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Boris Cyrulnik: Rette dich, das Leben ruft!

CyrulnikVielleicht ist es ja tatsächlich so, dass Boris Cyrulnik kein Arzt geworden wäre, kein bekannter Psychiater, kein Resilienzforscher, wenn er nicht diese besonderen Erlebnisse in seiner Kindheit gehabt hätte, die auf viele andere sicherlich eher niederdrückend, lähmend, ängstigend gewirkt hätten. Offensichtlich konnte Boris Cyrulnik auf Ressourcen zurückgreifen, so dass er trotz seiner Erlebnisse nicht verzweifeln ist, sondern seinen Weg gefunden hat, so dass er beim Blick auf seine Geschichte nicht wie Lots Frau zur Salzsäule erstarrt ist.

Solche in Krisen stärkenden Faktoren zu erforschen, hat sich die Resilienzforschung zur Aufgabe gemacht. Seit der 1950er Jahren wird erforscht, welche Kräfte Menschen helfen können, Krisensituationen zu  überstehen und welche Lehren daraus gezogen werden können, um traumatisierten Menschen zu helfen. Und in seiner Biografie erkennt Boris Cyrulnik zahlreiche Faktoren, die ihm geholfen, ihn gestärkt haben.

Geboren ist Boris Cyrulnik 1938 in Bordeaux als Sohn von jüdischen Einwanderern aus der Ukraine. Wie viele andere Juden auch bewundern sie die französische Kultur, verbinden mit ihr die Umsetzung der Menschenrechte, die Chance auf ein gutes Leben. Über den latenten Antisemitismus in Frankreich wissen sie nichts. Sie fühlen sich schnell als Franzosen und so meldet Boris´ Vater sich bei Kriegsbeginn selbstverständlich zur Armee. Er wird nach einer Verletzung aus dem Lazarett heraus nach Auschwitz deportiert. Seine Mutter gibt ihren Sohn 1942, einen Tag bevor sie selbst deportiert wird, bei der staatlichen Fürsorge ab – und rettet ihn so. Er lebt gut aufgehoben bei einer Pflegefamilie, bis ihn im Januar 1944, er ist sechseinhalb Jahre alt, spätnachts bewaffnete Männer aus seinem Bett holen und ihn mitnehmen. Seine Pflegemutter versucht noch zu verhandeln – sie würden dem Jungen nicht erzählen, dass er Jude sei, wenn er bei ihnen bleiben und überleben könne. „Diese Kinder müssen verschwinden, sonst werden sie zu Feinden Hitlers“, ist die Antwort des Soldaten.

Als einziger kann Boris Cyrulnik der Verschleppung aus der Synagoge entgehen. Er meidet die große Decke, auf der eine Frau viele Kinder versammelt, indem sie ihnen Dosenmilch mit Zucker anbietet. Er läuft herum, schaut sich um, hört den Gesprächen zu. Als Unruhe aufkommt, weil der Abtransport bevorsteht, versteckt er sich auf der Toilette vor den Soldaten. Indem er, sich mit Rücken und Beinen abstützend, an der Wand hoch klettert, entgeht er der Kontrolle durch die Soldaten. Als er nach der Räumung die Synagoge verlässt, winkt ihn eine Krankenschwester zu einem Krankenwagen, er soll sich unter der Matratze einer schwer verwundeten Frau verstecken. Wieder kontrolliert ein Soldat den Wagen, sieht ihn nicht, gibt den Befehl zur Abfahrt. So gelingt der erste Teil einer fast unglaublichen Flucht.

