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Katharina Winkler: Blauschmuck

Günter Grass sah die große Leistung der Literatur darin, dass sie nicht wegschaue, nicht vergesse, sondern das Schweigen breche. Genau das ist auch die große Leistung Katharina Winklers und ihres Debütromans „Blauschmuck“, dem sie die Anmerkung „Nach einer wahren Begebenheit“ voranstellt. Hier erzählt Winkler die Geschichte von Filiz, die in einem kurdischen Dorf aufwächst, heiratet, später mit ihren Kindern nach Österreich ausreist. Und sie erzählt vor allem von dem Ehe-Martyrium Filiz´, das erst nach Jahren endet, weil die Nachbarn in der neuen Heimat dafür sorgen, dass sie in ein Krankenhaus kommt und dann in einem Frauenhaus leben kann, als Yunus, der Ehemann, sie nicht nur, wie sonst üblich, geschlagen und vergewaltigt, sondern regelrecht zusammengeknüppelt hat.

Katharina Winkler findet eine ganz besondere Sprache und eine besondere Erzählhaltung für die Geschichte von Filiz, die die Leser gar nicht ertragen könnten, wäre sie nicht genau so erzählt, wie sie erzählt wird. Winkler lässt Filiz erzählen, als Ich-Erzählerin, die es geschafft hat, sich von sich selbst zu distanzieren, die ihre Umgebung nur beobachtet, die eigenen Handlungen beschreibt und das, was ihrem Körper passiert. Die Schrecken, die ihre Seele erfährt, erzählt sie nicht, sie bleiben Leerstellen. Nur so, nur durch diese Distanz, ist es uns möglich, der Ehegeschichte zu folgen, die so schon ein Gräuel ist. Die Sätze sind oft karg, die Wirkung des Inhaltes das Gegenteil. Manchmal kommen die Sätze daher wie ein Gedicht, beimlLesen entfaltet sich gar ein Rhythmus. Das ist beeindruckend, steht doch die Schönheit dieser Sprache ebenfalls im klaren Gegensatz zu Erzählten. Und Filiz, aufgewachsen auf dem Dorf, in unmittelbarer Umgebung zur Natur und zu den Tieren, findet großartige Bilder aus diesem Kontext, um so ihre Situation, und den der anderen Frauen im Dorf und ihrer Kinder, zu beschreiben und den Schrecken zu verdeutlichen.

In ihrer Kindheit sind sie und ihre Geschwister eine Herde, die bunt und munter durch das Heu purzelt, ein Kinderknäuel, von dem keines weiß, wem diese Hand gehört und jener Fuß. Aber das scheinen nur kurze unbeschwerte Momente zu sein, denn sehr wohl nimmt Filiz wahr, wie die Mutter ein Kind nach dem anderen zur Welt bringt: „Wie eine Kuh wirft meine Mutter ihre Kinder, eins nach dem anderen, zwischen Saat und Ernte und Saat. Dick und schwer steht sie in der Mittagshitze und wendet das Heu. Zwischen zwei Ballen fällt ihr dann ein Kind aus dem Schoß“.

Eines Tages kommen die Wölfe, ein Rudel mit sechs oder sieben Tieren. Sie stürzen sich auf die Schafe, töten sie, fressen sie: „Das Sterben ist rot. Blut auf weißer Wolle, Blut auf grüner Wiese. Blutspuren, Blutschlieren, tropfendes, fließendes, strömendes Blut.“ Yildiz, deren Aufgabe es ist, auf die Schafe zu achten, spielt gerade am Bach. Der Schaden ist groß für die Familie, denn die Familie lebt von ihren Schafen, verkauft sie, tauscht sie gegen Tee, Zucker, Salz, nutzt die Wolle für Kleidung. Der Vater tobt und Yildiz versteckt sich vor ihm im Wald. Erst als er schläft, macht die Mutter sich auf den Weg, um Yildiz Essen zu bringen. Wenn Yildiz sich nicht versteckte, würde ihr Vater sie verprügeln, so, wie er seine Frau schlägt und die anderen Kinder, auch die Söhne. Auch bei den anderen Familien im Dorf ist das nicht anders. Sie alle tragen ihren „Blauschmuck“, erkennbar im Gesicht, am Hals, an Händen und Füßen, der größte Teil dieses „Schmuckes“ versteckt unter der Kleidung, unter großen Tüchern:

