Gerade ist Sommerferienzeit und einige Urlauber machen sich auf den Weg in den Süden, aber nicht ans Meer, nein, ins Gebirge. Sie alle reisen dorthin, um in Tälern und an Bergflanken durch Wälder und an Bächen zu spazieren, um in den klaren, von Gletschern gespeisten Seen zu schwimmen, um auf Almwiesen mit ängstlich pochenden Herzen dem Rindvieh auszuweichen oder um über felsige Gipfelgrate zu kraxeln. Und manch einer der Reisenden, gestresst von der Hektik und Fülle der Großstadt, wird sich wohl beim Blick auf die vielen Gipfel fragen, wie es sich wohl anfühlt, hier, in dieser Landschaft und in einem kleinen ruhigen Dorf das ganze Jahr zu leben. Und auf diese Frage liefert Vea Kaisers Roman „Blasmusikpop“ eine Antwort.
Johannes A. Irrwein und sein Großvater Johannes Gerlitzen nämlich leben in so einem Dorf in den Bergen, in St. Peter am Anger. Das Dorf liegt sehr einsam, denn es hat nur einen Zugang von Lenk im Angertal aus, ansonsten ist es von unüberwindbaren gletscherbedeckten Gipfeln mit 4000 Meter Höhe umgeben. Die Dorfbewohner sind seit Jahrhunderten nicht am Austausch mit anderen interessiert; wenn die Pater vom Kloster in Lenk angesichts einer Budgetlücke ins Dorf kommen, um fällige Abgaben endlich einzutreiben, werden sie mit Heugabeln und Spaten vertrieben; wenn Händler ins Dorf kommen, um den Dorfbewohnern die Innovationen der Welt nahezubringen, einen Globus zum Beispiel oder Schwarzpulver, dann verweigern die Dorfbewohner die Abnahme; und als in den 1950er Jahren Bergsteiger ins Dorf kommen, die nun endlich die Gletscher besteigen möchten, holen die Dorfbewohner ihre Kinder ins Haus, verschließen die Schlagläden und der Dorfwirt vermietet seine Zimmer für einen Mondpreis. So leben die Menschen in diesem Dorf abgeschieden von der Welt, verpassen seit dem 30jährigen alle Kriege und pflegen ihre eigenen Sitten und Bräuche. Allerdings: so abgeschieden, dass sie sich auf ewig dem Zugriff des Staates entziehen können, leben sie auch wieder nicht, und so müssen sie akzeptieren, dass eine Kaiserin, ausgerechnet eine Frau!, es so einrichtet, dass nicht nur die erhobenen Steuern abgeführt werden, sondern auch noch die Schulpflicht im Dorf eingeführt:
Vor allem aber gräulte sie, daß eine Schulpflicht eingeführt wurde. Die Kinder wurden bis zu dieser Zeit für die Arbeit auf dem Feld gebraucht, doch nach jenem Erlaß mußten sie vormittags lesen und schreiben lernen, zwei Tätigkeiten, gegen die die Bergbarbaren auch in der heutigen Zeit noch Aversionen haben, wie ich selbst sah. (S. 261)
Es braucht wenig Fantasie, um sich vorzustellen, was einem aus der Art geschlagenen Dorfbewohner passiert, sollte er die Lust verspüren, gerne zu lesen, sich gar zu bilden oder überhaupt ein Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung der Welt zu haben. Als bei Johannes Gerlitzen ein Bandwurm diagnostiziert wird, entwickelt er, der im erlernten Beruf Holzschnitzer ist, einen unbändigen Wissensdrang über Leben und Entwicklung von Würmern. Statt ins Wirtshaus geht er in die Dorfbibliothek, was ihm eine Menge Hohn und Spott einbringt, und findet so Gefallen an der Wissenschaft. Als dann auch noch seine gerade geborene Tochter Ilse dem verhassten Nachbarn ziemlich ähnlich sieht, beschließ ert, in die Hauptstadt zu gehen, um Arzt zu werden. Dabei kommen ihm wundersamerweise in der Hauptstadt seine im Dorf ausgebildeten Fähigkeiten als Holzschnitzer und Kartenspieler zugute. Das übrige Dorf hält ihn nun jedoch für vollkommen verrückt und staunt nicht schlecht, als er Jahre später zurückkommt und der erste Arzt im Dorf wird.
