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Tanguy Viel: Selbstjustiz

Tanguy Viels Roman hat viele Ähnlichkeiten mit Norbert Scheuers Roman vom „Grund des Universums“. Wie Scheuer hat Viel seinen Roman in der Provinz angesiedelt, am bretonischen „Ende der Welt“, im Finistère, in der Nähe von Brest, an der Küste mit dem oft grauen Wetter, dem rauen Atlantik, dem Kreischen der Vögel. Wie bei Scheuer gibt es auch hier einen Immobilienmakler als Inkarnation des Raubtierkapitalismus, der den Politikern und den Bewohnern der vom Strukturwandel geplagten Region – hier ist es die Marinebasis, die mehr und mehr Mitarbeiter mit jeweils schönen Abfindungen entlässt – das Blaue vom Himmel verspricht. Und wie bei Scheuer spielt auch hier die Natur eine große Rolle, die Landschaft, das Wetter und das Meer, die allesamt ihre Spuren bis in die Erzählungen, bis in die Sprache der Menschen hinterlassen haben.

Der Immobilienentwickler heißt Antoine Lazenec und kommt mit perfekt geputzten spitzen Schuhen, in schwarzer Anzugjacke und mit nach Pariser Art offen stehendem Hemd, vor allem standesgemäß in einem cremefarbenen Sportwagen zur Ortsbesichtigung. Wenn er das „Schloss“ des Ortes, eigentlich nur ein großes Haus in prominenter Lage oberhalb des Hafens, samt Gartenanlage erwerben könne, dann, so malt er den vom Strukturwandel gebeutelten Menschen im Ort aus, würde er dort einen Immobilienkomplex, bestehend aus mehreren Häusern und bis zu 30 Eigentumswohnungen, hochziehen. „Residenz Goldener Sand“ nennt er gar sein Projekt vollmundig und es soll nicht mehr und nicht weniger sein als die Initialzündung zur Entwicklung des Ortes zu einem Seebad wie das von St. Tropez, als Beginn einer touristischen Erschließung mit Arbeitsplätzen und Wohlstand. Da kann die Politik, allen voran der sozialistische Bürgermeister Martial Le Goff, dem gesunden Menschenverstand, dem Wissen um das oft stürmische und graue Wetter und allen anderen guten Vorsätzen zum Trotz nicht widerstehen. Das detailreich gearbeitete Modell der Residenz, das Lazenec dann auf einem Event mit allen üblichen öffentlichkeitswirksamen Zutaten vorstellt, überzeugt auch den letzten Zweifler, der sich dann doch von der so schönen Idee, einen kleinen Zipfel des Wohlstands ergattern zu können, berauschen lässt.

Dieser Zweifler ist Martial Kermeur, der im Gartenhaus des „Schlosses“ den Aufgaben eines Gärtners und Hausverwalters nachgeht und ein sehr bescheidenes Leben lebt. Früher saß er mal für die Sozialisten im Stadtrat, kennt daher den amtierenden Bürgermeister noch ganz gut, hat aber nun das Interesse an der Kommunalpolitik verloren und mag nicht einmal mehr die Zeitungen lesen. Seine Frau hat ihn vor geraumer Zeit verlassen. So lebt er mit seinem pubertierenden Sohn Erwan zurückgezogen im Gartenhaus. Und auch er hat eine hübsche Abfindung von der Marinebasis erhalten – von der er sich ja eigentlich seinen Traum von einem Fischerboot erfüllen wollte. Aber auch er lässt sich blenden und kauft statt des Bootes eine kleine Wohnung in der Parkresidenz und träumt von einem bescheidenen Wohlstand.

Es stimmt schon: Kermeur ist der geborene Verlierer. Und damit es auch jeder Leser versteht, hat Tanguy Viel ihm auch noch den vergessenen Lottoschein angedichtet, den Lottoschein, den Kermeur vergessen hat abzugeben und dessen Zahlen, die er wieder und wieder getippt hatte, nun endlich gezogen werden. Grund genug für France, Kermeurs Frau, ihn nun endlich zu verlassen. So deutlich hätte der Autor den Leser sicherlich nicht darauf stoßen müssen, dass er es mit Kermeur nicht nur mit dem sprichwörtlich „kleinen“ oder „einfachen“, sondern vor allem auch mit dem ehemals politisch engagierten, nun aber von den Zeitläufen desillusionierten und frustrierten Mann zu tun hat, der sich in seiner Zurückgezogenheit, in seiner Passivität eingerichtet hat.

Aber der Leser lernt Kermeur erst einmal ganz anders kennen, als Mörder, der einen anderen Mann über die Reling des Fischerbootes geschubst hat und darüber recht sachlich, distanzierte und reflektiert erzählt. Und dabei so interessant und sympathisch erscheint, dass der Leser sofort neugierig ist und wissen will, was diesen Mann, der seine Umgebung so detailliert und genau beschreiben kann, zu einem Mord getrieben hat.

„Er selbst holte den Hummer heraus und warf ihn in den Eimer, schwungvoll genug, dass ihn die Zangen nicht erwischten, die jetzt an den Plastikrändern schabten, er, stolz wie Artaban, dass er einen Hummer gefangen hatte, er sagte zu mir: Kermeur, das ist mein erster Hummer, den schenke ich Ihnen.

