am Rande notiert, Romane
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Warum ich lese

Auf seinem Blog novelero hat Sandro darüber geschrieben, warum er liest. Viele Blogger sind seiner Idee gefolgt und haben auch darüber nachgedacht, wie und warum sie zum Lesen gekommen sind und was es immer wieder ist, dass sie zum nächsten Roman treibt. Das wiederum hat auch mich angeregt, über mein Lesen nachzudenken.

Warum ich lese – das ist doch auf den ersten Blick so ein sinnloser Satz wie: warum ich esse, oder: warum ich atme. Ich lese, weil es für mich wichtig ist, so wichtig wie essen, schlafen und atmen. So einfach ist das doch. Auf den ersten Blick und als spontane Antwort.

Aber dann beginnen doch die Fragen: Warum ist denn Lesen für mich so wichtig wie das Atmen und Essen, wenn es doch für viele andere Menschen offensichtlich ganz anders ist. Letztens erst hat eine Kollegin gefragt, wie ich das denn schaffe, so viel zu lesen. Sie hätte so viel Zeit gar nicht. Es ist wohl doch nicht so, dass Lesen ganz selbstverständlich ist, es ist wohl doch so, dass es für viele Menschen etwas Besonderes ist.

Was bedeutet mir also das Lesen, dass es mir jeden Tag so wichtig ist, und das schon, seit ich meine ersten Pippi-Langstrumpf-Bücher verschlungen habe? So eine Pippilotta Schokominza hätte ich auch gerne zur Freundin gehabt, eine, die lustige rote Zöpfe hat, bei der keine Eltern auf die Wahl der zueinander passenden Socken achten, die überhaupt ohne Eltern – und ohne Schule! –gut klarkommt, die stattdessen mit ihrem Äffchen Herrn Nilsson lebt und auf der Veranda ihrer Villa Kunterbunt ein Pferd beheimatet, den Kleinen Onkel. Die so stark ist, dass die Einbrecher Angst vor ihr haben, die so viel Phantasie hat, dass, wo immer sie möchte, ein Limonadenbaum wächst, die kindliche Abenteuer besteht und nie erwachsen werden möchte. Diese Pippi-Langstrumpf-Welt, die hat mich schon ordentlich fasziniert und sicher meine Liebe zum Lesen begründet.

Überhaupt haben es mir die phantasievollen, unabhängigen, frechen Kinder aus Astrid Lindgrens Kosmos angetan: Die „Ferien auf Saltkrokan“ habe ich gelesen, Michel aus Lönneberga kennengelernt, den Jungen, der so neugierig in die Suppenschüssel geschaut hat und den Kopf nicht mehr hinaus bekam und der für alle seine Missetaten immer im Schuppen eingesperrt wurde, wo er die Zeit gleich gut nutze und das Schnitzen von Figuren entdeckte. In fantasievolle Kinder-Welten hat Astrid Lindgren ihre kleinen Leser über Generationen geschickt und hat sich die Geschichten selbst in dunklen Zeiten ausgedacht.

Damit ist sicherlich ein Grund benannt, warum ich lese: weil ich in Büchern andere Welten entdecken kann. Heute sind das nicht mehr die phantasievollen Abenteuer der Kinder- und Jugendzeit, nicht mehr die Indianer- und Liebesgeschichten, in die ich als Teenager mit Haut und Haaren verschwinden konnte. Diese Form von Lesen als Flucht in andere Welten, die ist es heute nicht mehr, die mich immer wieder zum Lesen bringt.

Vielmehr erscheinen mir Bücher heute als Wegweiser: Sie erschließen mir neue Wege, die ich selbst nicht kennenlernen könnte. Diese Wegweiser zu neuen Pfaden bringen mich mit jedem Buch in ganz neue Landschaften, gewähren mir neue Ausblicke und Einblicke in unsere Welt, bescheren mir Erfahrungen, die ich so nie machen würde, und lassen mich Menschen kennenlernen, die ich auf meinen üblichen Wegen nicht kennenlernen würde:

Katharina Winklers „Blauschmuck“ lässt mich Filiz kennenlernen, die junge Frau, die in einer Gesellschaft lebt, in der archaische Gewalt gegen alle Familienmitglieder, besonders die Frauen, üblich ist, und die die besonders abartigen Formen häuslicher Gewalt überlebt, weil sie sich einen ganz persönlichen Kern bewahren kann, den sie von ihrem körperlichen Erleben abspaltet.