Bei Johannes A. Irrwein, dem Enkel, zeigt sich schon früh ein ähnliches Interesse für Kugelschreiber und Papier und so kann Johannes, der Opa, endlich die wissenschaftlichen Forschungsmethoden weitergeben. Und damit wächst Johannes, der Enkel, zum Sonderling des Dorfes heran, der mit seinem merkwürdigen Verhalten, nämlich die Hochsprache statt des Dorfdialektes zu sprechen und statt am Dorfleben teilzuhaben lieber über seinen Büchern und Forschungen zu sitzen, seinen Eltern keine große Freude macht. Da der Opa gestorben ist, fehlt ihm auch ein Mentor, der dafür sorgt, dass er ein Gymnasium besuchen kann, denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird die höhere Bildung im Gebirge nur von privaten Trägern, zum Beispiel Klöstern, angeboten. Johannes Eltern aber wollen nicht auch noch Geld dafür ausgeben, dass das Dorf sich das Maul zerreist darüber, dass sie ausgerechnet einen „Hoch´gschissenen“ großziehen, Johannes soll, wie die anderen Dorfkinder auch zur Hauptschule gehen.
Wenn nun nicht das Schicksal eingegriffen hätte, man hätte nicht gewusst, was aus Johannes in seinem Dorf werden soll. Da aber die Dörfer untereinander in einem Wettstreit liegen, unter anderen bei der Lautstärke der Kirchenglocken, hat Pfarrer Chochlea, der schon seit Jahren im Dorf die Arbeit des seelischen Hirten versieht, einen Verstärker angeschafft. Beim Erproben des neuen Klangwunders steht er aber leider zu dicht bei den Glocken und muss nun für einige Wochen das Krankenhaus aufsuchen. Als Ersatz schickt das Lenker Kloster Pater Tobias, der nicht nur den Frauen des Dorfes den Kopf verdreht, sondern schon am ersten Tag erkennt, dass Johannes gefördert werden muss. Und so besorgt Pater Tobias ein Stipendium und Johannes kann zum Gymnasium gehen.
Dieser Besuch des gymnasiums und die dort vermittelte umfassende humanistische Bildung werden für das Dorf, insbesondere für den Fußballverein, später ein Geschenk werden. Denn als der Dorfverein in eine finanzielle Schieflage gerät – im Wettbewerb mit dem Nachbardorf ist die Flutlichtanlage zu üppig ausgefallen – wird Johannes mit der Organisation und Umsetzung eines Großereignisses betraut, das Geld in die leeren Kassen spülen soll, und so reist zur Einweihung der neuen Flutlichtanlage beim FC St. Peter tatsächlich der skandalumwitterte FC St. Pauli aus Hamburg zum Freundschaftsspiel an.
Vea Kaiser ist ein irrwitziger Heimatroman gelungen, in dem sie den Mikrokosmos eines kleinen, abgeschiedenen Dorfes in all seiner Abstrusität und Absurdität genussvoll darstellt. Die Bewohner des Dorfes haben alle ihre Ticks und Schrullen, liebenswert sind sie trotzdem, sogar diejenigen, die Johannes so viele Steine in den Weg legen, allen voran seine depperten Eltern. Die Handlung des Romans schlägt immer wieder neue und ungewöhnliche Haken, wenn denn nicht nur die Dorfchronik in herodotscher Manier seit der Besiedelung bis heute dargestellt wird, sondern parallel dazu die individuelle Geschichte der beiden Forscher erzählt wird. Und Johannes A. Irrwein braucht etliche Jahre, um sich seine Heimat anzueignen und zu erkennen, dass seine Mitmenschen nicht nur hinterwäldlerisch und barbarisch sind, sondern man sich auch auf sie verlassen kann. Das alles erzählt Vea Kaiser so leichtfüßig und witzig.
