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Meine Empfehlung – Juli Zeh, David Finck: Kleines Konversationslexikon für Haushunde

Ein Gastbeitrag von Felix, dem Hund
Ich bin der Einladung zu diesem Gastbeitrag auf einem Literaturblog gerne nachgekommen, wohl wissend, dass die Herausgeberin des Buches, das ich den Lesern, gerade den Haushunden und ihren Besitzern unter Euch, gerne ans Herz legen möchte, Euch wohl eher als Schriftstellerin, manchen auch als Juristin, bekannt ist. Nun ist es ja so, dass Juli Zeh gerne mit Hunden zusammenlebt und aus dieser Koexistenz hat sich ein Projekt ergeben. Denn Othello, der Hund, der mit ihr gemeinsam an deutschen Universitäten Juravorlesungen besucht und den Veranstaltungen am Deutschen Literaturinstitut gelauscht hat, weiß um die Bedeutung der Sprache. Vor allem aber weiß er, dass es für Hund einfach gut ist, die menschliche Sprache mit ihren Hürden und Klippen, ihrer unlogischen und ihrer verschwätzten Vielfalt bestens zu kennen, um sich in der Welt der Menschen zurecht zu finden. Aber, so macht Othello schon in seinen einleitenden Anmerkungen deutlich: Es ist für Hund besser, nicht zu erkennen zu geben, dass er die Sprache aus dem Effeff beherrscht, denn nur das Leben derjenigen, die schweigen, ist ein wirklich gutes:

Wer sprechen kann, hat Telephondienst. Wer sprechen kann, muss einkaufen gehen, die Post erledigen, sich entschuldigen und ohne Pause etwas lernen. Der Schweigende hingegen wird rundum bedient, zur körperlichen Ertüchtigung ausgeführt und, da er für ein persönliches Gespräch nicht zur Verfügung steht, beim Schlafen in Ruhe gelassen. Man bringt ihm das Futter und pflegt sein Fell. Allenfalls muss er aus folkloristischen Gründen gelegentlich an der Haustür bellen, wenn er dumm genug war, als junger Hund das Vorhandensein eines Stimmorgans zu verraten.“ (S. 5)

Trotzdem hat Othello, immerhin schriftlich, seine Erkenntnisse der Sprache in einem kleinen Konversationslexikon zusammengestellt, um seine Artgenossen an seinen Erkenntnissen partizipieren zu lassen und ihre Kommunikationserfahrungen zu bereichern.

Zeh_1Und dies, das muss ich ausdrücklich festhalten, ist ihm ausgesprochen gut gelungen. Zum einen hat Othello seine Ausführungen sehr nutzerfreundlich gestaltet, denn da er seine Beiträge alphabetisch sortiert hat, hat Hund einen schnellen Zugriff auf die einschlägigen Kommunikationsbegriffe und kann sich rasch orientieren. Zum anderen kommen dem Leser Othellos besonders gut ausgeprägte Formulierungskünste, die er sich sicherlich auch durch seine vielen Hochschulbesuche aneignen konnte, zugute, sodass seine Beiträge nicht nur höchst lesenswert, sondern auch sehr anschaulich sind. (Ich habe es bisher ja noch nicht weiter geschafft, als zu ein paar Besuchen im Fach Controlling beim Abendstudium und da sehe ich bei mir ganz deutlich die vor allem sprachliche Bildungslücke im Vergleich zu Othello.) Außerdem ist er wirklich ein Experte auf dem Gebiet der Haushunde und gibt sein umfangreiches Wissen hier gerne an uns weiter. Und als weiterer Vorteil ist zu werten, dass Othello mit David Finck auch noch einen äußert versierten Hundefotografen gewinnen konnte, der den ein oder anderen Beitrag sehr eindrucksvoll und lebendig bebildert hat.

Nun sind in dem schmalen Band also Beiträge versammelt von A wie Aas oder Allergie über B wie Badezimmer oder Buddhismus, über Journalismus, Junk Food, Immanuel Kant und Quantenphysik bis zu Y wie Yoga und Yorkshire Terrier. Und die Beiträge, Ihr werdet es an den unten zitierten und exemplarisch ausgewählten Beispielen schnell erkennen können, spiegeln unser Leben in wirklich allen Facetten wieder:

Heißgetränke (…) Ein Mensch, der eine dampfende Tasse vor das Gesicht hebt, versonnen in die Flüssigkeit pustet und dabei herausfordernd den Ellenbogen spreizt, stellt eine Provokation dar, der ein normal veranlagter Haushund nichts entgegenzusetzen hat. Er schiebt die Schnauze unter den abstehenden Arm und reißt den Kopf ruckartig hoch. Homo sapiens verbrennt sich die Finger, Hemd und Hose sind ruiniert, und der Tag ist gelaufen, bevor er richtig angefangen hat. Wie bei vielen alten Riten liegt der Sinn des Spiels im Dunkeln. (S. 62/63)

