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Norbert Scheuer: Am Grund des Universums

Nach den Leseausflügen nach Paris, New York, Istanbul und wiederum Paris könnte die Eifelgemeinde Kall, in der die Romane Norbert Scheuers angesiedelt sind, kaum gegensätzlicher sein. Aber auch wenn dort alles einige Nummer kleiner ist als in den Weltmetropolen, so sind die Fragen der Menschen an das Leben, ihre Lebenspläne, ihr Glück und ihr Unglück, ihre Liebe und ihr Verrat doch gar nicht so verschieden zu den Problemen der Großstadtbewohner. Die Rolle von Wolkenkratzern, Museen und Galerien, Parks und U-Bahnen übernimmt die Landschaft, die das Leben der Menschen, ihre Träume und ihre Erzählungen prägt. Von einer übersichtlichen Menschenschar in Kall erzählt also Norbert Scheuer in seinem Roman und zeigt im Kleinen, dass es hier keineswegs ums Provinzielle geht, sondern durchaus um die großen und wichtigen Themen des Lebens.

Wer nach Kall reisen möchte, der nimmt in Köln den Zug in Richtung Trier. Fährt durch Bad Münstereifel und dann durch den Tunnel, hinter dem das alte Bergbaugebiet anfängt, das Kall vor Jahrzehnten zu einer wohlhabenden Gemeinde gemacht hat. Die aufgelassenen Stollen, Gänge und Höhlen, das Unsichtbare unter der Erde, es sorgt noch heute für immer neue Geschichten, die geheimnisvoll sind, magisch, ein bisschen verrückt. Immer noch gibt es die Geschichte vom legendären Silberschatz der Bergwerksgesellschaft, auf deren Suche schon manch einer in den Stollen verschwunden ist. Und auch der nahe See und die Urft bilden den Hintergrund und den Ausgangspunkt großer Abenteuer- und Liebesgeschichten.

Viele Geschichten kursieren immer noch. Von Lünebach zum Beispiel, der als Betriebselektriker im Zementwerk für die Technik zuständig und dann ein paar Jahre auf Montage war. Nun, in Frührente, hat er den verwahrlosten Hof der Eltern übernommen. Hier will er seiner Idee nachgehen und ein Raumschiff bauen, mit dem er bis zum Ende des Universums fliegen kann.

„Gefunden hatte Lünebach seine Raumkapsel in einem stillgelegten Steinbruch am Dorfrand von Keldenich; es war ein rostiger zylindrischer Bunker, in dem die Arbeiter während der Sprengungen Schutz vor Steinschlag gesucht hatten. Lünebach hatte mit einem Schneidbrenner zwei Löcher als Bullaugen in den Eisenmantel geschnitten, verkleidetet ihn mit hitzebeständigen Kacheln, die als Schutzschild beim Eintritt in die Lichtjahre entfernten Atmosphären dienen sollten.“

Nicht nur Lünebach zieht es fort aus Kall, auch andere Personen sind weggegangen – oder verschwunden. Sophia Molitors Vater, der letzte Bergwerksdirektor verschwand, vielleicht in den Stollen, wie andere Schatzsucher. Ihr Mann Eugen kam später nicht mehr aus China zurück. Auch Ninas Mutter ist verschwunden, nachdem sie Tochter und Sohn Gregor zu den Eltern nach Kall gebracht hat. Später, so erzählt Nina, hat sich ihr Bruder mit dem Faltboot des Großvaters bei Hochwasser auf der Urft aufgemacht zum Meer, um nach den Eltern zu suchen. Die Mutter fahre bestimmt auf einem der Kreuzfahrtschiffe und spiele für die Gäste auf ihrer Geige.

Weggegangen ist auch Paul Arimond. Ausgerechnet er, der stundenlang am See die Vögel beobachtet hat, ist als Soldat nach Afghanistan gegangen. Dort wurde er schwer verletzt, als der Mannschaftsbus auf dem Weg zum Flughafen auf eine Mine fuhr. Lange hat Paul gebraucht, um wieder gesund zu werden. Ist zwischendurch zurück gekommen nach Kall, im Rollstuhl, um dann weiter zu fahren nach Koblenz ins Bundeswehrkrankenhaus. Später hat er dann in Köln Biologie studiert und hat in Brasilien Vögel beobachtet. Nun, im Spätsommer 2014, kehrt er wieder zurück nach Kall und wird auch Nina wieder treffen, die ihm in den letzten Jahren Briefe geschrieben hat.

