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Die bebilderte Besprechung – Vea Kaiser: Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam

Kaiser_Blasmusikpop_1Gerade ist Sommerferienzeit und einige Urlauber machen sich auf den Weg in den Süden, aber nicht ans Meer, nein, ins Gebirge. Sie alle reisen dorthin, um in Tälern und an Bergflanken durch Wälder und an Bächen zu spazieren, um in den klaren, von Gletschern gespeisten Seen zu schwimmen, um auf Almwiesen mit ängstlich pochenden Herzen dem Rindvieh auszuweichen oder um über felsige Gipfelgrate zu kraxeln. Und manch einer der Reisenden, gestresst von der Hektik und Fülle der Großstadt, wird sich wohl beim Blick auf die vielen Gipfel fragen, wie es sich wohl anfühlt, hier, in dieser Landschaft und in einem kleinen ruhigen Dorf das ganze Jahr zu leben. Und auf diese Frage liefert Vea Kaisers Roman „Blasmusikpop“ eine Antwort.

Johannes A. Irrwein und sein Großvater Johannes Gerlitzen nämlich leben in so einem Dorf in den Bergen, in St. Peter am Anger. Das Dorf liegt sehr einsam, denn es hat nur einen Zugang von Lenk im Angertal aus, ansonsten ist es von unüberwindbaren gletscherbedeckten Gipfeln mit 4000 Meter Höhe umgeben. Die Dorfbewohner sind seit Jahrhunderten nicht am Austausch mit anderen interessiert; wenn die Pater vom Kloster in Lenk angesichts einer Budgetlücke ins Dorf kommen, um fällige Abgaben endlich einzutreiben, werden sie mit Heugabeln und Spaten vertrieben; wenn Händler ins Dorf kommen, um den Dorfbewohnern die Innovationen der Welt nahezubringen, einen Globus zum Beispiel oder Schwarzpulver, dann verweigern die Dorfbewohner die Abnahme; und als in den 1950er Jahren Bergsteiger ins Dorf kommen, die nun endlich die Gletscher besteigen möchten, holen die Dorfbewohner ihre Kinder ins Haus, verschließen die Schlagläden und der Dorfwirt vermietet seine Zimmer für einen Mondpreis. So leben die Menschen in diesem Dorf abgeschieden von der Welt, verpassen seit dem 30jährigen alle Kriege und pflegen ihre eigenen Sitten und Bräuche. Allerdings: so abgeschieden, dass sie sich auf ewig dem Zugriff des Staates entziehen können, leben sie auch wieder nicht, und so müssen sie akzeptieren, dass eine Kaiserin, ausgerechnet eine Frau!, es so einrichtet, dass nicht nur die erhobenen Steuern abgeführt werden, sondern auch noch die Schulpflicht im Dorf eingeführt:

Vor allem aber gräulte sie, daß eine Schulpflicht eingeführt wurde. Die Kinder wurden bis zu dieser Zeit für die Arbeit auf dem Feld gebraucht, doch nach jenem Erlaß mußten sie vormittags lesen und schreiben lernen, zwei Tätigkeiten, gegen die die Bergbarbaren auch in der heutigen Zeit noch Aversionen haben, wie ich selbst sah. (S. 261)

Es braucht wenig Fantasie, um sich vorzustellen, was einem aus der Art geschlagenen Dorfbewohner passiert, sollte er die Lust verspüren, gerne zu lesen, sich gar zu bilden oder überhaupt ein Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung der Welt zu haben. Als bei Johannes Gerlitzen ein Bandwurm diagnostiziert wird, entwickelt er, der im erlernten Beruf Holzschnitzer ist, einen unbändigen Wissensdrang über Leben und Entwicklung von Würmern. Statt ins Wirtshaus geht er in die Dorfbibliothek, was ihm eine Menge Hohn und Spott einbringt, und findet so Gefallen an der Wissenschaft. Als dann auch noch seine gerade geborene Tochter Ilse dem verhassten Nachbarn ziemlich ähnlich sieht, beschließ ert, in die Hauptstadt zu gehen, um Arzt zu werden. Dabei kommen ihm wundersamerweise in der Hauptstadt seine im Dorf ausgebildeten Fähigkeiten als Holzschnitzer und Kartenspieler zugute. Das übrige Dorf hält ihn nun jedoch für vollkommen verrückt und staunt nicht schlecht, als er Jahre später zurückkommt und der erste Arzt im Dorf wird.

Bei Johannes A. Irrwein, dem Enkel, zeigt sich schon früh ein ähnliches Interesse für Kugelschreiber und Papier und so kann Johannes, der Opa, endlich die wissenschaftlichen Forschungsmethoden weitergeben. Und damit wächst Johannes, der Enkel, zum Sonderling des Dorfes heran, der mit seinem merkwürdigen Verhalten, nämlich die Hochsprache statt des Dorfdialektes zu sprechen und statt am Dorfleben teilzuhaben lieber über seinen Büchern und Forschungen zu sitzen, seinen Eltern keine große Freude macht. Da der Opa gestorben ist, fehlt ihm auch ein Mentor, der dafür sorgt, dass er ein Gymnasium besuchen kann, denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird die höhere Bildung im Gebirge nur von privaten Trägern, zum Beispiel Klöstern, angeboten. Johannes Eltern aber wollen nicht auch noch Geld dafür ausgeben, dass das Dorf sich das Maul zerreist darüber, dass sie ausgerechnet einen „Hoch´gschissenen“ großziehen, Johannes soll, wie die anderen Dorfkinder auch zur Hauptschule gehen.

Wenn nun nicht das Schicksal eingegriffen hätte, man hätte nicht gewusst, was aus Johannes in seinem Dorf werden soll. Da aber die Dörfer untereinander in einem Wettstreit liegen, unter anderen bei der Lautstärke der Kirchenglocken, hat Pfarrer Chochlea, der schon seit Jahren im Dorf die Arbeit des seelischen Hirten versieht, einen Verstärker angeschafft. Beim Erproben des neuen Klangwunders steht er aber leider zu dicht bei den Glocken und muss nun für einige Wochen das Krankenhaus aufsuchen. Als Ersatz schickt das Lenker Kloster Pater Tobias, der nicht nur den Frauen des Dorfes den Kopf verdreht, sondern schon am ersten Tag erkennt, dass Johannes gefördert werden muss. Und so besorgt Pater Tobias ein Stipendium und Johannes kann zum Gymnasium gehen.

Dieser Besuch des gymnasiums und die dort vermittelte umfassende humanistische Bildung werden für das Dorf, insbesondere für den Fußballverein, später ein Geschenk werden. Denn als der Dorfverein in eine finanzielle Schieflage gerät – im Wettbewerb mit dem Nachbardorf ist die Flutlichtanlage zu üppig ausgefallen – wird Johannes mit der Organisation und Umsetzung eines Großereignisses betraut, das Geld in die leeren Kassen spülen soll, und so reist zur Einweihung der neuen Flutlichtanlage beim FC St. Peter tatsächlich der skandalumwitterte FC St. Pauli aus Hamburg zum Freundschaftsspiel an.

Vea Kaiser ist ein irrwitziger Heimatroman gelungen, in dem sie den Mikrokosmos eines kleinen, abgeschiedenen Dorfes in all seiner Abstrusität und Absurdität genussvoll darstellt. Die Bewohner des Dorfes haben alle ihre Ticks und Schrullen, liebenswert sind sie trotzdem, sogar diejenigen, die Johannes so viele Steine in den Weg legen, allen voran seine depperten Eltern. Die Handlung des Romans schlägt immer wieder neue und ungewöhnliche Haken, wenn denn nicht nur die Dorfchronik in herodotscher Manier seit der Besiedelung bis heute dargestellt wird, sondern parallel dazu die individuelle Geschichte der beiden Forscher erzählt wird. Und Johannes A. Irrwein braucht etliche Jahre, um sich seine Heimat anzueignen und zu erkennen, dass seine Mitmenschen nicht nur hinterwäldlerisch und barbarisch sind, sondern man sich auch auf sie verlassen kann. Das alles erzählt Vea Kaiser so leichtfüßig und witzig.

Unter dieser scheinbar leichtfüßigen Oberfläche aber schlummern auch ganz gewichtige Themen. Nicht nur die Frage nach Heimat wird aufgearbeitet, auch die Frage danach, was mit denjenigen Menschen in einem Dorf passiert, die sich dem wie auch immer entstandenen  „Vorstellungen, Erinnerungen und Werten“ nicht anschließen können oder wollen, z.B. weil ihre Interessen und Begabungen dagegen sprechen. Sie müssen auf sich nehmen, ihr Leben als Sonderlinge und Einzelgänger zu fristen – oder sie müssen das Dorf verlassen. Vea Kaiser kommt, passend zum Ton des Romans, zu einem versöhnlichen Ende, denn letztendlich verfügen die meisten Beteiligten über genug Toleranz, den anderen zu akzeptieren. Und so ist „Blasmusikpop“ nicht nur ein Heimat-, sondern auch ein Bildungsroman.

Und noch einer weiteren Frage wird nachgegangen, nämlich der, welche Facetten eine breite Bildung umfasst. Johannes, der Gelehrte aus dem Elfenbeinturm nämlich fällt zunächst durch die Matura, ausgerechnet in seiner Spezialdisziplin der Geschichte und der Geschichtsmethodik bei Herodot. Erst durch seinen Sommer im Dorf, sein Engagement für neu gefundene Freunde, sein Hineingeworfenwerden in die Liebe zu Simona sowie natürlich auch seinen Einsatz für den Fußballverein, erfolgt seine wirkliche Reifung zu einer Persönlichkeit. Und so ist „Blasmusikpop“ auch ein Entwicklungsroman.

Aber: Beim Lesen sollte wohl weniger eine Erforschung nach germanistischen Methoden stattfinden als vielmehr der Spaß über treffende Wendungen und ungewöhnliche Ereignisse im Vordergrund stehen. So sei abschließend noch einmal aus der Betrachtung Johannes zum Ältestenrat zitiert, der Institution im Dorf, die die Geschicke seit jeher maßgeblich beeinflusst:

Wie ich mitbekommen habe, ist ein weiterer Grund für die archaische Weltsicht der Bergbarbaren ihre Form der Regierung, und zwar herrscht über sie ein(…) Ältestenrat, der die überkommenen Wertvorstellungen durchzusetzen versucht. (…) Bedenket, zivilisierte Freunde, es endet immer im Unheil, wenn ein Rat aus ausschließlich alten Männern die Verantwortung in die Hand bekommt. Aus der Antike lernten wir, Sparta war ein schreckliches Projekt! In der neueren Geschichte zeigt uns der Vatikan, wie weltfremd eine Gerousia ist, und in der Gegenwart ist das beste Beispiel jene paramilitärische Regierung namens (…) FIFA, die Zeugnis für die Korruption und Senilität alter Männer ist (…). (S. 378/379)

Die Umsetzung der im Urlaub in einer Verfassung der absoluten Entspannung entstandene Idee, das ganze Jahr über in einem idyllischen Alpendorf zu verbringen, sollte also trotz allem sehr sorgsam abgewogen werden.

Erst durch die vielen positiven Besprechungen in den Blogs bin ich wirklich auf diesen Roman aufmerksam geworden. Völlig überzeugt hat mich die Besprechung bei buchpost (dort sind auch weitere Links aufgelistet). Bei buzzaldrins findet sich auch das 5-Fragen-Interview mit Vea Kaiser sowie dern Bericht über ein Interview mit der Autorin sowie deren Lesung.

Vea Kaiser (2012): Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam, Köln, Kiepenheuer & Witsch

5 lesen 20 – Longlist des Deutschen Buchpreises 2013

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Nun ist es also soweit, die Longlist zum Deutschen Buchpreis ist gerade bekanntgegeben worden. Auf ihr sind die 20 Titel zusammengetragen, die ins Rennen gehen um den Buchpreis des Jahres 2013.

Und weil wir gerne lesen und weil wir gerne über Literatur diskutieren und weil wir unsern Lesern gerne eine  Orientierung geben möchten über die Romane, die auf der Longlist versammelt sind, haben wir uns in diesem Jahr zusammengeschlossen und veröffentlichen unter dem Projekttitel 5 lesen 20 unsere Eindrücke zu den „erlesenen“ Romanen. Und vielleicht ergibt sich ja auch ein spannender Austausch über unsere ganz persönlichen Buchpreisfavoriten.

Zu 5 lesen 20 tragen Mara von buzzaldrins, die Initiatorin und Organisatorin dieses Projektes (DANKE!), Sophie von Literaturen, Caterina von Schöne Seiten und Atalante von Atalantes Historien bei – also 5 Blogs, die die 20 Titel vorstellen wollen.

Und das sind die Titel, die die Jury des Buchpreises ins Rennen schickt:

• Mirko Bonné: Nie mehr Nacht (Schöffling & Co., August 2013)

• Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt (Wallstein, März 2013)

• Thomas Glavinic: Das größere Wunder (Hanser, August 2013)

• Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang (Hanser, Mai 2013)

• Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden (Hanser, Februar 2013)

• Daniel Kehlmann: F (Rowohlt, September 2013)

• Judith Kuckart: Wünsche (DuMont, März 2013)

• Olaf Kühl: Der wahre Sohn (Rowohlt.Berlin, September 2013)

• Dagmar Leupold: Unter der Hand (Jung und Jung, Juli 2013)

• Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren (C. H. Beck, Januar 2013)

• Clemens Meyer: Im Stein (S. Fischer, August 2013)

• Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2013)

• Terézia Mora: Das Ungeheuer (Luchterhand, September 2013)

• Marion Poschmann: Die Sonnenposition (Suhrkamp, August 2013)

• Thomas Stangl: Regeln des Tanzes (Droschl, September 2013)

• Jens Steiner: Carambole (Dörlemann, August 2013)

• Uwe Timm: Vogelweide (Kiepenheuer & Witsch, August 2013)

• Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten (Jung und Jung, Februar 2013)

• Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (Diogenes, August 2013)

• Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como (Blumenbar, März 2013)

Erste Rezensionen zu einigen Titeln können schon sofort gelesen werden, und zwar zu

Jonas Lüschers „Frühling der Barbaren“ bei Literaturen und buzzaldrins

und Judith Kuckart „Wünsche“ bei buzzaldrins und atalentes

Robert & Edward Skidelsky: Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens

Skidelsky_Genug„Damals, als es mir beschissen ging, gab es Liebe und Freunde, wo kamen sie hin?“ fragt Charles Aznavour in seinem Chanson von 1977. Hier wird besungen, wie es war, in der alten Zeit, als er zwar kein Geld hatte, aber viele Freunde, mit denen er nächtelang „über Gott und die Welt“ diskutierte. Aber da war auch der Ehrgeiz, etwas erreichen zu wollen, „es zu schaffen“ und so opferte er alles, auch Liebe und Freunde, um „Macht und Geld“ zu bekommen. Als Aznavour dieses Chanson für seine CD „Duo“ zusammen mit Herbert Grönemeyer 2008 aufgenommen hat, hat der beschriebene Konflikt nichts von seiner Brisanz verloren: Finanzieller Erfolg geht oft auf Kosten der Zeit, die für Freundschaften zur Verfügung steht – finanzieller Erfolg wird oft erreicht auf Kosten des „guten Lebens“.

Mit der Frage, was denn ein gutes Leben sei in einer Gesellschaft, in der doch alles vorhanden ist, beschäftigen sich Robert Skidelsky, Wirtschaftswissenschaftler und Keynes-Experte, und sein Sohn Edward, der Philosophieprofessor ist, in ihrem gemeinsamen Buch. Sie wollen, so schreiben sie zu Beginn, mit ihrem Buch eine „Kritik der Unersättlichkeit“ vorlegen, denn die Unersättlichkeit sei der Grund, warum die Menschen in unserer Überflussgesellschaft immer weiter und schneller laufen in ihrem Hamsterrad der Arbeit, anstatt souverän zu entscheiden, wann sie „genug“ Geld haben, wann sie sich auch um andere Dinge des guten Lebens kümmern möchten – zum Beispiel eben um die Freunde.

Und so wird die Untersuchung der Autoren von zwei Fragen geleitet: Warum beklagen sich, erstens, so viele Menschen in unserer Gesellschaft, in der doch genug materieller Wohlstand herrscht, darüber, immer weniger Zeit für ein „gutes Leben“ zu haben und was macht, zweitens, ein „gutes Leben“ überhaupt aus?

Ausgangspunkt der Analyse der derzeitigen nicht zufriedenstellenden Situation ist ein Aufsatz von John Maynard Keynes, den er 1928/1930 formuliert hat und in dem er skizziert, dass bei gleichmäßigem weiteren Wirtschaftswachstum und „unter der Annahme, dass keine weiteren Kriege und keine erhebliche Vermehrung der Bevölkerung stattfinden, (…) die Lösung des ökonomischen Problems in 100 Jahren zum mindesten in Sicht sei.“ (S. 30) Als Konsequenz würde das für die Menschen bedeuten, dass sie ihre materiellen Bedürfnisse mit drei Stunden Arbeit täglich befriedigen können und die übrige Zeit dafür verwenden, „weise, angenehm und gut zu leben.“ (43)

Tatsächlich ist das Wirtschaftswachstum, trotz des Zweiten Weltkrieges, zumindest in den Wohlstandsländern auf ein Niveau gestiegen, dass Keynes Annahme mindestens trifft – die Arbeitszeit ist aber bei Weitem nicht im von ihm prognostizieren Maß gesunken. Robert und Edward Skidelsky untersuchen nun, welche Gründe es für die immer noch hohen Arbeitszeiten gibt und zeigen einige Begründungen dafür auf: So sei Arbeit ja nicht per se etwas Schlechtes, das es unbedingt zu vermeiden gelte, sondern führe für den einzelnen auch zu Anerkennung und sozialen Beziehungen, und das seinen Aspekte, die den Menschen, über das notwenige Geldverdienen hinaus, auch wichtig sind. Auch Politik und Unternehmen spielen eine Rolle bei der Beibehaltung der hohen Arbeitszeiten, denn spätestens seit den 1980er Jahren komme wesentlich weniger der volkswirtschaftlich erzielten Wertschöpfung bei den abhängig Beschäftigten an, sodass sie gezwungen seien, mehr und länger zu arbeiten. Und letztendlich sei auch das Verlangen der Bevölkerung nach immer mehr Gütern Teil dieses Systems, denn in einer eher egalitären Gesellschaft gehe es auch darum, über den Besitz von Haus, Auto, Kleidung und natürlich auch Gütern des Freizeitbereichs den eigenen Status bzw. die eigene Geltung zu demonstrieren.

Nach dieser Situationsanalyse untersuchen die beiden Autoren ausführlich, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte. Sie erklären, dass dies dem faustischen Handel zu verdanken sei, denn wie Faust mit Mephistopheles einen Handel eingeht, um sein Wissen zu erweitern, so haben die Menschen mit dem Teufel des Kapitalismus einen Handel abgeschlossen, in der begründeten Hoffnung, mit seiner Hilfe Wohlstand für alle zu erreichen. Dies sei in den sozialdemokratisch geprägten Jahren (bis Ende der 1970er Jahre) auch durch Wohlstandszuwächse in der gesamten Bevölkerung zu beobachten gewesen. Dann aber, unter Thatcher und Reagan, sei durch die konsequente Veränderung der Wirtschaftspolitik hin auf die Liberalisierung der Märkte, vieles verloren gegangen, sichere Arbeitsplätze beispielsweise und auch eine gleichmäßige Einkommensverteilung:

Unter Reagan und Thatcher gewann der Kapitalismus viel von seinem seeräuberischen Piratengeist zurück, und der Traum vom Sprungbrett eines verwalteten Überflusses zerstob. (S. 97)

Und so sehen die Autoren den Hauptverantwortlichen in den Wirtschaftswissenschaften selbst, den hier sei im Laufe der Jahrhunderte das moralische Fundament abhandengekommen:

Die dabei vielleicht wichtigste intellektuelle Hürde, um ein gutes Leben für alle zu verwirklichen, ist aber die Wirtschaftswissenschaft selbst, oder vielmehr die tödliche Orthodoxie, die unter diesem Namen an den meisten Universitäten weltweit ihr Unwesen treibt. (25) (…) Die Wirtschaftswissenschaft ist nicht einfach irgendeine akademische Disziplin. Sie ist die Theologie unseres Zeitalters, die Sprache, die alle, ob hochgestellt oder von niedrigem Rang, beherrschen müssen, wenn sie an den Höfen der Macht wirklich Gehör finden wollen. Sie verdankt ihren Sonderstatus nicht zuletzt dem Unvermögen anderer Wissenschaften, der politischen Debatte ihren Stempel aufzudrücken. (S. 131)

Ziel ihres Konzeptes ist es also, einen Kontrapunkt zu setzen zu dieser „tödlichen Orthodoxie“ (die u.a. Nutzen- und Gewinnmaximierung unter den Bedingungen immer knapper Ressourcen betrachtet und allen Bedürfnissen und Begierden, die nun nur noch als „Nutzen“ bezeichnet werden, insofern neutral gegenübersteht, als dass sie möglichst alle erfüllt werden), indem sie ihr eine Wirtschaftswissenschaft gegenüberstellen wollen, die auf einem philosophisch-moralischen Fundament ruht, so wie es auch in den letzten Jahrhunderten immer gewesen ist und in verschiedenen Regionen der Welt auch. So nehmen sie den Leser mit auf eine ethische Reise durch Zeit und Raum mit Aufenthaltsorten bei den philosophischen Überlegungen Aristoteles´ und Thomas von Aquins sowie moralischen Vorstellungen aus Indien und China. Sie diskutieren auch den Beitrag der aktuellen Glücks- und Nachhaltigkeitsforschung als Basis für ein Konzept des guten Lebens, lehnen aber beide Ansätze vor allem wegen methodischer Probleme ab.

Und so kommen die Autoren zu einem Lösungsansatz, indem sie sieben Basisgüter identifizieren, die dafür verantwortlich sind, jedem Menschen ein gutes Leben ermöglichen. Diese seien: Gesundheit, Sicherheit (auch ökonomische Sicherheit), Respekt, Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft (dazu zählt auch die Familie) und Muße (nicht im Sinne von Nichtstun, sondern mit Blick auf die notwendige Zeit, die es braucht, um eine Tätigkeit selbstbestimmt und mit Freude umsetzen zu können).

Der Politik kommt diesem Lösungsansatz nach die Aufgabe zu, und dazu skizzieren die Autoren auch politische Instrumente, dafür Sorge zu tragen, dass die Gesamtheit der Bevölkerung Zugang zu diesen sieben Basisgütern hat. Und somit handele die Politik auch wieder nach moralisch-ethischen Maßstäben, ohne freilich den Menschen direkt vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, sondern indem sie einen Rahmen absteckt, in dem Menschen Entscheidungen für ihr gutes Leben treffen können.

Edward und Robert Skidelsky kommt das große Verdienst zu, die Wirtschaftswissenschaften und die Wirtschaftspolitik wieder an moralisch-ethische Vorstellungen zu binden und wieder den Menschen und sein „gutes Leben“ in den Vordergrund allen politischen Entscheidens und Handelns zu stellen. Damit erteilen sie dem Ruf nach stetigem Wirtschaftswachstum und der dahinter stehenden Doktrin, allein freie Märkte schaffen Wachstum und Wachstum sei grundsätzlich nötig, eine deutliche Absage. Ihnen kommt das Verdienst zu, sich wieder zu besinnen auf das, was Menschen seit Jahrhunderten anstreben und betten ihren politischen Ansatz in die sehr lesenswerte ausführliche und plastische Darstellung jahrhundertealter Traditionen ein, die weltweit gelten. So zeigen sie deutlich auf, dass unser heutiges wirtschaftlichen Ziel, das eben auf Unersättlichkeit angelegt ist, historisch betrachtet die Ausnahme darstellt. Ihnen kommt auch das Verdienst zu, mit den sieben Basisgütern eine Diskussionsgrundlage zu liefern, die in einer gesellschaftlich-politischen Debatte zur Grundlage weiterer Überlegungen genutzt werden kann unter der Fragestellung, welches Ziel eine Gesellschaft für sich formuliert und weiter verfolgen möchte. Und es kommt ihnen das Verdienst zu, einen deutlichen politischen Auftrag formuliert zu haben, nämlich die Debatte um eine gesellschaftliche Zielvorstellung anzuregen und umsetzen zu helfen, im Sinne der Menschen, nicht im Sinne der Gewinnmaximierung von Unternehmen.

Die Reaktion auf dieses Konzept, das eher die Politik, weniger die Menschen, in die Verantwortung nimmt, und das sich außerdem auf Keynes, christliche und sozialdemokratische Vorstellungen stützt, ist absehbar – und tatsächlich je nach politischer Ausrichtung der großen Tageszeitungen auch in den dort erschienen Rezensionen ablesbar. Eine Politik, in der schon die Kanzlerin eine „marktkonforme Demokratie“ fordert, hat sich längst von der Sorge um die Menschen verabschiedet, sondern richtet das Handeln streng nach den Erfordernissen „der Märkte“ aus. In diesem Zusammenhang wirken die Forderungen der Autoren tatsächlich ziemlich blauäugig, geradezu utopistisch.

Die Autoren nehmen mit ihrem Konzept die Politik in die Verantwortung. Aber: Auch der Einzelne hat die Möglichkeit, für sich Entscheidungen treffen zu können. Und so führt die Lektüre dieses sehr facettenreichen Buches dazu, eigene Positionen, eigene Vorstellungen „vom guten Leben“ zu überdenken. Und auch ohne besondere staatliche Anreize ist es möglich, nicht jeden Statuswettbewerb mithilfe der tollsten neuen Produkte mitzumachen; auch ohne dass die Werbung der Unternehmen durch staatlichen Eingriff eingeschränkt wird, braucht der Einzelne nicht alles zu kaufen, was Werbung verspricht; auch ohne eine Bildung hin zur Muße – die im Moment nicht nur in den Schulen, sondern auch an den Universitäten, nicht in Sicht ist, denn es geht in den aktuellen Bildungstheorien ganz deutlich allein um die Zielsetzung der Verwertbarkeit  vom Bildung, also um konkrete Fähigkeiten und Fertigkeiten, am Arbeitsplatz – können wir uns entscheiden, in unserer freien Zeit einer befriedigenden und anregenden Beschäftigung nachzugehen.