Hier beschreibt Othello etwas, was ich sehr gut aus meinem Leben kenne: Ich muss es genauso machen. Allerdings weiß ich genau, woher dieses Spiel stammt. Ich habe es nämlich bei unseren Katzen abgeschaut, die das auch so machen, und – im Unterschied zu den Menschen – auch einen Mordsgaudi dabei haben. Apropos Katze, dazu hat Othello gleich mehrere Beiträge versammelt, von denen ich aber nur aus einem zitieren möchte:

Katze-im-Allgemeinen Wer mit -> Mädchen kein Glück hat und Intellektualität nicht in allen Lebenslagen als angemessene Haltung empfindet, kann sich eine Katzenobsession zulegen. Das Faszinierende an diesem Mitgeschöpf besteht in seiner Widersprüchlichkeit: Als Fluchttier übertrifft es die gewagtesten Phantasien des Jägers, als Duellant ist es der reinste Alptraum. Die Katze-im-Allgemeinen sitzt im Rinnstein und putzt sich possierlich. Wenn der Haushund in Sichtweite gerät, verwandelt sie sich in einen gesträubten Halbkreis, verschwindet unter dem nächsten Auto, vor dem der Haushund platt auf dem Boden Stellung bezieht, oder rast auf den Baum, den er bellend umtanzt. Sind weder Baum noch Auto in der Nähe, stellt sich die Katze-im-Allgemeinen auf die Hinterbeine und macht Hackfleisch aus der Hundenase. (S. 82)

Das sind doch schon fast, zumindest zu Beginn des Katzenbeitrages, philosophische Erkenntnisse, die Othello uns zum Grübeln mit in unser Körbchen gibt. So sollte meiner Meinung nach das schmale Brevier in keinem Haushundehaushalt fehlen und es sollte auch immer so griffbereit sein, dass Hund schnell mal etwas nachschlagen kann. So kann Hund auch in beängstigenden Situationen Ratschlag und Expertise einholen, zum Beispiel, wenn plötzliche Koffern oder Taschen auftauchen, die nicht in den normalen Alltag integriert sind:

Tasche, Reise Seismographische Vorrichtung, an der fachkundige Hunde Art und Ausmaß eines bevorstehenden Unglücks ablesen können. Katastrophenforscher identifizieren zwei Kategorien von Schicksalsschlägen: Homo sapiens verreist mit dem Haushund (Stärke 1 bis 5 aus der Richterskala, vgl. -> Reisen, mit Hund), und Homo sapiens verreist ohne den Haushund (Stärke 6 und mehr auf der Richterskala, vgl. -> Reisen, ohne Hund). Dabei ergeben sich zuverlässige Prognoseergebnisse aus dem sogenannten IGI (Inhalt-Größe-Index). Von der Größe einer aus dem Schrank genommenen Tasche lässt sich auf die Dauer des geplanten Aufenthaltes schließen, während der auf dem Bett vorsortierte Inhalt Einzelheiten über die konkrete Gestalt der Reise verrät. (S. 159)

Einen einzigen Kritikpunkt möchte ich vor dem Kauf des Buches zu bedenken geben: Da das Lexikon aus dem Jahr 2005 stammt, sind leider neuere Kontakt- und Aufgabenbereiche des Haushundes, die vor allem mit der starken Verbreitung und Zugänglichkeit der Digitalisierung auch in das Haushundeleben Einzug gehalten haben, noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet worden sind. Hier fehlen ein paar Artikel zum Internet insgesamt, die wunderbare Welt der Katzenfilme auf youtube oder auch erste Reflexionen über bloggende Hunde – immerhin sind ja Hunde als Erzähler in der hohen Literatur durchaus benannt worden.

Trotzdem bleibt abschließend festzuhalten, dass der Erwerb dieses Bandes mit seinen eben gerade nicht auf modische Entwicklungen schielenden zeitlosen Beiträgen eine gute und langfristig lohnende Anschaffung ist, die im Übrigen auch den Menschen sehr gut gefällt, wobei die Menschen die Ernsthaftigkeit der Ausführungen wohl nicht ganz nachvollziehen können, denn sie müssen immer laut loslachen beim Lesen. Und so möchte ich meinen Gastbeitrag hier mit einem letzten Zitat beenden, dem Beitrag zum Thema

Lachen Wenn Haushunde lachen könnten, kämen sie in ihrer Funktion als ständige Begleiter des homo sapiens den ganzen Tag nicht mehr aus demselben heraus. Deshalb hat die pragmatisch veranlagte Evolution entschieden, uns diese Fähigkeit vorzuenthalten. Der Haushund, der die Mundwinkel hochzieht und die Zunge heraushängen lässt, lacht nicht etwa, sondern er schwitzt. Ruft ein Mensch bei diesem Anblick begeistert aus: „Sieh nur, wie er sich freut!“, könnte man das Lachen aus Versehen noch erlernen.“ (S. 95)

Juli Zeh, David Finck (2005): Kleines Konversationslexikon für Haushunde, Frankfurt am Main

9 Kommentare

  1. Hallo Felix,

    dein Gastbeitrag ist dir ausgesprochen gut gelungen, ich habe ihn mit viel Vergnügen gelesen. Wenn dein Frauchen dich lässt, solltest du ruhig öfter in die Tasten hauen. 🙂 Das Buch, das du vorstellst kenne ich schon – ich habe es mir vor einiger Zeit recht günstig im Buchhandel gekauft. Bisher habe ich aber nur quergeblättert – das, was ich bis jetzt gelesen habe, hat mir aber gut gefallen.