Darin hat sie erzählt, was passiert in Kall. Von den Grauköpfen zum Beispiel, den Rentnern Kalls, die sich jeden Morgen im Café des Supermarktes treffen und sich bei Kaffee und Brötchen die Neuigkeiten des Ortes berichten. Sie erzählen sich zum Beispiel die Geschichten von Vincentini, der sich bei Sophia Molitor eingemietet hat und über Land fährt, um den Menschen eine Behandlung mit seinem elektrischen Akupunkturgerät anzubieten. Dieses Gerät, Perseus genannt, ist ein wahres Wunderwerk, denn es helfe bei „Angstzuständen, Bluthochdruck, Bronchitis, Depressionen, Frigidität, Hautleiden, Herzschwäche, Verstopfung, Impotenz und sogar bei Verblödung.“

Die Grauköpfe erzählen auch von Lünebach, der aus seiner Raumkapsel Nachrichtenzettel abgeworfen habe und darauf von den Erlebnissen seiner Reise vom Grund des Universums erzählt. Sie erzählen vom Friseur Delamot, der die Haare der Kunden immer in ein Loch im Fußboden unter dem Abfalleimer gekehrt habe. In einem großen Kellergewölbe, das bestimmt mit den Stollen der Erzminen verbunden sei, habe er über die Jahre die Haare aller aus Kall und Umgebung gesammelt, die jemals in seinen Frisiersalon gekommen seien. Und bestimmt habe er immer wieder in all diesen Haaren gebadet und liege nun wahrscheinlich dort unten wie eine Schmetterlingslarve. Die Grauköpfe sammeln und erzählen wahre Begebenheiten, geben den Gerüchten einen ansprechenden Rahmen und unterhalten sich mit magischen Geschichten.

Und ihr ganz besonderes Interesse weckt natürlich das neue Bauvorhaben in Kall. Es soll nämlich der See erweitert werden, um dort eine Freizeitanlage zu errichten. Der Bauunternehmer Caspary und der stellvertretende Sparkassenleiter Raimund Molitor treiben diese Idee voran, sie wollen wieder Aufschwung, Wohlstand und Arbeitsplätze in die gebeutelte Provinz bringen. Und die Grauköpfe?

„Einige der alten Männer sind der Meinung, die Region könne nur davon profitieren, andere denken, wenn Caspary etwas in die Hand nehme, könne es eigentlich nur in einem Desaster enden – schließlich habe er schon mehrmals mit seinen Baufirmen Konkurs anmelden müssen.“

Norbert Scheuer erzählt – einerseits – an der Chronologie des Freizeitprojektes entlang, erzählt von den ersten Vorträgen und Präsentationen im Ratssaal, von den Politikern, die sich gerne überzeugen lassen, den umweltrechtlichen Gutachten, den Bauarbeiten und den Aufkäufen von Grundstücken entlang des Sees. Das ist die ganz reale Welt. Zwischendurch aber erzählt er auch von Ninas Kindheit und ihrer besonderen Erkrankung, erzählt von Sophias Interesse an der chinesischen Kultur, von alten Gasthöfen und unerhörten Liebschaften, erzählt von Legenden und Träumen. So entsteht auf der einen Seite eine Vielstimmigkeit, so, als würde ein ganzes Dorf gleichzeitig sprechen und als käme es auf die richtige Verankerung der Geschichte in der Realität und in der Zeit gar nicht an. Dieses Erzählen führt aber auch dazu, dass sich die vielen Mosaiksteinchen, die sich durch dieses Erzählen ergeben, für den Leser erst im Laufe der Geschichte zu einem kompletten Bild zusammensetzen. Und so manche Geschichte kommt auf überraschende Weise zum Ende, als nach dem Ablassen des Wassers vom Grunde des Sees so manche bedeutenden Gegenstände geborgen werden.