Wir können uns also ganz bewusst gegen den Lebensentwurf und die Konsequenzen entscheiden, die Charles Aznavours besingt

Mein Weg hinauf rieb mich auf

Und nahm mir sehr viel Kraft,
Doch unterm Strich habe ich es geschafft
Ich steh im Licht und zeige nicht, dass ich oft müde bin
Und oft träume von der Zeit
Als es mir beschissen ging

Robert & Edward Skidelsky (2013): Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens, München, Antje Kunstmann Verlag

John Lanchester: Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückbezahlt. Die bizarre Geschichte der Finanzen

Lanchester_SchuldenWer etwas wissen möchte über die Hintergründe von Bankenkrise, Finanzkrise und Eurokrise oder wer etwas erfahren möchte über die Begriffe Eigenkapitalisierung von Banken, Derivate, Swaps, Subprime-Hypotheken, das AAA der Ratingagenturen und die Immobilienblase, der kann dies alles nicht nur als äußerst kenntnisreich und spannend beschriebene Geschichte der letzten Jahre, sondern vor allem auch auf geradezu unterhaltsame Art und Weise in John Lanchesters Essay mit dem etwas sperrigen Titel „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückbezahlt“ nachlesen.

Im Spätsommer des Jahres 2007 begann John Lanchester, sich mit der Finanzindustrie, ihren Produkten, ihrem Geschäftsgebaren und ihrer Entwicklung zu beschäftigen. Es war die Zeit, in der Kunden ihre Bank Northern Rock stürmten, um möglichst alle Guthaben abzuräumen. Damit brachten sie die Bank in so massive Bedrängnis, dass das Institut wenige Monate später Schutz unter dem weiten Mantel des Staates suchen musste. Lanchester recherchiert seitdem das Ge-schehen um Börsen, Wertpapier- und Immobilienhandel und hat somit die Finanzkrise von Beginn an beobachtet. Verarbeitet hat er seine Erkenntnisse nicht nur in Artikeln für den New Yorker und die London Review of Books, sondern auch in seinem Roman „Kapital“, in dem er von den (Wert-)Veränderungen der Häuser in der Pepys Road in London erzählt und einen Protagonisten er-schaffen hat, Roger, der ganz typische Charakteristika eines Bankers aufweist und der insofern an einem ähnlichen selbstüberschätzenden Realitätsverlust leidet wie auch Bernhard Milbrandt in Sascha Rehs Roman „Gibraltar“.

Lanchester breitet in seinem Essay vor dem Leser die Geschichte der Deregulierung der Banken und Nicht-Banken, das sind andere finanznahe Institutionen wie Bausparkassen und Versicherungen, aus, die zum Ende der 1970er Jahre und den Regierungszeiten von Thatcher in Großbritannien und Reagan in den USA begonnen haben. Beide Regierungschefs, sowie auch die, die ihnen folgen, setzten die wirtschaftsliberale Doktrin um, wie sie die Chicago School um Milton Friedman postulierte, und schafften Regeln und Kontrollen ab im Glauben, dass „der Markt“ sich am besten, fairsten und schnellsten selbst reguliert. Diese Entwicklung wurde, so Lanchester, durch das Ende des Kalten Kriegs und den Fall der Berliner Mauer deutlich befeuert, denn nun brauchte der in den westlichen Ländern in verschiedenen sozialen Spielarten existierende Kapitalismus nicht mehr mit dem Kommunismus um den Preis des besseren Systems zu konkurrieren – er hatte ja nun gewonnen:

Auch (…) wurde dieses Phänomen noch dadurch verstärkt, dass nach dem Ende des Kalten Krieges kaum noch mehr politisches Kapital aus der Idee der Fairness und Chancengleichheit zu schlagen war. Der freie Markt war nicht länger nur eine von mehreren Möglichkeiten der Welt-ordnung, die sich mit anderen Systemen vergleichen lassen und auseinandersetzen mussten. Nun stieg er zu einem Glaubensgegenstand von geradezu mystischen Dimensionen aus. In diesem Glaubenssystem wurde den Angestellten der Finanzindustrie die Rolle von Priestern und Magiern zuteil, und man begann, sie als solche zu behandeln. (S. 32)

Lanchester stellt zunächst die gravierenden Veränderungen im Finanzsektor dar und schafft so für den Leser das notwendige Hintergrundwissen der bankspezifischen Besonderheiten. So erklärt er dem Leser zunächst die Struktur einer Bankbilanz und die besonderen Anforderungen an das Eigenkapital – wobei hier zu wünschen gewesen wäre, er – oder die Übersetzung – hätten die üb-lichen Begriffe wie Mittelverwendung (für Aktiva) und Mittelherkunft (für Passiva) gebraucht und nicht merkwürdig verschwurbelte Definitionen. Er erklärt den Begriff der Anleihe, der Derivate (damit hat schon Thomas Buddenbrooks unglücklichen Handel getrieben, als er die Ernte des kommenden Sommers schon im Frühjahr zu günstigem Preis „auf dem Halm kaufte“ und nach einem Unwetter vor einem völlig zerstörten Feld stand) und der neu entwickelten hochspekulativen Swaps. Dabei zeigt er jeweils auch auf, in welchem – zunächst sinnvollen – Kontext diese Produkte entstanden sind, meist zur Absicherung von Risiken. In einem zweiten Schritt erst wurden sie von findigen Finanzproduktdesignern, die hier völlig sichere und hohe Renditen sahen, so umgestaltet, dass sie am Massenmarkt verkauft werden konnten.

Die Nacherzählung der Geschichte der Entwicklung der modernen Finanzprodukte dient quasi dem Aufbau eines Spannungsbogens, denn Lanchester ist ja auch Romanautor, der gut zu unterhalten weiß. Reibt sich der Leser bis hierher schon die Augen über den groben Unfug – man könnte es auch große Verantwortungslosigkeit nennen – der sich da vor seinem Auge zusammenbraut, so zeigt der Autor nun auf, wie diese Finanzprodukte und die zunächst durchaus sinnvolle und politisch motivierte Eigenheimpolitik vor allem in den USA eine ganz unheilige Allianz eingehen. Und auch die Ratingagenturen, wie Moody`s und Standard & Poor, tragen ihr Scherflein zu dem Spiel bei, indem sie den überaus spekulativen Produkten der in Swaps zusammengebundenen Subprime-Hypotheken die Bewertung AAA angedeihen lassen.

Immer wieder, verstärkt aber im zweiten Teil des Essays, zeigt Lanchester die Verantwortlichen dieses Desasters auf. Es sind alle von Rang und Nehmen beteiligt: die Politiker, die alle ihre Ent-scheidungen dem Primat der Ökonomie unterwerfen, alle Vorsicht über Bord werfen und sich vom Lobbyismus der Banken umgarnen lassen (so übrigens auch in Deutschland, als die Bundeskanzlerin Merkel vor einigen Jahren dem Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, einen Geburtstag im Kanzleramt ausgerichtet hat); die Banker, die auf immer neue und immer bizarrere Ideen kommen, wie sie aus Geld noch mehr Geld machen und welche Hebel („Leverages“) sie dabei ansetzen können, wobei ihnen ihre psychische Verfasstheit und der Anreiz von Prämien und Boni, die nur belohnen, nie bestrafen, hilfreich zur Seite stehen; kontrollierende Institutionen, die sich von falschen Argumenten überzeugen (staatliche Kontrollgremien) oder für ihre Beurteilungen (private Institutionen wie Moddy´s und S&P) von den Finanzinstituten als Auftraggeber bezahlen lassen; die Mathematiker, die mit mathematischen Formeln aufs trefflichste beweisen – das Risiko, sei rechenbar, was aber ein Risiko nun einmal per definitionem nicht ist; die Journalisten, die trotz gründlicher Analysen postwendend und immer zu dem Schluss kommen, nur ein freier Markt sei ein guter Markt; und nicht zuletzt die Kunden, die die neuen Produkte und ihre jedem normalen Menschenverstand widersprechende Rendite freudig und in großen Mengen erworben haben.

Dem Autor gelingt die Darstellung dieser schwierigen und hochkomplexen Zusammenhänge, indem er sie immer wieder an ganz konkreten und gut erfassbaren Beispielen aus dem privaten Bereich anschaulich verdeutlicht. So kann auch ein Bankenlaie die Grundzüge der hier diskutierten Ge-schäftsmodelle gut nachvollziehen. Und Lanchester schreibt unterhaltsam, weil er, wahrscheinlich schon aus Gründen der psychischen Hygiene, nicht hinter dem Berg hält mit seiner Meinung über diese tatsächlich „bizarre Geschichte der Finanzen“:

Aber die Immobilienblase wirkte sich so wunderbar auf die Konsumausgaben aus, die wiederum so wunderbar das Wirtschaftswachstum ankurbelten; und die wachsende Wirtschaft (auch wenn ihr Wachstum sich nicht würde aufrechterhalten lassen) führte auf so herrliche Weise in ein wahres Paradies von freizügigen Staatsausgaben und verhältnismäßig gering steigenden Steuern, dass die Regierung (…) keinen Anlass sah, irgendetwas zu unternehmen. (S. 216)

So zeigt Lanchester in seinem Essay, anders als in seinem Roman, deutlich auf, dass die Finanz- und Bankenkrise nicht von Einzeltätern ausgelöst wurde, die geschickt alle Unternehmenssicherungen umgangen haben, sondern Verantwortliche dafür in allen Bereichen von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Justiz auszumachen sind. Und somit ist seine Analyse der Finanzkrise eine wesentlich komplexere und nachvollziehbarere als Frank Schirrmacher sie zu Beginn des Jahres mit seinem Schnellschuss „Ego“ geliefert hat.

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch zu berichten: In einem nachgeschobenen Epilog setzt Lanchester sich mit der durch die Finanzkrise ausgebrochenen Eurokrise auseinander. Auch hier ist seine Analyse wiederum nachvollziehbar; seinen sehr britischen Lösungsvorschlag, der schon alleine deswegen überrascht, weil er im übrigen Buch viel genauer argumentiert, kann man aus deutscher Sicht so nicht akzeptieren: Wenn deutsche Steuerzahler einen großen Beitrag leisten müssen zur Rettung des Euros, dann ist das nicht zum Nulltarif zu haben, sondern nur, wenn im Gegenzug finanzpolitische Strukturen in anderen Ländern deutlich verändert werden.

John Lanchester (2013): Warum jeder jedem etwas schuldet und jemals etwas zurückbezahlt. Die bizarre Geschichte der Finanzen, Stuttgart, Klett-Cotta

 

Sascha Reh: Gibraltar

Reh_GibraltarBernhard Milbrandt hat die Bank ausgeraubt und ist nun auf dem Weg nach Gibraltar. Dort, bei einer Offshorebank, will er ein Konto eröffnen, um an das Geld zu gelangen, dass er gerade bei seinen Deals zur Seite geschafft hat. Er ist kein Bankräuber alten Stils, der mit Strumpfmaske über dem Kopf und Pistole in der Hand in der Schalterhalle einer Bank Angst und Schrecken verbreitet, sodass der Kassierer ihm das Bargeld in die mitgebrachten Taschen packt. Bernhard Milbrandt hat seine eigene Bank abgezockt, die Bank, bei der er seit Ende seines Studiums als Händler arbeitet und bei der er sich im Laufe der Jahre wegen seiner guten Erfolge und hohen Erträge eine Ver-trauensstellung erarbeitet hat – obwohl sein aggressiver und risikoreicher Spekulationsstil so gar nicht zum Firmenleitbild passt.

Vor eineinhalb Jahren konnte er Johann Alberts, den Komplementär der Bank, überreden, ihn Eigenhandel betreiben zu lassen, also mit dem Eigenkapital der Bank Geschäfte zu tätigen. Diese Geschäfte sind höchst riskant, denn seit der Bankenkrise 2008 sind die Vorschriften für die Höhe des Eigenkapitals heraufgesetzt worden. Milbrandt kann Johann Alberts zu diesem Handel auch nur überreden, weil die Bank jetzt schon sehr misslich dasteht, ein Verkauf von Unternehmenssparten steht kurz bevor. Milbrandt verspricht Alberts, durch seine Geschäfte den Eigenkapitalanteil inner-halb eines Jahres zu erhöhen. Alberts sagt zu, denn er will mit allen Mitteln die Bank, seine Kunstsammlung, die Stiftungen, nichts weniger also als sein Lebenswerk, retten. „Bernhard war es“ – so sagt Johann Alberts später – „der uns vor der Übernahme durch die Österreicher gerettet hat“, auch wenn Alberts selber den Eigenhandel als „Irrsinn“ bezeichnet. Trotzdem gesteht Alberts Milbrandt zu, Eigenkapital für die Bank im Kasino zu erspielen.

Nun hat Milbrandt Leerverkäufe griechischer Staatsanleihen in großem Stil betrieben, in dem festen „Wissen“, dass die europäischen Staaten Griechenland bei seinen Zahlungsschwierigkeiten nicht helfen werden, so wie es auch im Maastrichtvertrag vereinbart ist. Sein Plan ist es, die griechischen Staatsanleihen in der kommenden Woche, wenn klar ist, dass es keine EU-Hilfe geben wird, zu einem Schrottpreis zurückzukaufen, mit einem riesigen Gewinn für die Bank. Gegen Bernhards Wissen aber beschließen die europäischen Staaten, Griechenland doch mit Krediten zu helfen, griechische Staatsanleihen steigen im Wert und zu diesem hohen Preis müssen nun die Konten glattgestellt werden – das bedeutet den Ruin für die Bank. In diesem Chaos sieht Milbrandt für sich nur die Chance, die Flucht nach vorne anzutreten: An allen Sicherungen der Banken vorbei über-weist er in dem entstehenden Chaos um die Rückkäufe 40 Millionen Euro auf verschiedene Konten. Er verlässt seinen Arbeitsplatz, steigt in seinen PKW und fährt nach Gibraltar. Bei der Kontoeröffnung dort versichert ihm der Bankmitarbeiter, dass das Geschäft nach Milbrandts Zufriedenheit ablaufen werde:

Er fragte überhaupt wenig. Dafür erklärte er ihm, dass die Bank nach Begründung einer Ge-schäftsbeziehung als Gesellschafter einer Firma auftreten werde, die formell sein Konto führe. Somit sei Bernhard weder als Besitzer zu identifizieren, noch unterliege die Kontoführung deutschen Steuerbestimmungen. (S. 190)

Sascha Reh gewährt in seinem Roman Einblicke in die Arbeitswelt und Lebenswelt der Banker. Vor allen Dingen zeigt er aber auch, wie diese Menschen ticken, welcher Persönlichkeit, welcher Werte und Normen es bedarf, um so zu arbeiten. Milbrandt ist Spieler, er ist äußerst risikofreudig, egoistisch auf seine Siegprämie bedacht, von seinem Tun absolut überzeugt; er wägt keine Ent-scheidung ab, sieht nie die Grenzen seines Handelns, blendet völlig aus, dass sein Gewinn der Verlust eines anderes ist. Auch in seinem Privatleben bleibt kein Raum für Empathie oder soziales Handeln; die Ehe ist ein weiterer Kriegsschauplatz.

Aber Sascha Reh kommt nicht nur das Verdienst zu, einen Roman zur Finanzkrise geschrieben zu haben, in dem die Hintergründe und Folgen der unglaublichen Fehlspekulationen gut und nachvollziehbar beleuchtet werden, sondern er zeigt auch, ausgehend von dem Kulminationspunkt des Bankraubes, die Geschichten von sechs mehr oder weniger beteiligten Personen auf, indem er die Ereignisse um Bernhard Milbrandts Flucht aus verschiedenen Perspektiven, erzählt. Jede dieser Personen hat eine eigene Stimme, eine ganz eigene Art zu erzählen, zu reflektieren und zu beurteilen. Und so kann der Leser, indem er die verschiedenen subjektiv gefärbten Teile neu zu-sammensetzt, seine – objektive? – Sicht auf die Dinge gewinnen.

So lernt der Leser Thomas kennen, den Sohn Johann Alberts, der seine Facharztausbildung zum Psychiater kurz vor Ende abgebrochen hat und seitdem seine Dienste nicht als Psychotherapeut, sondern explizit als Berater anbietet. Weil er seinen Rat nur telefonisch leistet, kann er dabei durch die Städte Europas spazieren. Und er lernt Helene kennen, die Frau Johanns und Mutter Thomas´, die schon lange hinter dem Rücken ihres Mannes die Fäden in der Bank zieht. Und neben Bernhard erzählt auch dessen Frau Carmen ein Stück der Geschichte sowie Valerie, ihre Tochter und Bernhards Stieftochter.

Besonders gelungen in diesem Roman ist Johanns Alberts Erzählung der Geschichte, seine Abrechnung auf dem Totenbett, die leider keiner mehr hört. Johann macht sich klar, dass er schon einige Zeit von seinen Mitarbeitern hintergangen worden ist, er erklärt Thomas noch einmal ausführlich, wie er sich für seinen beruflichen Weg interessiert und dafür gesorgt habe, dass Thomas immer wieder Klienten bekommen habe; er macht sich aber immer noch nicht klar, dass auch ihn ein Teil der Schuld trifft, dass er sich immer noch selbst belügt, unter anderem auch wenn er zurückdenkt an die Art und Weise der Enteignung der jüdischen Mitgesellschafter der Bank.

Die Wäscherei ist Kreditnehmer bei Alberts. Sie sitzt in der Kantstraße, nicht weit von unserem Kontorhaus. Der Besitzer der Wäscherei heißt Pocholsky und hat einen Exklusivvertrag mit der Klinik, Restlaufzeit 2 Jahre und 4 Monate, seine Zinsen liegen bei 5,7 Prozent. (S. 245) (…) Ich habe immer in Unternehmen investiert, die sinnvolle und nützliche Produkte herstellen, in Ver-sicherungen, in Haugesellschaften. Das ist doch der Sinn des Kreditwesens: die Güterproduktion anzukurbeln, den Fortschritt zu finanzieren, den Lebensstandard der Menschen zu verbessern. Ich weiß, dass ich altmodisch bin, aber ich bin nicht schlecht damit gefahren. (S. 257) (…) Das ist mein eigentliches Talent: Menschen nach ihren Fähigkeiten zu beurteilen und für mich zu gewinnen. Sie woanders abzuwerben, wenn es sein musste. Und ich habe immer darauf vertraut, dass es Leute waren, denen ich vertrauen konnte. Du weißt das, Thomas. Es ist wichtig, dass du das weißt. (252) (…) Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt, wenn man seine Schuld nicht begleichen darf. Immer habe ich nach dem Grundsatz gelebt: Ein Mann muss seine Schulden bezahlen, was auch geschieht. Jetzt weiß ich, dass ich wohl kein Mann von Ehre bin. Die Schuld Helene, ist viel hartnäckiger als die Schulden es sind. Sie bleibt in der Welt, sosehr man auch versucht, sie zu begleichen. (302)

So hat Sascha Reh auch einen Familienroman geschrieben, der den Vater-Sohn-Konflikt auf verschiedene Weisen auslotet, nicht nur im Verhältnis Johanns zu Thomas, sondern auch zwischen Johann und Bernhard, den Johann wie einen Ziehsohn gefördert hat. Reh hat aber auch einen Familienroman geschrieben, in dem sehr komplex, anschaulich und nachvollziehbar die Lebenswege, Motivationen, Verstrickungen und Charaktere der Familienmitglieder gezeigt werden.

Bei den Namen Johann und Thomas stellen sich dann schnell Assoziationen zu den „Buddenbrooks“ ein. Und wie bei den Buddenbrooks geht auch hier eine Familie und ein Unternehmen unter, weil das „alte Denken“, das zwar auf Solidität setzt, aber auch von Selbstüberschätzung und Realitätsverlust geprägt ist, einem „neuen Denken“ nichts mehr entgegenzusetzen hat. Und das neue Denken ist hier gekennzeichnet vom Spielen, nicht nur bei Spekulationen in der Bank, sondern auch beim Umgang miteinander, bei dem, wie im Pokerspiel, getäuscht wird, gedroht und intrigiert. Und dieses Verhalten ist nicht nur bei Bernhard zu erkennen, sondern vor allem auch bei Helene und Carmen, den Ehefrauen und Müttern, die, völlig monströs gezeichnet, nur das eigene finanzielle Interesse im Blick haben und dabei alle menschlichen und sozialen Empfindungen ausblenden. Opfer sind – natürlich – die Kinder, aber Thomas und Valerie sind es auch, die mit ihren Aktionen für Gerechtigkeit Hoffnung geben, dass nicht schon die ganze Gesellschaft infiziert ist von Egoismus und Gier.

Milbrandts Plan wird übrigens nicht funktionieren, denn Gibraltar ist nicht nur für ihn der Hoffnungsort, der ihm ein neues, sorgenfreies Leben verspricht, sondern ist dies auch für zahlreiche afrikanische Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa dort an Land gegangen sind und – wie Bernhard – in den Bauruinen der einst geplanten pompösen Ferienanlagen einen sicheren Unter-schlupf gefunden haben.

Eine andere Rezension findet ihr hier

Sascha Reh (2013): Gibraltar, Frankfurt am Main, Schöffling & Co Verlagsbuchhandlung

 

Holst Garne – Neues von Noble und Coast

Der Leaving-Pulli von Anne Hanson aus der Coast Nutmeg nimmt so langsam Form an. Rücken- und Vorderteil sind fertig, es warten noch die Ärmel.

Die Musterbeschreibung funktioniert tadellos, wobei ich ziemlich umrechnen musste, weil meine Maschneprobe überhaupt nicht zur Vorlage passt. Das Muster wird auch so, wie ich es gehofft habe:

Leaving_1

Leaving_2

Beim Stricken des Rückenteils, mit dem fange ich immer an, passte dann aber meine Rechnerei überhaupt nicht zum Ergebnis, was mir schon Sorge und die ein oder andere Schweißperle auf der Stirn bereitete. Das ganze Werk aufzuziehen ist ja auch kein großer Spaß. Also habe ich das Rückenteil erst einmal gewaschen und gedämpft – und schon hatte es die richtigen Maße.  Ich denke, die Baumwolle hat noch ein wenig Eigenleben und muss sich erst noch an ihre Verarbeitung gewöhnen. So ist mein Rückenteil ein wenig breiter geworden, dafür kürzer. (Das Kürzer-Werden habe ich nämlich bei dem Waterhouse-Pulli nicht so richtig einkalkuliert und so ist dernach der Wäsche schon recht kurz geworden.) Hier ist also eine Maschenprobe dringend anzuraten.

Wie die Wolle vor und nach der Wäsche aussieht, könnt Ihr auch gut auf dem folgenden Foto sehen (links nach der Wäsche, rechts vorher). Wenn man genau schaut, ist zu erkennen, dass zum einen die Farbe noch etwas ausblutet und heller wird und sich zum anderen ein sehr schönes, gleichmäßiges Maschenbild ergibt. Und es ist auch sehr schön der melierte Farbcharakter der Wolle zu erkennen. Der untere Teil des Bildes zeigt übrigens am besten die „richtige“ Farbe:

Coast_N

Und weil ich schon das nächste Projekt plane, habe ich zwischendurch schon eine weitere Coast-Maschenprobe angefertigt.  Es soll nun einen Cardigan geben mit Zopfmuster, entweder das Modell Shadow aus der Brooklyn-Tweed Kollektion oder den Burrard von Glenna C.

Eine Maschenprobe für Shadow ist schon angefertigt, in der tollen Farbe Aconite. Die Farbe auf dem Bild entspricht ganz gut der Realität – im Gegensatz zur Farbe, die auf der Holst-Seite dargestellt wird und die dort ziemlich giftig aussieht (zumindest auf meinem Bildschirm). Bei dem Zopf braucht es bei 3,25er Nadeln 28 M für 10 cm:

Coast_A

Und dann liegt hier noch eine Maschenprobe des Noble Garns, das ja aus 95 % Geelong und 5 % Kashmir besteht. Ich habe die Farbe Cidre ausprobiert und ihr seht auf dem Bild, dass auch das Noble Garn ganz toll meliert ist – auch wenn Cidre jetzt nicht unbedingt ein Projekt werden wird (auch hier empfiehlt es sich tatsächlich, eine Farbkarte zu bestellen, am Bildschirm sehen die Farben einfach anders aus).

Das untere Teil der Maschenprobe habe ich – bei doppeltem Faden – mit 3,25 er Nadeln gestrickt, dann ergeben 24 M 10 cm.

Der obere Teil ist mit 3,5er Nadeln gearbeitet und hier machen 22 M 10 cm aus.

Ich würde whrscheinlich sogar mit 3,5 Nadeln stricken, das Garn ist an sich schon recht „stabil“, so dass es nicht labberig wird. Hier bleiben die Messergebnisse  übrigens nach der Wäsche unverändert.

Noble_1

Noble_2

 

Philipp Schönthaler: Nach oben ist das Leben offen

Schönthaler_2„Arbeit als Hochleistungssport“ überschreibt die Süddeutsche Zeitung vor einigen Tagen einen Artikel, der von den „World Skills“ berichtet, einem Wettbewerb, der in diesem Jahr in Leipzig stattgefunden hat und bei dem die Teilnehmer, Berufsanfänger aus 46 nicht-akademischen Berufen, gegeneinander antraten. Unter den Augen der Öffentlichkeit mussten sie in einer knapp bemessenen Zeit das Design für eine Jacke entwickeln und diese nähen, ein Auto lackieren, Fliesen legen, einen Gartenweg oder eine Wandfläche nach einer Vorlage gestalten. Und damit der Pinsel ruhig in der Hand liegt, hat sich die Maler-Meisterschülerin mit autogenem Training und mit Yoga gut vorbereitet.