„Es gibt hell-blaue Frauen wie Neclavs Mutter und dunkelblaue Frauen wie die Mutter von Fidan, es gibt blau-rote Frauen und blau-schwarze. (…) Viele Frauen wechseln den Blauschmuck von Woche zu Woche, einige von Tag zu Tag. Manche lächeln immerzu trotz ihres Blauschmucks, wie Leyla, manche schweigen in Blau, wie Zehra.“

Auch Filiz wird von ihrem Ehemann ganz selbstverständlich verprügelt. Sie heiratet ihn heimlich, ist vom Hof ihrer Familie geflohen, denn ihr Vater hat der Ehe nicht zugestimmt. Filiz ist vielleicht sogar ein bisschen verliebt. Aber, Yunus macht von Beginn an seinen Besitzanspruch deutlich, sagt „Du gehörst mir“, schickt sie weg vom Bach, in dem die Jungen baden, denn sie soll keinen anderen nackt sehen, nur in nasser Unterhose. Da ist Filiz elf und Yunus dreizehn. Drei Jahre verschwindet er nach Deutschland und als er wiederkommt, will er sie heiraten. Nach Deutschland werden sie gehen, verspricht er Filiz, dort werden sie Jeans tragen. Als sie nach ihrer Flucht aus dem Elternhaus im Haus der Schwiegermutter ankommt, legt die ihr erst einmal ein Kopftuch bereit und ein Kleid, „wie Großmütter es tragen“: „Du wirst Ehefrau.“

Ihre eigene Hochzeit ist nicht ihr Fest. Fremde Menschen kommen und feiern, sie durchläuft die üblichen Rituale, Fremde treten auf ihr Brautkleid, Fremde drängen sie vorwärts, drehen sie im Kreis, verschmieren ihr Zucker im Gesicht. Sie muss die Hochzeitstorte anschneiden, dann wird sie in die Schlafkammer geführt. Vor dem Haus stehen schon die Männer und rauchen und warten, es ist kalt, viel Zeit bleibt nicht, bis Yunus ihnen endlich die Trophäe hinaushält: das befleckte Bettlaken als Zeichen seiner Männlichkeit.

„Yunus hat meine Jungfrau erlegt. Dunkler Fleck auf weißem Laken. Yunus küsst mich, Reglose, stolz auf die Stirn. Er legt das Laken in den Korb, den seine Mutter, die nun meine Mutter ist, ihm gegeben hat, Kante auf Kante, Blutfleck nach oben.
Die Wölfe fressen die Schafe, sie weiden sie aus. Sie wühlen in den Gedärmen. Lunge, Darm, Leber, Milz, Herz, Jungfrau.“

Das Leben im Haus der Mutter ist nichts anderes als Sklaverei und Prostitution. Filiz arbeitet im Haus er Schwiegermutter, sorgt für Yunus als sei er ein Kleinkind, das sich nicht um sich selbst kümmern kann, und wenn er spät nachts nach Hause kommt, vergewaltigt er sie. Die Schwiegermutter, zetert, weil sie meint, nun auch Filiz versorgen zu müssen, später auch die Enkelkinder. Dabei arbeitet Filiz von morgens bis abends. Und diese Tortur geht auch weiter, als Yunus sie nach Österreich holt.