Scheuer hat viele seiner Romane in Kall angesiedelt. So kann man wohl sagen, dass sich im Laufe der Zeit ein kleinstädtischer Kosmos ergeben hat, der immer wieder an verschiedenen Stellen ausgeschärft und ergänzt werden kann. So gibt es auch hier Figuren, die in anderen Romanen schon einmal aufgetaucht oder eine wichtigere Rolle gespielt haben, die man nun wiedererkennt, vielleicht in ihrem familiären Kontext einordnen kann. Das ist aber nicht wichtig, denn auch wer keinen Kall-Roman vorher gelesen hat, wird hier auf seine Kosten kommen.

Und auch wenn Scheuers Sprache so leicht und luftig daherkommt und doch so genau, so mystisch und magisch und doch so real, so knapp und präzise und doch so komplex, so treibt die ganz reale und banale Wirtschaft die Geschichte voran, die Gier und der Wille zur Macht auf der einen Seite, auf der einen Seite die Hoffnung, ein größeres Stück vom Wohlstandskuchen mitzubekommen.

Es ist schade, dass Scheuers Roman im letzten halben Jahr so wenig in den Feuilletons, auf den Blogs und auch bei den Buchpreisen eine Rolle gespielt hat. Für mich ist der Roman eine wirkliche Entdeckung gewesen und ich reise bestimmt noch ein paar Mal – zumindest in Romanen – nach Kall.

Norbert Scheuer (2017): Am Grund des Universums, München, Verlag C.H. Beck

Eine weitere Rezension gibt es hier zu lesen.

10 Kommentare

  1. Vielen Dank für deine feine Besprechung, liebe Claudia! Ich habe noch keines der Bücher von Nobert Scheuer gelesen, habe aber jetzt so richtig Lust auf eine Reise nach Kall bekommen. Würdest du denn diesen Roman als Einstieg empfehlen oder eher einen anderen? Liebe Grüße aus dem frühlingshaften Hamburg!

    • Liebe Maren,
      der „Grund des Universums“ ist ja auch mein erster Lesekontakt mit Norbert Scheuer. Deswegen kann ich gar nicht sagen, welcher Roman als Einstieg besonders geeignet ist. Ich denke, man kann mit jedem anfangen, weil jeder für sich alleine wirkt. Und wer sich dann häufiger aufmacht nach Kall, der wird dann im Laufe der Zeit ein immer komplexeres Bild der Menschen, ihrer Verbindungen untereinander und ihrer Lebensläufe finden. – Und ich könnte mir gut vorstellen, dass dir auch dieser ruhige, aber sehr genaue Blick (eben der Blick mit dem Fotografenauge :-)), mit dem Scheuer die Leser durch Kall und die Leben der Protagonisten führt, auch sehr gut gefällt.
      Liebe Grüße aus dem auch frühlingshaften Wuppertal, Claudia

      • So, auf der Leseliste steht der „Grund des Universums“ jetzt schon mal… Herzliche Grüße aus dem inzwischen ziemlich grauen Hamburg!

  2. Hallo Claudia, ich erinnere mich nur bruchstückhaft an seinen Roman Überm Rauschen, ich fand ihn wohl ein wenig dröge. Der von dir vorgestellte Roman klingt interessanter und sehr nah an der Wirklichkeit. LG, Anna

    • Liebe Anna,
      wenn du mit „dröge“ diese sehr ruhige, sehr zurückgenommene, aber im Detail sehr genaue Erzählstimme meinst, die aus einem Nest in der Provinz erzählt, in dem ja nicht gerade viel Spektakuläres los ist, in dem die große Welt also mehr am Rande vorkommt, dann stimmt das so auch für den „Grund des Universums“. Mir hat diese Art des Erzählens, die ja irgendwie auch von der Besonderheit der Sprache lebt, aber sehr gut gefallen. Und die Art, wie sich die einzelnen Geschichten der Kaller, die mich zunächst fast überfordert haben, weil ich sie kaum zuordnen konnte, im Laufe des Lesens wie ein Mosaik Steinchen für Steinchen zusammensetzten, fand ich auch toll. Nun gilt es mal zu schauen, wie Scheuer in den anderen Romanen erzählt, ob jeder Roman – wenn auch in Kall angesiedelt – doch ein neues Erzählkonzept probiert oder dies eine in allen Romanen die Grundlage bildet. Wir könnten ja ein kleines Leseprojekt daraus machen: Du versuchst dich am „Universum“ und ich versuche es mit „Überm Rauschen“.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Ein schöner Beitrag. Vor allem wenn man den Autor gut kennt (ein Semester lang ein Seminar bei ihm besucht) und auch seine Werke fast alle gelesen hat.
    Zu empfehlen ist auch sein „Bildband“ eine Mischung aus Texten und Collagen eines befreundeten Künstlers.