Die Menschen, die in diesem Artikel beschrieben werden, könnten Figuren sein aus Philipp Schön-thalers Erzählungen. Allen gemein ist ihr Streben nach Höchstleistungen, sowohl im Beruf als auch in Freizeitaktivitäten, die aber längst so professionell ausgeführt werden, dass sie zum Beruf ge-worden sind.

Da ist zum Beispiel Termann, Apnoetaucher, dessen Ziel es ist, 200 Meter tief zu tauchen ohne Sauerstoff, nur mit seiner eigenen Luft. Diese Art des Tiefseetauchens ist nicht ganz ungefährlich, denn die eingeatmete Luft muss auch dazu reichen, langsam wieder aufzutauchen, damit der Tau-cher nicht an der Tiefseekrankheit erkrankt. Vor zwei Jahren ist Termann an diesem Ziel am gleichen Ort gescheitert, es hat einen Unfall gegeben, er ist bewusstlos geworden, Rettungstaucher haben ihn aus der Tiefe geholt, viel zu schnell, sodass der Druckausgleich nicht durchgeführt werden konnte. Nun ist er wiedergekommen, hat einen ganz genau geplanten Tagesablauf mit physischen und mentalen Trainingseinheiten und Ruhezeiten, eine große Crew unterstützt ihn so, dass er sich nur auf sein Tauchen konzentrieren muss. Er weiß, dass es für ihn wichtig ist, sich zu entspannen, denn

Je entspannter du bist, desto niedriger ist dein Sauerstoffverbrauch, desto besser tauchst du.“ Positive Gedanken verbrauchen weniger Energie als negative Gedanken, das sei Fakt, sagt die Wissenschaft, sagt Termann. (91)

Termann begründet sein extremes Ziel damit, dass er das Meer liebe, dass er gerne eins sein möchte mit dem Meer, weil es ihm Unendlichkeit zeige und Unbeschränktheit. Aber natürlich liebt er nicht nur das Meer, sondern auch den besonderen Kick, den er erlebt, wenn er nach der Extrembelastung wieder auftaucht und den ersten Atemzug tut. Und er ist ein Getriebener, der sein ganzes Leben dem Ziel unterwirft, einen Rekord zu brechen und zu zeigen, wozu Menschen in der Lage sind:

Später erklärt er: „Nachdem die höchsten Berge erschlossen sind, sind die wahren Höhen die Tiefen der Meere. Nur hier sind Vorstöße in unerreichte Gebiete noch möglich, nur hier gibt es Bereiche, in die kein Mensch bisher vorgedrungen ist. Die Grenzen sind bislang unabsehbar. (81)

Diese Grenzen scheinen auch xaver, gerda und vera, jedoch in der normalen Alltags- und Arbeits-welt, auszuloten, indem sie alle denkbaren mental-körperlich orientierten Programme der Selbstop-timierung erproben, damit sie ihr Leben effektiv und effizient gestalten können. Sie machen Yoga und Feldenkrais, um ihre Muskelgruppen intensiv zu trainieren, managen ihre optimal über den Tag zu verteilende Getränkezufuhr und ernähren sich ganzheitlich, sie halten sich an merkwürdige Rituale, sagen sich noch merkwürdigere Mantren auf und bestreiten Verhaltenstherapien, tiefenpsy-chologisch fundierte Therapien, hochfrequente psychoanalytische Therapien und Gesprächsthera-pien, manchmal auch mehrere Formen gleichzeitig, und so ausgerüstet überwinden sie spielend die Tiefpunkte ihrer Lebensläufe, um sich stetig und permanent zu verbessern:

grundsätzlich gilt: der körper ist wie ein bankkonto: nur wer einzahlt kann auch abheben. für vera hat sich das training bereits ausbezahlt. Sie tritt jetzt formschön auf. zu den regeln eines gelungenen auftritts zählt eine sympathische, selbstbewusste körperhaltung. (S. 33)

Philipp Schönthaler seziert in seinen Erzählungen gnadenlos die Merkwürdigkeiten und Verrückt-heiten einer Leistungsgesellschaft, die tatsächlich dem Glauben anhängt, das Leben könne mit dem richtigen Input, den richtigen Trainingsmethoden und Lebensweisen so optimiert werden, wie eine Maschine optimiert werden kann, ein Produktionsprozess oder eben ein Bankkonto.

Der Autor erzählt die Geschichten seiner Protagonisten ganz nüchtern und verhindert so jegliche Identifikation des Lesers, der von außen staunend auf die Ereignisse und Verhaltensweisen schaut. Die anspruchsvolle, sehr poetische Sprache sowie die besondere Gestaltung der Erzählungen, zum Teil mit Perspektivwechseln innerhalb eines Satzes, mit Zeit- und Zeilensprüngen, erschweren zunächst einen Zugang zur Geschichte, machen das Leseerlebnis dann beim Entschlüsseln und Enträtseln aber umso intensiver. Manche Erzählungen sind durch die Ballung der Selbstoptimie-rungsinstrumente, die die Protagonisten für sich entdeckt haben, ironisch, aber auch das erschließt sich erst auf den zweiten Blick, weil der erste so damit beschäftigt ist, der Geschichte zu folgen.

Aber es stimmt ja gar nicht, dass das Leben nach oben hin offen ist, die Figuren in den Erzählungen sind hier wohl einem Irrglauben aufgesessen. Sie scheitern alle, der eine, trotz der besten Vorberei-tung, vor allem an sich selbst, so Termann, der Taucher, die anderen, weil auch die angesagtesten Optimierungsmethoden nicht darüber hinweghelfen, dass das Leben schwierig sein kann, der nächs-te, weil kein Geld mehr da ist, um seinen Vertrag zu verlängern und wiederum andere, weil das Wetter einfach wochenlang nicht zum Bergsteigen geeignet ist. Und durch diese Wendungen erdet Schönthaler seine Geschichten, passt sie wieder in das ganz normale Chaos unseres Lebens ein. So müssen auch diese ehrgeizigen und hoch motivierten Figuren lernen, mit dem Scheitern klarzu-kommen, mit Arbeitslosigkeit, Streit und Konflikten, mit dem Magen, der rebelliert, weil er die „Arbeit als Hochleistungssport“ eben doch nicht verträgt.

Ein Blick lohnt auch die Literaturliste, die Schönthaler zusammengetragen hat. Da sind sie alle versammelt, die Ratgeberbücher, die eine schnelle und einfache Verbesserung des Lebens in allen Situationen versprechen. Und daneben die wissenschaftlichen Werke zu den Themen Emotionen, Erfolg, Training. Es liest sich zum Teil recht bizarr, wenn neben den Titeln Sloterdijks, Ehrenbergs und Foucaults auch solche genannt werden, die lauten: „Gut sein, wenn´s drauf ankommt. Erfolg durch mentales Training“, „Fitness für die Seele. Mit Bewegung aus dem Stimmungstief“., Fatbur-ner. So einfach schmilzt das fett weg“ und „Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht, gebraucht zu werden“. Schon die Literaturliste zeigt uns lesern also die denkwürdigen Verwerfun-gen unserer Leistungsgesellschaft auf das Schönste auf.

Philipp Schönthaler (2012): Das Leben ist nach oben hin offen, Berlin, Matthes & Seitz

 

Gabriele Goettle: Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag

Goettle_1Gabriele Goettle hat diesem Band mit 26 Reportagen, die zwischen 2007 und 2009 entstanden und bereits in der TAZ erschienen sind, den Untertitel „Reisen durch den unbekannten Alltag“ gegeben. Tatsächlich erzählen die in diesen Reportagen porträtierten Frauen von ihrem Alltag und konzentrieren sich bei ihrem Reden und Erzählen vor allem auf ihre Berufe oder ihr sozialpolitisches Engagement, sodass ganz ungewöhnliche, eben unbekannte Bereiche des Alltags beleuchtet werden. Es sind Texte entstanden, in denen außergewöhnliches Expertentum deutlich wird und das vor allem auch in seiner hier zusammengetragenen Vielfalt ungewöhnlich, interessant und spannend ist.
Die Kioskfrau berichtet über ihre jahrzehntelange Arbeit und beschreibt dabei, fast nebenbei, nicht nur ihr Arbeitsethos, sondern auch die soziale Entwicklung in ihrem Umfeld. Die Körperhistorikerin schildert die Ergebnisse ihrer Forschungen und ihre Erkenntnis, dass sich Körper- und Krankheitswahrnehmungen im Laufe der Jahre und Jahrhunderte geändert haben, von einer ganz unmittelbaren, fast bildlich-naiven Beschreibung von Krankheitssymptomen hin zu unserem eher mathematisch-statistisch geprägten Blick auf Krankheiten, der Risiken fast vorhersehbar macht. Die Gründerin des Krisentelefons „Pflege in Not“ berichtet von den schon irrwitzigen Zuständen in Alters- und Pflegeheimen, aber auch von den Familien, die von der oft langjährigen Pflege überfordert sind, und die sich nur noch durch Gewalt zu helfen wissen. Die Landwirtin im Wendland skizziert ihren Widerstand gegen die Atomendlagerstätte in Gorleben, die Bodybuilderin von ihrer besessenen Körperarbeit, die Rechtsmedizinerin davon, dass sie mehr lebendige Menschen, meistens Kinder untersucht als Leichen zu obduzieren, weil sie und ihre Kollegen Experten darin sind, die Verletzungen zu erkennen, die aus Gewalt resultieren. Die Arbeitsvermittlerin bei der Bundesagentur für Arbeit schildert ganz drastisch die Folgen der Zusammenlegung von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe, also ALG II bzw. Hartz IV, indem sie dem vorangestellten Zitat Peter Hartz´ (“Was für ein glücklicher Tag für alle Arbeitslosen“) ihre ganz konkreten Arbeitserlebnisse gegenüberstellt:

(…) ich mache vor allem EINE grundsätzliche, häßliche Erfahrung und das ist die der Würdelosigkeit. Die ist quasi schon per Gesetz angelegt, und zusätzlich wird sie noch durch schlecht qualifizierte Kollegen verschärft. Dem Arbeitslosen ist seine Würde aberkannt worden, das schlägt natürlich auch auf uns zurück, ich habe eine richtige Wut im Bauch. (247).

Eine Arbeitslose erzählt vom Berliner Umsonstladen und der Idee, Gegenstände, die man nicht mehr braucht, nicht wegzuschmeißen, sondern in den Laden zu bringen, sodass andere Menschen sie dort finden und weiter nutzen können. Und eine Bestatterin hat es sich zum Ziel gemacht, Sterben, Tod und die Rituale des Trauerns aus der Tabuisierung und Verdrängung herauszuholen und wieder zu einem Bestandteil des Lebens werden zu lassen – und skizziert damit schon eine deutliche gesellschaftspolitische Bewusstseinsänderung:

Es könnte ja auch ganz anders sein, die Berührung mit dem verstorbenen Opa oder der Oma könnte eine Selbstverständlichkeit sein für die Kinder, oder daß gesagt wird zu den Nachbarn, kommt mal rüber, wir nehmen Abschied und trinken zusammen einen Wein. Die Kinder würden begreifen, der Tod ist gar nicht das Bedrohliche, Schreckliche, er ist ganz natürlich. Also, wenn Menschen mit so einem Bewusstsein aufwachsen und durch Leben gehen, dann würde doch kein einziger sechzig Stunden in der Woche bei Siemens Platinen löten! Jeder würde Prioritäten setzen und sich überlegen, wie er sein Leben gestaltet. (311)

Gabriele Goettles Reportagen sind alle nach dem gleichen Schema aufgebaut: Einem kurzen biografischen Überblick über die wesentlichen Lebensstationen der porträtierten Frauen folgt eine knappe Einführung in die – räumliche – Interviewsituation und schon beginnen die Frauen zu sprechen, werden nur wenig von der Journalistin unterbrochen, um noch einmal den einen oder anderen Aspekt zu vertiefen. So scheinen Goettles Reportagen, ganz anders als die sowohl sprachlich als auch durch ihre besondere Konstruktion eher wie kleine literarische Werke erscheinenden Geschichten Erwin Kochs , viel mehr dokumentarischen Charakter zu haben, lässt sie doch im größten Teil ihrer Texte die Frauen zu Wort kommen. Und so bestimmen auch die Frauen, wie sie ihre Geschichten erzählen, welche Reihenfolge sie wählen, welche Besonderheiten ihnen wichtig sind. Dieser eher dokumentarische Stil wird auch dadurch gestützt, dass Goettles Reportagen die mündliche Erzählsituation, also Satzbau, Wortwahl, regionale sprachliche Besonderheiten, wiedergibt und so die Unmittelbarkeit der Interviewsituation erhalten bleibt.

Form und Stil erweisen sich jedoch nur auf den ersten Blick als dokumentarisch, denn zum einen zeigt die Auswahl der Frauen eine ganz deutliche Handschrift, nicht nur mit Blick auf die Themen wie Umgang mit Krankheit, mit Alter und Tod, sondern vor allem auch mit Blick auf Aspekte wie soziale Veränderungen, soziale Gerechtigkeit, soziale Ideen und soziales Engagement. Interessanterweise hat Goettle kein Interview geführt mit einer Managerin oder einer erfolgreichen Unternehmensgründerin, sondern gerade mit Frauen, die in irgendeiner Form mit den Rändern der Gesellschaft, mit ihren Verwerfungen und Abgründen zu tun haben. Aber: so unterschiedlich die Biografien, die Interessengebiete und Wirkkreise der Frauen sind, so eint sie alle ihr besonderes Engagement in ihren Bereichen und ihr vertieftes Wissen.

Und manchmal, und darin ist zum zweiten ihr Anteil an den Reportagen zu erkennen, fragt Goettle, wenn sie einen Punkt genauer betrachten möchte, vielleicht einen Widerspruch vermutet, nach, manchmal meldet sie sich gar mit Anmerkungen zu den Monolgen der Frauen zu Wort, wenn sie die Aussage einer Frau so nicht stehenlassen kann. Und manchmal bringt sie die Frauen auch dazu ganz ehrlich, fast naiv, Dinge zu formulieren, die dem Leser deutlich die Widersprüchlichkeit dieses Engagements vor Augen führen. So erzählt die Schulleiterin einer Montessori-Gesamtschule in Potsdam voller Stolz von dem besonderen erzieherischen und didaktischen Konzept an ihrer Schule, das auf sozialen Umgang miteinander und Selbstständigkeit der Schüler setze. Und im nächsten Satz dann berichtet sie über ihre Schüler und deren Herkunft und Einstellung und redet sich dabei geradezu um Kopf und Kragen:

Also unsere Eltern sind in diesem Sinn Avantgarde, aber keine Geldelite, es gibt hier auch Eltern, die arbeitslos sind, die Sozialhilfeempfänger sind. Unser Prinzip ist ja Heterogenität. Aber es gibt keine Ausländer. (…) Also wir legen sehr großen Wert darauf, daß bestimmte Tendenzen, die an vielen anderen Schulen große Probleme verursachen, besonders Gewalt, bei uns sofort ausgegrenzt werden. Und Sie haben es vorhin auch sehen können, wir haben z.B. keine Schüler, die gepierct sind oder tätowiert. (S. 135)

Dieser Reportagenband also vermittelt dem Leser ganz besondere Einblicke in ungewöhnliche Berufsbiografien und in das Expertenwissen, die Erkenntnisse und Werte der Frauen. Sein Verdienst ist es aber vor allem, gesellschaftspolitisch besonders relevante Themen zu beleuchten, sodass sich, ganz im besten Sinne einer journalstischen Aufklärung, leicht Sichtweisen des Lesers verändern. Dies erreicht Goettle durch die von ihr gewählte besondere Form der Reportage, in der sie tatsächlich „Augenblicke“, so auch der Titel des Bandes, festhält, die Augenblicke nämlich ihrer Gespräche mit ihren Interviewpartnerinnen.

Gabriele Goettle (2012): Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag. Verlag Antje Kunstmann, München 2012

Tobias Wenzel, Carolin Seeliger: Was ich mich immer schon fragen wollte. 77 Schriftsteller im Selbstgespräch

Wenzel_1Tobias Wenzel ist Journalist und hat schon viele Schriftsteller interviewt. Und dabei ist ihm die Idee zu einem Experiment gekommen, das so geht: Kurz bevor Carolin Seeliger, die Fotografin, hinter dem Tuch ihres Plattenfotoapparates verschwindet, bekommen die von ihr fotografierten Schriftsteller die Aufgabe, sich während des Fotografierens eine Frage auszudenken, die sie sich immer schon einmal gern stellen wollten und die sie nach dem Fotografieren dann auch im Selbstgespräch beantworten sollen. Nun sitzen sie ganz ruhig, damit auch keine Verwacklungen entstehen, vor der Kamera und grübeln gleichzeitig über diese eine wichtige Frage.

Und das Experiment wirkt tatsächlich ganz wunderbar und gleich auf mehrern Ebenen:

Zum einen sind bei diesem Fotoshooting mit der fast altertümlich wirkenden Technik, ganz intensive Porträts der 77 Schriftsteller herausgekommen. Sie alle schauen geradewegs in die Kamera und der Fokus liegt auf der Augenpartie, die scharf ist, während alle Bereiche des Gesichtes, die weiter vorne und weiter hinter den Augen liegen, unscharf werden. Dass der Blickkontakt, der unverstellte Blick auf die Augen, eine ganz wichtige Funktion beim Gespräch hat, wird spätestens dann klar, wenn man auf die Seite Paul Austers blättert. Er hat sich dem Experiment mehrfach verweigert. Erst der Überredungskunst seiner Frau Siri Hustvedt ist es zu verdanken, dass er sich doch darauf eingelassen hat – aber halbherzig oder auch: sich schützend, denn er hat die Sonnenbrille beim Porträt aufgelassen und so geht beim Blick in sein gesicht ganz viel Nähe verloren. Die meisten der Porträtierten schauen übrigens ganz ernst in die Kamera, denn sie müssen sich konzentrieren, zum einen auf den ruhigen Blick, zum anderen auf die Frage, die sie sich noch ausdenken müssen. So sind schon einmal – erster Teil des Experimentes – ganz besondere Fotos herausgekommen.

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 Der zweite Teil des Experimentes besteht aus dem Nachdenken über die Frage und deren Beantwortung. Tobias Wenzel hat diese Idee schon während seiner anderen Interviews immer mal wieder genutzt. Er dachte, dass die Aufforderung, eine eigene Frage zu entwickeln, die dann im Selbstgespräch beantwortet wird, zu überraschenden Ergebnissen führen kann, weil vielleicht Fragen gestellt werden, die sich ein Interviewer nie trauen würde zu fragen, weil, indem der Befragte sich Frage und Antwort ausdenkt, er ehrlicher und offener ist, als er es je wäre, wenn ein Journalist ihn fragt. Dass die Situation, eine eigene Frage zu entwickeln, durchaus für den Betroffenen ihre Tücken hat, schildert William Boyd sehr anschaulich:

Äußerlich starr, da man sich mächtig Mühe gibt, absolut stillzustehen (gar nicht so einfach, wie es klingt), innerlich in Aufruhr, da man sich fragt, welche Frage eine halbwegs brauchbare Antwort zu ergäbe. Wie soll man es angehen. Lässig oder tiefschürfend? Konkret oder allgemein? Soll man aufrichtig sein oder lieber ein schlaues Versteckspiel bieten? Eine knappe aphoristische Sentenz oder ein wortreiches Bekenntnis? (S. 10)

Diese von Boyd beschriebenen Lösungsansätze sind alle zu finden in diesem Buch der besonderen Selbstporträts: die lässigen, die lustigen, die von der eigenen Person ablenkenden, die die Situation auf den Arm nehmenden Fragen.

Herr Parks, welches Buch hätten Sie gern geschrieben? Ich hätte gerne „Das Sakrileg“ von Dan Brown geschrieben. Aber unter einem Pseudonym. (Tim Parks, S. 69)

 Aber, und das ist wirklich spannend an diesem Projekt, die meisten Interviewten haben sich für die tiefschürfende, die ernste Variante der Fragen entschieden. Tatsächlich kreisen die meisten Fragen, die die Schriftsteller sich für ihr Selbstinterview stellen, um die Themen des Schreibens und des Glaubens, zum Teil kombinieren sie dies auch.

Nicole (Krauss), warum in aller Welt schreibst du immer noch?

Antonio Lobo Antunes, glaubst Du an ein Leben vor dem Tod?

Herr Hein, gibt es einen Text, den Sie nie schreiben würden?

Javier (Marias), sag mir, warum schreibst Du immer noch Romane?

Herr Zarev, meinen Sie, dass die menschliche Kreativität, in Ihrem Fall das Schreiben, eine Einmischung in die Schöpfung, in die Werke Gottes ist?

Frank McCourt, glaubst du an Gott?

So entstehen sehr ernste und sehr persönliche Antworten, sehr ungewöhnliche und unerwartete, lange und kurze, spanndende, aber nie langweilige.

Und blättert man durch das Buch, schaut die Porträts auf der linken Seite an, liest die Frage und die Antwort auf der rechten Seite, so entsteht ein ganz eigenartiger Sog: Denn durch die Art der Fotografie, durch das Betonen der Augen, nimmt man als Leser selbst ganz intensiven Blickkontakt zu den Fotografierten auf, gerade so, als würde man ihnen am Tisch gegenübersitzen, mit ihnen ins Gespräch vertieft. Gerade so, als hätte man selbst die Frage gestellt und bekäme nun dazu die Antwort. Und das ist die dritte Ebene des Experimentes, die nun auch den Leser mit einbezieht, ihn fast aktiv an dem Prozess teilhaben lässt.

Wenzel_2

Tobias Wenzel und Carolin Seeliger haben hier eine ungewöhnliche Idee in ein tolles Buch umgesetzt, dem der Leser eigentlich nur gerecht werden kann, wenn er es immer mal wieder zur Hand nimmt und immer mal wieder schaut und liest und nachdenkt über Frage und Antwort.

 Aufmerksam und neugierig auf dieses Buch hat mich buzzaldrins Blog gemacht.

Und wer die Fragen und Antworten der Autoren selbst hören möchte, wird hier fündig.

 Tobias Wenzel, Carolin Seeliger (2008): Was ich mich immer schon fragen wollte. 77 Schriftsteller im Selbstgspräch, Bern, Benteli Verlag

Amy Waldman: Der amerikanische Architekt

Waldman_2Noch als die meisten Betrachter fassungslos auf die quasi in Endlosschleife gezeigten Bilder der brennenden und zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers schauten, waren die ersten Stimmen zu hören, die behaupteten, dass nun nichts mehr sei wie zuvor. Tatsächlich wurden fast über Nacht die über viele Jahre, vielleicht sogar Jahrhunderte, erkämpften Bürger- und Freiheitsrechte ganz ohne die demokratisch übliche öffentliche Debatte zugunsten einer vermeintlich erhöhten Sicherheit eingeschränkt und schon ein paar Monate später zogen erste Soldaten in den Krieg gegen den Terror. Und in das Bewusstsein der Gesellschaft drang ein Gift das Vertrauen zerstört, Respekt und Toleranz.

Und so merkt auch Mo Khan schon eine Woche nach den Anschlägen, dass nichts mehr ist, wie es war. Von den Anschlägen hat er aus dem Radio erfahren, Mo ist Architekt bei dem renommierten New Yorker Architekturbüro ROI und betreut im September 2011 den Bau des neuen Theaters in Santa Monica. Während in den Tagen nach den Anschlägen immer sicherer wird, dass Muslime für die Taten verantwortlich sind, beobachtet er sich dabei, wie er auf der Baustelle keine klaren Anweisungen mehr gibt, sondern immer freundlicher, immer devoter wird. Bei seiner Rückreise nach New York wird er am Flughafen, wohl wegen seines Vornamens Mohammed, behandelt wie ein Verdächtiger. Er wird in einem fensterlosen Raum befragt, immer dieselben Fragen, mehrfach wiederholt: ob er beweisen könne, dass er Architekt sei, in welche Länder er in letzter Zeit gereist sei, ob er Amerika liebe, welche Meinung er zu seiner Religion habe, ob er Extremisten kenne. Seine Tasche wird ausgiebig durchwühlt, zuhause packt er verknitterte Hemden aus, Shampoo und Zahnpasta sind aufgeschraubt und nicht richtig verschlossen worden, nun sind alle Toilettenartikel verschmiert.

Aber diese Verbitterung ging unter in der Trauer, die überall um ihn herum herrschte. Die Stadt war bis auf die Grundfesten erschüttert – die Luft voller Staub, die Menschen aschfahl, der Ort des Anschlags eine schwärende Wunde, die man auch dann spürte, wenn man sie nicht sah. Eines Abends, kurz nach seiner Rückkehr ging Mo zu Fuß zum Ort der Zerstörung. Das Mondlicht beleuchtet einen seltsam feinen Staub, der Blätter und Äste überzog, sein Fuß trat auf einen Fetzen Papier mit angesengtem Rand. (…) Ein Flickenteppich der Vermissten – Farbfotos von Männern in Abendanzügen, von perfekt geschminkten Frauen – überzog Zäune und Baustellenabsperrungen, aber die Straßen waren leer, und zum ersten Mal, soweit er sich erinnern konnte, hörte er in New York den Klang seiner eigenen Schritte.(52)

Für ihn ist befremdlich und erschreckend, was auch rund um ihn, den Muslim, geschieht, denn er ist und fühlt sich als Amerikaner, sein Glaube ist ererbt und bedeutet ihm nicht viel, kaum einmal ist er in einer Moschee gewesen. Vielmehr hat er den typischen amerikanischen Karriereweg gewählt, hat die besten Schulen besucht, strebt eine Karriere an, möchte als Architekt in Amerika anerkannt werden. Aber er wird nachdenklich in dieser Zeit und er kann kaum vermeiden, Ereignisse, die ihm widerfahren, im Kontext der Anschläge zu deuten, so wie er es vorher sicherlich nicht gemacht hätte: Warum wird er, so wie alle Kollegen es auch erwartet haben, nun plötzlich nicht befördert und warum soll er als Vertreter seines Büros, das sich kaum noch an öffentlichen Ausschreibungen beteiligt, nach Kabul reisen, wo die amerikanische Botschaft neu gebaut werden soll?

