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Shumona Sinha: Staatenlos

Ewas über zwei Jahre ist es her, dass Shumona Sinha mit ihrem Roman „Erschlagt die Armen!“ zum großen Teil begeistert aufgenommen wurde von den Leserinnen und Lesern. Die fulminante Wut-Rede der indischstämmigen Protagonistin, die sich als Dolmetscherin in Asylverfahren aufgerieben fühlt zwischen den Gesetzen der EU, dem Formularwesen der Behörden, den offensichtlich gelogenen Verfolgungsgeschichten der Asylbewerber, die sie von den Schleppern zusammen mit der Transportleistung erworben haben, und ihre offensichtliche Ablehnung, sich den französischen Gepflogenheiten anzupassen, hatte Biss und Witz und zeigte die Komplexität der modernen Völkerwanderungen, die Verlierer auf allen Seiten erschafft.

Shumona Sinhas hat also die Messlatte für ihren neuen Roman „Staatenlos“ durchaus hoch gelegt. Und der Roman lässt sich nun wiederum in dem Teil der Gesellschaft verorten, in der die Menschen leben, die zwischen den Kulturen, dieses Mal der indischen und der französischen, wandern und auf der Suche sind. Aber nicht nur das.

Staatenlos,  „Apatride“, wie der Roman im Original heißt, sind die drei Frauen, aus deren Leben hier vor allem erzählt wird, auf den ersten Blick gar nicht. Marie ist als Baby von französischen Eltern in Indien adoptiert worden. Sie ist Französin, nun aber, erwachsen, auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern in Indien. Ein paar Wochen hält sie sich immer wieder in Indien auf, lernt dort auch Menschen kennen, die sich politisch engagieren, und hilft in Krankenhäusern. Dann reist sie wieder zurück nach Paris, trifft Freunde und Aktivisten. Esha, die Romanfigur, von der der Leser am meisten erfährt, ist Tochter begüterter Eltern, die sich, ausgestattet mit einer guten Ausbildung, ihren Lebenstraum erfüllt und nach Paris zieht. Sie fährt jeden Morgen mit der U-Bahn heraus aus der Innenstadt, wo sie wohnt, in den Vorort, die Banlieue, wo sie an der Schule den bunten Mix der sozial und gesellschaftlich benachteiligten Kinder in Englisch unterrichtet. Und dann ist da noch Mina, die Tochter armer bengalischer Bauern, die wenig Schulbildung hat, und beginnt gegen die Ansiedlung einer Automobilfabrik zu kämpfen, um die Enteignung der ohnehin armen Bauern zu verhindern.

Nein, staatenlos im juristischen Sinne sind alle drei Figuren nicht. Vielleicht sind Marie und Esha „heimatlos“, wie man das Wort auch übersetzen könnte, Mina ist es aber nach dieser Definition nicht. Shumona Sinha meint auch etwas anderes mit diesem Begriff:

„Unser Körper ist unser erster Lebensraum, unsere erste Heimat. Von dem Moment an, wo wir nicht mehr das Recht haben, über unseren Körper zu bestimmen, sind wir Vertriebene – verjagt aus unseren Körpern. Wir sind dann gewissermaßen staatenlos, wie man an den drei Hauptfiguren sieht.“ (Zitat Shumona Sinha)

In diesem Sinne sind die drei Frauen tatsächlich staatenlos und heimatlos, denn alle drei können nicht vollkommen selbstständig über ihren Körper – mithin über sich selbst – bestimmen. Vor allem nicht Mina in Indien, der die archaisch anmutenden gesellschaftlichen Normen jegliche Form der Selbstbestimmung nimmt. Es ist gleich die erschütternde Anfangsszene des Romans, in der Marie von Mina träumt. Und wenn der Leser fassungslos liest, wie Mina in Maries Traum in ihrem Grab erwacht, sich daraus befreit und beschließt, in die nächste Stadt zu gehen, dann will er es noch als üblen Traum abtun. Später, wenn erzählt wird, wie Mina ihren Cousin Sam liebt, mit ihm schläft und, als sie schwanger ist, von einer Hochzeit mit ihm träumt, erkennt der Leser, dass Maries Traum auf sehr wahren Begebenheiten beruht.

Allemal besser als Mina hat es Esha getroffen. Sie hat sich ganz bewusst für ein Leben in Paris entschieden, weil sie die Freiheit und Offenheit der Gesellschaft dem Leben in Kalkutta vorzieht. Zuerst pendelte sie zwischen den Städten hin und her, dann lernte sie einen Mann kennen, bekam eine Stelle als Lehrerin und blieb in Paris. Als sie ein paar Jahre später wieder alleine war, dachte sie, „so glücklicher zu sein, frei und unabhängig, ohne Partner und ohne Kind, ohne Bindung, die sie im Alltag behinderte, und hatte gehofft, dass ihre leidenschaftliche Kenntnis der französischen Sprache, ihr Studium und ihre Arbeit als Lehrerin genügten, um in diesem Land ihren endgültigen und rechtmäßigen Platz zu finden.“

