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John Lanchester: Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückbezahlt. Die bizarre Geschichte der Finanzen

Lanchester_SchuldenWer etwas wissen möchte über die Hintergründe von Bankenkrise, Finanzkrise und Eurokrise oder wer etwas erfahren möchte über die Begriffe Eigenkapitalisierung von Banken, Derivate, Swaps, Subprime-Hypotheken, das AAA der Ratingagenturen und die Immobilienblase, der kann dies alles nicht nur als äußerst kenntnisreich und spannend beschriebene Geschichte der letzten Jahre, sondern vor allem auch auf geradezu unterhaltsame Art und Weise in John Lanchesters Essay mit dem etwas sperrigen Titel „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückbezahlt“ nachlesen.

Im Spätsommer des Jahres 2007 begann John Lanchester, sich mit der Finanzindustrie, ihren Produkten, ihrem Geschäftsgebaren und ihrer Entwicklung zu beschäftigen. Es war die Zeit, in der Kunden ihre Bank Northern Rock stürmten, um möglichst alle Guthaben abzuräumen. Damit brachten sie die Bank in so massive Bedrängnis, dass das Institut wenige Monate später Schutz unter dem weiten Mantel des Staates suchen musste. Lanchester recherchiert seitdem das Ge-schehen um Börsen, Wertpapier- und Immobilienhandel und hat somit die Finanzkrise von Beginn an beobachtet. Verarbeitet hat er seine Erkenntnisse nicht nur in Artikeln für den New Yorker und die London Review of Books, sondern auch in seinem Roman „Kapital“, in dem er von den (Wert-)Veränderungen der Häuser in der Pepys Road in London erzählt und einen Protagonisten er-schaffen hat, Roger, der ganz typische Charakteristika eines Bankers aufweist und der insofern an einem ähnlichen selbstüberschätzenden Realitätsverlust leidet wie auch Bernhard Milbrandt in Sascha Rehs Roman „Gibraltar“.

Lanchester breitet in seinem Essay vor dem Leser die Geschichte der Deregulierung der Banken und Nicht-Banken, das sind andere finanznahe Institutionen wie Bausparkassen und Versicherungen, aus, die zum Ende der 1970er Jahre und den Regierungszeiten von Thatcher in Großbritannien und Reagan in den USA begonnen haben. Beide Regierungschefs, sowie auch die, die ihnen folgen, setzten die wirtschaftsliberale Doktrin um, wie sie die Chicago School um Milton Friedman postulierte, und schafften Regeln und Kontrollen ab im Glauben, dass „der Markt“ sich am besten, fairsten und schnellsten selbst reguliert. Diese Entwicklung wurde, so Lanchester, durch das Ende des Kalten Kriegs und den Fall der Berliner Mauer deutlich befeuert, denn nun brauchte der in den westlichen Ländern in verschiedenen sozialen Spielarten existierende Kapitalismus nicht mehr mit dem Kommunismus um den Preis des besseren Systems zu konkurrieren – er hatte ja nun gewonnen:

Auch (…) wurde dieses Phänomen noch dadurch verstärkt, dass nach dem Ende des Kalten Krieges kaum noch mehr politisches Kapital aus der Idee der Fairness und Chancengleichheit zu schlagen war. Der freie Markt war nicht länger nur eine von mehreren Möglichkeiten der Welt-ordnung, die sich mit anderen Systemen vergleichen lassen und auseinandersetzen mussten. Nun stieg er zu einem Glaubensgegenstand von geradezu mystischen Dimensionen aus. In diesem Glaubenssystem wurde den Angestellten der Finanzindustrie die Rolle von Priestern und Magiern zuteil, und man begann, sie als solche zu behandeln. (S. 32)