Nach Kriegsende ist seine Leidensgeschichte aber noch nicht zu Ende. Sowohl seine Tante, die Schwester seiner Mutter, als auch die Pflegefamilie, bei der er vor der Razzia gewohnt hat, beanspruchen das Sorgerecht. So wohnt er mal bei seiner Tante in Paris, mal bei der Pflegefamilie in Bordeaux und zwischendurch immer wieder in Kinderheimen. Erst als klar wird, dass er in Paris bei Dora und ihrem Lebensgefährten Èmile leben wird, als klar wird, dass Boris sich einstellen kann auf eine Familie, ein Zuhause, wird es „in meiner inneren Welt plötzlich hell“. Fast über Nacht wird er, der als Schulversager galt, ein so guter Schüler, dass er immer „Klassenerster“ ist, eine Klasse überspringt, sich zur Prüfung für das Gymnasium anmelden kann. Noch heute, so schreibt er, versetze ihn das „Tempo dieser geistigen Metamorphose in Erstaunen“. Er führt, erster Hinweis darauf, wie Resilienz gefördert werden kann, diese Entwicklung zurück auf die Zuwendung, die er nun von Dora und Èmile bekam und die Förderung durch seine Lehrer, im Gegensatz zu dem Leben, das er bis zu diesem Zeitpunkt geführt hat:

Mein geistiges Leben kam zum Stillstand, als meine Mutter allein dastand, nachdem mein Vater in die französische Armee eingetreten war und sie eine unmittelbar bevorstehende Festnahme fürchten musste. Für mich folgten dann einige Jahre der Verfolgung, der Todesnähe und der sensorischen Isolierung. Die fortwährenden seelischen Verletzungen, das Verbot, die Wohnung zu verlassen und zur Schule zu gehen, das Gefühl, ein Monstrum zu sein – all das machte jede Entwicklung unmöglich. Ich habe nicht darunter gelitten, weil ich mich in einem seelischen Erstarrungszustand befand. Man empfindet nichts, wenn man sich in „psychischer Agonie“ befindet, man atmet ein wenig, das ist alles. (S. 135/136)

Und trotz dieser neuen, liebevollen Umgebung, trotz der „langen Folge glücklicher Tage“ liegt immer noch ein Schatten auf seinem Leben. Denn nun, nach dem Krieg, in dieser positiven Umgebung kann Cyrulnik immer noch nicht erzählen, was ihm passiert ist, denn nun, in der Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit, will niemand mehr die grauenvollen Geschichten hören. So kann er auch nun immer noch nicht sprechen, seine Geschichte immer noch nicht verarbeiten. Auch mit Dora kann er sich austauschen, er erzählt nichts über seinen Krieg, sie nichts über ihren, nicht einmal über ihre Kindheit und Jugend spricht sie, um Boris ein wenig seiner Geschichte zu vermitteln, Auch Èmile und andere Männer schweigen. Boris Cyrulnik beschließt einen Weg zu finden, wie er dieses Schweigen später einmal wird brechen können, als Arzt als Psychiater, auch wenn niemand in seiner Umgebung ihn darin unterstützt, wenn im Gegenteil die mitleidigen Stimmen laut werden, die ihm bescheinigen, bei seiner Geschichte doch unmöglich Arzt oder Journalist werden zu können.

Boris Cyrulnik entdeckt bei seinen Forschungen, dass es anderen Menschen in anderen traumatisierenden Situationen so geht wie ihm. Schweigen ist für sie zunächst ein wichtiger Schutz, dann lernen sie zu schweigen, weil ihre Umgebung nichts hören möchte von ihren grauenvollen Erlebnissen. So beginnt Boris Cyrulnik alle Menschen zu bewundern, die schweigen. Das Schweigen aber, so erkennt er erst spät, verändere die sozialen Beziehungen: auf der einen Seite lerne der Traumatisierte, dass er sich am besten auf sich selbst verlässt, dass er selbst es sei, der sich am Schopf aus dem Sumpf ziehen kann. Und auf der anderen Seite verhalte er sich in sozialen Beziehungen so zurückhaltend, er muss und will ja Wichtiges verschweigen, dass der Gesprächspartner ihn als fremd, unbeteiligt, unerreichbar empfindet.

