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Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin

Von Not und Elend, vom Unverstanden-Sein und von großer Einsamkeit, von der Normalität der häuslichen Gewalt, vom Innenleben einer bürgerlichen, aufstiegsorientierten Familie der Nachkriegszeit also, erzählt Birgit Vanderbeke in ihrem jüngsten Roman

„Wir freuen uns, dass du geboren bist“, singt die Mutter, „Und hast Gebuhurtstag heut“. Weil der Vater nicht mitsingt, sich lieber eine Zigarette ansteckt, wiederholt die Mutter die Strophe mehrmals. Und das Mädchen, die Ich-Erzählerin, die heute sieben Jahre alt wird, weiß doch, während sie dasteht und zuhört, dass nichts an dem Lied stimmt, dass jedes Wort gelogen ist.

Die Eltern. Sie sind wohl eher nicht froh, dass das Kind geboren wurde, denn dieses Kind ist der lebende Beweis dafür, dass sie im falschen Leben angekommen sind. Die Mutter ist schon einmal verlobt gewesen, mit dem Gutsbesitzersohn des Ortes, doch der ist im Krieg gefallen. Nach dem Krieg waren die Männer rar und die Mutter, die nun schon fast dreißig war, drohte eine unverheiratete Frau zu werden; im Dorf redete man schon über sie. Dann lernte sie den Vater kennen, einen siebzehnjährigen Schüler. Als die Eltern endlich heiraten konnten, weil der Vater nun volljährig war, konnte man die fortgeschrittene Schwangerschaft trotz des Fliederstraußes, den die Mutter immer dekorativ vor dem Bauch hielt, schon gut sehen: Ehe und Kind, familiäre Normalität also, nur um den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen.

Ein paar Jahre später flieht die Mutter mit der Tochter in den Westen, in das Land der Verheißung, in dem es alles zu kaufen geben wird, was das Herz begehrt. Sie leben zunächst alleine in den Flüchtlingsheimen, der Vater muss in Ost-Berlin noch sein Studium zu Ende bringen, und vielleicht muss er auch überlegen, ob er wirklich mit seiner kleinen Familie fliehen will, viel mehr Spaß versprechen doch die vielen Studentenfreundinnen und die Besuche der Westberliner Diskotheken.

Als die Mutter dann wieder als Lehrerin arbeitet, der Vater eine Arbeit in der „Rotfabrik“ in Frankfurt bekommt, da kann die Mutter sich endlich die Wunschträume erfüllen, die sie schon immer hatte. Es sind die üblichen Konsumwünsche, die sie umtreiben: ein Wohnzimmer vollgestellt mit Teakholzmöbeln, so wie sie es bei der Gutsfamilie gesehen hat, ein Schlafzimmer aus Birkenholz, ein Auto natürlich, ein Opel Kapitän, wenn es auch nicht der Opel Admiral sein konnte, wie die Gutsfamilie ihn schon vor dem Krieg hatte. Das macht insgesamt Schulden in Höhe von 96 mal 186, wie sogar das Kind weiß.

Und das Mädchen? Das kommt in diesem Lebensentwurf der Eltern kaum vor, höchstens als die liebe Tochter, die immer alles richtig macht und möglichst nicht auffällt. Das funktioniert aber oft nicht: oft stolpert sie, wirft ein Glas um, verbreitet Tintenklekse auf dem Blatt statt schöner Buchstaben, fällt beim Seilspringen hin, sodass die Strumpfhose ein Loch bekommt und vergisst, sich vor dem Abendessen die Hände zu waschen, „jedenfalls hat man an sämtlichen Tagen des Jahres nicht die geringste Chance, ein liebes Mädchen zu sein, weil man eben böse ist.“ Und die Mutter, die doch immer wieder erzählt, um welches „richtige“ Leben der Krieg sie gebracht hat, jammert und schimpft über dieses Kind:

„Sie kam im Laufe des Tages meistens an den Punkt, ab dem es die väterliche Hand brauchte, weil irgendwann mit noch so gutem Willen nichts mehr auszurichten war, und dann hülfe nur noch die harte Hand. Sie sagte das mit der väterlichen Hand so oft, bis mein Vater mit den Zähnen knirschte und es losging.“

Die harte Hand des Vaters. Aber heute ist ja der siebte Geburtstag und am Geburtstag, das weiß das Mädchen, da gelten andere Regeln als sonst. So steht sie also und lauscht dem Geburtstagslied, wiegt sich in Sicherheit vor der harten Hand, weiß aber auch, dass ihr Geburtstagsherzenswunsch sicherlich nicht in Erfüllung gehen wird. Sie hat sich nämlich eine Katze gewünscht, so wie Lisa, ihre beste Freundin, die so aber nur aus der Erzählung kannte. Jedenfalls hat Lisa zu ihrem siebten Geburtstag ein eigenes Zimmer bekommen und kurz danach ein Kätzchen. Und beides zusammen müsse doch das Paradies sein; eine eigene Katze, endlich ein Wesen, mit dem sie hätte sprechen können über ihre Sorgen und Ängste, darüber, wie ungeliebt sie sich fühlt.