Aber auch in Paris ist längst nicht alles so, wie Esha es sich vorgestellt hat. In der Schule beschimpfen die Schüler ihre Lehrerin wahlweise mit „Du hast mir gar nichts zu befehlen! Ich bin nicht dein Hund!“ oder „Zieh dir ne Burka an!“ und die Schülerinnen lehnen das Lesen von Texten Simone de Beauvoirs ab: „Das ist abartig!“ kommentieren sie den Hinweis Eshas, Beauvoir habe Männer und Frauen gleichermaßen geliebt. Beim Fahren mit der U-Bahn, beim Gehen durch die Einkaufszentren und Straßen muss sie sich immer wieder Blicke gefallen lassen und Bemerkungen wegen ihres exotischen Aussehens oder der fragwürdigen Herkunft ihrer guten Kleidung. Und die Bewilligung ihres Einbürgerungsgesuchs scheint wahlweise von ihrer Bereitschaft zum Sex mit dem Bearbeiter beim Amt oder ihrer Mitarbeit als Spionin gegen den Terrorismus abhängig zu sein.

Für Esha ist die Situation so belastend, dass sie beginnt, häufig umzuziehen, denn manchmal fühlt sie sich regelrecht verfolgt, bis in ihre Wohnung hinein. Sie leidet an ihrer Einsamkeit, weil sie sich für einen anderen Lebensplan entschieden hat als ihre Freunde von der Uni, die geheiratet haben und Kinder bekommen. Sie meint, sich rechtfertigen zu müssen für das Leben ohne Mann und ohne Kinder, meint, dass „sie frei war, [was] bedeutete, dass sie es für alle war, ihre Freiheit war nicht ihre Angelegenheit, sondern die der anderen und wurde bedroht von dem Verlangen der Männer und dem Misstrauen der Frauen.“ Ihre Hoffnung auf ein selbstbestimmtes und glückliches Leben in Frankreich erscheint ihr mehr und mehr als Hirngespinst.

Auf der ganz persönlichen Ebene der Figur Esha lässt sich sicherlich keine Kritik an ihrem Empfinden üben. So hoffnungsfroh wie Mina bis zum bitteren Ende ihres Lebens ist, so sehr sie immer wieder Zeichen sieht, dass sich alles für sie fügt, auch wenn schon ihre Eltern ihr das Zusammenleben aufkündigen und sie vor die Türe setzen, so mag Esha mehr und mehr unter ihren Lebensbedingungen in Paris leiden.

Auf der gesellschaftspolitischen Ebene, auf der Sinhas Roman „Erschlagt die Armen!“ aber eben auch so überzeugend funktionierte, weil sie die systemische Problematik des Asylrechts durch ihren Erzählansatz so klug darlegen konnte, funktioniert ihr neuer Roman jedoch nicht. Das liegt vor allem an der Konzeption des Romans, der gleich Einblicke gewährt in Leben, Denken und Fühlen dreier Frauen.

Deren Leben und die Qualität ihrer Probleme mit Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Selbstbestimmung aber sind höchst unterschiedlich. Natürlich sollen die drei Leben verschiedene Facetten der „Staatenlosigkeit“ zeigen, sollen deutlich machen, dass auch der Ausweg in den Westen, durch eigene Entscheidung wie bei Esha oder durch Adoption wie bei Marie, eben auch nicht die Lösung aller Probleme darstellt. Dabei werden die Geschichten der drei Frauen aber in unterschiedlicher Ausführlichkeit berichtet: Marie spielt eher eine Nebenrolle, dient gewissermaßen als – konstruktionsbedingt notwendiges – Bindeglied zwischen Esha und Mina, sodass dem Leser ihre „Staatenlosigkeit“ kaum nahe kommt. Und auch wenn Mina sicherlich die interessantere Geschichte hat, kommt auch ihr neben Esha nicht die erzählerische Bedeutung zu, die sie, auch angesichts der Thematik, verdient hätte.

Ja, Rassismus und Sexismus gibt es auch in der liberalen Gesellschaft, auch „im Westen“ ist die Entwicklung zu Gleichberechtigung, Toleranz und Respekt längst noch nicht abgeschlossen. Trotzdem, und darin immerhin unterscheidet sich Paris von Kalkutta, kann Esha einen Mietvertrag alleine unterschreiben, kann arbeiten und ihr Geld wieder ausgeben, nach Lust und Laune. Sie scheint auch so begütert zu sein, dass sie in ihrem Einbürgerungsverfahren gegen den übergriffigen Beamten auch eine rechtliche Beratung nutzen kann. Und so liegt der zweite Schwachpunkt des Romans gerade in diesem Vergleich der Lebensoptionen. Eshas und Minas Probleme aber sind keineswegs vergleichbar. Im Gegenteil – ein Vergleich beider Leben und der jeweiligen Lebenssituationen verbietet sich geradezu, wenn Forderungen nach weiteren Verbesserungen weiblicher Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft nicht ausgerechnet am Vergleich mit den Zuständen in anderen Ländern scheitern sollen.