Ulrich Treichel erzählt in „Tagesanbruch“ von einer Mutter, die nun endlich, als ihr erwachsener Sohn gestorben ist, die Traumata und Verletzungen während der Kriegs- und Nachkriegsjahre aussprechen und aufschreiben kann und so eine Romanfigur ein ganz lebendiges und erschreckendes Bild erstellt über die Generation, die immer geschwiegen hat über die Schrecken, die sie erlebt hat, die ihre Emotionen so lange unterdrückt hat, bis sie ganz lieblos wurde.

Shumona Sinha bringt uns in ihrem Roman „Erschlagt die Armen!“ die Sicht einer indischstämmigen Dolmetscherin nahe, die angesichts ihrer Übersetzungsarbeit bei der französischen Asylbehörde so wütend geworden ist: auf die unzureichenden europäischen Asylgesetze, die Asylbewerber, die immer die gleichen Lügengeschichten erzählen, an einer Integration aber gar nicht interessiert sind, nicht einmal die Sprache wollen sie lernen. Sie ist aber auch wütend darüber, wie ihre französischen Kollegen sie behandeln, sie, die doch so integriert ist, aber durch ihr Äußeres immer als fremd auffallen wird.

Und Michael Schneider schickt in „Ein zweites Leben“ seinen Protagonisten Fabian Fohrbeck, einen geisteswissenschaftlichen Professor, in eine Burn-out-Klinik und erzählt uns von den traurigen Wirkungen heutiger Arbeitsanforderungen auf die Menschen und den Versuchen, dies in der Klinik zu „reparieren“. Er erzählt von der Beschleunigung unserer Gesellschaft in allen Bereichen des Lebens, einer Beschleunigung, die selbst ein Trauerjahr versucht abzukürzen.

Das ist es, was mir das Lesen so wichtig macht: ich will in die unterschiedlichsten Leben eintauchen, um erfahren zu können, wie sich für die – gerne zeitgenössischen – Protagonisten das Leben anfühlt, wie und warum sie sich entscheiden, wie sie Konflikte bewältigen, wie sie es schaffen, mit den verschiedenen Lebensbedingungen, unter denen sie ja auch leiden, zurechtzukommen. Ich mag es, wenn die Geschichten mir ganz bewusst Leerstellen eröffnen, für eigene Deutungen und Spekulationen, für eine eigenständige Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Und ich lese besonders gerne, wenn auch die Sprache besonders ist, wenn sich ein, so wie immer wieder gesagt wird, ganz eigener Sound ergibt, der dem Inhalt noch einmal eine besondere Bedeutung verleiht.

Ich lese, weil fiktive Geschichten mit vielschichtigen Charakteren und Handlungssträngen oft ein viel realistischeres, und vor allem auch komplexeres Bild der Gegenwart zeigen, als dies die Nachrichten in der Zeitung ermöglichen. Ich lese also, weil ich über das Lesen der Geschichten ein tieferes und ein differenzierteres Verständnis erreichen möchte. Insofern sind Bücher nicht nur Wegweiser in fremden Geländen, sondern bieten auch Hilfestellungen, um mich zurechtzufinden.

Und dann lese ich auch, um etwas über mich zu erfahren. Manchmal ist es ja so, dass ich ganz unerwartet einen Satz lese, der etwas aus meinem Leben so genau trifft, dass es mir beim Lesen den Atem nimmt. Oder es werden Geschichten erzählt, die ich ja so oder ähnlich auch erlebt habe. Das sind natürlich die ganz besonderen Momente, Lesemomente, die so richtig unter die Haut gehen. Vielleicht ist es ja die Suche nach diesen Momenten, die in Wahrheit mein Lesen antreiben…

 

 

12 Kommentare

  1. Diese Gedanken und Selbstbetrachtungen lesen sich gut und wahr. Danke für all die Lesefrüchte aus Deiner Feder! Wohl lese ich nicht ganz so viel, doch mag ich es ebenfalls, in den Wortschöpfungen, Satzbildungen, Charakteren und Stoffen mich selbst wiederzuerkennen oder eben auch in Frage stellen. So wäre das Lesen ein Lebensmittel und ein Lebenszweck, und wie dies hier in den Blogs geteilt wird, finde ich schön.