Zwei Jahre später nimmt Mo am Wettbewerb zur Entwicklung eines Konzeptes für die Gedenkstätte teil, die auf dem Gelände errichtet werden soll, und reicht das Konzept eines Gartens ein. Davon ist Claire Burwell ganz besonders angetan und sie schafft es tatsächlich auch, diesen Vorschlag in der Jury durchzusetzen, obwohl die anderen Jurymitglieder, allen voran die Künstlerin Ariana, ein anderes Konzept präferieren. Die Namen derjenigen, die ihre Entwürfe eingereicht haben, sind  der Jury nicht bekannt, es soll nur der Entwurf, ganz unabhängig von der Person, beurteilt werden. Claires Stimme hat deshalb so großes Gewicht, weil ihr Mann im World Trade Center getötet worden ist und sie die Familien der Hinterbliebenen vertritt und diesen Familien kommt in der Gemengelage um die Gedenkstätte eine große Bedeutung zu.

Als die Jury sich dann endlich in einer offenen Abstimmung für den Entwurf des Gartens ausgesprochen hat, öffnet Paul Rubin, der Vorsitzende der Jury, den versiegelten Umschlag. Paul Rubins Gesicht versteinert, als er den Namen des Gewinners liest. Und als das Blatt dann in der Jury von Hand zu Hand wandert, sind Kommentare zu hören von „Interessant.“ über „Ach du meine Güte!“ bis zu „Was für eine gottverdammte Scheiße ist das denn? Es ist ein Muslim!“

Die Diskussion, die nun innerhalb der Jury losbricht, lässt schon einmal im Kleinen erahnen, was in den nächsten Tagen und Wochen in der Öffentlichkeit passieren wird: Claire tritt vehement für die aufgeklärt-liberalen Ideale des Vertrauens in den Gewinner und der Toleranz ihm gegenüber ein, Willner, der Vertreter der Gouverneurin, bemüht an dieser Stelle schon sämtliche Vorbehalte und Vorurteile, die sich mit dem Namen Khans assoziieren lassen und Paul Rubin bittet um Besonnenheit und darum, keine Informationen an die Presse weiterzugeben.

Natürlich gelangt der Name des Gewinners über Nacht an die Presse, ausgerechnet an Alyssa Spier, Journalistin bei den Boulevardblättern New Yorks. Und nun treten alle Gruppen und Gruppierungen auf, die sich, egal ob berechtigt oder nicht, bemüßigt fühlen, an der Debatte teilzunehmen: natürlich die Familien, die, im Gegensatz zu Claire, empört sind über den Juryentscheid, die Vereinigung der Muslime in den USA, selbst innerlich gespalten, die nun für Khan votiert, ihn aber auch für ihre Zwecke einspannen will, die Politik, vertreten durch die Gouverneurin, die vor allem an den Ausgang der nächsten Wahlen denkt, die gelangweilten Hausfrauen von „Save America from Islam“ und die Journalisten der unterschiedlichen Medien, durchaus auch die der seriösen, allen voran Alyssa Spier, die vor keinem Gerücht, vor keiner Schlagzeile zurückschreckt und den Hass gegen alles Islamische ordentlich anstachelt.

Es entsteht eine Art Pokerspiel zwischen den Beteiligten, die alle nur ihre eigenen Interessen im Blick haben und dazu intrigieren, die anderen vorführen, bluffen, diffamieren. Schritt für Schritt, Gedanke für Gedanke, Handlung für Handlung wird so eine Eskalationsspirale der Gewalt in Gang gesetzt, bei der schließlich die einzelnen Beteiligten, wenn überhaupt gerade noch das Gesicht wahren können, bis es schließlich eine Tote gibt. Das Spiel kann nun niemand mehr gewinnen, der ein oder andere kann gerade mal sein Gesicht bewahren.

Amy Waldman thematisiert in ihrem Roman die Konsequenzen einer aufgeheizten Atmosphäre, in der Grenzen moralischen Urteilens und Handelns ausgelotet werden. Und sie wirft wichtige Fragen auf: Müssen sich alle Muslime von den Anschlägen distanzieren und sich entschuldigen. Muss Mohammed Khan im Besonderen sich von den Anschlägen distanzieren und sein Konzept des Gartens erklären, um es so vom Vorwurf, es handele sich um einen islamischen Garten, der doch der Garten der Märtyrer sei, zu befreien? Und anders: Welche Achtung muss der Trauer der Betroffenen, vielleicht auch der Trauer einer Nation, entgegengebracht werden, welche Rücksichtnahmen sind zu treffen? Und weiter: Was kann eine Gesellschaft tun gegen die Angriffe, die aus ihrem Inneren, nämlich von extrem patriotischen Gruppen und von der Presse, auf Tugenden wie Moral, Toleranz und Respekt geführt werden? Wer übernimmt die Verantwortung, diesen Konflikt zu mäßigen, zu moderieren? Welche Verantwortung haben die Politiker?

Und so ist Amy Waldman ein sehr lesenswerter Roman gelungen, in dem ihre Protagonisten, die durchaus als individuelle Charaktere mit eigenen Biografien und deren Brüchen gezeichnet sind, in vielen und langen Dialogen ihre Argumente austauschen und so und natürlich auch durch ihre Handlungen das Geschehen immer weiter vorantreiben. Dabei wird der Leser selbst zum Spielball der aus unterschiedlicher Richtung kolportierten Informationen und Argumente und weiß nicht genau, wie er sich in diesem Konflikt entscheiden soll, auf welcher Seite er steht. Und auch er verliert das Vertrauen, fängt an Gespenster zu sehen, zu verdächtigen, zu misstrauen. Zum Glück gewährt Amy Waldman ihm am Ende einen Blick auf alle beteiligten Personen 20 Jahre nach den Ereignissen und so kann auch der Leser, quasi aus der Distanz, seine Position, seine Haltung überdenken. Und er kann sehen, wie tief das Gift des Misstrauens in die Gesellschaft eingedrungen ist.

Aber der Fahnenpark, der letztendlich, nach einer weiteren Ausschreibung, als Gedenkstätte errichtet worden ist, überzeugt dann wohl niemanden mehr.

Eine weitere Rezension gibt es bei literaturen und eine kritischere Besprechung auf buzzaldrins blog, auf die auch jetzt erst aufmerksam geworden bin, als hätte mein Reader sie mir verheimlicht, wahrscheinlicher aber war ich wegen Diesem und Jenem unaufmerksam.

Amy Waldman (2013): Der amerikanische Architekt, Frankfurt am Main, Schöffling & Co Verlagsbuchhandlung GmbH

Aus Holst Coast Nutmeg wird leaving

nutmeg_3Nach den guten Strick- und Trageerfahrungen mit der Holst Coast habe ich mich auch für mein nächtes Strickprojekt für dieses Garn entschieden. Es ist wirklich, ich konnte es ja in dieser Woche sehr schön testen, auch ein Garn, dass gut im Frühjahr/Frühsommer zu tragen ist, der Baumwollanteil macht es möglich.

Entschieden habe ich mich für das Modell „leaving“ von Anne Hanson. Es hat ein schönes Lochmuster (Assoziation: Blätter fallen zu Boden), aber mit eigentlich zimelich wenig. Der Clou an dem Muster sind die verschränkten Maschen, die sowohl im Bündchen gestrickt werden als auch im Musterrapport und dadurch besonders zur Geltung kommen. Darüber hinaus finde ich dieleichte  A-Form des Modells toll, mit chönen Abnahmen, die wie Abnäher gearbeitet werden.

Bisher habe ich mich noch nicht entschieden, ob es eine Jacke oder ein Pulli wird, aber das hat ja auch noch Zeit  bis zum Vorderteil.

Die Farbe kommt auf den Bildern mal wieder nicht so recht zur Geltung, bei den unteren Bildern ist sie aber ganz gut getroffen. Es ist halt nutmeg (Muskat), wobei die Farbe auch sehr an Erdnüsse erinnert.

nutmeg_2

nutmeg_1

Bücherhäuschen in Herzkamp-Sprockhövel

Bücherhaus_2Als ich in der letzten Woche beim Hundespaziergang durch Herzkamp kam, fiel mir an ungewohnter Stelle ein sehr rotes Objekt, ein bisschen versteckt hinter Sträuchern, auf. Beim Näherkommen entdeckte ich, dass dies eine ehemalige Telefonzelle war, nun in knallrot, die jetzt ein Bücherhäuschen beherbergt. Die Herzkamper Bürgerinitiative hat das Häuschen aufgestellt.

Von Bücherhäuschen, beim Googlen findet man auch viele Einträge unter dem Begriff „öffentliche Bücherschränke“, habe ich ja schon gehört, aber wirklich eines gesehen, habe ich bisher noch nicht, wahrscheinlich, weil ich mehr im Wald unterwegs bin als in der (Groß-)Stadt. Denn beim Suchen nach diesem Phänomen bin ich durchaus überrascht gewesen, wie viele Bücherhäuschen es gibt. Eine Liste mit vielen Standorten ist bei Wikipedia zu finden, wobei da bestimmt gar nicht alle erfasst sind, denn das Herzkamper Bücherhäuschen ist auch noch nicht erwähnt.

In den (Zeitungs-)Artikeln, die zu neu aufgestellten Bücherhäuschen zu finden sind, ist immer wieder zu lesen, dass sich dort Menschen treffen und ins Gespräch über Literatur kommen sollen. Ich bin gespannt, wie sich das in Herzkamp, das ist übrigens ein Ort mit ca. 1000 Einwohnern, entwickelt, und wünsche mir sehr, dass nicht irgendwelche Dummköpfe die schöne Idee ruinieren. Ich hoffe auch, dass sich das Angebot dort noch ein wenig verändert, denn im Moment sind mehr ältere Werke in nicht mehr ganz so aktueller Gestaltung zu finden, aber es gibt schon verschiedene Kategorien: von Krimis über Romane und Bildbände bis zum Kinderbuch ist eine nette Auswahl zusammengetragen.

Beim Recherchieren habe ich sogar einen öffentlichen Buchschrank im Vorgarten gefunden. Das finde ich ja auch eine tolle Idee, mal schauen, ob sich die Idee auch umsetzen lässt.

Hat von Euch jemand ein Bücherhäuschen in der Nähe und beobachtet, was da so alles passiert? Oder hat vielleicht sogar schon mal jemand dort gestöbert oder eigene Bücher hinterlassen? Ich bin ganz neugierig auf Eure Erfahrungen.

FO: Waterhouse aus Holst Coast Blackcurrent

Schon seit ein paar Tagen ist der Waterhouse-Pulli fertig und er ist auch schon zu großer Zufriedenheit im Trageeinsatz gewesen.

Das Muster hat sich so gut gestrickt, wie ich es nach der Maschenprobe vermutet habe: schön einfach und ohne ständiges Schauen auf die Mustervorlage. Der Pulli selbst hat ein paar witzige Beaonderheiten: er ist zum einen schön weit und lässig geschnitten und hat auch ganz weite Armausschnitte mit zwar kürzerer Amlänge, dafür aber großer Armbreite. Es gibt nette abgerundete Kanten und natürlich hängende Schultern durch verkürzte Reihen.

Die Frbe ist toll , was auf den Fotos nie so richtig rauskommt, ein dunkles, schön meliertes violett. Das Garn wird nach dem Waschen sehr schön weich, da piekst und kratzt nichts, es ist ja auch genügend weiche Baumwolle enthalten.

Hier ein paar Fotos:

Blackcurrant_1

 

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Maschenprobe: 3er Nadeln: 25 M

Strickmuster:  Waterhouse von Brooklyntweed

Garn: Holstgarn Coast

 

 

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern

Padura_1Was für ein Zufall: Da schließt sich die eine Lektüre – ganz ungeplant –geografisch nahtlos an die vorherige an. Meike Winnemuth besuchte als letzte Stadt ihrer Jahresreise Havanna. Dort konnte sie nur ganz schlecht Fuß fassen, unter anderem, weil sie Kuba als ein einziges Museum empfand, nämlich „ein karibisches Disneyland der Fifties.“ Als selbstkritische Touristin beschreibt sie Kuba so:

Hinterher reist jeder Besucher mit dem dreisten Wunsch ab, dass es möglichst hübsch heruntergekommen bleiben möge, es fotografiert sich einfach besser – scheiß auf die Einwohner, die lieber in heilen Häusern wohnen würden und einen Job hätten, statt auf den Stufen der Verwahrlosung zu hocken und sich von Leuten wie mir beim prima authentischen Zigarrenrauchen knipsen zu lassen. (…) Und trotzdem, trotz aller kleinen Öffnungen, durch die die vorsichtige Frischluft in Fidels hermetisches Reich bläst. Über allem hängt der Geruch des Untergangs. [1]

Genau in diese marode, zum Teil wirklich lebensfeindliche Umgebung entführt uns Leonardo Padura in seinem wunderbaren Roman um den ehemaligen Polizisten Mario Conde. Padura selbst ist Journalist gewesen, ein bekannter Verfasser von Reportagen, die wahrscheinlich so gesellschaftskritisch gewesen sind, dass er auch schon einmal strafversetzt wurde. Und die Gesellschaftskritik kommt in diesem Roman dann auch nicht zur kurz.

Mario Conde ist nun also unser Gewährsmann in Havanna. Er hat vor einigen Jahren seinen Dienst als Polizist aufgegeben und arbeitet seitdem als Buchhändler. Bücher liebt er schon seit seiner Zeit am Gymnasium, als der alte Bibliothekar ihn in die klassische kubanische und europäische Literatur eingeführt und ihm immer wieder dieses oder jenes Buch zum Lesen empfohlen hat. Nun kennt Mario Conde sich auch aus mit den Preisen, die mit antiquarischen Werken zu erzielen sind, und ist in den Straßen Havannas unterwegs auf der Suche nach den alten Schätzen, die es in den Privatbibliotheken immer noch gibt, um sie dann weiterzuverkaufen an die fliegenden Händler, die an ihren Buchständen den Touristen und anderen Ausländern wiederum Bücher anzubieten.

Bei seinen Streifzügen durch die ehemals herrschaftlichen Viertel der Stadt kommt er auch an die Tür der betagten Geschwister Ferrero, die sich nun endlich schweren Herzens entschlossen haben, Bücher ihrer Privatbibliothek zu verkaufen – ihr Hunger ist einfach viel größer als ihr Stolz. Mario Conde traut seinen Augen nicht, als er die Bibliothek betritt, denn hier sind bibliophile Schätze versammelt, die den Ferreros eine sorgenfreie Zukunft ermöglichen und ihn auf einen Schlag zu einem reichen Mann machen können. Noch während Conde die Buchbestände betrachtet und erste Berechnungen vornimmt, meldet sich aber schon ganz deutlich eine noch aus Polizeizeiten bekannte und auch körperlich wahrnehmbare Vorahnung, dass nämlich mit dieser Bibliothek – oder mit den Geschwistern Dionisio und Amalia Ferrero – irgendetwas nicht stimmt:

Und genau in diesem Moment wurde er, durch die mehr als gerechtfertigte Erregung und Fassungslosigkeit bereits wehrlos gemacht, von den stürmischen Symptomen der Vorahnung überrascht, jenem Gefühl, das nichts mit der bis dahin empfundenen Bewunderung zu tun hatte, sondern der Gewissheit gleichkam, dass sich vor ihm etwas ganz Außergewöhnliches verbarg, das lauthals nach ihm verlangte. (S. 18)

Mario Conde lässt sich die Geschichte der Bibliothek erzählen und ahnt beim Zuhören schon, dass er hier wohl den „liebenswerteren oder dramatischeren“ Teil der ganzen Geschichte hört. Aber erst einmal wählt er ein paar Bücher aus und feiert am Abend mit seinen Freunden bei einem sehr, sehr opulenten Abendessen seinen wundersamen Fund.

In einem der Bücher, die er ausgewählt hat, entdeckt Mario einen Zeitungsartikel von 1960. Violeta del Rio ist dort abgebildet, eine Bolero-Sängerin, deren Bild immer noch jeden Mann zu betören scheint: „Leck mich am Arsch, was für ein Weib“, sagte der Dünne [Marios bester Freund] anerkennend. „Und wer war das?“ Auch Mario ist irgendwie angezogen von der Frau, er meint gar, ihren Namen schon einmal gehört zu haben. Dabei ist der Artikel, in dem der Rückzug Violetas von der Bühne verkündet wird, aus einer Zeit, als er noch ein kleines Kind gewesen ist. Er beginnt zu fragen, ob jemand die Sängerin kenne, aber keiner der älteren Menschen, denen er die Frage stellt, kann sich erinnern. Als er nach einigen Recherchen aber doch herausbekommt, dass sie kurz nach Erscheinen des Artikels verstorben ist, ist seine Neugierde geweckt. Und der alte, über fünfzigjährige Fall Violetas führt ihn dann auch wieder zu der Geschichte der Ferreros und in ihre Bibliothek – seine Vorahnungen haben ihn nicht getäuscht.

Bei seinen Recherchen in den verschiedenen Vierteln Havannas gewährt Mario Conde dem Leser noch wesentlich deutlichere Blicke und Urteile über die Lebenssituation der Kubaner, als Meike Winnemuth das in ihren Erlebnissen geschildert hat. Schon alleine der Verkauf der Bücher der Privatbibliotheken zeigt die große Not der Menschen, und eben vor allem auch der Menschen, die noch in den besseren Vierteln und den intakteren Häusern wohnen und trotzdem gezwungen sind, die Kultur Kubas an reiche Ausländer zu verscherbeln, nur um sich satt zu essen. Denn während viele hungern, gibt es auch in Havanna alles zu kaufen, was das Herz begehrt, auch Spargel und Trüffel, wenn man nur das richtige Geld, als Dollar, hat. Und während Conde auch durch Viertel läuft, in die sicherlich kein Tourist kommt, beschreibt und reflektiert er, was er sieht:

Trotz einiger kürzlich vorgenommener Verschönerungsarbeiten blieb das alte Chinesenviertel von Havanna eine düstere, beklemmende Gegend. Hier lebten die Asiaten, die Jahrzehnte zuvor mit der trügerischen Hoffnung auf ein besseres Leben und dem schnell ausgeträumten Traum von Reichtum auf die Insel gekommen waren. (…) nach wie vor zeigte sich die Gegend beinahe schamlos in einem Zustand galoppierenden, offenbar unaufhaltsamen Niedergangs, angefangen bei den Schlaglöchern, in denen das faulige Wasser stand, über die überquellenden Mülleimer bis zu den zerfressenen, hier und da bereits eingestürzten Häuserwänden. Schwarze, Weiße, Chinesen und Mestizen verschiedenen Blutes und Glaubens lebten hier in einem Elend, das keinen Unterschied zwischen Hautfarbe und Herkunft kannte und alle gleich behandelte in einem Überlebenskampf, der die Menschen aggressiv und zynisch machte und ihnen jede Hoffnung raubte. (S. 140)

Und dann spannt die Handlung noch einen weiteren Bogen, nämlich in das Havanna der 1950er und 1960er Jahre und dem ausschweifenden Leben in den Bars und Cabarets, in denen die reichen Kubaner und die reichen Ausländer ihre Abende verbrachten und den Sängerinnen zuhörten, die hier auftraten, bis der Sturz Batistas und der Sieg der Revolutionäre dieser Art des Lebens ein Ende machte. Und in den Cabarets tritt auch Violeta del Rio auf, die nicht nur gut aussieht, sondern auch eine Stimme hat, die vielen Männern den Kopf verdreht, auch Mario, der sich ihren Liedern überhaupt nicht entziehen kann.

Vor ein paar Wochen hat Anna von buchbpost gefragt, was denn ein Schmöker sei. Das hier ist einer, ein richtig guter sogar. Sicherlich kann man hier die handelnden Figuren nicht tiefgründig analysieren, das macht der Roman schon selbst. Sicher gibt es hier kaum Leerstellen, die dazu aufrufen, eigene, vielleicht sogar ganz unterschiedliche Deutungsansätze zu entwickeln. Aber Leonardo Pandura hat hier einen sehr sympathischen Helden geschaffen, mit Ecken und kanten, aber vor allem auch ehernen Moralvorstellungen und einer großen Lust, mit seinen Freunden zu feiern. Und Mario wiederum lässt uns Leser an seiner Recherche teilhaben, in der es nicht nur um verschiedene Facetten von Verführung und Liebe, von Musik und Sinnlichkeit geht, sondern auch um die Facetten der Suche nach Anerkennung, der Chancen in der Gesellschaft, damals und heute, und natürlich um den Wert der Literatur – monetär, wenn es um die Preise für die Bücher geht, ideell, wenn es um die Bedeutung der antiken Klassiker bis heute geht – immerhin liefert eines der ganz alten Dramen den mythischen Kern dieser kubanischen Tragödie. Und ganz nebenbei gibt es noch eine Menge zu erfahren über die kubanische Geschichte und Gegenwart. Und am Ende hat man Mario und seine Freunde gar ein wenig lieb gewonnen.

Übrigens: Vielleicht hat Meike Winnemuth sogar Marios Freunde getroffen (wenn denn Realität Fiktion treffen kann), denn sie hat auch an der Plaza de Armas, auf dem Open-Air-Buchmarkt, ein Buch gekauft, einen abgewetzten Jahresband des National Geographic von 1958.

Einen großen Dank an buechermaniac, die mich nicht nur neugierig auf den „Bolero“ gemacht hat, sondern mich auch beherzt aufgefordert hat, den Roman gefälligst selbst zu lesen. Ihre Besprechung gibt es hier.

[1] Meike Winnemuth (2013): Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr München, S. 291, S. 294

Leonardo Padura (2010): Der Nebel von gestern, Zürich (Unionsverlag)

Meike Winnemuth: Das große Los

Winnemuth_1Was tun, wenn man eine größere sechs- oder gar siebenstellige Summe im Lotto gewinnen würde: Erst einmal die notwendigsten materiellen Wünsche erfüllen – das Traumauto, das Traumhaus, das Pferd, das Boot – oder mit dem Geld etwas ganz anderes anstellen, nämlich endlich das Studium beginnen, das man immer schon mal anfangen wollte, eine lange Reise machen, die man sich immer schon mal erträumt hat, eine Auszeit nehmen vom Beruf oder gar einen Neuanfang starten in einer anderen Stadt, einem anderen Land, einem neuen Beruf oder, oder, oder. Beim Überlegen wird schnell klar, dass hier um die fast schon philosophische Frage geht, was man so völlig anderes anstellen könnte mit dem eigenen Leben – aber vielleicht ist ja auch alles genau so gut, wie es gerade ist (so ergeht es ja Jocelyne in Delacourts Roman „Alle meine Wünsche“).

Meike Winnemuth hat das große Los erwischt, 500.000 € hat sie gewonnen bei „Wer wird Millionär?“. Sie hat sich zu der Rateshow beworben, weil sie als freie Journalistin ein finanzielles Polster haben wollte, um nicht jeden Auftrag unbedingt annehmen zu müssen. Und sollte sie eine größere Summe gewinnen, dann hatte sie auch schon einen Plan:

Dabei war die Antwort auf meine Frage doch ganz leicht, ich hatte sie ja schon während der Sendung gegeben, als Jauch mich fragte, was ich mit dem Gewinn machen würde. Ein Jahr lang raus aus Deutschland hatte ich gesagt, jeden Monat in einer anderen Stadt wohnen. Zwölf Monate in zwölf Städten, die ich mir schon immer mal angucken wollte. (…) Zudem war ich neugierig: Wie wäre es, ein Jahr lang genau das Leben zu leben, das ich mir selbst ausgesucht habe? Ohne Verpflichtungen, ohne Routinen, ohne Kompromisse? Ein Jahr lang nur tun, was ich will? (S. 6)

Und so macht sie sich im Januar 2011 auf die Reise, zuerst nach Sydney, dann folgen Buenos Aires, Mumbai, Schanghai, Honolulu usw. In jeder Stadt erkundet sie, wie die Menschen leben, was sie in ihrer Freizeit tun, welche besonderen Restaurants es gibt, welche ungewöhnlichen Erlebnisse sich bieten. In Sydney klettert sie zum Beispiel am frühen Morgen, angeseilt wie ein Bergsteiger, auf der Harbour Bridge herum und sieht die Oper so klein wie ein Spielzeug. Sie besucht einen gastronomischen Buchklub und genießt das Essen, das Reden über das gemeinsam gelesene Buch – und eine Maniküre. In Buenos Aires lernt sie halbtags Spanisch und scheitert am Tango – schon allein, weil kein Mann auch nur annähernd an ihre Größe heranragt. In London schläft sie in einem Kino und verunsichert die anderen Besucher des Science Museum, weil sie dort als Kakerlake verkleidet herumläuft. In Kopenhagen bestellt sie sich ein individuell gestaltetes Fahrrad, von Tel Aviv aus fährt sie erst ans Rote Meer, um tauchen zu lernen, dann ans Tote Meer, um im Salzwasser die obligatorische Zeitung zu lesen. Sie interessiert sich immer ganz besonders für die außergewöhnlichen Geschichten und Menschen und bringt damit auch immer wieder die Leser zum Staunen.

