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Teju Cole: Open City

Cole_1Nach Abschluss der Schule in Nigeria bewirbt Julius sich an amerikanischen Colleges. Sein gespartes Geld reicht gerade für die Bewerbungsgebühren, um das Flugticket nach New York zu bezahlen, muss er sich Geld von seinem Onkel leihen. Nun, fünfzehn Jahre später, ist Julius im letzten Jahr seiner Facharztausbildung zum Psychiater. Seine Freundin hat ihn gerade verlassen und so beginnt er abends nach der Arbeit im Krankenhaus damit, immer länger werdende Spaziergänge zu unternehmen, immer neue Straßen und Parks zu entdecken und zu genau zu beobachten, was sich ihm gerade zeigt. Er beschreibt und bestaunt die Architektur einer U-Bahn-Station, berichtet von seinen Museumsbesuchen, beobachtet die Menschen, die ihm begegnen, erzählt davon, was sie tun und wie sie leben:

Als ich wieder zur Mitte des beinahe menschenleeren Hauptganges zurücklief, eilte gerade ein einzelner Mann zu den U-Bahn-Aufzügen und ließ seine Aktentasche fallen. Mit lautem Klappern fiel sie zu Boden. Er sank auf die Knie und sammelte den Inhalt auf. Sein übergroßer, mausgrauer Trenchcoat stülpte sich über ihn wie ein viktorianisches Kleid. (…) An einem Falafelstand an der Ecke standen ein paar Leute, andere liefen vorüber, einzeln, paarweise oder zu dritt. Ich sah schwarze Frauen in anthrazitgrauen Kostümen und junge, glattrasierte Amerikaner indischer Herkunft. Gleich hinter der Federal Hall kam ich an der Glasfassade des New York Spots Club vorbei. Im hell erleuchteten Innenraum hinter der Glasfront standen in einer Reihe Hometrainer, auf denen Männer und Frauen in Elastan schweigend vor sich hin strampelten und auf die Pendler in der Dämmerung blickten. (65/66)

Julius also ist ein Flaneur. „Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, in denen alle Eindrücke von Straßencafés bis zu Personen, die einem mit der vorbeilaufenden Bewegung auffallen, sich wie in einem Heimkino im Kopf zusammensetzen“, schreibt Claudia Taller. Indem Julius sich durch die Straßen New Yorks treiben lässt und beobachtet, und er hat durchaus einen Blick für das Ungewöhnliche, für das Außerordentliche und schildert mit Worten, was sonst eine Kamera auffangen würde, zeigt er einen ganz besonderen Ausschnitt New Yorker Lebens und befeuert so das Kopfkino des Lesers. So wird die Stadt selbst, die schon seit Jahrhunderten die Menschen aus aller Welt, gerade aber auch die Flüchtlinge, anzieht, zu einer zweiten Hauptfigur in diesem Roman. Mit seinem sehr genauen Blick auf diese anonymen Menschen, ihr Aussehen, ihre Handlungen, mit seinen Berichten der Gespräche, die er mit Freunden und Bekannten, mit Nachbarn und mit seinen Patienten führt, wird immer wieder der Aspekt der Einwanderung und Hoffnung, aber auch der Entwurzelung und Verzweiflung aus verschiedenen Perspektiven ausgelotet. Das macht auch deutlich, dass Einwanderer zu unterschiedlichen Zeiten auch unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben:

Von hier aus gesehen erhob sich die Freiheitsstatue wie ein fluoreszierender grüner Fleck vor dem Himmel, dahinter lag Ellis Island, Gegenstand so vieler Mythen. Doch für die ersten Afrikaner – die sowieso keine Einwanderer waren – war die Einwanderungsbehörde zu spät gebaut worden, und für die späten Ankömmlinge aus Afrika, für Kenneth oder den Taxifahrer oder mich, war sie zu früh wieder geschlossen worden, um uns etwas zu bedeuten. Ellis Island war vor allem ein Symbol für europäische Flüchtlinge. Die Schwarzen – wir Schwarze – hatten rauere Einwanderungshäfen erlebt (…). (S. 75)

Die neue Einwanderung sieht so aus wie zum Beispiel bei Saidu aus Liberia, dessen Mutter im Krieg erschossen wurde und der von Bewaffneten gezwungen wurde, auf der Gummifarm zu arbeiten. Er entschließt sich zu fliehen, gelangt auf abenteuerlichen Wegen im Militärlastwagen, zu Fuß und auf dem Motorradrücksitz nach Mali und dann mit einem LKW, der mit vielen Flüchtlingen beladen ist, nach Tanger. Über Spanien reist er nach Portugal, wo er als Metzgerhilfe arbeitet, als Friseur, um dann ein Flugticket nach New York zu bekommen. Am Flughafen wird er gleich festgenommen. Oder wie bei Pierre aus Haiti, der nun als Schuhputzer arbeitet und geflohen ist, als das Töten in seiner Heimat immer schlimmer wurde. Ähnliche Geschichten von brutalen Kriegen, in denen immer wieder Angehörige sinnlos getötet werden, erzählen Julius viele Menschen, denen er begegnet.

Über Weihnachten und bis in den Januar hinein fliegt Julius nach Brüssel. Der Urlaub ist Brüssel ist der weniger als halbherzige Versuch, seine deutsche Großmutter zu finden, die vielleicht in Brüssel lebt und die zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch ihre Flüchtlingserfahrungen gemacht hat. Auch in Brüssel nimmt Julius seine Spaziergänge wieder auf, auch hier beobachtet er die Menschen und interessiert sich auch hier besonders für diejenigen, die gestrandet sind. So lernt er im Internetshop Farouq kennen, dessen Abschlussarbeit an der Universität gerade nicht akzeptiert worden ist und der sich nun beginnt, immer mehr zu radikalisieren. Julius trifft sich öfter mit Farouq und einem weiteren Freund und so erfährt er ihre politischen und religiösen Sichtweisen. Wie bei allen anderen Gesprächen auch ist Julius hier wieder der gute Zuhörer, der alle zum Reden bringt und niemanden und nichts bewertet – nur von sich selbst erzählt er in diesen Gesprächen nichts.