    Liebe Grüße
    Mara und Bandit

    • Liebe Mara, lieber Bandit,
      da freue ich mich aber über Euer Lob. Vielen Dank. Ich kann Euch nur empfehlen, noch ein bisschen mehr im Konversationslexikon zu blättern. Vielleicht lest Ihr auch den ein oder anderen Beitrag zusammen, Bandit wird sich sagen „Ja, ja, so ist das…“ und Mara wird sich kringelig lachen. Das ist doch ein schöner gemeinsamer Zeitvertreib. Ich muss jetzt meinen Beitrag schließen, mein Frauchen muss wieder an den PC. Ich habe ja noch keinen eigenen…
      Viele Grüße, Felix

  2. Da ich nicht dazu neige, Bild-Markierung zu hinterlassen, bin ich gezwungen meinen Hut vor diesem Hund via Wort zu ziehen. Dieser Hund sollte nicht Felix, sondern Marcel (P.) heißen. 😉

    • Oh, vielen Dank für das riesige Lob. Ich musste erst mal mein Frauchen fragen, mit wem Du mich da verglichen hast, aber sie hat mir schon ganz deutlich gemacht, was das für ein toller Vergleich ist. Das spornt mich ja eigentlich an, noch einen Beitrag zu schreiben, aber ich habe gerade gar keine geeignete Lektüre, bei der ich mein Expertenwissen so richtig einbringen kann…

  3. Lieber Felix,
    diesen wunderbaren Beitrag hat mein ignoranter Mensch nun monatelang übersehen. Und da ich zu der Sorte Hündin gehöre, die Deinen klugen Satz „Wer sprechen kann hat Telefondienst“ von Beginn an sehr verinnerlicht hat, war es nur dem Zufall zu verdanken, dass er endlich dazu kam, mir Deinen für unsere Menschen doch sehr lehrreichen Text vorzulesen.
    Also: er hat meistens an den richtigen Stellen gelacht. Ich glaube ja, er wusste dabei bloss nicht, dass er über sich selbst gelacht hat.
    Jedenfalls danke ich Dir für diesen klugen Text und soll auch von meinem Menschen recht herzlich grüssen.
    Deine India

    • Liebe India,
      ich habe Dich ja schon auf dem Blog Deines Menschen bestaunt. Du siehst da auch so aus wie eine wilde Hummel, die furchtbar gerne spielt. Super, dass wir nun direkt miteinander schreiben können! Vielen Dank für Deinen schönen Kommentar, da habe ich mich sehr drüber gefreut, denn Bücher zu lesen und zu besprechen ist ja nicht so meine Hauptbeschäftigung. Im Moment lese ich zum Beispiel gar nicht, weil es soooo viele andere spannende Dinge zu erledigen gibt. Aber das Konservationslexikon habe ich richtig gerne gelesen. Da merkt man gleich, dass es von einem Experten verfasst worden ist, der die Welt der Hunde und die der Menschen nicht nur gut beschreibt und erklärt, sondern das auch noch sprachlich sehr gut formulieren kann. Und wenn dann auch noch Dein Mensch lachen musste, dann habt Ihr ja einen schönen Abend gehabt.
      Liebe Grüße von Felix: Wuff, wuff!

  4. Hallo Felix,
    herzlichen Glückwunsch zu dieser gelungenen Buchpräsentation. Das Buch kannte ich noch nicht. Es scheint aber sehr nützliche Hinweise zum Zusammenleben mit den Menschen zu enthalten. Vielen Dank, dass du es uns vorgestellt hast.
    Viele Grüße und ein herzliches wuff, wuff von Ann-Bettina und Sam

    • Hallo Ihr beiden,
      ich komme gerade vom Spaziergang wieder, da finde ich hier Euren Kommentar. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn unter meinem Artikel ist es schon lange sehr ruhig (mein Frauchen ist gerade dabei, mir ein neues Buch aufzudrängen, nachdem ich die „Idylle mit ertrinkendem Hund“ aus Tierschutzgründen abgelehnt habe. Die kommt ja manchmal auf Ideen :-)). — Ich kann es wirklich nur noch einmal unterstreichen, dass das Konversationslexikon ein sehr gutes Buch ist für Hunde, so dass sie sich besser auskennen in der teilwise doch sehr unübersichtlichen (Sprach-)Welt der Menschen. Und, India hat es ja weiter unten geschrieben, es ist besonders schön, wenn Hund und Mensch es zusammen lesen, denn Menschen lachen immer an den für sie „wichtigen“, also entlarvenden Stellen. Das ist dann eine ganz besonders große Freude für uns.
      Viele Grüße und ein fröhliches wuff, wuff, Felix

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