Cyrulniks Schweigen konnte erst durchbrochen werden, als nach Filmen (z.B. „Nacht und Nebel des erst kürzlich verstorbenen Regisseurs Alain Resnais) und nach Literatur, die sich schon in der 50er Jahren des Themas annehmen, endlich in den 80er Jahren durch den Papon-Prozess eine gesamtgesellschaftliche Bereitschaft entsteht, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen und zu erkennen, wie auch in Frankreich in vielen Teilen der Gesellschaft, in vielen Teilen der Verwaltung mitgearbeitet wurde am Holocaust. Erst dann, so Cyrulnik, „tauten die Worte auf“, erst dann konnten die Verletzten sprechen, erst so wurde es möglich, die erstarrten, sich ständig wiederholenden Bilder durch das Sprechen lebendig werden zu lassen: über das Trauma sprechen also schafft eine Ressource, um es zu überwinden.

Und Cyrulnik selbst hat fünfzig Jahre gebraucht, um an die Orte seiner Kindheit zurückzukehren. Manchmal ist er überrascht, wie viele Dinge, die er doch so deutlich in seiner Erinnerung sieht, falsch sind, während er andere ganz korrekt erinnert:

Die narrative Wahrheit ist nicht die historische Wahrheit; sie ist die Bearbeitung, die das Leben erträglich macht. Wenn die Wirklichkeit wahnsinnig ist, verleihen wir ihr Schlüssigkeit, indem wir eine Vereinbarung mit dem Gedächtnis treffen. (…) Es passte mir gut, dass mein Umfeld mich zum Schweigen brachte. Das erleichterte meine Verweigerung, das half mir, die Lebensstrategie umzusetzen, die Frau Loth angeraten wurde: „Vorwärts … vorwärts … blick nicht zurück auf die Vergangenheit. (S. 143)

Wichtige weitere Resilienzfaktoren sind auch das Träumen und das Verstehen. Er habe viel in Tagträumen gelebt, die ihm eine Ersatzidentifikation geben konnten. Nicht zuletzt hat auch sein Traum, Arzt werden zu wollen, ihm geholfen, seinen Weg zu gehen. Und auch das Verstehen-Wollen, die Intellektualisierung, kann einem Kind, einem Erwachsenen helfen, Lebensmut zu bekommen, indem es lernt nachzuvollziehen, warum es in diese schwierigen Situationen geraten ist.

Boris Cyrulnik hat, und davon zeugt der letzte Teil seines Buches, versucht zu verstehen, warum so viele Menschen, Deutsche und Franzosen, den Holocaust möglich gemacht haben. Für ihn ist das Verstehen viel wichtiger als das Vergeben. Und indem er zum einen verstanden hat, indem  ihm zum anderen die Sprache zurückgegeben worden ist, kann er sich umwenden und kann auf seine Biografie schauen, ohne zur Salzsäule zu erstarren.

Boris Cyrulniks hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben über seine Geschichte und seine Traumatisierung. Und er erklärt am Beispiel seiner Geschichte, welche Faktoren ihm geholfen haben, doch noch ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Auch wenn das Verständnis beim Lesen manchmal schwer ist, denn die Verquickung von biografischen Aspekten und wissenschaftlichen Reflexionen ist nicht immer gleich zu erkennen, auch wenn der Leser sich an der ein oder anderen Stelle weniger Wiederholungen, dafür mehr Klarheit des Gliederungsprinzipes gewünscht hätte, ist Cyrulniks Biografie ein sehr beeindruckendes Buch über sein Leben, seine Forschung und die Überwindung seines Traumas.

Boris Cyrulnik (2013): Rette dich, das Leben ruft!, Berlin, Ullstein Buchverlage GmbH

10 Kommentare

  1. Verstehen wichtiger als Vergeben – ein bemerkenswerter Satz. Ja, was nützt das Vergeben (auch den Tätern), wenn man nicht verstand, wie etwas geschehen konnte – ohne Verstehen ist die Wiederholungsgefahr noch näher. Danke für die Vorstellung dieses Buches.