Manche Städte schließt sie ganz schnell in ihr Herz, bei anderen braucht sie ein paar Tage, um sich an den anderen, ungewöhnlichen Rhythmus zu gewöhnen, mit wieder anderen, mit Mumbai und mit Havanna, wird sie gar nicht recht warm. Sie schreibt das so plastisch, dass man als Leser eigentlich sofort losfliegen möchte, nach San Francisco und Schanghai – oder eben genau weiß, um welche Städte man besser einen weiten Bogen macht.

Im Laufe des Jahres verschieben sich nach und nach die Themen des Reiseberichts. Nach fünf, sechs Monaten stehen neben den Erlebnissen auch immer mehr Reflexionen. Meike Winnemuth beginnt nachzudenken darüber, was das Jahr und die andere Art, es zu verbringen, aus ihr macht, ob sie sich wohl ihr altes Leben wieder vorstellen kann, wie sie ihre Freundschaften in Hamburg wieder aufnehmen kann, ob sie vielleicht sogar in einer anderen Stadt leben möchte, San Francisco könnte sie sich zum Beispiel vorstellen. Immer mehr sammelt sie auch die Geschichten von Menschen, die es in ihrem Leben geschafft haben, in Alternativen zu leben, z.B. Rechtsanwältin zu sein in London, aber auch Schauspielerin in Sydney, die also, wie sie sagt, das „Sowohl – Als auch“ umsetzen können. In Kopenhagen kommt ihr auf einmal ihre Kindheit in den Sinn, in Tel Aviv denkt sie darüber nach, welche Bedeutung der Glaube, welche Bedeutung verschiedene Werte für sie haben. Und so ist die Reise in die 12 Städte auch eine Entdeckungsreise ins eigene Ich.

Immer deutlicher und konkreter wird dann auch die Frage, wie die Rückkehr in ihr altes Leben sein wird. Am Ende ihrer Reise, auf einem Frachter, mit dem sie sich ganz langsam von der Dominikanischen Republik aus Europa wieder nähert, stellt sie sich dann die bange Frage, wie es wohl zu Hause sein wird:

Denn dort werden einige Fragen auf mich zukommen: einfach zurück ins Geschirr und business as usual? Unvorstellbar. Aber wie geht es weiter? Vor allem, wie geht es ohne Reisen weiter? Ich habe zwar schon jede Menge Aufträge und Termine, der Januar ist zu meinem Erschrecken bereits ausgebucht mit Arbeit und Verabredungen, aber wie es mir dabei gehen wird, ob in mir nicht alles dagegen rebelliert, wieder zuhause zu sein – keine Ahnung. Keine Erfahrungswerte. Ich werd´s ja sehen. (S. 302)

Es fällt ihr dann tatsächlich schwer, wieder zuhause anzukommen. Ein paar Tage lang steht ihr Koffer im Flur, sie packt in nicht aus, so als wollte sie gleich wieder los. Ein Kollege, der mehr Erfahrung hat mit dem Reisen und dem Wiederkommen, versucht ihr Mut zu machen:

[Er] sagt, er sei hinterher immer monatelang schlecht gelaunt. Wobei die schlechte Laune abnehme. „Früher war es ein Jahr Wegsein, ein Jahr schlechte Laune. Dann ein Jahr Wegsein, ein dreiviertel Jahr schlechte Laune. Jetzt nur noch ein halbes. Es wird also besser. (S. 313)

Meike Winnemuth hat ein sehr spannendes, Mut machendes und nachdenklich stimmendes Buch geschrieben über ihr Projekt, 12 Monate lang in 12 Städten rund um den Globus zu leben und dabei auch der Frage nach dem guten Sinn des Lebens nachzugehen. Sie hat das gewonnene Geld nicht – bürgerlich und fürsorglich und auf die Sicherheit im Alter bedacht – zum Abbezahlen der Wohnung oder des Hauses gebraucht, sondern dazu genutzt, einen neuen Akzent in ihrem Leben zu setzen, der vermutlich, das deutet sie in ihrem Buch nur an, ihr Leben auch über das Jahr hinaus verändert hat. Neugier und Lebensfreude haben sie, auch wenn sie mit einigen Ausnahmen alleine unterwegs war, das Jahr gut getragen. Und Neugier und Lebensfreude vermittelt sie auch dem Leser.

Übrigens: Als sie ihr Jahr vor allem mit Blick auf die finanzielle Situation bilanziert, stellt sie fest, dass sie die gewonnenen Euro für ihr Projekt gar nicht gebraucht hätte. Aber das gilt wahrscheinlich vor allem, weil sie als Journalistin das Jahr über weiterarbeiten konnte, und gilt eher nicht für die Leser ihres Buches, die nun auch Lust auf eine solche Tour hätten, deren beruf aber an einen Ort gebunden ist.

Meike Winnemuths Blog, den sie in dem Jahr ihrer Reise geschrieben hat, könnt ihr bei hier  nachlesen.

Für das Magazin der Süddeutschen Zeitung hat sie in den einzelnen Städten Leseraufträge erledigt. Ihre Berichte davon sind hier nachzulesen.

Meike Winnemuth (2013): Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr München

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Selasi_1Kweku Sai ist 16, als er seiner Mutter mitteilt, dass er mit den Missionaren nach Pennsylvania gehen wird. Er steht vor ihr, barfuß, in der Hütte aus Lehm, die sein Vater gebaut hat, mit dem in der Mitte fünf Meter hohen Dach aus Schilf. Sein Vater hat die Familie verlassen, aus Scham wahrscheinlich, weil er ins Gefängnis musste und dann öffentlich ausgepeitscht wurde, denn er hat einen betrunkenen englischen Soldaten geschlagen, der seine Frau belästigt hat. Nun will auch Kweku weg und natürlich will die Mutter ihn zurückhalten, sagt, dass er hier gebraucht werde, bei der Familie, doch Kweku will nicht bleiben in Ghana, in dem Dorf am Meer, in dem er Fischer werden kann, vielleicht Tischler oder Bediensteter einer reichen Familie, dann mit Uniform oder Anzug, aber immer barfuß. Er will weg, will lernen, will so leben wie die Engländer mit ihrem großen Haus am Strand. Und weil es Streit gibt, wirft Kweku der Mutter vor, sie wolle ihn nicht weglassen, weil sie eifersüchtig sei, eifersüchtig, weil sie mit sieben Jahren die Schule verlassen musste und nicht lernen durfte und weil sie nie aus dem Dorf am Meer herausgekommen sei. Und so geht er nach Amerika, ohne sich von ihr zu verabschieden. Zwar verspricht er sich zurückzukommen, wenn er es geschafft hat, aber als die Mutter krank wird, kommt er zu spät, das Geld für die Flugtickets geliehen – der erste Riss in seinem Herz.

In den USA lebt er von Stipendien, macht beste Abschlüsse in der Schule, im College, an der Universität. Er lernt Fola kennen, mutterlos in Nigeria aufgewachsen und geflohen, als ihr Vater, ein Anwalt, im Zuge des Biafra-Krieges ermordet wird. Sie verlieben sich, finden gar die große Liebe, die sie nicht gewagt haben zu suchen. Und sie gründen gemeinsam eine Familie nach ihren eigenen Ideen und Vorstellungen:

Er konnte nur Fola hören – eine Dreiundzwanzigjährige, die das Schreiben, dass sie zum Jurastudium zugelassen war, gerahmt an die Wand hängte und die einen Platz an der University of Georgetown bekommen hatte und Olu in utero trug – er hörte Fola sagen: „Ein Traum reicht für uns beide.“ Sie folgte ihm nach Baltimore und verschob ihr Jurastudium und brachte das gemeinsame Baby zur Welt, ohne einen Penny in der Tasche, verkaufte Blumen auf dem Gehweg und duschte ind er Küche, damit einer von ihnen seinen Traum verwirklichen konnte. (S. 95)

Fortan leben Kweku und Fola das typische Modell der Aufstiegsfamilie, vielleicht noch unterstützt von der Idee des amerikanischen Traums, dass jeder, der es nur wirklich will, den Aufstieg auch schaffen kann. Sie bekommen vier Kinder, Olu, den ersten Sohn, dann Kaiwo und Kehinde, die Zwillinge, zehn Jahre später folgt Sadie.

Auszeichnungen, Klavierstunden, riesiges Backsteinhaus, astronomische Gebühren für die Prep School, die fürs beste College vorbereitet, und jeden Morgen ruft er: „Tschüss“, um Viertel nach sieben, in seinem OP-Kittel und dem weißen Mantel. Er hatte seine Seite der Vereinbarung erfüllt. Sein Erfolg als Gegengabe für ihr Opfer. Zwei Wörter, die sie nie aussprechen. Niemals das Wort „Erfolg“, denn was war der Maßstab (US-Dollar? Gerahmte Diplome?), und wie viel war genug? Niemals das Wort „Opfer“, denn es klang immer feindselig, wenn sie es aussprach, und absurd, wenn er es versuchte, als hätte er nicht die geringste Ahnung. Alles war gebaut auf dem Sand dieser Vereinbarung, aber sie wagten nie, das Thema anzuschneiden, nachdem Fola ihren Satz gesagt hatte: „Ein Traum reicht. (S. 96)

Der Traum scheitert, weil der amerikanische Traum eben doch nicht jeden, egal, wie hart er gearbeitet, egal, wie sehr er sich angepasst hat, einschließt, auch hier spielen offensichtlich Hautfarbe und Herkunft eine Rolle. Kweku, der beste Chirurg des Krankenhauses, wird fristlos entlassen. Ein Jahr lang kämpft er juristisch gegen diese Ungerechtigkeit an, dann empfiehlt ihm sogar sein Anwalt aufzugeben, nach Kalifornien zu ziehen, dorthin, wo ihn niemand kennt, und neu zu beginnen. Kweku, der seiner Familie aus Scham ein Jahr lang nichts erzählt hat, traut sich nach diesem Ratschlag nicht mehr nach Hause, er lässt Fola und seine vier Kinder einfach sitzen. Als er sich Wochen später wieder zurücktraut, ist Fola weggezogen, hat das Haus verkauft, die Kinder von den Schulen abgemeldet; er findet sie nicht mehr wieder.

Taiye Selasi hat einen wunderbaren Familienroman geschrieben, so überzeugend komponiert und arrangiert, dass man tatsächlich kaum glauben kann, dass es ihr erster Roman ist. Sie hat sechs bemerkenswert gezeichnete Mitglieder der Familie Sai erschaffen, jedes mit ganz eigenen Charakterzügen, eigenen Stärken und Schwächen, Wünschen und Träumen, den oft sehr tief sitzenden Verletzungen, und der Suche nach dem Platz im Leben. Nicht nur Kweku und Fola tragen dabei ihre Familiengeschichten aus Afrika mit sich, auch ihre Kinder werden, bei allen Anstrengungen der Eltern, wiederum ihre Erlebnisse in der Familie mit sich tragen, die ihnen allen, trotz ihrer Intelligenz und ihrer guten Abschlüsse, den Start in das eigene Leben sehr schwer machen. Die Verletzungen der einen Generation werden weiter gegeben an die nächste, und so lässt sich erklären, warum „die Dinge (…) nicht einfach so“ geschehen.

Und Taiye Selasi findet wunderbare Motive, die sie ihren Protagonisten zuordnet, so zum Beispiel Kwekus Pantoffeln. Zeit seines Lebens wird Kweku auch im Haus nicht ohne seine Pantoffeln laufen, nie mehr will er barfuß sein, nie mehr leben wie in Ghana. Taiwo findet ihren Vater einmal nachts im Wohnzimmer schlafend, es ist die Nacht, in der er im Krankenhaus entlassen wird, und erschrocken sein über seine schrundigen und verquollenen Fußsohlen, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hat. Und als Taiwo von seinem Tod erfährt, ist sie erschüttert, fast weniger darüber, dass er, der kompetente Arzt, einen Herzinfarkt erlitten hat, ohne rechtzeitig Hilfe zu holen, sondern mehr noch darüber, dass er im Garten gestorben sei, barfuß auf dem Rasen liegend.

John von Düffel, der nicht nur die Buddenbrooks zu einem Theaterstück umgeschrieben, sondern mit den Romanen „Houweland“ und „Beste Jahre“ auch selbst Familienromane verfasst hat, schreibt [1], dass die Familie eben deshalb so ein außerordentlicher Rahmen für Geschichten sei, weil Konflikte hier viel unmittelbarer wirken, denn sie entstehen ja eigentlich in einem Schutzraum, der Familie immer auch ist, aber wenn es hier zu Streit und Brüchen komme, dann seien die einzelnen Familienmitglieder auf der anderen Seite eben auch viel ungeschützter und die Verletzungen gingen viel tiefer. So verstehen Olu, Taiwo, Kehinde und Olu ja auch nicht, warum ihr Schulerfolg so wichtig ist, warum sie in diesem großen Haus leben, in dem sie sich gar nicht wohlfühlen, warum ihrem Vater seine Arbeit so viel wichtiger ist, als an ihrem leben teilzunehmen. Und sie verstehen schon gar nicht, warum ihr Vater die Familie ohne ein Wort verlässt und warum ihre Mutter Taiwo und Kehinde danach wegschickt zu einem Onkel nach Nigeria, der gerade nicht für die sorgt, sondern sie auf üble Weise sexuell missbraucht. Sie fühlen sich allein gelassen, von ihren Eltern verraten, ohne ihren Schutz, ihre Liebe und ihre Anerkennung.

Der Gedanke ist da. Dass Mütter Verrat üben. Und was geschieht mit den Töchtern, die von ihren Müttern verraten werden? Sie werden nicht so knuddelig wie Sadie, denkt Taiwo. Sie werden nicht kicherig und bezaubernd wie Ling. Sie bekommen einen Panzer. Werden hart. Sie hören auf, Mädchen zu sein. Obwohl sie aussehen wie Mädchen und sich wie Mädchen benehmen und wie Mädchen flirten und wie Mädchen küssen – aber in Wirklichkeit sind die Generäle, Befehlshaber im Krieg, die beim ersten Tageslicht aufbrechen, um weiteren Angriffen zuvorzukommen. Mit einer Armee hinter sich, ihre Talente sind ihre Reiterschwadrone, alles wird in die Schlacht geschickt, ihre Intelligenz und Schönheit und was sie sonst noch zur Verfügung haben, um die Burg einzunehmen, ihre Ehre wiederherzustellen. (344/345)

So erzählt die Autorin hier nicht nur die Geschichte einer afrikanischen Familie in den USA, die mit Entwurzelung und Rassismus zu kämpfen hat, sondern auch die Geschichte vieler anderer Familien, die lernen müssen, mit ihren Spannungen, Entfremdungen und Konflikten umzugehen. Die Familie Sai scheint es zu schaffen; der Tod des Vaters und das Zusammenkommen aller bei seiner Beerdigung scheint das Fundament zu legen, die Konflikte zu überwinden, nicht zuletzt, weil die Kinder die Herkunft ihres Vaters begreifen.

Ein weitere Besprechung findet ihr hier.

[1] John von Düffel (2009): Wovon ich schreibe, Köln.

Taiye Selasi (2013): Diese Dinge geschehen nicht einfach so, Frankfurt am Main

Erwin Koch: Von dieser Liebe darf keiner wissen. Wahre Geschichten

Koch_2Gute Reportagen zu lesen, ist ein wahrer Genuss. Zu einer Zeit entstanden, als es weder Kameras noch Facebook gab, um uns auch noch die letzten Ecken der Erde auszuleuchten, kam dem Journalisten die Aufgabe zu, besondere Ereignisse aus den Metropolen und Winkeln der Welt so zu berichten, dass die Leser den Eindruck gewinnen konnten, unmittelbar vor Ort bei dem Ereignis dabei gewesen zu sein. Neben dem eigenen Augenschein und der Recherche von Hintergrundinformationen hat der Reporter also die Aufgabe, möglichst anschaulich und unmittelbar zu schreiben, mit der Sprache so zu malen oder zu filmen, dass der Leser bei der Lektüre sinnliche Eindrücke entwickeln kann, dass eigene Bilder entstehen, ein „Kino im Kopf“. So bewegt sich die Reportage auf der Grenze zwischen dem (objektiven) Tatsachenbericht, denn Tatsachen sind jeweils die Grundlage der Geschichten, und dem (subjektiven) Erleben. Als Experte vor Ort wählt der Reporter nicht nur aus den Geschehnissen aus, was ihm interessant, merk- und denkwürdig oder auch fremd erscheint, sondern arbeitet durch die Art seiner Textgliederung, seines Spannungsaufbaus und der Wahl seiner Sprache eher wie ein Romanautor, der die Geschichte in ganz besonderer Weise arrangiert. Und so ist auch der Weg zur literarischen Reportage, in der, immer noch auf den nachprüfbaren Fakten basierend, die Tatsachen noch freier, die Sprache und die Form noch kreativer genutzt werden, nicht weit. [1]

Erwin Koch schreibt Reportagen, die den Leser sofort vereinnahmen und erst wieder loslassen, wenn er – atemlos – bis ans Ende der Geschichte gelangt ist. Dann sieht er eine genaue Szenerie vor sich, er hat Menschen mit ihren besonderen Konflikten kennen- und schätzen gelernt, und fragt sich, wie es den Menschen aus den Geschichten heute wohl geht. Und darüber hinaus kennt er Hintergründe, hat Informationen gewonnen und hat, im besten Falle, am Beispiel eines ganz konkreten Lebens gesehen, welche Auswirkungen gesellschaftliche oder politische Ideen und Handlungen haben. In den in diesem Band versammelten Reportagen geht es fast immer um Leben und Tod [2].

Da sind die Reportagen, die sich mit den Menschen und ihren Familien beschäftigen, wenn die Diagnose einer unheilbaren Krankheit ausgesprochen wird: der 14-jährigen Sarah, die an Leukämie erkrankt, Sanne, gerade auf die Welt gekommen, mit der Schmetterlingskrankheit, und Jörg Immendorf, dem Künstler, dem ALS mehr und mehr die Kontrolle über den Körper raubt; die Reportagen, die dem Leser Ausschnitte einer schier unglaublichen Politik zeigen, so der Uiguren, die, in China verfolgt, von Land zu Land ziehen, um sich einen kleine Lebensgrundlage aufzubauen und dabei als Gefangene in Guantanamo landen, oder die Geschichte des Brasilianers Domingo, der sich als Gewerkschafter dafür einsetzt, dass die staatlich zugesicherte Landverteilung auch umgesetzt wird und der dafür auf die Todesliste der Großgrundbesitzer gerät. Und dann ist da noch Gertrude Harris, die dafür kämpft, dass ihr Vater, der im ersten Weltkrieg standrechtlich erschossen wurde, nach 90 Jahren endlich rehabilitiert wird; Dario, der sich mit über 40 Jahren endlich traut, homosexuell zu leben, denn in seiner Familie hat er nichts Gutes gehört über Schwule. Und Rafael und Richard, zwei homosexuelle Priester aus Kolumbien, bestellen sogar ihre eigenen Mörder, bevor ihre Liebe und ihre Krankheit auffallen werden.

Diese fast unglaublichen Geschichten erzählt Koch in einer Sprache, die niemals wertet, niemals dramatisch oder pathetisch wird, sondern wenn nötig ruhig, wenn nötig atemlos, immer sachlich, immer wertschätzend auf die Personen und ihre Handlungen schaut. Mit ganz wenig Worten gelingt es ihm, gleich eine ganze Szenerie zu erschaffen, mit allen Wünschen, allen Hoffnungen – und wie sie sich in Luft auflösen:

Dario Negrotti, zwanzig, Konditor-Confiseur, meldet sich am Konservatorium Bern zur Aufnahmeprüfung an, er übt eine Szene aus Schillers Räuber, auch Goethes Zauberlehrling, walle, walle manche Strecke, dass, zum Zwecke, Wasser fließe, und mit reichem. Vollen Schwalle zu dem Bade sich ergieße, und den berühmten Schlussmonolog aus Die Nashörner von Eugène Ionesco. Endlich steht er auf der Bühne, zehn, fünfzehn Menschen hängen im Raum, Experten, die hüsteln und warten, dass Dario, die Hände feucht und kalt, los wird, was er gelernt hat, immer wieder zu Hause in Derendingen, Kanalgasse 2, was ist meine Sprache?, ist es Deutsch, das?, es muss wohl Deutsch sein, aber was ist denn Deutsch?, man m uss das Deutsch nennen, wenn man will, niemand kann es bestreiten, ich bin der Einzige, der es spricht, was sage ich?, verstehe ich mich denn?, ein Ungeheuer bin ich, ein Ungeheuer, nie werde ich Nashorn, nie!
Dario versucht es auch an der Schauspielschule Zürich (…) (S. 37/38)

2005, aus Anlass des 60-jährigen Bestehens der Süddeutschen Zeitung, hat Stefan Klein eine Reportage über das Schreiben von Reportagen geschrieben und dort auch darüber nachgedacht, ob die Reportage im Angesicht der elektronischen Medien, ihrer Vielfalt und vor allem auch ihrer Schnelligkeit, überhaupt noch eine Zukunft haben kann.

Kann es nicht sein, dass gerade wegen des Stroms der bunten Bilder, wegen des Wustes an Informationen, wegen der schieren Unmöglichkeit, dies alles zu verarbeiten, ein Bedürfnis besteht nach einer geschriebenen Reportage, die einordnet, Zusammenhänge herstellt und Hintergründe sichtbar werden lässt? Die gleichsam eine Schneise fräst in den wilden Dschungel aus Nachrichten, Halbwahrheiten und Gerüchten? Die nicht wie die Linse einer Kamera gierig und sensationsgeil heransaugt, was heranzusaugen ist, sondern ruhig betrachtet und so einen Kontrapunkt setzt zu der Kakophonie rundherum? Scheinheilige Fragen. Ich bin mein ganzes berufliches Leben Zei-tungsreporter gewesen. Natürlich glaube ich an die Reportage, gerade auch und erst recht im Zeitalter der superschnellen Information, vor allem aber glaube ich daran, dass nichts den Augenschein ersetzen kann. (Stefan Klein (2005): Eine Schneise in den Dschungel fräsen)

Und ja, natürlich hat sie eine Zukunft, wenn es Autoren gibt wie Erwin Koch, die uns so eindringliche, so spannende, so realistische Geschichten erzählen können, die über den wahren Kern des einzelnen Schicksals hinaus eine Fragestellung aufwerfen, die politische oder gesellschaftliche Bedeutung hat. Dann werden tatsächlich Hintergründe sichtbar, dann trägt die Geschichte tatsächlich dazu bei, „einzuordnen und Zusammenhänge herzustellen“ , wie Klein schreibt, so, wie es andere Medien in der Form nicht wollen oder nicht schaffen. Wer weiß schon etwas über die sechszehn Uiguren in Guantanamo, die nur dort sind, ohne Rechte, gehalten wie Vieh, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren:

Im Januar 2000, den Tag hat er vergessen, bricht Abu Bakr, ein Sattler aus der Stadt Gulja, ins bessere Leben auf. Er streichelt den Bauch seiner Frau und will nicht weinen, die Frau ist schwanger.
Wann? Fragt sie.
Bald, sagt er, einunddreißig Jahre alt, und geht.
Abu Bakr Qassim ist Uigure, Teil einer turkstämmigen Minderheit im Westen Chinas, zehn Millionen Uiguren allein in der Region Xinjiang, sie sind Muslime, erobert und bedrückt von den Chinesen seit einem halben Jahrhundert, Ostturkestan. (S. 111)

[1] Informationen zur Gattung der Reportage sind z.B. hier und hier zu finden
[2] In einem anderen Band hat Erwin Koch Reportagen über die Liebe zusammegetragen: „Was das Leben mit der Liebe macht. Wahre Geschichten“, Corso Verlag,  Hamburg 2011

Hier berichtet Erwin Koch über seine Art des Arbeitens.

Eine weitere Besprechung ist hier zu lesen.

Erwin Koch (2013): Von dieser Liebe darf keiner wissen. Wahre Geschichten, München

Rainer Merkel: Bo

Rainer_merkel_2Im Flugzeug schon geht das Chaos los, als Benjamin, 13-jährig, nach Monrovia in Liberia fliegt, um seinen Vater zu besuchen, der dort als Entwicklungshelfer Brücken baut. Neben Benjamin sitzt die Frau des ehemaligen deutschen Botschafters in Liberia (die ursprünglich aus Wuppertal (!) kommt). Und sie ist die magische Helferin, die Benjamin mit allen Hilfsmitteln ausstattet, damit er seinen Heldenweg im dunklen, mythischen Wald, der hier Liberia ist, sicher bestehen kann. Sie hat zwar die Tüte, in der Benjamin nicht nur die Sonnenmilch, einen Sonnenhut, etwas Bargeld, sondern vor allem auch seinen Pass verwahrt, an sich genommen und verschwindet damit bei ihrem sehr schnellen Ausstieg nach der Landung. Dafür lässt sie aber ihren sehr muffigen Mantel im Flugzeug liegen, den Benjamin nun an sich nimmt und später feststellen wird, dass viel Geld in seinen Taschen steckt. Indem sie ausgerechnet kurz vor der Landung einen wunderschön blinkenden Ball durchs Flugzeug rollen lässt, stellt sie auch die Bekanntschaft zwischen Benjamin, der zwischen den Stuhlreihen hinter dem Ball herkrabbelt, und Brilliant her. Brilliant ist die sehr verwöhnte Enkelin von Liberia-Flüchtlingen, die nun ihren Onkel besucht, dem gleich alle Total-Tankstellen im Land gehören. Und die Botschafterin hat Benjamin außerdem auch mit einer magischen Botschaft versorgt, die ihn in den nächsten abenteuerlichen Tagen begleiten wird:

In Liberia kann man nicht sterben. (…) Wusstest du das nicht? Sieh mich doch mal an, warum, glaubst du, fliege ich immer wieder zurück? Warum lebe ich noch immer in diesem heißen, schrecklichen Land? (…) Es ist unmöglich [zu sterben]. Solange du weiß bist. (…) Weiß musst du schon sein. (18/19)

Bei der Ankunft am Flughafen überschlagen sich dann die Ereignisse: Benjamin wird natürlich von den Polizisten festgehalten, denn ohne Pass darf er nicht einreisen. Sein Vater, der ihn ja abholen wollte, kommt nicht. Brilliant erinnert sich dann an den merkwürdigen weißen und rothaarigen Jungen, weil sie am Auto des Onkels aufgehalten wird, denn am Wagen sind gleich alle Reifen platt. Das wiederum hat ein Kleinkrimineller namens Harris zu verantworten, der nun, als guter Helfer in der Not, Brilliants Onkel zu einer „Werkstatt“ lotst, in der der Onkel völlig überteuerte Reifen erwerben kann. Da sitzt aber Benjamin schon mit im Wagen und entdeckt während des Reifenwechsels das Geld im Mantel der Botschafterin – und Harris beobachtet ihn beim Zählen.
Daraus ergeben sich dann gleich die nächsten Verwicklungen, an deren Ende Benjamin nicht nur den Übergriffen Harris entkommen ist, nicht nur Bo und seine Familien kennengelernt hat, sondern auch im blauen Haus angekommen ist, in dem die Entwicklungshelfer, die versprechen, sich nach seinem Vater zu erkundigen, leben. In dem Zimmer, in dem er schläft, findet er das Tagebuch eines Arztes, der von seiner Arbeit in einem psychiatrischen Krankenhaus erzählt und besonders von einer Patientin, die wohl weggelaufen ist: Flower.