Ich könnte heute nicht mehr sagen, ob es an diesem Satz lag oder an einem anderen, ich weiß nur, kurz darauf sah ich zu, wie er mit seinem schweren Armen auf das Meer einschlug, der Schaum, den er herumschaufelte, ließ mich gleichgültig.“

Martial Kermeur sitzt seinem Richter gegenüber, als die Erzählung beginnt. In der intimen Atmosphäre eines Dialogs erzählt Kermeur, wie es zu dem Mord an Lazenec gekommen ist, erzählt dem Richter die ganze Geschichte des Immobilienbetrugs von Anfang an, erzählt, dass ja nicht nur er selbst und andere private Anleger an dem Betrug finanziell zugrunde gegangen sind, sondern auch Gelder der Stadt in der Baugrube verschwunden sind. Ein Drama, das den Bürgermeister Le Goff als letztes Mittel in die Selbsttötung trieb. Der Richter, vielleicht der erste, der wirklich zuhört, lässt Kermeur erzählen, fragt nach, wie es zu diesem Immobilienskandal kommen konnte, wie Lazenec es schaffte, die Investoren über Jahre hinzuhalten und wie er das Geld, das er gerade für den Verkauf einer weiteren Wohnung eingenommen hatte, vor den Augen der Bevölkerung verschleuderte, statt endlich mit dem Bau zu beginnen.

Fast wie ein Therapeut wirkt der Richter manchmal, der alle Facetten des persönlichen Unglücks kennenlernen möchte. Und der manchmal selbst auch so in Rage gerät, wie es wohl kaum in seiner Rolle als Richter angemessen ist. „Kermeur, verflucht noch mal, Kermeur, wie konnten Sie nur?, und zugleich ließ er die Faust auf den Schreibtisch krachen, beinahe hätte er in seiner Wut die Dokumente von der Platte gewischt.“ Da hatte Kermeur erzählt, wie er sich endlich entschloss, eine kleine Wohnung zu kaufen.

Und wie der Richter, so steht auch der Leser auf der Seite Kermeurs, versteht, warum er diesen Mord begangen hat und wundert sich nicht im geringsten, wie er zu einem derart verwerflichen moralischen und vor allem auch offensichtlich nicht gesetzeskonformen Urteil kommen kann. Dabei ist es wohl nicht nur die auf der einen Seite kriminelle, auf der anderen Seite psychologisch komplexe Geschichte, die den Leser auf die vermeintlich falsche Seite zieht. Es ist sicherlich auch die Art und Weise wie Kermeur erzählt. Da reichen ein paar Bemerkungen, wie Pinselstriche fast, und der Leser hat ein ganzes Bild vor Augen. Da sind Sturm und Regen, da ist die Landschaft und das Meer, die alle immer wieder als Bilder in seine Erzählung hineindrängen und so für die geografische Verortung der Geschichte sorgen.

Auch wenn vielleicht die Geschichte des Betrugs in diesem Fall ein bisschen zu einfach erscheint, wenn vor allem nicht ganz nachvollziehbar ist, warum Lazenec es so viele Jahre so treiben kann, ohne dass ihm die Justiz einen Strich durch die Rechnung macht – ähnliche, wenn auch komplexere Fälle, wie Einzelpersonen und Stadtkämmerer das mühsam zusammengesparte Silber einem windigen Investor anvertrauen, kennen wir zur Genüge. Deshalb können wir Kermeurs Wut und Verzweiflung, seine Schuld und seine Scham so gut nachvollziehen.

Dass der Richter dann doch noch ein Ass aus dem Ärmel zieht, ein Ass, das es so wohl nur in der französischen Rechtssprechung gibt und auf das der französische Originaltitel viel mehr als die deutsche Hilfskonstruktion hinweist, gibt der Geschichte noch einmal einen ganz besonderen Schwung. Und beweist wieder einmal, dass auch in der vermeintlichen Provinz die Konflikte der großen Welt verhandelt werden.

Tanguy Viel (2017): Selbstjustiz, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Berlin, Wagenbach Verlag

2 Kommentare

  1. Das macht neugierig, liebe Claudia. Während ich nach deiner eingehenden Beschreibung das Gefühl hatte, die Geschichte um Immobilienbetrug, enttäuschte Hoffnungen und viel, viel Regen an der bretonischen Küste gar nicht mehr lesen zu müssen, wüsste ich jetzt doch gerne, welches Ass da im Ärmel der französischen Justiz steckt. Dazu muss ich dann wohl doch den ganzen Roman lesen … Wobei Selbstjustiz die Probleme des Kapitalismus auch nicht lösen kann.
    Vielen Dank für die interessante und anregende Besprechung und schöne Grüße
    Elisabeth

    • Liebe Elisabeth,
      da scheint mein Spannungsbogen ja geklappt zu haben: erst die Handlung skizzieren und dann neugierig machen darauf, wie der Richter die Situation löst :-). Die Lektüre lohnt sich aber auf jeden Fall, denn es geht hier ja auch um Martial Kermeur und seine (psychologische) Situation. Und er verübt nicht Selbstjustiz, weil er von der Dreistigkeit des finanziellen Betrugs so getroffen ist, sondern weil Lazenec ihm auch auf anderen Ebenen, nämlich in seinem Verhältnis zu seinem Sohn, zu nahe kommt. Vielleicht findest du ja auch Gefallen an „Selbstjustiz“.
      Viele Grüße, Claudia

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