Wie kann Filiz bloß dieses Leben überleben? Den Glauben hat sie schon lange aufgegeben, der kann ihr keine Stütze mehr sein. Auch die Hoffnung erledigt sich spätestens nach ihrer Ankunft in Österreich, als sie eben keine Jeans bekommt, sie weiter eingeschlossen bleibt in der Wohnung, Kontakte zu Nachbarn und in die Schule argwöhnisch beäugt von Yunus. Sicherlich sind die Kinder ein Motor zum Weitermachen, ihre Sorge darum, dass die Kinder eine Schulbildung bekommen, dass die Kinder nicht auch verprügelt werden vom Vater. Eine unglaubliche Stärke zieht sie aber vor allem aus ihrem Stolz: „Du schlägst mich tot, aber Du kommst mir nicht nahe.“

Es ist ein beeindruckendes Debüt, das Katharina Winkler vorgelegt hat. Er besticht durch seine poetische Sprache – und seine inhaltliche Brisanz. Zum Ende berichtet Winkler, wie es mit Filiz und ihren Kindern weitergegangen ist, versieht die Lebensläufe mit Jahreszahlen und transformiert die Geschichte so in die Realität. Und das erklärt die auch politische Brisanz des Romans, denn er scheint den islamophoben Kräften in die Hände zu spielen, ihnen weitere Argumente zu liefern, um auszugrenzen. Kamel Daoud hat diesen Reflex in einem Interview in der FAZ angesprochen, als er die Reaktionen auf die Kölner Silvesternacht beschrieben hat und vom Bild der Barbaren sprach, „die kommen, um zu nehmen, was uns gehört“.

Trotzdem hat Daoud mehrfach auch deutlich gemacht – und diese Erklärung haben ihm französische Professoren, so berichtet die SZ, sehr übel genommen , dass eine Gesellschaft immer auch an ihrem Umgang mit Frauen beurteilt werden könne, und dieses Verhältnis zur Frau sei ein wesentliches Problem der islamischen Länder, denn dort werde die Frau „verleugnet, abgewiesen, getötet, vergewaltigt, eingeschlossen oder besessen“. Wie tief verankert diese Sicht auf die Frau sein kann, davon erzählt Katharina Winkler in ihrem Roman, in dem sich weder Yunus noch Filiz alleine aus diesen Verhaltensmustern befreien können. Davon erzählt Winklers Roman und schaut nicht weg und vergisst nicht und bricht das Schweigen über die Entrechtung der Frauen.

So hat der Roman auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung. Nämlich auch zu begreifen, dass Flüchtlinge aus Ländern kommen, in denen andere Umgangsformen normal und alltäglich sind, die in Europa – zum Teil auch nach einem langen Kampf und einer langen gesellschaftlichen Auseinandersetzung – aber eben nicht toleriert werden. Und zu überlegen, welche Reaktionen – und eben nicht auf dem Niveau der Stammtische – wir dazu entwickeln können. Hinzuschauen und zu helfen, so wie es der Roman erzählt, ist sicherlich eine Möglichkeit.

Katharina Winkler (2016): Blauschmuck, Berlin, Suhrkamp Verlag

Und hier liest Katharina Winkler aus ihrem Roman.

30 Kommentare

      • Liebe Ingrid,
        und der Roman selbst ist auch so, zum Atem anhalten. Wenn nicht diese wunderbare Sprache wäre, man könnte es kaum aushalten.
        Viele sonnige Grüße, Claudia

      • Dass die Lektüre ohne „diese wunderbare Sprache kaum auszuhalten wäre“, glaube ich gern. Ich habe vor ein paar Jahren in Solingen mal einen Film über Zwangsverheiratung etc. gesehen – der ist mir ganz lange „nachgelaufen“.

      • Das glaube ich Dir sofort! Und mir fällt auch sofort ein: „Die Würde des Menschen – also: sein Selbstbestimmungsrecht! – ist unantastbar.“ Es gibt noch einen weiten Weg!