Während Benjamin dort im blauen Haus ist, ärgert die sehr verwöhnte Brilliant den 16-jährigen Edward, den ihr Onkel extra zu ihrer besonderen Bewachung abgestellt hat, indem sie Edward beispielsweise mit verbundenen Augen über eine viel befahrene Straße gehen oder mehrfach von der Jacht des Onkels zum Strand schwimmen lässt, obwohl das Meer hier viele gefährliche Strömungen hat, weil sie Benjamin, der sich dort mit einigen Entwicklungshelfern aufhält, zu ihrer Geburtstagsfeier einladen will. Und während dieses Strandaufenthaltes will Bo will endlich den Mantel zu Benjamin zurückbringen und macht sich auf den Fußweg durch halb Monrovia. Irgendwann treffen alle drei am blauen Haus zusammen und begeben sich auf die Suche nach Brilliant, die sie nicht nur durch die Stadt führt, sondern auch zu einem im Bürgerkrieg zerstörten Luxushotel und dann in den Dschungel.

Und natürlich übernimmt Bo die Führung der Expedition, denn er ist schließlich derjenige, der sich hier auskennt. Eigentlich ist Bo blind, aber das will er gar nicht hören, so wie er auch seinen Stock nicht nutzt. Er hat eben besondere Fähigkeiten, die manchmal sogar besser sind, als sehen zu können. So kann er hören, ob ein Familienmitglied die Treppe vor dem Haus heraufkommt oder ein Fremder; er kann riechen, ob ihm jemand zuhört, er kennt sich in der Weltpolitik aus, weil er mit seinem Radio immer BBC hört und über die Straßen Monrovia läuft er wie einer, der genau sieht, zwischen welchen Autos er die Fahrbahn überqueren kann. Er findet sich im Wald zurecht, weil er hören kann, wie weit er von der Straße entfernt ist, er kann in einem Gespräch sofort einschätzen, ob sein Gegenüber ihm wohlgesinnt ist oder nicht, wo andere Menschen im Verhältnis zu ihm stehen, ob es sich lohnt abzuhauen. Er kann am Geräusch der Geldnote unterscheiden, ob es sich um liberianische oder amerikanische Dollarnoten handelt und sieht, so meint Okogo jedenfalls, den Menschen direkt auf die Seele, ohne sich an ihrer (Ver-)Kleidung auszuhalten. Und zur Not kann er sich auch einmal mit einer guten Geschichte aus einer brenzlichen Situation befreien, denn von Okogo, der eine Schreibmaschine besitzt und für die Nachbarn die Korrespondenz erledigt, hat Bo gelernt, wie gute Geschichten zu erzählen sind. Und seine kleine Schwester, die kleine Spinne, will auch immer Geschichten von ihm hören.

Merkels „Bo“ ist konsequent aus der Perspektive der drei Jugendlichen erzählt, und zwar von einem auktorialen Erzähler, der sehr souverän die einzelnen Handlungsstränge der drei Protagonisten auslegt und immer wieder zusammenführt. Wie in einem Film erlebt der Leser die parallelen Handlungen auch parallel, wie mit einer Kamera, werden Situationen eingefangen, die so beschrieben sind, dass sie geradezu Filmausschnitte im Kopf des Lesers erzeugen. Auch die Übergänge zwischen den einzelnen Kapiteln, den einzelnen Handlungssträngen, sind wie im Film mit kunstvollen Überblendungen gestaltet. Und sicherlich ist die Art des ausufernden, bis ins kleinste Detail sich entspinnende Erzählen auch dem blinden Jungen geschuldet, der sich seine Welt über das Hören und das Erzählen erschließt, und auch, das erzählte Rainer Merkel in einem Interview, dem Wissen der Jugendlichen in armen Ländern, dass sie den weißen, reichen Menschen eine gute Geschichte auch verkaufen können.

Der Leser erlebt also mit den Jugendlichen die komische und manchmal kaum erklärbare Welt der Erwachsenen, er reist durch Monrovia und später in den Urwald, ohne, mit Ausnahme des zerstörten Luxushotels, die Verwüstungen des Krieges zu sehen. Aus den Augen der Jugendlichen hat der Leser einen unbewerteten Blick auf die Entwicklungshelfer, die in diesem sehr armen Land in Luxushotels Poolpartys feiern und ihre freien Nachmittage am Strand verbringen. Er sieht das nur sparsam möblierte Haus von Bo, aus dem die Geschwister nun ausziehen müssen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können, er besucht mit Benjamin und Bo die armseligen Hütten der Wachleute, die das blaue Haus und das psychiatrische Krankenhaus schützen und oft mehrere Jobs haben müssen, um in ihren armen Hütten überleben zu können.

Die Hütte von Mister Grimms gefiel Benjamin so gut, dass er am liebsten einen ganzen Tag an diesem Ort verbracht hätte, obwohl es eine sehr ärmliche Behausung war. Ein paarmal dachte er: Es sieht hier so aus wie auf einer karibischen Insel, von der meine Mutter mir immer vorgeschwärmt hat. Auch die anderen Hütten in der Umgebung waren ganz aus Naturmaterial, bestanden aus großen Palmblättern und Bastmatten, und die knorrigen Äste der Bäume ragten aus dem Boden, so dass man sich zum Ausruhen draufsetzen konnte. (S. 400/401)

Der Leser nimmt auch teil an der Entwicklung von Brilliant, die im Urwald so geläutert wird, dass sie ein wenig von ihrem hohen Ross heruntersteigt, und natürlich von Benjamin, dem sehr ängstlichen Jungen, der zu Hause von seinen Mitschülern drangsaliert wird und hier nicht nur die erste zarte Liebe erfährt, sondern auch Freunde findet und seine Fähigkeiten einsetzten kann. Diese Entwicklung wird möglich, weil Erwachsene hier merkwürdig abwesend sind – nicht nur Benjamins Vater ist zunächst unauffindbar, auch Brilliant reist ohne Eltern, der Onkel ist viel zu beschäftigt, um auf sie zu achten, und die Eltern von Bo und seinen Geschwistern werden nie genannt. Ermöglicht wird diese Entwicklung durch die Abenteuer, die durch die Suche nach Flower ausgelöst sind und durch den Kleinkriminellen Harris, der zum Glück von einer Dummheit geschlagen ist, die geradezu an die Panzerknackerbande erinnert, einen weiteren Spannungsbogen bekommt.

Das alles ist gut gemeint, aber mit den 700 Seiten nicht gut gemacht. Jede einzelne Szene ist für sich genommen gut gestaltet, beim Lesen ermüdet dies überbordende Erzählen aus der Perspektive der Jugendlichen, die sich ins schier Unendliche dehnende Erzählung gleich dreier Geschichten; es ermüdet die von Anfang an unrealistische Suche nach Flower, der dumme Harris, der ständig an das Geld aus dem Mantel will (das Motiv erinnert auch an die dummen Diebe aus Pippi Langstrumpf), der sehr überzeichnete Charakter von Brilliant; es ermüdet die Erzählung von Jugendlichen, die ihre Geschichte eben nicht Jugendlichen erzählen, sondern Erwachsenen. Das ist sehr schade, denn die Idee des Romans, der Ort, an dem sie spielt, die Figuren, dies alles ist wirklich spannend – aber eben nicht über diese Länge.

Das Interview mit Rainer Merkel ist hier zu sehen und hier (bei Rezensionen) hat der Autor die Geschichte des wahren Bo, den er in Liberia kennengelernt hat, erzählt.

Rainer Merkel (2013): Bo, Frankfurt am Main

FO: Kauni Damask Jacke

Kauni_1Schon seit ein paar Wochen ist die Jacke fertig, aber dann mussten noch die Nähte geschlossen und die Knöpfe angenäht werden. Und das zooog sich irgendwie. Nun habe ich sie aber schon ein paar mal angehabt, zum Glück ist es ja manchmal noch ziemlich kühl. Ich bin wirklich sehr zufrieden mit dem Werk. Der nächste Herbst kann also kommen! Nein, das mit dem Herbst nehme ich zurük: Wir wollen erst einmal Frühjahr und Sommer.

Die Ärmel habe ich mit Steeks in einem Rutsch zusammen im Kreis gestrickt, damit der Farbverlauf bei beiden Ärmeln gleich ist. Das heißt dann natürlich, dass die Ärmel auch abgesteppt und aufgeschnitten werden müssen, aber eine Näherin mit entsprechender Nähmaschine bekommt das ja ruck-zuck hin. Als ich die Jacke dann zum Fotografieren aufgehängt habe,  ist mir aufgefallen, dass nun sogar der Farberverlauf von Körper und Ärmeln übereinstimmt. Das ist aber totaler Zufall oder Glück, weil ich die Knäuel gut erwischt habe.

Und nach der Wäsche ist die Jacke noch viel schöner geworden, weil die Wolle ganz leicht anfilzt und die Maschen dann ganz gleichmäßig werden. Und wie ich schon beim Waschen der Maschenprobe vermutet habe: Zwar wird die Wolle beim Waschen nicht wirklich flauschig weich, sondern bleibt schon ein wenig hart. Aber sie kratzt überhaupt nicht.

Hier noch ein par weitere Fotos:

Teju Cole: Open City

Cole_1Nach Abschluss der Schule in Nigeria bewirbt Julius sich an amerikanischen Colleges. Sein gespartes Geld reicht gerade für die Bewerbungsgebühren, um das Flugticket nach New York zu bezahlen, muss er sich Geld von seinem Onkel leihen. Nun, fünfzehn Jahre später, ist Julius im letzten Jahr seiner Facharztausbildung zum Psychiater. Seine Freundin hat ihn gerade verlassen und so beginnt er abends nach der Arbeit im Krankenhaus damit, immer länger werdende Spaziergänge zu unternehmen, immer neue Straßen und Parks zu entdecken und zu genau zu beobachten, was sich ihm gerade zeigt. Er beschreibt und bestaunt die Architektur einer U-Bahn-Station, berichtet von seinen Museumsbesuchen, beobachtet die Menschen, die ihm begegnen, erzählt davon, was sie tun und wie sie leben:

Als ich wieder zur Mitte des beinahe menschenleeren Hauptganges zurücklief, eilte gerade ein einzelner Mann zu den U-Bahn-Aufzügen und ließ seine Aktentasche fallen. Mit lautem Klappern fiel sie zu Boden. Er sank auf die Knie und sammelte den Inhalt auf. Sein übergroßer, mausgrauer Trenchcoat stülpte sich über ihn wie ein viktorianisches Kleid. (…) An einem Falafelstand an der Ecke standen ein paar Leute, andere liefen vorüber, einzeln, paarweise oder zu dritt. Ich sah schwarze Frauen in anthrazitgrauen Kostümen und junge, glattrasierte Amerikaner indischer Herkunft. Gleich hinter der Federal Hall kam ich an der Glasfassade des New York Spots Club vorbei. Im hell erleuchteten Innenraum hinter der Glasfront standen in einer Reihe Hometrainer, auf denen Männer und Frauen in Elastan schweigend vor sich hin strampelten und auf die Pendler in der Dämmerung blickten. (65/66)

Julius also ist ein Flaneur. „Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, in denen alle Eindrücke von Straßencafés bis zu Personen, die einem mit der vorbeilaufenden Bewegung auffallen, sich wie in einem Heimkino im Kopf zusammensetzen“, schreibt Claudia Taller. Indem Julius sich durch die Straßen New Yorks treiben lässt und beobachtet, und er hat durchaus einen Blick für das Ungewöhnliche, für das Außerordentliche und schildert mit Worten, was sonst eine Kamera auffangen würde, zeigt er einen ganz besonderen Ausschnitt New Yorker Lebens und befeuert so das Kopfkino des Lesers. So wird die Stadt selbst, die schon seit Jahrhunderten die Menschen aus aller Welt, gerade aber auch die Flüchtlinge, anzieht, zu einer zweiten Hauptfigur in diesem Roman. Mit seinem sehr genauen Blick auf diese anonymen Menschen, ihr Aussehen, ihre Handlungen, mit seinen Berichten der Gespräche, die er mit Freunden und Bekannten, mit Nachbarn und mit seinen Patienten führt, wird immer wieder der Aspekt der Einwanderung und Hoffnung, aber auch der Entwurzelung und Verzweiflung aus verschiedenen Perspektiven ausgelotet. Das macht auch deutlich, dass Einwanderer zu unterschiedlichen Zeiten auch unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben:

Von hier aus gesehen erhob sich die Freiheitsstatue wie ein fluoreszierender grüner Fleck vor dem Himmel, dahinter lag Ellis Island, Gegenstand so vieler Mythen. Doch für die ersten Afrikaner – die sowieso keine Einwanderer waren – war die Einwanderungsbehörde zu spät gebaut worden, und für die späten Ankömmlinge aus Afrika, für Kenneth oder den Taxifahrer oder mich, war sie zu früh wieder geschlossen worden, um uns etwas zu bedeuten. Ellis Island war vor allem ein Symbol für europäische Flüchtlinge. Die Schwarzen – wir Schwarze – hatten rauere Einwanderungshäfen erlebt (…). (S. 75)

Die neue Einwanderung sieht so aus wie zum Beispiel bei Saidu aus Liberia, dessen Mutter im Krieg erschossen wurde und der von Bewaffneten gezwungen wurde, auf der Gummifarm zu arbeiten. Er entschließt sich zu fliehen, gelangt auf abenteuerlichen Wegen im Militärlastwagen, zu Fuß und auf dem Motorradrücksitz nach Mali und dann mit einem LKW, der mit vielen Flüchtlingen beladen ist, nach Tanger. Über Spanien reist er nach Portugal, wo er als Metzgerhilfe arbeitet, als Friseur, um dann ein Flugticket nach New York zu bekommen. Am Flughafen wird er gleich festgenommen. Oder wie bei Pierre aus Haiti, der nun als Schuhputzer arbeitet und geflohen ist, als das Töten in seiner Heimat immer schlimmer wurde. Ähnliche Geschichten von brutalen Kriegen, in denen immer wieder Angehörige sinnlos getötet werden, erzählen Julius viele Menschen, denen er begegnet.

Über Weihnachten und bis in den Januar hinein fliegt Julius nach Brüssel. Der Urlaub ist Brüssel ist der weniger als halbherzige Versuch, seine deutsche Großmutter zu finden, die vielleicht in Brüssel lebt und die zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch ihre Flüchtlingserfahrungen gemacht hat. Auch in Brüssel nimmt Julius seine Spaziergänge wieder auf, auch hier beobachtet er die Menschen und interessiert sich auch hier besonders für diejenigen, die gestrandet sind. So lernt er im Internetshop Farouq kennen, dessen Abschlussarbeit an der Universität gerade nicht akzeptiert worden ist und der sich nun beginnt, immer mehr zu radikalisieren. Julius trifft sich öfter mit Farouq und einem weiteren Freund und so erfährt er ihre politischen und religiösen Sichtweisen. Wie bei allen anderen Gesprächen auch ist Julius hier wieder der gute Zuhörer, der alle zum Reden bringt und niemanden und nichts bewertet – nur von sich selbst erzählt er in diesen Gesprächen nichts.

Wer also ist dieser Julius? Ein paar biografische Daten sind zu erfahren, so eben seine Herkunft aus Nigeria, seine deutsche Mutter und seinen nigerianischen Vater, der in seiner Jugend an Tuberkulose stirbt. Julius besucht eine Militärschule, auf der die Lehrer schon einmal – ohne rechtes Maß und vor allen Schülern – ordentlich hinlangen. Julius interessiert sich für Kunst, er liest literrarische und philosophische Werke, hört Mahler und Jazz und beobachtet im Herbst stundenlang aus seinem Fenster die Vögel. Dieser idealen Welt der, zum großen Teil europäischen, Kultur stellt er dann aber immer wieder seine Beobachtungen, seine Gespräche gegenüber, und spiegelt so die Realität der jüngeren Einwanderer New Yorks, die immer wieder mit verschiedenen Formen der Gewalt konfrontiert sind.

Und auch Julius ist nicht nur der zugewandte, offene und empathische Zuhörer, der Kunstkenner und engagierte Psychiater. Auch Julius hat ein Geheimnis, das er nicht nur gut aufbewahrt, sondern offensichtlich ganz massiv verdrängt hat, besonders erstaunlich, da er als Psychiater sich ja gerade professionell mit dem Umgang der Menschen mit ihrer Psyche beschäftigt.

Teju Coles Roman lässt sich auf mehrere Weisen lesen: Als individuelle Lebensgeschichte Julius´, eines Ausschnittes seiner Biografie, die Charakterstudie eines merkwürdig ambivalenten Menschen also, der beruflich erfolgreich und zielstrebig ist, in seiner Freizeit ein wenig ziellos, aber sehr kunstinteressiert, der niemals Partei ergreift, sondern immer nur beobachtet und wiedergibt, und dabei ganz wunderbar mit Sprache Szenen einfäng und damit wohl vermeidet, dahin zu blicken, wo seine eigenen blinden Flecken sind.

Er lässt sich aber auch lesen als die Geschichte einer Figur, die exemplarisch die Erfahrungen einer Gruppe Einwanderer aus Afrika bündelt, einer Gruppe von Menschen nämlich, die auf der einen Seite in Amerika oder Europa beruflich Fuß gefasst und ein großes Interesse an und Wissen über Geschichte und Kultur haben, auf der anderen Seite aber auch ihre Wurzeln in Afrika kennen. So haben sie diesen ganz besonderen Blick auf die disparate Gesellschaft. Julius, und wohl auch sein Erschaffer Teju Cole, gehören damit zu den Afropolitans, von denen in diesem Frühjahr immer wieder die Rede war, als der neue Roman Taiye Selasi besprochen worden ist. Taiye Selasi hat den Ausdruck in einem Essay 2005 geprägt und damit die Afrikaner beschrieben, die in den europäischen und amerikanischen Großstädten „angekommen sind“, die dort leben und arbeiten .

Oder er lässt sich lesen als ein Roman über die Stadt New York in der die Flüchtlinge der unterschiedlichen Krisengebiete der Welt angespült werden und die dort alle versuchen, wieder Halt zu finden. Es ist die Geschichte der Schuhputzer und Taxifahrer, der jungen farbigen Kriminellen, der Flüchtlinge in Abschiebehaft. Es ist die Geschichte einer bisher „offenen“ Stadt, die Flüchtlinge aufgenommen hat, seit dem 11.9.2001 aber selbst verletzt und voller Angst ist und in der Konsquenz auch die Schutzwürdigen abweist. Die „Open City“, ein Begriff aus den Kriegen Europas, ist eine ungeschützte Stadt, die nicht angegriffen wird und insofern zum Schutzort werden kann. New York aber ist angegriffen worden, die Trauer darüber, so reflektiert Julius, ist nicht zu Ende geführt worden und so einer allgegenwärtigen Angst gewichen, die über der Stadt liegt.

Eine weitere Besprechung ist hier zu finden.

Teju Cole (2012): Open City, Berlin

Meine Empfehlung – Juli Zeh, David Finck: Kleines Konversationslexikon für Haushunde

Ein Gastbeitrag von Felix, dem Hund
Ich bin der Einladung zu diesem Gastbeitrag auf einem Literaturblog gerne nachgekommen, wohl wissend, dass die Herausgeberin des Buches, das ich den Lesern, gerade den Haushunden und ihren Besitzern unter Euch, gerne ans Herz legen möchte, Euch wohl eher als Schriftstellerin, manchen auch als Juristin, bekannt ist. Nun ist es ja so, dass Juli Zeh gerne mit Hunden zusammenlebt und aus dieser Koexistenz hat sich ein Projekt ergeben. Denn Othello, der Hund, der mit ihr gemeinsam an deutschen Universitäten Juravorlesungen besucht und den Veranstaltungen am Deutschen Literaturinstitut gelauscht hat, weiß um die Bedeutung der Sprache. Vor allem aber weiß er, dass es für Hund einfach gut ist, die menschliche Sprache mit ihren Hürden und Klippen, ihrer unlogischen und ihrer verschwätzten Vielfalt bestens zu kennen, um sich in der Welt der Menschen zurecht zu finden. Aber, so macht Othello schon in seinen einleitenden Anmerkungen deutlich: Es ist für Hund besser, nicht zu erkennen zu geben, dass er die Sprache aus dem Effeff beherrscht, denn nur das Leben derjenigen, die schweigen, ist ein wirklich gutes:

Wer sprechen kann, hat Telephondienst. Wer sprechen kann, muss einkaufen gehen, die Post erledigen, sich entschuldigen und ohne Pause etwas lernen. Der Schweigende hingegen wird rundum bedient, zur körperlichen Ertüchtigung ausgeführt und, da er für ein persönliches Gespräch nicht zur Verfügung steht, beim Schlafen in Ruhe gelassen. Man bringt ihm das Futter und pflegt sein Fell. Allenfalls muss er aus folkloristischen Gründen gelegentlich an der Haustür bellen, wenn er dumm genug war, als junger Hund das Vorhandensein eines Stimmorgans zu verraten.“ (S. 5)

Trotzdem hat Othello, immerhin schriftlich, seine Erkenntnisse der Sprache in einem kleinen Konversationslexikon zusammengestellt, um seine Artgenossen an seinen Erkenntnissen partizipieren zu lassen und ihre Kommunikationserfahrungen zu bereichern.

Zeh_1Und dies, das muss ich ausdrücklich festhalten, ist ihm ausgesprochen gut gelungen. Zum einen hat Othello seine Ausführungen sehr nutzerfreundlich gestaltet, denn da er seine Beiträge alphabetisch sortiert hat, hat Hund einen schnellen Zugriff auf die einschlägigen Kommunikationsbegriffe und kann sich rasch orientieren. Zum anderen kommen dem Leser Othellos besonders gut ausgeprägte Formulierungskünste, die er sich sicherlich auch durch seine vielen Hochschulbesuche aneignen konnte, zugute, sodass seine Beiträge nicht nur höchst lesenswert, sondern auch sehr anschaulich sind. (Ich habe es bisher ja noch nicht weiter geschafft, als zu ein paar Besuchen im Fach Controlling beim Abendstudium und da sehe ich bei mir ganz deutlich die vor allem sprachliche Bildungslücke im Vergleich zu Othello.) Außerdem ist er wirklich ein Experte auf dem Gebiet der Haushunde und gibt sein umfangreiches Wissen hier gerne an uns weiter. Und als weiterer Vorteil ist zu werten, dass Othello mit David Finck auch noch einen äußert versierten Hundefotografen gewinnen konnte, der den ein oder anderen Beitrag sehr eindrucksvoll und lebendig bebildert hat.