    • Vielen Dank für die Empfehlung. Werde ich mir gleich mal anschauen. – Auf das Seminar bin ich ja ein wenig neidisch. Es ist wirklich schade, dass man nach dem Studium kaum noch Gelegenheit hat, sich auf so eine intensive Arbeit auch noch mit einem Autor – ich stelle mir das ja auch ziemlich inspirierend vor – einlassen zu können.
      Mit Anna von Buchpost habe ich ja gerade darüber diskutiert, dass die Ereignisse in Kall sehr zurückgehalten erzählt werden, beiläufig fast. Und dass das auch ein Stück langatmig wirken kann. Es würde mich interessieren, wie diese Art des Erzählens auf euch wirkt. Mögt ihr ein bisschen darüber erzählen und berichten?
      Viele neugierige Grüße, Claudia

      • Hallo,
        intensiv war der Kurs leider weniger. Jedoch ist er ein sehr sympathischer Mensch und freut sich, wenn andere ihm erzählen, was sie alles in seinen Geschichten entdecken. Er war also eher Neugierig auf unsere Gedanken.
        Gerne würden wir auch mehr dazu erzählen. Immerhin haben wir mehrere Bücher gelesen. Was mir an der Erzählweise vor allem auffiel war, dass besonders negatives fast überspielt wurde. Da ich auch in der Nähe von Kall wohne und eine Bekannte mit eben der erwähnten Bahn dort durch fuhr, wissen wir, dass diese Tristess des Ortes sehr realistisch ist, was sich mit der natürlichen Schönheit des Ortes beißt.
        Viele Grüße Dana

  4. Es gibt ja keine „Provinz“ (im Grunde ein Ausdruck, geboren, damit „Städter“ sich abheben können vom Landvolk), und meist ist das Leben auf dem Land doch viel abwechslungsreicher – weil die Menschen da nicht in der Anonymität versinken, weil dann doch die Toleranz da ist, dass man „Typen“ gelten lässt und ihnen ihre Raumschiffträume nicht austreibt. Oder verkläre ich jetzt die Provinz? Gleichwohl, ich finde es schön, dass es den „Provinzroman“ gibt, sei es nun Grenzgang von Stephan Thome oder Unterleuten von Juli Zeh. Ich denke, ich muss jetzt literarisch auch mal nach Kall reisen. Danke für die schöne, ansprechende Buchvorstellung!
    LG Birgit

    • Ich glaube nicht, liebe Birgit, dass du die Provinz „verklärst“. Und Scheuer tut es auch nicht. Es ist ja schon so, dass die Kaller ihren Nachbarn ihre Schrullen lassen – das wird bei Lauterbachs Raumschifffantasien sehr schön dargestellt. Und die Provinz – und hier ist es noch besonders die Landschaft und die Reste des Bergbaus – führt ja auch zu solchen schönen geheimnisvollen Erzählungen, von versteckten Schätzen, auf deren Suche der eine oder andere verloren geht, oder von den Haaren, die der Friseur im Keller „sammelt“, um darin zu baden. So eine Art des Erzählens, in der es ja auch ein bisschen magisch wird, passt eben ganz besonders gut in die abgeschiedeneren Gegenden, in denen die Menschen möglicherweise auch mehr voneinander wissen, bestimmt auch mehr übereinander erzählen und dann auch Leerstellen in Geschichten mit eigenen Fantasien auskleiden. Und dies Leichte, Schwebende, Geheimnisvolle, manchmal auch etwas Verrückte, spielt bei Scheuer eine wesentlich größere Rolle als bei Juli Zehs, die ja einen sehr realistischen Ansatzfür ihren Roman „Unterleuten“ gewählt hat. Ich bin gespannt, ob du auch nach Kall kommst und darüber vielleicht auch berichtest.
      Viele Grüße, Claudia

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