    • Liebe Birgit,
      den letzten Teil de Buches habe ich als den beeindruckensten – wenn man mal von der wirklich unglaublichen Rettungsgeschichte absieht – empfunden, denn hier klärt er sehr deutlich und analytisch, was Menschen bewegt, in dieser Tötungsmaschinerie mitzutun. Durch dieses Verstehen, so schreibt er, habe er sich seine Freiheit bewahren können: „Wer entkommen will, hält sich besser an das Verstehen als an das Vergeben.“ Das finde ich einen sehr bemerkenswerten, aber auch sehr nachvollziehbaren Ansatz.
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Petra,
        vielen Dank für Deine lobenden Worte. Dabei habe ich mich bei dieser Buchvorstellung so schwer getan und in dem Zusammenhang das Buch eigentlich ein zweites Mal gelesen – was sich aber auch wirklich gelohnt hat, denn so habe ich den Inhalt viel präsenter als beim ersten Lesen.Es ist eine wirklich lang nachwirkende und sehr lohnende Lektüre.
        Viele Grüße, CLaudia

  2. Liebe Claudia,

    danke für diese aufschlussreiche Besprechung, die mich neugierig macht. Außerdem macht sich ein leises Bereuen breit, genau dieses Buch hatte ich nämlich heute im Buchladen in der Tat und habe es dann doch wieder hingelegt – nun hätte ich es gerne mitgenommen. Von Boris Cyrulnik habe ich bereits ein lesenswertes Buch über die Scham gelesen, in dem schon allerlei aus seiner Autobiographie angedeutet wird. Dieses hier kommt nun nach ganz oben auf die Leseliste.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      ich habe mich von Gert Scobel in seiner Sendung zur Resilienzforschung im Januar zu diesem Buch überreden lassen („Legen Sie alle anderen Bücher zur Seite und lesen Sie zuerst dieses von Boris Cyrulnik“ – so oder ähnlich empfahl er die Biografie und diesem Appell konnte ich mich nicht entziehen)(http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/174023/index.html). Vorher kannte ich Cyrulnik noch nicht, habe auch von Resilienzforschung nicht wirklich etwas gewusst. Und beide Aspekte machen dieses Buch sehr interessant – und lange nachwirkend. Ich kann kaum umhin, auch meine literarischen Lektüren nun unter dem Aspekt der Resilienzforschung zu lesen: Martin Kordics Viktor z.B rettet sich durch Rückgriff auf Ressourcen, indem er sich nämlich an glückliche Zeiten erinnert, wohl eine starke Bindung an seine Großmutter hat – und schreibt, also sein narratives Gedächtnis nutzt. Auch in Ulrike Draesners „Sieben Sprünge“, hier geht es ja gerade auch um Traumatisierung durch die Flucht, lassen sich Beziehungen erkennen. Und nicht zuletzt finden sich ja auch Ansätze, selbst erlebte schwierige Situationen (schwere Krankheiten von Familienmitgliedern zum Beispiel) vielleicht ein wenig besser zu bestehen. Du siehtst, ich versuche mit tausend guten Argumenten Deinen Griff zum Buch zu unterstützen und würde mich dann natürlich sehr über Deine Besprechung und Deine Eindrücke freuen.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Das Thema Resilienzforschung interessiert mich auch sehr. Gut, dass es dazu jetzt ein Buch zu geben scheint, welches wissenschaftliche Erkenntnisse und persönliches Erleben verbindet.

    Dauerhaftes Vergeben kann ich mir auch nicht ohne Verstehen vorstellen. Meiner Meinung nach ist es Voraussetzung dafür, wenn es auch nicht zwangsläufig zur Vergebung führen muss.

    Danke für diesen Buchtipp.

    • Liebe Kastanie,
      dann ist Boris Cyrulniks Biografie sicher der richtige, weil aus dem Leben abgeleitete, Einstieg.
      Viele Grüße, Claudia

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