Aber die Eltern haben schon abgewunken, ein Tier sei von der Hausverwaltung nicht erlaubt. Sie weiß also, ihr Herzenswunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Und sie weiß auch schon, welche Überraschungen ihr bevorstehen werden: die reparierte Porzellan-Babypuppe Wolfi, an der sie lernen soll, wie Babys zu wickeln sind, und die doch immer wieder den Kopf verliert. Und sicherlich eines der Spiele, die die anderen Eltern ihren Kindern auch schenken, Scrabble zum Beispiel, ein Chemiebaukasten oder ein Kinderduden. Höchstwahrscheinlich wird es wohl wieder einmal nicht das geben, was sie sich wirklich wünscht, weil die Eltern ihr nicht zuhören, weil die Eltern sowieso viel besser wissen, was gut ist für sie:

„Man gewöhnte sich an Enttäuschungen, aber auf die Dauer machten sie, dass man sich kalt und leer im Inneren anfühlt und anfängt, den Mut zu verlieren.“

Dieses Mal war das Überraschungsgeschenk ein Globus. Über den aber stolperte das Mädchen aus Unachtsamkeit – und schon ging das Gewitter los, auf das sie an ihrem Geburtstag gar nicht gefasst gewesen war. Und so verpasste sie es, sich zu verstecken, wie sie es sonst immer tat, wenn Prügel drohte, hinter dem Sofa zum Beispiel oder im Kasten der großen Standuhr aus Teakholz, wie im Märchen der sieben Geißlein.

„Sobald ich mich in Sicherheit gebracht hatte, konnte ich aus meinem Versteck verfolgen, wie ich was erlebte und wie es immer erst sachte losging, dass man hätte denken können, es würde dieses Mal vielleicht nicht so schlimm, aber natürlich blieb es nicht dabei, dass mein Vater sagte, dass lasse ich mir nicht bieten, das machst du nicht mit mir.“

Die Mutter greift nicht ein, auch wenn es ein Holzschuh ist, mit dem der Vater zuschlägt. Ja, ja: „Wir freuen uns, dass du geboren bist, und hast Geburtstag heut.“

Das Mädchen, die Ich-Erzählerin, nimmt den Leser also mit zu seinem siebten Geburtstag, erzählt ganz assoziativ-kindlich, während sie dem Geburtstagslied der Mutter lauscht, von seinem Leben, vom Leben der Mutter, des Vaters, vom Leben in der DDR, vom finanziellen Aufstieg in Frankfurt – und von der Lieblosigkeit und Brutalität, die in dieser nach außen doch so bürgerlichen Familie gelebt wird. Zwar bleibt die Erzählung ganz nah an dem siebenjährigen Mädchen, doch das durchschaut die Hintergründe des Verhaltens seiner Eltern so genau, das analysiert und seziert die Charaktere der Eltern so präzise, dass es wohl eher ihr Erwachsenen-Ich ist, dass sich zurückversetzt an den siebten Geburtstag und so beide Perspektiven miteinander verbindet. So macht den Reiz der Erzählung aus, dass sich immer wieder ein locker-distanzierter Erzählton, der fast schon wie eine Plauderei anmutet, mit einer sehr kindlichen Betrachtung der Welt mischt. Dabei aber so präzise die familiären und gesellschaftlichen Zustände immer wieder an kleinen Geschichten zeigt, dass sich aus der knappen Erzählung doch ein komplexer Kosmos ergibt.

Sicherlich, es gibt schon einige Roman, die sich mit den Familien-Abgründen in der Nachkriegszeit auseinandergesetzt haben. Erinnert sei nur als Ulla Hahns Geschichte aus dem rheinischen Arbeitermilieu, in dem es für Kinder auch alles andere als paradiesisch zuging. Auch in Birgit Vanderbekes Roman scheinen die eigenen Erlebnisse verarbeitet zu sein, denn zum einen passen die biographischen Daten, zum anderen erwähnt dies der Klappentext. Und auch Birgit Vanderbekes Ich-Erzählerin entkommt dieser Familienhölle dank der Literatur, die hilft, sich in andere Welten zu träumen, sich in Tiere zu verwandeln oder in der Zeit zu reisen.