Wer also ist dieser Julius? Ein paar biografische Daten sind zu erfahren, so eben seine Herkunft aus Nigeria, seine deutsche Mutter und seinen nigerianischen Vater, der in seiner Jugend an Tuberkulose stirbt. Julius besucht eine Militärschule, auf der die Lehrer schon einmal – ohne rechtes Maß und vor allen Schülern – ordentlich hinlangen. Julius interessiert sich für Kunst, er liest literrarische und philosophische Werke, hört Mahler und Jazz und beobachtet im Herbst stundenlang aus seinem Fenster die Vögel. Dieser idealen Welt der, zum großen Teil europäischen, Kultur stellt er dann aber immer wieder seine Beobachtungen, seine Gespräche gegenüber, und spiegelt so die Realität der jüngeren Einwanderer New Yorks, die immer wieder mit verschiedenen Formen der Gewalt konfrontiert sind.

Und auch Julius ist nicht nur der zugewandte, offene und empathische Zuhörer, der Kunstkenner und engagierte Psychiater. Auch Julius hat ein Geheimnis, das er nicht nur gut aufbewahrt, sondern offensichtlich ganz massiv verdrängt hat, besonders erstaunlich, da er als Psychiater sich ja gerade professionell mit dem Umgang der Menschen mit ihrer Psyche beschäftigt.

Teju Coles Roman lässt sich auf mehrere Weisen lesen: Als individuelle Lebensgeschichte Julius´, eines Ausschnittes seiner Biografie, die Charakterstudie eines merkwürdig ambivalenten Menschen also, der beruflich erfolgreich und zielstrebig ist, in seiner Freizeit ein wenig ziellos, aber sehr kunstinteressiert, der niemals Partei ergreift, sondern immer nur beobachtet und wiedergibt, und dabei ganz wunderbar mit Sprache Szenen einfäng und damit wohl vermeidet, dahin zu blicken, wo seine eigenen blinden Flecken sind.

Er lässt sich aber auch lesen als die Geschichte einer Figur, die exemplarisch die Erfahrungen einer Gruppe Einwanderer aus Afrika bündelt, einer Gruppe von Menschen nämlich, die auf der einen Seite in Amerika oder Europa beruflich Fuß gefasst und ein großes Interesse an und Wissen über Geschichte und Kultur haben, auf der anderen Seite aber auch ihre Wurzeln in Afrika kennen. So haben sie diesen ganz besonderen Blick auf die disparate Gesellschaft. Julius, und wohl auch sein Erschaffer Teju Cole, gehören damit zu den Afropolitans, von denen in diesem Frühjahr immer wieder die Rede war, als der neue Roman Taiye Selasi besprochen worden ist. Taiye Selasi hat den Ausdruck in einem Essay 2005 geprägt und damit die Afrikaner beschrieben, die in den europäischen und amerikanischen Großstädten „angekommen sind“, die dort leben und arbeiten .

Oder er lässt sich lesen als ein Roman über die Stadt New York in der die Flüchtlinge der unterschiedlichen Krisengebiete der Welt angespült werden und die dort alle versuchen, wieder Halt zu finden. Es ist die Geschichte der Schuhputzer und Taxifahrer, der jungen farbigen Kriminellen, der Flüchtlinge in Abschiebehaft. Es ist die Geschichte einer bisher „offenen“ Stadt, die Flüchtlinge aufgenommen hat, seit dem 11.9.2001 aber selbst verletzt und voller Angst ist und in der Konsquenz auch die Schutzwürdigen abweist. Die „Open City“, ein Begriff aus den Kriegen Europas, ist eine ungeschützte Stadt, die nicht angegriffen wird und insofern zum Schutzort werden kann. New York aber ist angegriffen worden, die Trauer darüber, so reflektiert Julius, ist nicht zu Ende geführt worden und so einer allgegenwärtigen Angst gewichen, die über der Stadt liegt.

Eine weitere Besprechung ist hier zu finden.

Teju Cole (2012): Open City, Berlin

2 Kommentare

  1. Hi, beinahe hätte ich das Buch zeitgleich mit dir gelesen. Aber dann habe ich mich stressbedingt doch erst mal für einen leichten „Schmöker“ entschieden. Deine Besprechung klingt von den angesprochenen Themen her sehr verlockend. Täuscht es oder hältst du dich mit deiner persönlichen Bewertung diesmal sehr zurück? LG Anna

    • Hmmm, wirke ich so zurückhaltend? Du bist aber eine genau Leserin! Der Roman ist in jeglicher Hinsicht gut gemacht, aber er erzählt eben keine Geschichte, die furchtbar spannend ist, mistreisst oder tief berührt. Das wird vor allem an dem Erzählton liegen, denn Julius hält ja alles ziemlich von sich weg und beobachtet eher. Es bleiben tatsächlich ganz beeindruckende Bilder im Kopf und ganz viele Ideen und Probleme rund um das Thema Flucht und Einwanderung und so wirkt der Ronman eher auf der Sachebene, er berührt aber weniger auf der emotionalen. So ist vielleicht die Zurückhaltung des Romans in meine Besprechung mit eingeflossen.
      Nun bin ich gespannt auf Dein Leseerlebnis.
      Viele Grüße und ein schönes Wochenden, Claudia

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