    • Liebe Gerda,
      auch den Roman habe ich mit „angehaltenem Atem“ gelesen, weil es einfach so ungeheuerlich ist, was Katharina Winkler uns erzählt. Immer wieder habe ich gedacht, dass sie „einfach nur“ ein Klischee bedient, eine üble Vorstellung, die wir von hinterwäldlerischen kurdischen Dörfern haben. Ihre mehrfachen Hinweise auf die Verankerung in der Realität vermitteln dann aber ein anderes Bild. Und in einem anderen Roman, den ich gerade lese, wird genau auf diese Situation der Frauen in Teheran verweisen, auch dort ist Prügelei nichts Ungewöhnliches. Und so ist wohl auch wichtig, diese Facette des Lebens, der Sozialisation, der Kultur und/oder der Religion der Flüchtlinge, immer wieder mit zu denken, wenn wir mit den Flüchtlingen umgehen und ihre Integration in unsere Gesellschaft anstreben.
      Viele heute sonnige sonntäglichen Grüße, Claudia

  1. Hinschauen, helfen, Gesetze durchsetzen, Frauenhäuser finanzieren, Frauen und Kinder stark machen, unbedingt! Und gleichzeitig im Blick haben, dass hier manches einfach subtiler abläuft. Ich denke gerade an die Neuauflage des Literarischen Quartetts und Billers Unfähigkeit/Unwilligkeit, eine Frau ausreden zu lassen. Den Schüler, der den Po einer Mitschülerin fotografiert, die herablassenden Kommentare über Kolleginnen/Frauen, wenn die Männer sich in der Mehrheit wissen, Leute wie Trump etc. Und auch dies:
    „Bei den Tötungsdelikten in Deutschland weist das Bundeskriminalamt (BKA) für das Jahr 2011 49,2 Prozent (154 von 313) aller getöteten Frauen als Opfer ihres aktuellen oder ehemaligen Partners aus.“ (Wikipedia, Häusliche Gewalt).
    Ein betrübliches Thema. Wie so vieles im Moment. Dir ein schönes Wochenende. Anna

    • Liebe Anna,
      Du hast Recht, auch in unserer Gesellschaft ist die Gleichberechtigung nicht völlig selbstverständlich. Es ist wohl auch ein längerer Weg, den wir da eingeschlagen haben, wenn wir bedenken, wie lange eine Männer dominierte Gesellschaft Bestand hatte. Und auf diesem Weg sind wir doch immerhin, wenn wir einmal mit unserer Elterngeneration vergleichen, ein gutes Stück vorangekommen. Aber: Das, was Katharina Winkler in ihrem Roman – in einer so unglaublichen Sprache – erzählt, hat dann doch noch einmal ein ganz anderes Niveau. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es als Frau mit doch den Männern sehr ähnlichen Fähigkeiten möglich ist, in einer Gesellschaft zu leben, in der mein Wert unter dem des Hausviehs an gesiedelt ist, denn dem Hausvieh wird eine ordentlichere, fürsorglichere und umsichtigere Behandlung zuteil als mir und den anderen Frauen. Klar, das Hausvieh ist wertvoll, es sichert das Überleben der Familie. Die Frau aber, die hat „Mann“ sicher, die hat keinen – ökonomischen – Wert, die kann behandelt werden wie nicht einmal der letzte Hund behandelt würde. Das ist schon sehr bedrückend zu lesen. Und bedrückend ist natürlich auch, dass alle dieses Spiel mitspielen – auch die Frauen. Wenn denn die Tochter vom Ehemann grün und blau geprügelt wird, dann hat die Mutter als Rat für die Tochter nur, dass sie dem Mann noch mehr lieben solle. Gruselig. Ja, ein wahrhaft betrübliches Thema.
      Trotzdem wünsche ich Dir einen schönen, hoffentlich auch ein wenig sonnigen Sonntag, Claudia