In ihren schlimmsten Träumen am Abend ihres Geburtstags – die Ärztin, die gerufen wurde und die schon einmal mehrere Brüche an Hüfte, Oberschenkel und Schienbein diagnostiziert hat, ist wieder gegangen – hat sie, auch weil ihr die Idee der Zeitmaschine nicht mehr aus dem Kopf geht, die rettende Idee, die „beste“ Idee, „weil ich um die Zeit unbedingt mit jemandem reden musste, und als mir einfiel, wie ich das hinkriegen könnte, hatte ich gleich das Gefühl, dass es eine richtig gute Idee war, aber wie gut sie wirklich war, ist mir erst sehr viel später aufgegangen.“ Und so kann sie sich auch das Geburtstagslied singen, mit den wichtigen Worten:

„Ich freue mich, dass ich geboren bin.“

Birgit Vanderbeke (2016): Ich freu mich, dass ich geboren bin, München, Berlin, Piper Verlag

Eine weitere Rezension, die mich zu diesem Roman gebracht hat, findet ihr bei literatur leuchtet.

 

12 Kommentare

    • Auch sehr bewegend, den Roman zu lesen. Denn anders als Köhlmeier bei dem „Mädchen mit dem Fingerhut“ schreibt Vanderbeke durchaus so, dass man als Leser auch mitleidet.
      Viele Ostergrüße, Claudia

  1. es tut weh, sogar als Rezension, zu lesen, wie Kinder aufwachsen müssen. Auch der Titel ist gut: Dennoch ist es schön, geboren und Teil des großen Stroms des Lebens zu sein.

    • Ja, Gerda, das Mädchen findet einen tollen Kniff, wie sie mit ihrer grausigen Situation zurecht kommen kann, um sich dann doch des Lebens zu erfreuen. Und das Spiel mit der Formulierung des Geburtstagsliedes, das sich ja auch durch den Roman zieht, finde ich auch ganz klasse.
      Ganz viele mitteleuropäische Ostergrüße (ich habe gelesen, dass Du ja zweimal feiern kannst ;)), Claudia

  2. Aus irgendeinem Grund habe ich die Tendenz Bücher von Frau Vanderbeke zu kaufen und dann nicht zu lesen. Daher halte ich mich jetzt – trotz deiner tollen Rezension – mal zurück, bis ich die bereits zu Hause wohnenden Vanderbekes gelesen habe, geht ja so nicht 😉

    • Liebe Sabine,
      ich kann gut verstehen, wenn Du erst einmal „nachsitzen“ musst und deshalb dieses Mal aussetzt. Dabei kommen die Vanderbekes ja immer so knapp und schnell zu lesen daher – und haben es dann doch faustdick hinter den Ohren. Sind aber sicher längst nicht so aufregend wie das „Panikherz“ (habe auf anderen Blogs mitgelesen :-)).
      Viele Grüße, Claudia

  3. Beklemmend, ganz besonders, wenn man bedenkt, wie hermetisch nach außen abgeschottet war, was sich in den 1950ern und 60ern hinter den Fassaden der bürgerlichen Wohlanständigkeit zutrug. Beklemmend gut, deine Rezension, liebe Claudia! Herzliche Ostergrüße!

    • Liebe Maren,
      Du hast es sehr schön ausgedrückt: die hermetisch abgeschlossene Welt hinter der bürgerlichen Fassade. Und so einige der Erziehungssprüche und Ansprüche an das liebe Kind kenne ich auch noch zu gut aus meiner eigenen Kinderzeit – wenn auch zum großen Glück keine Prügel mit dem Holzschuh des Vaters. Aber den stregen Vater, der es abends noch richten solle, so die Mutter, an den kann ich mich gut erinnern. Das ist sicherlich auch der Grund, warum Vanderbekes Roman mich so gepackt hat und mich glatt zu einer nächtlichen Leseaktion zwang, weil ich das Buch einfach nicht zur Seite legen konnte. Und vielen Dank auch Deine lobenden Worte!
      Viele Grüße, Claudia

    • Aber auch ein versöhnliches Buch, denn das Mädchen hat ja diese großartige Idee, wie es jemanden finden kann, um endlich jemanden zu sprechen zu haben. Und die Literatur bringt es auf diese Idee.
      Viele Grüße, Claudia

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