dem Scheitern klarzu-kommen, mit Arbeitslosigkeit, Streit und Konflikten, mit dem Magen, der rebelliert, weil er die „Arbeit als Hochleistungssport“ eben doch nicht verträgt.

Ein Blick lohnt auch die Literaturliste, die Schönthaler zusammengetragen hat. Da sind sie alle versammelt, die Ratgeberbücher, die eine schnelle und einfache Verbesserung des Lebens in allen Situationen versprechen. Und daneben die wissenschaftlichen Werke zu den Themen Emotionen, Erfolg, Training. Es liest sich zum Teil recht bizarr, wenn neben den Titeln Sloterdijks, Ehrenbergs und Foucaults auch solche genannt werden, die lauten: „Gut sein, wenn´s drauf ankommt. Erfolg durch mentales Training“, „Fitness für die Seele. Mit Bewegung aus dem Stimmungstief“., Fatbur-ner. So einfach schmilzt das fett weg“ und „Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht, gebraucht zu werden“. Schon die Literaturliste zeigt uns lesern also die denkwürdigen Verwerfun-gen unserer Leistungsgesellschaft auf das Schönste auf.

Philipp Schönthaler (2012): Das Leben ist nach oben hin offen, Berlin, Matthes & Seitz

 

9 Kommentare

  1. Ein wahrhaft gruseliges Thema, Kontrollfreaks auf Sensationseeking. Ich denke sofort an diese Armbänder, die ihrem Träger ständig seine physischen Parameter übermitteln. Merkwürdig finde ich auch, daß jede körperliche Betätigung nur noch im professionellen Outfit durchgeführt werden kann. Besonders skurril wirken auf mich in ihr Dress gezwängte Rennradfahrer ohne Rennradfahrerfigur.

    Den Autor habe ich kürzlich beim Bachmannpreis mit einem sehr detailversessenen Text gehört. Ist das bei diesen Erzählungen auch so, benennt er akribisch die Utensilien und Vorgänge der Tauchgänge?

    • Ja, manche der physischen und mentalen Verbesserungsmethoden werden schon sehr akribisch beschrieben. So ein Sonnengruß über zweieinhalb Seiten oder eine Feldenkrais-Übung. Auch wenn jemand einen Kollegen im Büro aufsucht, wird sehr genau beschrieben, wie achtsam er geht, hoch aufgerichtet, das Kinn nach vorne, die Beine fest im Boden, wie eine Ulme verwurzelt. So eine Art zu schreiben ist schon sehr artifiziell, hat aber, wenn man sich darauf einlässt und keine spanende und sich schnell entwickelnde Geschichte erwartet, doch eine besondere Wirkung auf den Leser, weil durch diese besondere sprachliche gestaltung deutlich wird, dass all diese Methoden völlig losgelöst sind von ihrer ursprünglichen bedeutung, ich denke da z.B. an Yoga, sondern jetzt nur noch zielorientiert eingsetzt werden, um Leistung zu verbessern. Und das fand ich, auch auf Grund der poetichen sprachlichen Gestaltung, beim Lesen schon sehr beeindruckend.
      Viele Grüße, Claudia

      • Danke für Deine Antwort, Claudia. Damit bestätigst Du den Eindruck, den die Bachmann-Lesung auf mich machte. Was nicht heißen muss, daß ich Spannungsliteratur bevorzuge. 😉

      • Jetzt bin ich aber neugierig auf Deinen unmittelbaren Eindruck. Warst Du ganz fasziniert – oder sehr gelangweilt (um mal ganz provokativ zu fragen)?
        Viele Grüße, Claudia

      • Die Aneinanderreihung der zahlreichen Details zu Beginn des Textes hat mich etwas ermüdet, so daß mir das Schicksal von David Garretts Flötenzwilling bald herzlich egal wurde.

      • Oh je, das war ja kein guter Eindruck. Das wäre mir wahrscheinlich beim zehn bis zwölfminütigen (?) Anhören der einzelnen Schritte des Sonnengrußes auch so ergangen :-)!
        Viele Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia,

    Philipp Schönthaler stand bereits vor dem Bachmannpreis auf meiner Liste und nun immer noch. Ich empfinde ihn als sehr spannenden jungen Autor. Das Buch, das du beschreibst, klingt interessant, auch wenn es herausfordernd wirkt und nicht wie etwas, das man schnell nebenher lesen könnte. Ich hoffe, ich sehe das Buch demnächst mal im Handel, um selbst einen Blick hineinwerfen zu können.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      SWchönthaler ist ja offensichtlich beim Bachmann-Preis nicht als besonders preiswürdig aufgefallen. Seine Texte sind auch ein bisschen sperrig. Da es ja aber in diesem band um Erzählungen geht, kann man sie ja in kleinen Dosen genießen. Die Erzählungen erinnern mich ein wenig an Lyrik, die sich ja auch manchmal nicht auf den ersten Blick erschließt. Dafür hat man beim Lesen dann aber eine kleine Herausforderung. Und mir gefällt eben auch der doch sehr kritische Blick auf unsere Leistungs-Optimierungsgesellschaft.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Allerdings finde ich die Themen des Erzählungsbandes sehr interessant. In seinem Videoporträt klangen diese Fragestellungen auch an. Vielleicht schau ich mal in den Band rein, wenn ich ihn zu fassen kriege.

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