      • Ja, das ist schon noch mal eine ganz andere Ebene, einfach fürchterlich. Und wie du schon sagst, viele Frauen spielen das Spiel mit, haben schon gar keine Hoffnung mehr, dass es irgendwann, und sei es für ihre Töchter und Söhne, einmal auch andere Arten des Lebens geben könnte. Überhaupt da scheint mir der wesentliche Ansatz zu sein: Frauen zu stärken, kaputtgeprügelte Hoffnungen aufleben zu lassen, und wenn es in der Töchtergeneration ist, die dann eben keinen prügelnden Ehemann mehr wollen. Wir kennen das hier ja auch, dass geprügelte Frauen oft nicht wegwollen von ihrem Mann… Und wenn so was quasi flächendeckend gesellschaftsfähig ist oder war… Bin jedes Mal sehr angetan von deiner Buchauswahl, du deckst da einen Bereich ab, der bei mir kaum vorkommt, ich überlege ernsthaft, warum ich solche Bücher kaum lese. Das muss noch ein bisschen arbeiten…
        Trotzdem auch dir einen schönen Sonntagabend und viele Grüße, Anna

      • Liebe Anna,
        bei Deinem Hinweis auf die hier prügelnden Männer, deren Frauen nicht ihnen wegkommen, fällt mir eine ähnliche Geschichte ein, die ich einmal ein wenig begleitet habe. Wie schwer es der Frau gefallen ist wegzugehen hat mich – negativ – sehr beeindruckt. Und wenn das dann in der ganzen Gesellschaft üblich ist, machen Frauen sich wahrscheinlich tatsächlich selbst verantwortlich. – Aber ob Du „an Dir arbeiten“ musst, um solche Bücher auch zu lesen? Nein! Ich mag Deine Auswahl, die Du auf Deinem Blog präsentierst, sehr und lasse mich gerne von Dir in ganz andere literarische Bereiche entführen, in denen ich so ganz ohne Erfahrung bin. Manches Buch wandert dann auch auf den Stapel, bei anderen genieße ich es einfach, in Deine Besprechung abzutauchen und wenigstens auf diesem Weg meinen ja irgendwie auch eingeschränkten Horizont zu erweitern. Jeder lese, was ihm gefällt – und durch die Blogs ergibt sich dann ein ganz buntes, ganz weites Bild.
        Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Birgit,
      ich würde sagen: Buchkaufabstinzenzvorhaben kurzfristig aussetzen, Buch kaufen und LESEN. Ich jedenfalls bin schon lange nicht mehr so beeindruckt gewesen von einem Roman wie von diesen.
      Viele sonntägliche Grüße in den Süden, Claudia

  2. Liebe Claudia, vielen Dank für den Beitrag und gerade auch für die Links – ich habe das alles mit großem Interesse gelesen und werde das Buch sicherlich mal in die Hand nehmen. Mal sehen, was dann geschieht … Dir einen schönen Sonntag!