Nun sind in dem schmalen Band also Beiträge versammelt von A wie Aas oder Allergie über B wie Badezimmer oder Buddhismus, über Journalismus, Junk Food, Immanuel Kant und Quantenphysik bis zu Y wie Yoga und Yorkshire Terrier. Und die Beiträge, Ihr werdet es an den unten zitierten und exemplarisch ausgewählten Beispielen schnell erkennen können, spiegeln unser Leben in wirklich allen Facetten wieder:

Heißgetränke (…) Ein Mensch, der eine dampfende Tasse vor das Gesicht hebt, versonnen in die Flüssigkeit pustet und dabei herausfordernd den Ellenbogen spreizt, stellt eine Provokation dar, der ein normal veranlagter Haushund nichts entgegenzusetzen hat. Er schiebt die Schnauze unter den abstehenden Arm und reißt den Kopf ruckartig hoch. Homo sapiens verbrennt sich die Finger, Hemd und Hose sind ruiniert, und der Tag ist gelaufen, bevor er richtig angefangen hat. Wie bei vielen alten Riten liegt der Sinn des Spiels im Dunkeln. (S. 62/63)

Hier beschreibt Othello etwas, was ich sehr gut aus meinem Leben kenne: Ich muss es genauso machen. Allerdings weiß ich genau, woher dieses Spiel stammt. Ich habe es nämlich bei unseren Katzen abgeschaut, die das auch so machen, und – im Unterschied zu den Menschen – auch einen Mordsgaudi dabei haben. Apropos Katze, dazu hat Othello gleich mehrere Beiträge versammelt, von denen ich aber nur aus einem zitieren möchte:

Katze-im-Allgemeinen Wer mit -> Mädchen kein Glück hat und Intellektualität nicht in allen Lebenslagen als angemessene Haltung empfindet, kann sich eine Katzenobsession zulegen. Das Faszinierende an diesem Mitgeschöpf besteht in seiner Widersprüchlichkeit: Als Fluchttier übertrifft es die gewagtesten Phantasien des Jägers, als Duellant ist es der reinste Alptraum. Die Katze-im-Allgemeinen sitzt im Rinnstein und putzt sich possierlich. Wenn der Haushund in Sichtweite gerät, verwandelt sie sich in einen gesträubten Halbkreis, verschwindet unter dem nächsten Auto, vor dem der Haushund platt auf dem Boden Stellung bezieht, oder rast auf den Baum, den er bellend umtanzt. Sind weder Baum noch Auto in der Nähe, stellt sich die Katze-im-Allgemeinen auf die Hinterbeine und macht Hackfleisch aus der Hundenase. (S. 82)

Das sind doch schon fast, zumindest zu Beginn des Katzenbeitrages, philosophische Erkenntnisse, die Othello uns zum Grübeln mit in unser Körbchen gibt. So sollte meiner Meinung nach das schmale Brevier in keinem Haushundehaushalt fehlen und es sollte auch immer so griffbereit sein, dass Hund schnell mal etwas nachschlagen kann. So kann Hund auch in beängstigenden Situationen Ratschlag und Expertise einholen, zum Beispiel, wenn plötzliche Koffern oder Taschen auftauchen, die nicht in den normalen Alltag integriert sind:

Tasche, Reise Seismographische Vorrichtung, an der fachkundige Hunde Art und Ausmaß eines bevorstehenden Unglücks ablesen können. Katastrophenforscher identifizieren zwei Kategorien von Schicksalsschlägen: Homo sapiens verreist mit dem Haushund (Stärke 1 bis 5 aus der Richterskala, vgl. -> Reisen, mit Hund), und Homo sapiens verreist ohne den Haushund (Stärke 6 und mehr auf der Richterskala, vgl. -> Reisen, ohne Hund). Dabei ergeben sich zuverlässige Prognoseergebnisse aus dem sogenannten IGI (Inhalt-Größe-Index). Von der Größe einer aus dem Schrank genommenen Tasche lässt sich auf die Dauer des geplanten Aufenthaltes schließen, während der auf dem Bett vorsortierte Inhalt Einzelheiten über die konkrete Gestalt der Reise verrät. (S. 159)

Einen einzigen Kritikpunkt möchte ich vor dem Kauf des Buches zu bedenken geben: Da das Lexikon aus dem Jahr 2005 stammt, sind leider neuere Kontakt- und Aufgabenbereiche des Haushundes, die vor allem mit der starken Verbreitung und Zugänglichkeit der Digitalisierung auch in das Haushundeleben Einzug gehalten haben, noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet worden sind. Hier fehlen ein paar Artikel zum Internet insgesamt, die wunderbare Welt der Katzenfilme auf youtube oder auch erste Reflexionen über bloggende Hunde – immerhin sind ja Hunde als Erzähler in der hohen Literatur durchaus benannt worden.

Trotzdem bleibt abschließend festzuhalten, dass der Erwerb dieses Bandes mit seinen eben gerade nicht auf modische Entwicklungen schielenden zeitlosen Beiträgen eine gute und langfristig lohnende Anschaffung ist, die im Übrigen auch den Menschen sehr gut gefällt, wobei die Menschen die Ernsthaftigkeit der Ausführungen wohl nicht ganz nachvollziehen können, denn sie müssen immer laut loslachen beim Lesen. Und so möchte ich meinen Gastbeitrag hier mit einem letzten Zitat beenden, dem Beitrag zum Thema

Lachen Wenn Haushunde lachen könnten, kämen sie in ihrer Funktion als ständige Begleiter des homo sapiens den ganzen Tag nicht mehr aus demselben heraus. Deshalb hat die pragmatisch veranlagte Evolution entschieden, uns diese Fähigkeit vorzuenthalten. Der Haushund, der die Mundwinkel hochzieht und die Zunge heraushängen lässt, lacht nicht etwa, sondern er schwitzt. Ruft ein Mensch bei diesem Anblick begeistert aus: „Sieh nur, wie er sich freut!“, könnte man das Lachen aus Versehen noch erlernen.“ (S. 95)

Juli Zeh, David Finck (2005): Kleines Konversationslexikon für Haushunde, Frankfurt am Main

Gerbrand Bakker: Der Umweg

Bakker_2Es gibt diese Fragen, die bei den Antworten ganz grundsätzliche Entscheidungen einfordern und auf die wahrscheinlich keiner eine ehrliche Antwort finden kann, solange er nicht selbst in der ganz konkreten Situation ist. Agnes, die Heldin in Bakkers Roman, hat ihre ganz persönliche Antwort gefunden auf die Frage, die ihr gestellt worden ist: „Was würdest Du tun, wenn Du nur noch einige wenige Monate zu leben hast.“ Und die Frage kann sicherlich nicht beantwortet werden, wenn nicht auch das Leben bis hierher bilanziert wird, die Beziehungen zu Familien und Freunden geklärt werden, die Zufriedenheit mit dem Beruf – und im schlechtesten Fall auf einmal feststeht, dass man das falsche Leben gelebt hat.
Agnes und ihr Mann haben sich in ärztliche Behandlung begeben, um ein Kind zu bekommen. Im Rahmen der notwendigen Untersuchungen ist bei Agnes eine bösartige Krankheit, den Symptomen nach Krebs, auch wenn dies im Roman nie explizit benannt wird, diagnostiziert worden. Agnes spricht mit niemandem darüber, mit ihrem Mann nicht und nicht mit ihren Eltern. Auch über ihre Kündigung als Literaturdozentin an der Uni erzählt sie nicht viel; der Versuch, ihrem Mann die Affäre mit dem Studenten zu erklären, die diese Kündigung verursacht hat, scheitert.

Der Student. Sie hatte es ihm selbst erzählt, sehr ruhig. Hier, in diesem Wohnzimmer, an einem Sonntag abend. Er war gerade von einer Runde Laufen zurückgekommen, hatte noch nicht geduscht. Es sei längst vorbei, sagte sie. Und fügte hinzu, dass es der eigentliche Grund für ihre Entlassung gewesen sei. Beim Joggen hatte er den Herbst gerochen, sich auf Läufe im Nieselregen gefreut. Die Herbstwettkämpfe. Schwitzend, die Brust noch geweitet, stand er im Zimmer. Hörte ihre nüchterne Beichte an, so ruhig wie sie. Inzwischen wusste er, dass sie ihm etwas anderes verschwiegen hatte. Eine Woche waren sie sich aus dem Weg gegangen, dann verschwand sie. Zwei Tage später fiel ihm eine leere Stelle im Wohnzimmer auf. Nach einer Runde durchs Haus, bei der er feststellte, daß noch mehr Dinge fehlten (…)  (S. 153)

Agnes hatte tatsächlich ein paar Möbel auf einen kleinen Anhänger gepackt, mit der Fähre nach Großbritannien übergesetzt und in Wales ein kleines Haus auf dem Land gemietet, in dem bis vor Kurzem noch eine alte Witwe gelebt hat. Die ersten Wochen lebt sie dort sehr einsam und abgeschieden, sie hat keine Uhr mehr und weiß nie die genaue Zeit, sie nimmt keinen Kontakt zu anderen Menschen auf, selten liest sie in ihrer Emily Dickens Biographie, die sie mitgebracht hat. Nach ein paar Wochen aber beginnt sie, ihre Umgebung zu erkunden, macht längere Spaziergänge, beobachtet die Tiere, Dachse, den roten Milan, die Kühe und Schafe auf den umliegenden Weiden und sie taucht tief in die Landschaft ein. Sie kauft eine Wanderkarte und traut sich längere Wege zu, sie fährt in einen Baumarkt und kauft Pflanzen, weil sie den Garten ihres Hauses neu gestalten möchte. Ein unsympathischer Nachbar, ein Schafzüchter, taucht auf, der sie immer wieder daran erinnert, dass ihr Mietvertrag bald ausläuft und dass sie verantwortlich sei für die zehn Gänse, die neben dem Haus auf der Weide stehen. Und dann kommt auch noch Bradwen, ein junger Mann, der einen neuen Fernwanderweg auskundschaften möchte, und einen Umweg gemacht hat, weil er eben auch einen Bezug zu diesem Haus hat und seiner ehemaligen Bewohnerin, denn er ist es gewesen, der die tote Witwe auf der Gänseweide gefunden hat. Bradwen bezieht das zweite Schlafzimmer, er beginnt, für Agnes einzukaufen, zu kochen, hilft ihr bei der Gartenarbeit, die ihr an manchen Tagen so schwer fällt. Agnes kauft ein Radio, einen Fernseher, zu Weihnachten sucht sie ein Geschenk für Bradwen aus. Auch wenn sie beide nur wenig sprechen und kaum etwas über sich erzählen – Agnes nennt ihm nicht einmal ihren richtigen Namen, entsteht doch eine Beziehung zwischen ihnen – die, auch wenn es immer wieder zu Spannungen kommt, von Respekt vor dem anderen, auch vor seinem Schweigen, getragen ist. Und so lebt Agnes für ein paar Wochen eine Art Familienleben.

Agnes hat ihre Entscheidung getroffen und sie lässt sich, auch wenn sie so lange wartet, wie sie zunächst nicht gedacht hat, letztendlich weder durch Bradwen noch durch ihren Ehemann, dem es nach einigen Wochen doch gelingt, ihren Aufenthaltsraum zu ermitteln, beirren, sie auch umzusetzen. Und so lotet der Roman auch die Frage aus, welche Spannungen entstehen durch Agnes Entscheidung, es selbst in der Hand haben zu wollen, wo und wie sie stirbt; welche Kraft und Konsequenz diese Entscheidung einfordert, welche Einsamkeit sie als Konsequenz nach sich zieht. Wie wohl die Familie und die Freunde mit der Entscheidung, die sie ja alle nicht kennen, zurechtkommen werden, darüber schweigt der Roman.
Wie ein roter Faden zieht sich das Thema der Selbstbestimmung durch den Roman, in immer wieder anderen Konstellationen und Geschichten; so in der des Arztes, der Agnes zwar die gewünschten starken Medikamente nicht verschreiben möchte, das könne er nicht verantworten, sein Rauchen und die sich daraus jetzt schon erkennbaren Schäden kann er aber durchaus verantworten; oder in der Geschichte der Gänse, deren Anzahl sich immer weiter dezimiert, weil entweder ein Fuchs sie holt oder ein Raubvogel, und die sich auch durch Agnes Rettungsversuch, sie baut ihnen für die Nacht einen sicheren Bretterverschlag, in ihrem normalen Leben nicht einschränken lassen wollen, sondern mit ihrer Freiheit auch die Gefahr in Kauf nehmen. Und die Geschichte ihres Onkels geht Agnes nicht aus dem Kopf und hat sicherlich Einfluss auf ihre Entscheidung, alle Brücken hinter sich abzubrechen:

Daß sie hier war, hatte irgendetwas mit ihrem Onkel zu tun. Jedenfalls kam es ihr allmählich so vor. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht an ihn dachte, ihn in dem spiegelglatten Wasser des Hotelteichs sah. Zu benebelt, um wirklich zu begreifen, daß er sich in hüfthohem Wasser nicht ertränken konnte, wenn er stehen blieb. Nicht imstande, sich fallen zu lassen, obwohl er sämtliche Taschen mit den schwersten Gegenständen vollgestopft hatte, die in einer Hotelküche zu finden waren. (S. 15)

Bakker beschreibt auch in diesem Roman, wie schon in „Oben ist es still“, Menschen, die, auch dann, wenn sie etwas gemeinsam machen, völlig vereinsamt sind, weil sie nicht miteinander sprechen können. So wie Agnes und ihr Mann, oder wie ihre Eltern, die es kaum einmal schaffen, den Fernseher leiser zu stellen, wenn der Schwiegersohn mit ihnen über Agnes´ Verschwinden spricht, weil sie gerade den „Superstar“ schauen müssen oder Eisschnelllaufen. Und so zeigt der Roman nicht nur die individuelle Geschichte von Agnes, sondern an ihrem Beispiel und dem ihrer Familie auch ein Bild unserer Gesellschaft, in der die Menschen keinen Kontakt (mehr?) zueinanderfinden, sodass ihnen letztendlich nichts anderes bleibt, als sich zum Sterben zu verkriechen, so wie man es auch Katzen nachsagt.

Wie ist es nun mit Agnes´ Entscheidung, wie ist sie zu beurteilen – für Agnes selber, aber auch für ihre Familie? Am Ende des Romans steht der Leser alleine vor dieser Frage und sie ist es, die ihn nach der Lektüre noch viele Tage weiter beschäftigt.

Eine kritischere Deutung ist bei Anne von buchpost zu finden. Dort gibt es auch Verweise auf andere Blogrezenionen des Romans.

Gerbrand Bakker (2012): Der Umweg, Berlin.

Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens

Schirrmacher_EgoMitte Februar gab es in den deutschen Feuilletons ein interessantes Phänomen zu beobachten: Quer zur üblichen politischen Haltung der Zeitungen wurde Frank Schirrmachers neues Buch „Ego“ überraschenderweise dort bejubelt, wo konservative Äußerungen sonst eher kritisch beurteilt werden, während sich in eher konservativen Publikationen die negativen Stimmen zur Wort meldeten [1]. So schreibt dann auch Augstein in seiner Kolumne auf spiegel online:

Vor allem aber ist die Tatsache, dass dieses Buch aus der Feder des konservativen Journalisten Schirrmacher stammt, ein weithin sichtbares politisches Signal: Die Kapitalismuskritik ist inzwischen im Herzen des Kapitalismus angekommen. [2]

Schirrmacher also, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die ihre deutliche Ausrichtung auf wirtschaftliche Themen ja duurchaus als Alleinstellungsmerkmal sieht, geht in seinem Buch den Spuren nach, die, seiner Meinung nach, zu dem von ihm diagnostizierten Egoismus in unserer Gegenwart geführt haben. Er macht das Modell des „Homo oeconomicus“ aus, das, zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast vergessen, in den 1950er Jahren reanimiert wurde und zusammen mit der neu entwickelten Spieltheorie John von Neumanns und John Nashs (wir kennen ihn aus dem Spielfilm „A beautiful mind“) zu einem Werkzeug wurde, das menschliches Verhalten mathematisch berechenbar und somit vorhersehbar machte. Wenden Menschen dieses Verhaltensmodell in der Realität an, so werden sie zu Pokerspielern, die ihre wahren Interessen nicht nur verbergen, sondern ihr Gegenüber auch immer wieder täuschen, oder so tun, als würden sie täuschen, mit dem Ziel, ihre egoistischen Vorstellungen effizient umsetzen zu können. Und, so die These der Modell-Befürworter: Menschen wenden dieses Modell an, weil dieses Verhalten alleine die rationale Umsetzung der eigenen Ziele ermögliche, immer unter Berücksichtigung der Entscheidungen des Gegenübers, dessen Ziele aber auch leicht erkennbar sind, denn er will ja auch nur seinen Egoismus umsetzen.

Zum Modell des Homo oeconomicus als einem Modul und der Spieltheorie als zweitem gesellte sich als drittes Modul die rasante Weiterentwicklung der Computertechnologie im Rahmen der militärischen Forschung, die in Zeiten des Kalten Kriegs von der amerikanischen Regierung mit großen Budgets ausgestattet wurde. Zahlreiche Physiker trieben hier die Computertechnologie voran und erreichten so die Verquickung von theoretischem Entscheidungsmodell (Homo oeconomicus) und rationaler Entscheidungsregel (Spieltheorie) in Form von Computeralgorithmen. Somit können verschiedene Entscheidungen (Spielzüge) blitzschnell und umfassend berechnet und durchgeführt werden. Auf diesem Weg, so Schirrmacher, entstand die Basis, dass „der Westen“ den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion gewinnen konnte.

Nach 1989 mussten sich dann die bisher unter dem weiten Mantel des Staates arbeitenden Physiker eine neue Branche suchen. So wechselten viele von ihnen an die Wall Street und setzen hier ihre Kenntnisse ein, um den heute bekannten rasanten Aktien- und Derivatehandel nicht nur zu beschleunigen, sondern auch zu verselbstständigen. Und somit war Nummer 2 in eine neue Dimension eingetreten, Numnmer 2 als der Computer nämlich, der spieltheoretisch rational entscheidet – und dabei auch schon verschiedene Spielzüge des Gegners, die der möglicherweise in der Zukunft machen könnte, vorwegnimmt – und dies alles viel besser als die Nummer 1, der Mensch.

Und nun erkennt Schirrmacher, dass Nummer 2 dabei ist, in alle menschlichen Lebensbereiche einzudringen und sie sich nach seiner rationalen Maxime zu unterwerfen, also die Regeln des Spiels zu bestimmen (Überschrift des ersten Kapitels). Und nicht nur das, Nummer 2 tritt auch an, uns selbst so zu verändern, dass wir seine Algorithmen und Entscheidungsregeln zu unseren machen. Nummer 2 will also nichts anderes als die Menschen selbst zu optimieren, so die Überschrift seines zweiten großen Kapitels.

Wir fehlbaren Menschen wurden mit all unseren Defiziten und falschen Kompromissen aus der Schleife, „out of loop“, genommen und durch Nummer 2 ersetzt. Jetzt, da Nummer 2 das Sagen hat, warnte Dave Cliff – einer derjenigen, der ganze Generationen des ökonomischen Agenten erschuf, eher er die Wall Street verließ – dass das gesamte System eines nahen Tages in eine „unendliche Schleife“ eintritt, die kein Mensch mehr unterbrechen kann. (S. 156)

Dem Buch kommt sicher das Verdienst zu, die Zusammenhänge zwischen dem wirtschaftsliberalen, oder auch neoliberalen, Denken und den Möglichkeiten moderner Computertechnologie deutlich herauszuarbeiten und damit einen Erklärungsansatz für die Börsennachrichten zu liefern, die immer wieder deutlich machen, dass an der Börse eben Entscheidungen nicht aus Rationalität im Sinne von kriteriengeleiteten, begründeten und nachprüfbaren Überlegungen gefällt werden. Dem Autor kommt sicher auch alleine durch seine Person das Verdienst zu, Kritik an gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklungen auch bei den Menschen salonfähig zu machen, die bisher die üblicherweise als links geltende Kritik am Kapitalismus abgelehnt haben.

Aber: Schirrmacher wiederholt in seinem Buch so oft den Dreischritt Homo oeconomicus – Spieltheorie – Nummer 2, dass er – bei fast 300 Seiten – irgendwann zu langweilen beginnt. Und dabei übersieht er noch, dass es doch sinnvoll wäre, seine Modelle zunächst einmal vorzustellen, sie in ihre jeweiligen historischen Kontexte einzuordnen, sie differenziert und kritisch zu betrachten. Erst so hätte er eine Grundlage geschaffen, auf der er sich gemeinsam mit dem Leser auf die Suche nach den gegenwärtigen Problemen hätte machen können. So fällt jeder auf seine eigenen spekulativen oder rudimentären Kenntnisse der Modelle zurück, was deutlich unterstützt wird durch eine sehr wertende Sprache auch in solchen Passagen, in denen es eigentlich um eine Darstellung gehen sollte. Und nach 300 Seiten fragt sich der Leser doch, welcher Erkenntnisgewinn sich auf den letzten 200 Seiten eingestellt hat, es scheint alles immer nur wiederholt zu werden. Und die Beispiele und Belege, die er zur Stützung seiner Argumentation anführt, enstammen alle dem englischsprachigen Raum, kritische europäische oder gar deutsche Stimmen zum Thema nimmt er leider gar nicht wahr. Dass ein Autor, der die Computeralogithmen als Nummer 2, gar als Monster bezeichnet, sein komplettes Literaturstudium zu diesem Buch via Kindle edition durchgeführt hat, ist zumundest einmal: bemerkenswert.

Und: Mit der deutlichen Verengung seiner Argumentation auf Nummer 2, einer so sinnfälligen Anspielung auf den Science-Fiction Roboter Nummer 5, der sich ja leider auch einen ganzen Film lang immer selbstständiger von seinen Erschaffern macht, kreiert Schirrmacher eine völlig aussichtslose – schon paranoid anmutende – Atmosphäre, in der Rettung vor den entfesselten Kräften einer selbstständig lernenden Technik nicht mehr möglich ist. So verengt er das Problem auf die Technik, vergisst aber völlig zu betonen, dass diese Technik auch sehr gut zum Zeitgsteit der politisch Handelnden passte, die sich nämlich mehr und mehr neoliberaler Ideen öffneten. Und das begann mit dem Einfluss der Wirtschaftswissenschaftler der Chicago School auf die Regierungen in der 1970er Jahren, zuerst in Südamerika, dann in GB (Thatcher), den USA (Reagan) und anderen europäischen Regierungen seit Beginn der 1980er Jahre, also weit vor dem Fall der Mauer. Die Rolle und die Verantwortung der Politik aber lässt Schirrmacher so gut wie völlig außer Acht, auch hier fehlt eine differenzierte Analyse.

Die Freude also darüber, dass die „Kapitalismuskritik im Herzen des Kapitalismus“ (Augstein [2]) angekommen sei, ist nach der Lektüre des „Ego“ nicht besonders groß. Statt einer Kapitalismuskritik geht es hier doch eher um eine Technikkritik. Und selbst die bleibt im Keim stecken, denn außer ein paar ganz oberflächlichen negativen Anspielungen beschreibt Schirrmacher, mit Ausnahme des Börsenhandels, keines der Probleme, die aus der Analyse der unendlichen Daten, die wir überall hinterlassen, gewonnen werden können genauer. So bleiben die Erkenntnisse nach der Lektüre weit hinter den Erwartungen der klugen (und egoistischen?) PR-Strategie rund um Autor und Buch zurück.

[1] http://www.perlentaucher.de/buch/frank-schirrmacher/ego.html
[2] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-frank-schirrmachers-neues-buch-ego-a-882547.html

Frank Schirrmacher (2013): Ego. Das Spiel des Lebens

Eva Menasse: Quasikristalle

Menasse_Quasikristalle_1Xane verbringt die letzten Tage der Sommerferien bei ihrer Freundin Judith. Die beiden 14-jährigen liegen Musik hörend und träumend im Garten, tratschen über Lehrer und Mitschülerinnen, essen abends zusammen mit Judiths Vater, probieren ihre ersten Drogen. Xane möchte gerne die Schule wechseln, statt Altgriechisch will sie lieber Französisch lernen. Ihre Eltern haben nichts gegen einen Schulwechsel, die Freundin ist auch schnell überredet und um Judiths Eltern zu überzeugen, organisiert Xane einen Anruf ihrer Mutter. Die dritte Freundin, Claudia, werden sie in der alten Schule zurücklassen, sie ist sowieso eher das fünfte Rad am Wagen, denn Claudia ist die merkwürdige Freundin mit den Vollkornkeksen und der selbst getöpferten Teekanne, die Blumen aus Seidenpapier bastelt und den Sommer bei ihren Großeltern auf dem Land verbringt. Das alles gibt Judith und Xane viele Anlässe zum Lästern, in der Schule aber verteidigen sie Claudia gegen jede dumme Bemerkung, als wäre sie gegen sie selbst gerichtet. Claudia stirbt noch vor Beginn der Schule plötzlich und so gerät der erste Schultag nicht nur zum Beginn einer neuen Zeit für Judith und Xane, sondern auch zum Abschied von der Freundin. Judith erinnert mit Blick auf den Sarg, dass Claudia sich in der Dunkelheit gefürchtet hat und dass sie Platzangst hatte. Sie erinnert auch die Lieblingsfarbe Claudias und ihre Wünsche für die Zukunft, nämlich als Biologin in einem Nationalpark zu arbeiten.

Der Roman „Quasikristalle“ erzählt die Lebensgeschichte Xane Molins, ihre Jugend in den Sommertagen mit Judith, ihre Auseinandersetzung mit dem Holocaust bei Besuchen in Auschwitz und Birkenau in ihrer Studienzeit, ihre ersten beruflichen Schritte, den Umzug von Wien nach Berlin, die Hochzeit mit dem Professor Moritz Braun und ihre Versuche, endlich ein Kind zu bekommen, den ständigen Streit mit der pubertären Stieftochter Viola, den Fast-Seitensprung und den Seitensprung, die Turbulenzen in ihrer Werbeagentur, als ihr wichtigster Mitarbeiter weggeht, und dann auch Moritz´ Tod und ihren Neuanfang, wieder in Wien. Es ist die vielleicht typische Geschichte einer Frau, die in den 1960er oder 1970er Jahren geboren wurde und somit zu der Generation von Frauen gehört, die ihr Leben tatsächlich nach eigenen Entscheidungen leben und gestalten können, die alle Möglichkeiten der Bildung haben, sich beruflich entwickeln und dabei natürlich auch eine Familie und Freunde haben. Und wie mit 14 Jahren, in den Sommerferien vor Claudias Tod, geht es immer auch um das Ausloten der Themen Selbstbestimmung, Freundschaft und Liebe, es geht oft um Verrat und um den Tod.

Eva Manesse hat den Roman so komponiert, dass Xanes Leben aus der Perspektive von vielen verschiedenen Menschen erzählt wird, zum einen solcher, die ihr nahestehen, das sind die Freundinnen, der Vater, die Stieftochter, der Sohn. Es finden sich zusätzlich aber auch die Stimmen solcher Menschen, deren Leben sie nur ganz kurz streift, so hören wir ihren Vermieter, eine Ärztin, einen Mitarbeiter, den sie entlässt, eine Beobachterin vom Balkon; nur ein einziges Mal kommt Xane selber zu Wort.