Die konzeptionelle Stärke, die „Erschlagt die Armen!“ auszeichnete, sie entfaltet sich in „Staatenlos“ gerade nicht.

Shumona Sinha (2017): Staatenlos, aus dem Französischen übersetzt von Lena Müller, Hamburg, Edition Nautilus

4 Kommentare

  1. Hallo Claudia, „Erschlagt die Armen“ liegt hier leider immer noch ungelesen. Und so bin ich erleichtert, dass ich den von dir gerade vorgestellten Roman der Autorin mir erst gar nicht auf die Liste setzen möchte. Irgendwie erscheint mir auch die Grundidee zu sehr eine offensichtliche Versuchsanordnung. Zum Glück ist die Krimireihe, in der ich gerade abgetaucht bin, bald ausgelesen, dann kommen hoffentlich auch wieder andere Bücher zum Zuge. LG, Anna

    • Liebe Anna,
      die Vielschichtigkeit eines Problems darzustellen, ist Shumona Sinha bei „Erschlagt die Armen!“ gut gelungen. Aber es hat auch damals schon negative Stimmen gegeben, Kai zum Beispiel mochte es längst nicht so wie ich. Und nun versucht Sinha es eben mit den drei Frauenleben, was tatsächlich eine etwas „offensichtliche Versuchsanordnung“ ist. Ich habe mich beim Lesen lange gefragt, was mich stört, denn das Thema ist ja durchaus wichtig, ist durchaus real. Mal von der sprachlichen Gestaltung abgesehen, die mich dieses Mal auch nicht so gepackt hat, denke ich eben, dass es dieser Ansatz ist, dass der Leser durch die parallel erzählten Lebenswege sofort den Vergleich vor Augen hat. Und so lässt sich in diesem Fall Vielschichtkgeit eben nicht herstellen.
      Ich bin jedenfalls gespannt, ob du dich nach deiner spannenden Krimireihe – was liest du denn? – für Shumona Sinha entscheidest und vor allem auch, was du über deine Lektüre schreibst.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia, mit großer Aufmerksamkeit lese ich Deine differenzierte Kritik. „Staatenlos“ habe ich noch nicht gelesen, meine Erwartungen sind aber enorm, schließlich war „Erschlagt die Armen!“ ein Ausnahmebuch. Mir geht es wie Dir, die Dinge so nebeneinander zu stellen ist schwierig, letztlich will ich aber selbst lesen, wie Shumona Sinha das wirklich macht. Bei ihrer Lesung in Berlin hatte ich nicht den Eindruck, das eine gegen das andere auszuspielen, sondern die einzelnen Leben jedes für sich zu betrachten. Aber, wie gesagt, ich lese selbst und mach mir ein Bild. Danke für Deine Rezension! Liebe Grüße, Tobias

    • Lieber Tobias,
      ich habe schon beim Lesen und Schreiben von „Staatenlos“ immer an deinen Bericht der Lesung von Shumona Sinha gedacht und daran, wie positiv du über die Autorin und den neuen Roman geschrieben hast. Und nach dem letzten Roman habe ich ja auch hohe Erwartungen gehabt. Aber irgendetwas hat mich gestört beim Lesen. Und ich denke, es ist eben die Konzeption, die hier nicht überzeugt, weil jedes Leben zu pauschal erzählt wird und sich durch das Nebeneinanderstellen der Geschichten auch ein Vergleich ergibt.
      Ich habe mich auch die ganze Zeit gefragt, ob ich überhaupt Kritik üben kann an den Erfahrungen Eshas, Erfahrungen, die ich eben nicht nachvollziehen kann, weil ich als Frau zwar die dummen Blicke kenne, aber natürlich nicht die Blicke und Sprüche, die sich auch noch aus dem anderen Aussehen ergeben. Esha fühlt sich dadurch in ihrer Persönlichkeit gekränkt und missachtet – und das ist auf jeden Fall richtig und nachvollziehbar. Auf der anderen Seite aber sind ihre Meinungen und Deutungen sehr pauschal und holzschnitzartig – und die Sprache ist es in diesem Roman auch. Die erzählten Verhältnisse in der Schule kommen einer Bankrotterklärung des Schullsystem gleich, dass Esha sich als kinderlose Frau meint, immer erklären und rechtfertigen zu müssen, ist mir auch ein bisschen viel Gesellschaftskritik. Dass unsere Gesellschaften immer im Wandel sind, dass wir immer wieder ringen müssen um Freiheit, Gleichberechtigung und Toleranz, auch um Demokratie, wird dabei zu wenig thematisiert. Und dann steht eben Eshas Geschichte in Paris der Geschichte Minas gegenüber, die ja gleich auf den ersten zwei Seiten erzählt wird und ein ziemlich dramatischer Einstieg in den Roman ist.
      Ich bin jedenfalls gespannt, wie „Staatenlos“ auf dich wirkt. Und ob sich dann eine vielleicht heftige Diskussion über den Roman ergibt, weil du ihn ganz anders siehst. Noch einmal deine Sicht auf den Roman zu lesen, würde mich also sehr freuen.
      Viele Grüße, Claudia

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