Unter dieser scheinbar leichtfüßigen Oberfläche aber schlummern auch ganz gewichtige Themen. Nicht nur die Frage nach Heimat wird aufgearbeitet, auch die Frage danach, was mit denjenigen Menschen in einem Dorf passiert, die sich dem wie auch immer entstandenen „Vorstellungen, Erinnerungen und Werten“ nicht anschließen können oder wollen, z.B. weil ihre Interessen und Begabungen dagegen sprechen. Sie müssen auf sich nehmen, ihr Leben als Sonderlinge und Einzelgänger zu fristen – oder sie müssen das Dorf verlassen. Vea Kaiser kommt, passend zum Ton des Romans, zu einem versöhnlichen Ende, denn letztendlich verfügen die meisten Beteiligten über genug Toleranz, den anderen zu akzeptieren. Und so ist „Blasmusikpop“ nicht nur ein Heimat-, sondern auch ein Bildungsroman.
Und noch einer weiteren Frage wird nachgegangen, nämlich der, welche Facetten eine breite Bildung umfasst. Johannes, der Gelehrte aus dem Elfenbeinturm nämlich fällt zunächst durch die Matura, ausgerechnet in seiner Spezialdisziplin der Geschichte und der Geschichtsmethodik bei Herodot. Erst durch seinen Sommer im Dorf, sein Engagement für neu gefundene Freunde, sein Hineingeworfenwerden in die Liebe zu Simona sowie natürlich auch seinen Einsatz für den Fußballverein, erfolgt seine wirkliche Reifung zu einer Persönlichkeit. Und so ist „Blasmusikpop“ auch ein Entwicklungsroman.
Aber: Beim Lesen sollte wohl weniger eine Erforschung nach germanistischen Methoden stattfinden als vielmehr der Spaß über treffende Wendungen und ungewöhnliche Ereignisse im Vordergrund stehen. So sei abschließend noch einmal aus der Betrachtung Johannes zum Ältestenrat zitiert, der Institution im Dorf, die die Geschicke seit jeher maßgeblich beeinflusst:
Wie ich mitbekommen habe, ist ein weiterer Grund für die archaische Weltsicht der Bergbarbaren ihre Form der Regierung, und zwar herrscht über sie ein(…) Ältestenrat, der die überkommenen Wertvorstellungen durchzusetzen versucht. (…) Bedenket, zivilisierte Freunde, es endet immer im Unheil, wenn ein Rat aus ausschließlich alten Männern die Verantwortung in die Hand bekommt. Aus der Antike lernten wir, Sparta war ein schreckliches Projekt! In der neueren Geschichte zeigt uns der Vatikan, wie weltfremd eine Gerousia ist, und in der Gegenwart ist das beste Beispiel jene paramilitärische Regierung namens (…) FIFA, die Zeugnis für die Korruption und Senilität alter Männer ist (…). (S. 378/379)
Die Umsetzung der im Urlaub in einer Verfassung der absoluten Entspannung entstandene Idee, das ganze Jahr über in einem idyllischen Alpendorf zu verbringen, sollte also trotz allem sehr sorgsam abgewogen werden.
Erst durch die vielen positiven Besprechungen in den Blogs bin ich wirklich auf diesen Roman aufmerksam geworden. Völlig überzeugt hat mich die Besprechung bei buchpost (dort sind auch weitere Links aufgelistet). Bei buzzaldrins findet sich auch das 5-Fragen-Interview mit Vea Kaiser sowie dern Bericht über ein Interview mit der Autorin sowie deren Lesung.
Vea Kaiser (2012): Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam, Köln, Kiepenheuer & Witsch






































































