    • Liebe Jutta,
      ich habe die Beiträge und Interviews von Kamel Daoud auch mit großem Interesse gelesen – und hätte das möglicherweise nicht gemacht, wenn ich nicht vorher seinen auch religions- und gesellschaftskritischen Roman „Der Fall Meursault“ gelesen hätte. Ich finde seine Sichtweise durchaus differenziert und hilfreich, einen abgeklärteren Blick zu bekommen auf die Integrationsaufgabe, die wir vor uns haben. Auch wir haben an der Schule sog. „Internationale Flüchtlingsklassen“ und wenn wir da nur mit ganz fürsorglich-positiven Haltung an die Arbeit gehen, werden wir u.U. sehr schwer enttäuscht. Denn die Konflikte, mit denen wir da bisher schon (nach etwas mehr als einem Monat) umgehen mussten, sind schon bemerkenswert.
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia, ich habe, seit ich gestern deine Antwort las, viel darüber nachgedacht und darüber, warum die momentane Situation so kompliziert ist, wie sie ist. Warum auch das Reden und der Austausch darüber so kompliziert ist. Mir ist dann eine Begebenheit eingefallen, von der ich gerne erzählen möchte:
        Vor einigen Jahren habe ich als Honorarkraft bei Seminaren gearbeitet, die SchülerInnen aus „Problemstadtteilen“ in der Berufsfindung und Lebensplanung unterstützen sollten. Es gab viel Kleingruppenarbeit, auch Einzelgespräche und eines Tages erwähnte ein türkisch-deutscher Junge, wie oft, wie brutal er zu Hause geschlagen würde. Bei meinen Versuchen, Unterstützung für den Jungen zu organisieren, stieß ich auf erstaunlich viel Skepsis. Nicht am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen, sondern an der „Möglichkeit, da etwas zu machen – das sei doch in türkischen Familien noch sehr verbreitet“. Ich habe dann ein bisschen recherchiert und herausgefunden, dass es tatsächlich „scheinbar“ mehr Gewalt in türkischen Familien gibt, dass dieser Effekt aber irreführend ist, denn: Wenn man türkische und deutsche Familie mit gleichem Einkommen/Bildung vergleicht, kommt man zu vergleichbaren Zahlen … Übrigens war ich in diesem Seminaren auch immer wieder damit konfrontiert, dass (auch die deutschen) Mädchen mit großer Selbstverständlichkeit wirklich „rückständigen“ Geschlechterrollen-Klischees anhingen – auch das war nicht ganz einfach ,-)
        Auch das kommt mir an der aktuellen Situation absurd vor: Dass viele so tun, als wenn Gleichberechtigung bei uns seit dem Mittelalter eine Selbstverständlichkeit wäre.
        Ich denke manchmal, dass vielleicht schon ein wenig gewonnen wäre, wenn wir uns eingestünden, dass manches gerade sehr kompliziert ist und manches hingegen einfach – z. B. dass Frauen, dass überhaupt alle Menschen, die von Gewalt bedroht oder ihr ausgesetzt sind, Anspruch auf unsere unbedingte Unterstützung haben … (Den Jungen habe ich übrigens an ein sehr gutes „Jungenbüro“ vermitteln können.)
        Ich grüße dich herzlich!

      • Liebe Jutta,
        die momenetane Situation ist wirklich sehr kompliziert. Ich habe schon bemerkt, als ich die Besprechung zu „Blauschmuck“ geschrieben haben, wie vorsichtig ich manche Formulierung gewählt habe, wie ich mich immer wieder rückversichert und abgesichert habe (deshalb auch der Bezug zu Grass, deshalb auch die Links zu Daoud). Denn eines soll ja gar nicht passieren: Indem die Probleme der familiären bzw. häuslichen Gewalt in Flüchtlings- und Einwanderungsfamilien thematisiert werden, den rechten Ideologen in die Hände zu spielen.
        Über die Gewalt, mit denen die Väter auch den Söhnen begegnen, erzählt „Blauschmuck“ auch, macht aber sofort deutlich, dass der geprügelte Sohn diesen Akt als besonders niederschmetternd empfindet, denn Blauschmuck sei doch den Frauen vorbestimmt. Sicherlich brauchen wir tatsächlich nicht weit in unserer Historie zurückzuschauen, um zu erkennen, dass auch bei uns die Prügelei von Kindern lange normal und üblich war und Frauen auch nicht wirklich gleichberechtigt. Aber wir haben ja doch mittlerweile einen anderen gesellschaftlichen Umgang damit (z.B. auch das gesetzliche Verbot der körperlichen Gewalt), auch wenn es natürlich immer noch viel zu viel häusliche Gewalt gibt, wie Anna ja schrieb. Und rückständige Rollenbilder von Mädchen und jungen Frauen gibt es bis in die auch gebildeteren Klassen (wieder?)- sehr erschreckend. Aber auch da sind wir ein gutes Stück auf dem Weg voran gekommen – und das in recht kurzer Zeit, wenn wir einmal die letzten fünfzig Jahren zu den vielen Jahren vorher ins Verhältnis setzen.
        Du hast sicherlich recht, wenn Du schreibst, dass ALLE, die von Gewalt bedroht sind, ein Recht auf Unterstützung haben. Und einem Jungen nicht zu helfen, weil „normal“ ist, was ihm passiert, ist schon ein hartes Stück. Was aber tun, wenn die Menschen gar keine Hilfe wollen, weil es für sie normal ist; wenn sie keine Hilfe wollen, weil sie dann ihr gesamtes familiäres Umfeld verlieren; wenn sie keine Hilfe wollen, weil schon im Vorfeld großer Druck auf sie ausgeübt wird. Wir haben – auch an der Schule – immer wieder das Thema der Zwangsverheiratungen, aber wir können nicht helfen, weil wir uns zwar viel Mühe geben, die jungen Mädchen im Zweifel aber doch lieber gehorchen, um ihre Familien nicht zu verlieren. Und die jungen Männer, die gerade auch im Unterricht mit dem Messer drohen, finden, darauf angesprochen, auch nichts dabei.
        Ja, es ist verdammt kompliziert. Wir haben ja nicht einmal für „uns“ ganz genau geklärt, wie wir miteinander umgehen wollen. Auf die ganz anderen Sozialisationsmuster sind wir aber gar nicht eingestellt und vorbereitet. Trotzdem: Wir müssen hingucken und uns auseinandersetzen. Damit nicht passiert, was in manchen anderen Ländern Europas zu beobachten ist: Dass Einwanderer ohne Chancen an den Rändern der Großstädte landen.
        Viele liebe Grüße, Claudia