Lanchester stellt zunächst die gravierenden Veränderungen im Finanzsektor dar und schafft so für den Leser das notwendige Hintergrundwissen der bankspezifischen Besonderheiten. So erklärt er dem Leser zunächst die Struktur einer Bankbilanz und die besonderen Anforderungen an das Eigenkapital – wobei hier zu wünschen gewesen wäre, er – oder die Übersetzung – hätten die üb-lichen Begriffe wie Mittelverwendung (für Aktiva) und Mittelherkunft (für Passiva) gebraucht und nicht merkwürdig verschwurbelte Definitionen. Er erklärt den Begriff der Anleihe, der Derivate (damit hat schon Thomas Buddenbrooks unglücklichen Handel getrieben, als er die Ernte des kommenden Sommers schon im Frühjahr zu günstigem Preis „auf dem Halm kaufte“ und nach einem Unwetter vor einem völlig zerstörten Feld stand) und der neu entwickelten hochspekulativen Swaps. Dabei zeigt er jeweils auch auf, in welchem – zunächst sinnvollen – Kontext diese Produkte entstanden sind, meist zur Absicherung von Risiken. In einem zweiten Schritt erst wurden sie von findigen Finanzproduktdesignern, die hier völlig sichere und hohe Renditen sahen, so umgestaltet, dass sie am Massenmarkt verkauft werden konnten.

Die Nacherzählung der Geschichte der Entwicklung der modernen Finanzprodukte dient quasi dem Aufbau eines Spannungsbogens, denn Lanchester ist ja auch Romanautor, der gut zu unterhalten weiß. Reibt sich der Leser bis hierher schon die Augen über den groben Unfug – man könnte es auch große Verantwortungslosigkeit nennen – der sich da vor seinem Auge zusammenbraut, so zeigt der Autor nun auf, wie diese Finanzprodukte und die zunächst durchaus sinnvolle und politisch motivierte Eigenheimpolitik vor allem in den USA eine ganz unheilige Allianz eingehen. Und auch die Ratingagenturen, wie Moody`s und Standard & Poor, tragen ihr Scherflein zu dem Spiel bei, indem sie den überaus spekulativen Produkten der in Swaps zusammengebundenen Subprime-Hypotheken die Bewertung AAA angedeihen lassen.

Immer wieder, verstärkt aber im zweiten Teil des Essays, zeigt Lanchester die Verantwortlichen dieses Desasters auf. Es sind alle von Rang und Nehmen beteiligt: die Politiker, die alle ihre Ent-scheidungen dem Primat der Ökonomie unterwerfen, alle Vorsicht über Bord werfen und sich vom Lobbyismus der Banken umgarnen lassen (so übrigens auch in Deutschland, als die Bundeskanzlerin Merkel vor einigen Jahren dem Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, einen Geburtstag im Kanzleramt ausgerichtet hat); die Banker, die auf immer neue und immer bizarrere Ideen kommen, wie sie aus Geld noch mehr Geld machen und welche Hebel („Leverages“) sie dabei ansetzen können, wobei ihnen ihre psychische Verfasstheit und der Anreiz von Prämien und Boni, die nur belohnen, nie bestrafen, hilfreich zur Seite stehen; kontrollierende Institutionen, die sich von falschen Argumenten überzeugen (staatliche Kontrollgremien) oder für ihre Beurteilungen (private Institutionen wie Moddy´s und S&P) von den Finanzinstituten als Auftraggeber bezahlen lassen; die Mathematiker, die mit mathematischen Formeln aufs trefflichste beweisen – das Risiko, sei rechenbar, was aber ein Risiko nun einmal per definitionem nicht ist; die Journalisten, die trotz gründlicher Analysen postwendend und immer zu dem Schluss kommen, nur ein freier Markt sei ein guter Markt; und nicht zuletzt die Kunden, die die neuen Produkte und ihre jedem normalen Menschenverstand widersprechende Rendite freudig und in großen Mengen erworben haben.