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar. In der Zeit seit der Veröffentlichung vor ein paar Stunden sind mir ja noch tausend Gedanken zu dem Thema durch den Kopf gegangen, aber so ein Grundsatztext ist wahrscheinlich auch nie ganz fertig. Ja, die eine Seite ist die Selbsterkenntnis durch die Literatur, dann, wenn Literatur, wie Du so schön schreibst, zum Lebensmittel und Lebenszweck wird. Das ist dann aber eine sehr private „Lese“, über die ich eher nicht schreibe. Das, was mich auf dem Blog umtreibt, sozusagen die zweite Seite meines Lesens, hat dann sicherlich auch noch ganz viel zu tun mit meinem Interesse an und meiner Neugier auf die Jetztzeit, mit der Präsensanthropologie also (da sind wir fast wieder bei „Satin Island“ :-)), ist ber doch ein Stück weg von ganz persönlichen Leseerlebnissen. Und dass Dir das, was auf dem Blog passiert, gefällt, darüber freue ich mich natürlich sehr.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Pingback: Warum ich lese – novelero

  3. Hallo Claudia, interessant, dass du schreibst, dass die sehr private Lektüre beim Blog außen vor bleibt. Das kann ich gut verstehen, ich versuche da auch gerade, für mich eine gute Balance zu finden. Denn eigentlich möchte ich möglichst viel von dem, was ich lese, auf dem Blog „verarbeiten“ (im doppelten Sinn), gleichzeitig gibt es da Momente, wo ich denke, dass das jetzt doch zu persönlich würde. Aber genau da wird es auf der anderen Seite ja besonders spannend. LG Anna

    • Hallo Anna,
      alles Lesen hat ja auch immer, wenn wir denn unsere Lektüren ganz und gar selbstständig auswählen können und nicht für ein bestimmtes Thema oder zu einem bestimmten Zweck lesen, ganz stark etwas mit uns selbst zu tun, mit unserer Biografie, unseren Erlebnissen, unseren Konflikten und Interessen, auch wenn wir literaturwissenschfatliches Wissen und Beurteilungskriterien mit einbringen können. Insofern findet ja auf dem Blog auch immer eine Verarbeitung der privaten Interessen statt. Das ist ja gerade das Schöne am Bloggen, dass wir da alle unseren ganz besonderen und speziellen Vorlieben nachgehen können und so beim Lesen der Blogs auch eine ganz vielfältige Leselandschaft entsteht.
      Aber die Leseeindrücke, die mir dann so richtig unter die Haut gehen, weil sie den einen „wahren“ Satz oder den einen „richtig wichtigen“ Absatz oder vielleicht sogar einen völlig neuen Blick auf eine selbst so oder ähnlich erlebte Geschichte werfen – das alles möchte ich gerne ganz bei mir aufbewahren und nicht veröffentlichen. Das ist dann die Privatheit, die ich mir sicher auch in einem ganz realen Literaturclub bewahren würde. Deshalb kann ich durchaus über die Lektüreeindrücke des Romans schreiben, aber eben auf einer distanzierteren Ebene und nicht mit vornehmlichem Blick auf die Passagen, die es mir so ganz besonders angetan haben. Das Abwägen, was zu persönlich ist, was noch zu veröffentlichen geht, was vielleicht veröffentlicht werden kann, ohne dass der Leser gleich die persönliche Betroffenheit erkennt, das ist schon, wie Du sagtst, ein Balanceakt.
      Aber solange ich lese, ist es sicherlich eine ganz große Motivation, solche Sätze, Absätze oder Inhalte zu finden, die mir etwas über mich erzählen und die mich dann so richtig packen. Da steht ja manchmal so ein erhellender Satz mitten zwischen anderen und das ist dann eben „mein“ ganz privater S(ch)atz.
      Viele Grüße, Claudia

  4. Du hast sehr treffende Worte gefunden! Dem kann ich nur zustimmen. Vielen Dank auch für die Buchtipps, die dieser Beitrag enthält. Ich werde mir die Werke gleich mal genauer ansehen

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