      • Was du von den, von Zwangsheirat betroffenen, Mädchen berichtest, habe ich ähnlich auch erlebt. Und gerade denke ich, dass ihr vielleicht oft nicht helfen könnt in dem Sinne, dass ihr die Heirat verhindern könnt, aber ganz sicher in dem Sinn, dass ihr die Mädchen in ihrem Selbstbewusstsein stärkt, in ihrer Bildung und in ihren daraus resultierenden Chancen, sich irgendwann vielleicht auch anders zu entscheiden. Aber ich weiß schon, dass sich nach einem eher schwachen Trost anhört … Und ansonsten? Bleibt uns vermutlich nicht viel anderes als immer wieder neu zwischen den konkurrierenden Gütern abzuwägen und die uns im jeweiligen Einzelfall richtig erscheinende Entscheidung zu treffen …

  3. Hi Claudia, ich hatte das auch nicht so gemeint, dass ich „an mir arbeiten wollte“, sondern „es sollte noch ein bisschen in mir arbeiten“, damit ich mir selbst noch ein bisschen klarer darüber werde, warum ich bestimmte Bücher eher nicht lese. LG, Anna

    • Oh je, ich hab´ es ganz falsch gelesen und verstanden. So beim zweiten Lesen wird doch deutlich: Du hast Du es ganz klar formuliert, ich war mit meinen Assoziationen viel zu schnell… Das lag wohl am Wort „arbeiten“.
      Entschuldigende Grüße, Claudia

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  9. Liebe Claudia,
    für mich ist „Blauschmuck“ ein sehr eindringliches Debüt. An deiner Rezension gefällt mir besonders gut, dass du auch Yunus als eine Art „Opfer“ seines Kulturkreises bzw. Erziehung siehst. Das habe ich auch so gelesen. Natürlich bleibt Filiz die tragische Figur im Roman. Doch tat mir an einigen Stellen auch Yunus ein bisschen Leid. Auch er ist in meinen Augen teilweise hilflos und reproduziert, was ihm seine Vorfahren vorgelebt haben. Er ist auf jeden Fall in erster Linie Täter. Aber ihn nur als solchen zu sehen, würde dieser Figur nicht gerecht werden.
    Liebe Grüße
    Juliane
    (Wenn du magst, kannst du dir gern auch meine Rezension zu dem Buch durchlesen: http://poesierausch.com/2016/11/13/katharina-winkler-blauschmuck/)

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