Dem Autor gelingt die Darstellung dieser schwierigen und hochkomplexen Zusammenhänge, indem er sie immer wieder an ganz konkreten und gut erfassbaren Beispielen aus dem privaten Bereich anschaulich verdeutlicht. So kann auch ein Bankenlaie die Grundzüge der hier diskutierten Ge-schäftsmodelle gut nachvollziehen. Und Lanchester schreibt unterhaltsam, weil er, wahrscheinlich schon aus Gründen der psychischen Hygiene, nicht hinter dem Berg hält mit seiner Meinung über diese tatsächlich „bizarre Geschichte der Finanzen“:

Aber die Immobilienblase wirkte sich so wunderbar auf die Konsumausgaben aus, die wiederum so wunderbar das Wirtschaftswachstum ankurbelten; und die wachsende Wirtschaft (auch wenn ihr Wachstum sich nicht würde aufrechterhalten lassen) führte auf so herrliche Weise in ein wahres Paradies von freizügigen Staatsausgaben und verhältnismäßig gering steigenden Steuern, dass die Regierung (…) keinen Anlass sah, irgendetwas zu unternehmen. (S. 216)

So zeigt Lanchester in seinem Essay, anders als in seinem Roman, deutlich auf, dass die Finanz- und Bankenkrise nicht von Einzeltätern ausgelöst wurde, die geschickt alle Unternehmenssicherungen umgangen haben, sondern Verantwortliche dafür in allen Bereichen von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Justiz auszumachen sind. Und somit ist seine Analyse der Finanzkrise eine wesentlich komplexere und nachvollziehbarere als Frank Schirrmacher sie zu Beginn des Jahres mit seinem Schnellschuss „Ego“ geliefert hat.

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch zu berichten: In einem nachgeschobenen Epilog setzt Lanchester sich mit der durch die Finanzkrise ausgebrochenen Eurokrise auseinander. Auch hier ist seine Analyse wiederum nachvollziehbar; seinen sehr britischen Lösungsvorschlag, der schon alleine deswegen überrascht, weil er im übrigen Buch viel genauer argumentiert, kann man aus deutscher Sicht so nicht akzeptieren: Wenn deutsche Steuerzahler einen großen Beitrag leisten müssen zur Rettung des Euros, dann ist das nicht zum Nulltarif zu haben, sondern nur, wenn im Gegenzug finanzpolitische Strukturen in anderen Ländern deutlich verändert werden.

John Lanchester (2013): Warum jeder jedem etwas schuldet und jemals etwas zurückbezahlt. Die bizarre Geschichte der Finanzen, Stuttgart, Klett-Cotta

 

2 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    ich habe von John Lanchester schon seinen Roman Das Kapital sehr gerne gelesen, auch, wenn er da etwas holzschnittartig vorgeht – und nun werde ich mir wohl dieses Buch dank Deiner schönen Besprechung auch vornehmen. Das Thema ist einfach so ärgerlich aktuell und hat so weitreichende Folgen, da finde ich solche Sachbücher, die auch noch gut lesbar sind besonders wichtig.
    Übrigens: dem, was Du zu seinem Epilog bzw. zu seinem Lösungsvorschlag sagst kann ich nur zustimmen. Andererseits: der Autor ist halt ein Brite durch und durch. Und bis vor kurzem haben die jau auch ihre ‚dritte‘ Strophe gehabt und ‚Rule Britannia, Britannia rules the world‘ gesungen. Aber vielleicht fällt das ja auch unter ‚britischer Humor’…
    Liebe Grüsse, Kai

    • Lieber Kai,
      das Thema ist wirklich sehr aktuell, sehr kompliziert und weder Regierung (was zu erwarten ist) noch Presse arbeiten wirklich daran, Aufklärung unter die Menschheit zu bringen. So wünsche ich mir eigentlich auch noch einen zusammenhängenden Beitrag, in dem die Rolle der deutschen Banken genauer recherchiert wird. Lanchester schreibt dann auch, dass in unseren Nachrichten und im politischen Handeln so viel vom Terrorismus die Rede sei, während das für uns alle viel wichtigere und wesentlich bedrohlichere Thema Finanzwirtschaft kaum beachtet werde – und wenn, dann mit schönen Platitüden. Das ist ja mal tatsächlich so.
      Lanchesters Buch ist wirklich gut und auch unterhaltsam geschrieben. Neben den recherchierten Fakten macht er seine Meinung mit wirklich schönen Bewertungen immer wieder deutlich, sodass ich mich manchmal wie im guten politischen Kabarett fühlte. Ich bin gesapnnt, ob Du es mit gleichem Gewinn liest.
      Viele Grüße, Claudia

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