Eine Stärke des Roman ist dabei sicherlich, dass jede der Figuren ihre ganz eigene Stimme bekommen hat, ihre jeweils eigene Art zu sprechen, zu erzählen, zu reflektieren. Diese Roman-Konzeption ermöglicht es auch, über die einzelnen Figuren und ihre Biografien weitere Themen mit in den Roman zu bringen: die Doppelmoral des österreichischen Spießers, der seinen Garten pflegt, seine künstlerisch gestaltete Jesusfigur in Ehren hält, auf dem Speicher ein Rudel Frettchen beherbergt, dessen Anführer auf den Namen Adolf hört und der in der Nazi-Zeit Juden denunziert hat; den zynischen Blick der Reproduktionsärztin auf ihre Patientinnen, deren Psyche sie analysiert wie den technischen Vorgang der künstlichen Befruchtung selbst; die pubertären Verwirrungen der Stieftochter Viola, die im Clinch liegt mit Xane und sich durch waghalsige Mutproben den Respekt der Clique verschaffen möchte; oder den alten Vater Xanes, der so kluge und selbstkritische Betrachtungen seines Verhaltens bei dem alten, sterbenden Freund Eli anstellt, weil er mit Eli aus Pietät eben nicht über dessen Sterben spricht, sondern sich mit ihm, ganz aufmunternd, für die kommende Woche verabredet.

Aber er wusste es besser. Er würde Elis Blick nicht vergessen, als er ihn das letzte Mal besucht hatte. Eli war noch bei sich, konnte aber wegen des Schlauchs nicht mehr sprechen. Er, Kurt, saß an seinem Bett, betrübt, unbehaglich, und erzählte ihm irgendetwas, ao als wäre alles normal. Doch bald gingen ihm die Worte aus, und er verabschiedete sich. Bis nächsten Dienstag, sagte er. Denn was sollte man sonst sagen? Schön, dass du mein Freund warst, ich fürchte, diesmal sehen wir uns nicht wieder? Das konnte man nicht sagen. Wenn man wirklich davon überzeugt wäre, müsste man eigentlich sitzen bleiben, so lange, bis der andere gegangen wäre. Man lässt keinen Sterbenden allein! (S. 332)

Bei manchen Figuren kommen Xane und ihr Leben nur am Rande vor. Und so lassen sich die einzelnen Kapitel auch als eigenständige Erzählungen lesen, denn oft steht die erzählende Person viel mehr im Vordergrund als Xane, die nur ganz am Rand auftaucht und so nur den ganz lose liegenden roten Faden gibt.
Und das ist dann auch ein Problem der Komposition. Als Intention des Romans ist im Klappentext vermerkt, dass hier, den „Quasikristallen“ ähnlich, die scheinbar ungeordnete Struktur eines Lebens gezeigt werden soll, die sich nur aus der Ferne betrachtet zu einem Ganzen fügt. In diesem Sinne bleibt das Leben Xanes tatsächlich oberflächlich, ähnlich den biografischen Daten im Lebenslauf einer Bewerbung, es können kaum innere Konflikte und Probleme ausgelotet werden, ein bisschen wenig, wenn sie doch Mittelpunkt des Romans stehen soll.

Und auch die Idee, dass sich durch diese Art des Erzählens ein disparater Blick auf die Hauptfigur ergibt, dass Xane, in verschiedene Rollen aufgesplittert, auch verschiedene Charaktermerkmale zeigt, und erst durch die Gesamtschau ein komplexes Bild ergibt, geht so kaum auf.
Oberflächlich betrachtet ergeben alle Kapitel ein ziemlich kohärentes Bild von Xane. Wie sich in ihrer Jugend schon zeigte, ist sie selbstbestimmt und zielstrebig, ehrgeizig und mutig, vielleicht etwas mehr als die anderen. Sie pflegt Freundschaften, sie sehnt sich nach der großen Liebe – und findet sie. Sie ist temperamentvoll, und dadurch schießt sie auch mal über das Ziel hinaus und nervt ihre Mitmenschen.
Und die unterschiedlichen Betrachtungsweisen Xanes, sind wenig verwunderlich. Natürlich wirkt sie auf einen Mitarbeiter, den sie gerade gefeuert hat, anders als auf eine pubertierende Tochter und wieder anders auf die Freundinnen, die sie vor Jahren, als sie nach Berlin gezogen ist, in Wien quasi zurückgelassen hat. Die wüten irgendwann gegen sie, gerade dann, als sie deren Hilfe wirklich brauchen könnte. Ihr lange aufgestauter Neid lässt sie von Xane als „geborene Drama-Queen“ sprechen, die alles, was ihr passiert ganz furchtbar wichtig nehme, dabei aber sie, ihre besten und ältesten Freundinnen, „vernachlässige“ – und dabei vergessen die dann mal schnell der Einfachheit halber, dass sie Xane in der Vergangenheit auch immer mal wieder mit ihren ganz persönlichen Problemen belästigt haben. So kann aus den vielen Stimmen nur etwas über die Befindlichkeit der jeweiligen Person, deren Sicht auf die Welt, deren Wert- und Normsystem herausgefunden werden, über Xane können wir so nur sehr gefilterte Informationen bekommen.

Und diese Deutungen über Xane werden natürlich umso spekulativer, je weiter entfernt ihr ein Mensch steht. Ganz blass bleiben so die Kapitel, in denen Personen mehr über sich selbst, ihre Arbeit oder ihre Gefühle nachdenken und Xane, fast hat man den Eindruck, nur auftritt, um das Konzept zu wahren. In diesem Kapiteln scheint es eher um die Abhandlung moderner Themen zu gehen, der Reproduktionsmedizin, den Umgang mit den alten Menschen in Pflegeheimen und Familien, die Bewahrung der Gräuel des Holocausts.
Der Roman ist wirklich gut erzählt, die einzelnen Erzählungen sind stimmig. Aber die Konzeption geht nicht ganz auf, vielleicht weil der Roman zu viel will und zu viele Themen hat, vielleicht weil das besondere Erzählkonzept so nicht funktioniert. Vielleicht hätte es auch einfach geholfen, wenn den vielen Stimmen öfter die von Xane gegenübergestellt worden wäre, sodass sich die Meinungen und Betrachtungen hätten spiegeln können.
Denn Xane hat einen klaren Blick auf ihr Leben und ihre Situation. Sie erzählt, als sie um die 40 Jahre ist, sozusagen in der Mitte ihres Lebens, zur Midlife-Crises, und reflektiert Vergangenheit und Gegenwart.

Es geht uns gut. Die Lebensmitte ist sicher und berechenbar wie eine ungestaffelte Warmmiete. Befristet ist sie, klar, aber für wie lange? Da kann man nur hoffen. Meine Eltern und Mors Mutter sind noch am Leben, auch wenn ihnen das brutale Alter schon ein paar unbedeutende Fähigkeiten weggeschossen hat. Gepflegt werden muss keiner, dafür haben wir ohnehin erst zeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind.
Und trotzdem genügt das alles manchmal nicht. Trotzdem wird jedes Paradies irgendwann zum Käfig. Das liegt dem Menschen im Blut. Irgendein Zweifel fällt ein, ein Schatten, es gibt eine minimale Verschiebung des Lichts. Und dann werden wir krank und unvernünftig, wir wollen uns häuten. (S. 240)

Ihren Reflexionen hätten wir gerne häufiger zugehört.

Nachtrag:  Vielleicht entstammt das leichte Unbehagen beim Lesen den – falschen – Erwartungen, die Titel und Klappentext erwecken. Wenn nämlich, ähnlich wie in Menasses „Lässliche Todsünden“, weniger eine Hauptfigur als vielmehr die Facetten des Menschseins, also Freundschaft, Verrat und Tod, die Themen des Romans sind, und diese Themen spielen in allen dreizehn Kapiteln eine Rolle, dann wird der Roman „rund“.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es hier.

Eva Menasse (2013): Quasikristalle, Köln

Aus Holst Garn „Coast“ wird „Waterhouse“

Es liegt bestimmt an dem nicht enden wollenden Winterwetter dass ich jetzt, da die Kauni Damask Jacke bei der Schneiderin aufs Absteppen und Aufschneiden der Ärmel wartet, unbedingt ein löcheriges Sommermuster stricken muss. Mein Wahl ist auf das Modell Waterhouse von Brooklyn Tweed gefallen (wer Lust hat, sollte einfach mal durch die Webzine blättern, es sind sehr schöne Fotos), zum einen wegen des schönen, recht einfachen Lochmusters (Sommer, Sommer und ein Muster, das ich nun abwechslungsweise einmal auswendig und ohne ständigen Blick auf die Musterschrift, stricken kann), zum anderen wegen des ungewöhnlichen, nämlich sehr legeren,  Schnittes.

blackcurrent_3

Dazu musste ich dann ein passendes Garn suchen. Fündig geworden bin ich bei Holst Garn. Holst Garn kenne ich, weil es dort ein Garn mit über 100 Farben mit einem schönen dünnen Faden und extremer Lauflänge gibt – genau das richtige für Vielfarbstrickerein. Mittlerweile gibt es dort auch Woll-Mischgarne, z.B. mit Leinen, mit Kaschmir, mit Baumwolle. Ich habe mich für das Woll-Baumwollgarn entschieden (700 m auf 100 g)  in der Farbe „blackcurrent“ , wobei die Farbe aber – zumindet von mir- unfotografierbar ist (sie ist viel dunkler als auf meinem Bild).

blackcurrent_2Eine Maschenprobe mit doppeltem Faden kommt den in der Anleitung angegebenen Maßen schon sehr nah: 25 M im Muster gestrickt ergeben 10 cm. Gewaschen und gebügelt ergibt sich ein sehr weiches Textil, von dem ich mir gut vorstellen kann, dass ich es im üblichen NRW-Sommer (Regen bei 13 Grad :-)) sehr gut anziehen kann.

Anna Weidenholzer: Der Winter tut den Fischen gut

Weidenholzer_1Seit 25 Jahren wohnt Maria Beerenberger in ihrer kleinen Wohnung, die sie mit wenigen Schritten durchschreiten kann. Aus der Wohnung kann Maria in den Hof blicken und auf die Straße, um den Himmel zu sehen, muss sie sich am Fenster bücken und nach oben schauen, vorbei an der immer höher wachsenden Fichte im Hof, die ihr noch zusätzlich das Licht nimmt.

 Seit ihr Mann gestorben ist, lebt sie hier alleine. Aber eine erfüllte, glückliche Ehe ist das auch nicht gewesen, das Zusammenleben mit Walter, dem Elvis-Imitator, der sie auch schon einmal schlägt, wenn sie ihn zu lange bittet, auf sein Gewicht, auf seine Gesundheit zu achten. Walter ist eine traurige Gestalt: Schon sein Elternhaus steht auf der Schattenseite des Tals, dort, wo im Winter die Sonne nicht hinkommt. Er ist ein Muttersöhnchen, der Maria daran misst, ob sie den Weihnachtsbaum so schmückt, wie er es von Zuhause kennt und den Braten so zubereitet, wie seine Mutter es immer macht. Zu seinen Elvis-Nummern hat Maria eine feste Meinung: Als King betritt er die Bühne und er verlässt sie als Bettelmann, erst dann, wenn der Veranstalter ihm den Ton abdreht.

 Wenn Walter sich in Elvis verwandelt, duscht er lange, er singt, er seift sich ein, mehr als sonst. Er zieht die schöne Unterwäsche an, auch wenn sie bereits getragen und noch nicht gewaschen ist. Warum, fragt Maria beim ersten Mal, deine Unterhose sieht doch niemand. Der King trägt nur Sonntagsunterwäsche, antwortet Walter. (…) Das Publikum johlt, als Walter auf der Bühne zum ersten Hüftschwung ansetzt. Maria sitzt ganz vorne, aber sie schaut an Walter vorbei auf die Bühnenverkleidung, sie sieht, wie sie wackelt, wenn Walter sich bewegt. Walter begrüßt das Publikum mit den Worten: Seid ihr bereit für den King. Einige lachen, einer in der ersten Reihe schreit: Geh nach Hause, Elvis ist tot. Als Walter zu singen beginnt, übersteuert das Mikrofon, aber Walter singt weiter, er schnippt mit seinen Fingern, er klopft auf seinen rechten Oberschenkel, er schwingt sein Becken. (S. 199/200)

 Seit 19 Jahren arbeitet Maria als Textilverkäufern in der Boutique von Herrn Willert. „Maria, was würde ich ohne Sie machen, sagt Herr Willert an manchen Tagen, und Maria weiß, dass Herr Willert auch sie meint, wenn er sagt, unsere Boutique läuft gut“. Aber dann läuft die Boutique nicht mehr so gut. Herr Willert bittet Maria, doch noch eben die Blusen zu sortieren, die die Kunden in Unordnung gebracht haben, dann möge sie zu ihm ins Büro kommen. Und dort verkündet er ihr, dass sie sich werden trennen müssen, „wir können Sie nicht mehr halten“. Er bietet ihr, der Mitarbeiterin, die am längsten bei ihm arbeitet, einen einvernehmlichen Aufhebungsvertrag an mit sechs Monaten Abfindung und sofortiger Freistellung. Der Vertrag liegt auch schon zur Unterschrift bereit – und Maria, überrollt und fassungslos, unterschreibt. Herr Willerts Sohn, der dieser Unterredung beigewohnt hat, und den Maria kennt, seit er ein kleiner Junge ist, versucht sie aufzumuntern:

Sehen Sie, Frau Maria, das ist Ihr Leben. Da ist noch viel Platz bis zum Ende, wie alt sind Sie, siebenundvierzig, sehen Sie, Sie stehen hier, sagt er und zieht einen senkrechten Strich. Sie haben noch viele Jahre vor sich, freuen Sie sich, es ist nicht selbstverständlich, in diesem Alter noch die Möglichkeit zu bekommen, sein Leben neu zu gestalten. (S. 142)

 Maria lebt ein einfaches, ein unspektakuläres Leben. Als Jugendliche, als sie Walter kennenlernte, hat sie noch den Wunsch, später eine Familie zu haben, ein Haus, einen Hund, sie sehnt sich nach Liebe und Anerkennung. Später hat sie sich dann eingerichtet in ihrem bescheidenen Leben in der dunklen Wohnung, sie arbeitet zuverlässig, sie versorgt die Wohnung, sie kocht für Walter und ihre Schwiegereltern, sie trifft sich mit ihren Kolleginnen und besucht die Nachbarn im Haus; sie führt ein Leben in einem kleinen, überschaubaren Radius, ohne eigene Ideen, ohne besondere Ambitionen. Manchmal könnte man sie rütteln und schütteln, sie anschreien, doch mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen, ihrem Mann gegenüber zum Beispiel, auf jeden Fall aber bei ihrem Rausschmiss aus der Boutique. Hier muss sofort ein Anwalt her, möchte man ihr zurufen, so ein Rausschmiss geht doch nicht. Manchmal findet man ihr Verhalten befremdlich, wenn sie die Post vom Arbeitsmarktservice ungelesen in der Schublade verschwinden lässt („Ich werde das Schlechte nicht mehr in mein Leben lassen“) oder als sie aus dem Teich Kaulquappen mit nach Hause nimmt, sie möchte eben auch ein Haustier haben, von denen allein Otto überlebt, bis er in ihrem Kühlschrank im Gemüsefach überwintern soll, der Kühlschrank aber defekt ist. Aber immer überzeugend ist ihre Beobachtung, ihr scharfer Blick auf die obskuren Dinge des Alltags, auf die Urne des Hundes in ihrem Lieblingsbistro, die die Besitzerin auf dessen Lieblingsplatz gestellt hat oder die denkwürdigen Gespräche bei ihrem Berater beim Arbeitsmarktservice.

 Anna Weidenholzer nimmt in ihrem Roman den Leser mit in die Welt der wenig abenteuerlichen und aufregenden Maria. Sie zeichnet ganz wunderbar das Porträt einer einfachen Frau, indem sie immer ganz nah bleibt bei Maria, ihren Beobachtungen und Erlebnissen, ihren Gedanken, in einer ruhigen, langsamen, sehr genauen, aber völlig unaufgeregten Sprache. Und sie fesselt des Leser, indem sie Marias Geschichte von heute in die Vergangenheit erzählt. Durch diese ungewöhnliche Struktur erklärt sich Marias Situation und ihr Verhalten heute, denn indem der Roman sich an ihrem Leben entlang immer weiter in ihrer Biographie vortastet vermittelt sich der Eindruck, dass Maria nie eine Entscheidung treffen konnte, denn alle Stationen ihres Lebens sind schon festgeschrieben durch ihr vorheriges Erleben. Es bleiben letztlich zwei Entscheidungen, die Marias leben bestimmen: einmal die der Ausbildung zur Textilverkäuferin, zum anderen die der Heirat mit Walter, einem Mann der bei seinem Heiratsantrag tatsächlich sagt:

 Ich weiß zwar nicht, wie ich mit dir leben soll, aber ohne dich geht es auch nicht. (S. 216)

 So lässt sich der Roman lesen als Geschichte einer merkwürdigen, fast aus der Zeit gefallenen Frau, die sich ihrem ganz bescheidenden Leben völlig angepasst hat und nun auch noch arbeitslos wird, dem aber nichts mehr entgegensetzen kann und so erst ins soziale und dann ins finanzielle Aus gerät.

 Aber der Roman lässt sich eben auch lesen als die Geschichte einer Modernitätsverliererin, einer, die eben nicht individuell, mobil und flexibel genug ist, um sich die Verheißungen unserer Gesellschaft zunutze zu machen und sich jeden Tag neu zu erfinden. In ihrer Wohnung, in der sie seit 25 Jahren lebt, mit ihrer Tätigkeit, die sie gelernt und seit 19 Jahren im gleichen Geschäft ausführt, verkörpert sie einen Lebensentwurf, der geradezu anachronistisch anmutet:

 Heutzutage scheint sich alles gegen … lebenslange Entwürfe dauerhafte Bindungen, ewige Bündnisse, unwandelbare Identitäten zu verschwören. Ich kann nicht langfristig auf meinen Arbeitsplatz, meinen Beruf, ja nicht einmal auf meine eigenen Fähigkeiten bauen; ich kann darauf wetten, daß mein Arbeitsplatz wegrationalisiert wird, daß mein Beruf sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, daß meine Fähigkeiten nicht länger gefragt sind. [1]

 Maria aber ist, schon vor Geburt an, nicht mit den Fähigkeiten ausgestattet, die notwendig sind, um sich auf diese schnellen Veränderungen einzustellen, sie bleibt in ihrer verdunkelten Wohnung, auch wenn die Fichte, die ihr das Licht nimmt, immer höher wächst, sie hat einfach keine „Landstreicher-Moral“:

Der Landstreicher „weiß nicht, wie lange er dort, wo er ist, noch bleiben wird, und zumeist ist nicht er es, der über die Dauer seines Aufenthaltes befindet. Unterwegs wählt er sich seine Ziele, wie sie kommen und wie er sie von den Wegweisern abliest; aber selbst dann weiß er nicht sicher, ob er an der nächsten Station Rast machen wird, und für wie lange. Er weiß nur, daß seines Bleibens sehr wahrscheinlich nicht lange sein wird. Was ihn forttreibt, ist die Enttäuschung über den Ort seines letzten Verweilens sowie die nie versagende Hoffnung, der nächste Ort, von ihm noch nicht besucht, oder vielleicht der übernächste möchte frei sein von Mängeln, die ihm die bisherigen verleidet haben.“ [1]

 Und so geht es Maria im Prinzip wie ihrem Frosch Otto, der, aus seiner ursprünglichen Umgebung herausgenommen, keine Chance zum Überleben hat, nicht nur, weil er sich den neuen Umweltbedingungen nicht schnell genug anpassen kann, sondern weil diese anderen Umweltbedingungen ihm erst gar keine Überlebensmöglichkeit schaffen. Es bleibt die Beobachtung und Sammlung der skurrilen kleinen Dinge und Sätze, die Maria aufschnappt und auf kleinen Zetteln an ihrem Spiegel archiviert:

 Auf Wiedersehen und ein schönes Wochenende, auch Ihren Tieren.(S. 22)

Eine weitere Rezensionen gibt es bei buzzaldrins Bücher.

Anna Weidenholzer (2012): Der Winter tut den Fischen gut, St. Pölten

[1] Zygmunt Baumann (1993): Wir sind wie Landstreicher – Die Moral im Zeitalter der Beliebigkeit, SZ 16/17.11.1993, zitiert in: Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim: Individualisierung in modernen Gesellschaften – Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie, in: Beck/ Beck-Gernsheim (1994): Riskante Freiheiten, Frankfurt am Main, S. 13.

Aus Patina wird Deco

Patina_BergBeim Surfen über die Wollherstellerseiten habe ich bei Atelier Zitron die Farbkarte der Patina entdeckt  – und da war es um mich geschehen. Die Patina besteht aus 55 % Schurwolle und 45 % Viskose, bei einer Lauflänge von 110m. Angegeben ist sie mit 22 Maschen bei Nadelstärke 3,5 bis 4.

Ich habe mich auf die Suche nach einem Jackenmodell gemacht, dass ein Muster hat, aber nicht gleich sonstwie verzopft ist, damit die Jacke bei der relativ kurzen Lauflänge der Wolle nicht zu schwer wird. Entschieden habe ich mich für die deco von Kate Davies. Und da ich mit kleineren Nadeln stricke, als die Banderole empfiehtl, komme ich mit 3er Nadeln auch genau auf die 26 M der Maschenprobe. Also wird das lästige Umrechnen entfallen, dafür werde ich mich dann mit der Technik der angestrickten Ärmel und der verkürzten Reihen beschäftigen. Die Technik hat aber auf tichiros Blog sehr anschaulich erläutert worden.

Patina_MaPro

Die Maschenprobe ist nach dem Waschen noch weicher geworden, ich konnte beim Waschen richtig merken, wie die Wolle „entspannte“. Gespannt bin ich noch, wie die Wolle sich bei längerem Stricken verhält. Die Knäuele sind sehr locker gewickelt und das Garn selbst nicht besonders verzwirnt. Das könnte eine sehr labberige Angelegenheit werden. Wenn nicht, wird die Patina bei der schönen Farbpalette sicher noch mal häufiger auf die Nadeln kommen.

Nun noch schnell die restlichen Reihen bei den Ärmeln der Kauni-Jacke gestrickt, die letzten Nähte geschlossen – und dann kann das nächste Projekt ins Auge gefasst werden. Da bin ich – anders als beim Lesen –  ganz diszipliniert – die Maschenprobe war eine Ausnahme, ehrlich

Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres

Palmen_1Sieben Wochen nach dem Tod ihres Mannes beginnt Connie Palmen mit ihrem „Logbuch“, sie will in dem Jahr nach dem Tod Hans van Mierlos „Notizen über Liebe und Tod“ machen:

Ich tue es, weil ich weiß, dass man dies vergisst, diesen Horror der ersten Monate, des ersten Jahres, man vergisst es, wie man Zahnschmerzen vergisst – oder Wehenschmerzen, wie man erzählt. Man weiß noch, dass es schlimm war, schrecklich, der schlimmste Schmerz, den man je hatte, aber fühlen kann man es nicht mehr.
Vergessen dient einem Zweck: Niemand würde je wieder ein Kind bekommen oder einen anderen lieben wollen, wenn er noch genau wüsste, wie weh es getan hat, das Liebste zu bekommen, und weh es getan hat, es eines Tages verlieren zu müssen. (S.14)

Viele Menschen neigen dazu, den Gedanken an den Tod, unseren eigenen und den unserer Angehörigen und Freunde, zu vergessen oder zu verdrängen, weil er zu entsetzlich scheint. „Der Tod“, so der Philosoph Wilhelm Schmid (1), „ist das Ende der Zeit für den, der stirbt, und, zumindest für einen Augenblick, der Stillstand der Zeit für diejenigen, die die Zeugen des Todes sind – fortan bezeugen sie den tiefen Einschnitt und die daran erinnernde Narbe mit der Unterscheidung eines Davor und Danach.“

Connie Palmen hat in ihrem Logbuch die Rolle der Zeugin übernommen, sie schreibt an gegen das Vergessen, des Schmerzes über den Tod, aber auch der Erinnerungen an das gemeinsame Leben. Und ihr Schreiben soll ihr auch dazu dienen, den eigenen Kummer zu vermessen, indem sie das „Log in den Strom des Kummers senkt, dessen Geschwindigkeit (…) [misst], dessen Tiefe (…) [peilt]“ (S. 15).

Der Beginn ihrer Aufzeichnungen ist gekennzeichnet durch die Beschreibung der unterschiedlichen Facetten ihres Kummers: der Angst in der Nacht, dem Verkriechen im Bett am Tage, dem Alkohol, dem sie mit dem Ziel, ihren Schmerz und ihren Verlust zu dämpfen, viel zu viel zuspricht, der intensiven Suche nach seinen Tagebüchern, um seine Gedanken zu lesen, vielleicht dadurch seine Stimme zu hören. Sie erzählt vom ersten Sommer in Frankreich ohne ihren Mann. Und sie reflektiert ihre Trauer aus verschiedenen Perspektiven, über die Bedeutung von Worten, „falling apart“ zum Beispiel oder „degeneriert“, aber auch durch das Nachdenken über das Wesen der Liebe. Sie beginnt Bücher zu lesen, die sich mit Tod und Trauer beschäftigen, um Trost in den Beschreibungen und Erklärungen anderer Betroffener zu finden, Bücher von Roland Barthes, von Joan Dideon, Joyce Carol Oates, Simone de Beauvoir. Immer wieder begegnet ihr der Tod, es sterben in diesem ersten Jahr viele Freunde und Bekannte, die Schwester von Hans und später auch dessen Tochter.
Sehr langsam, sehr bedächtig nähert sie sich dem Erinnern von besonderen Erlebnissen mit Hans, sie erinnert das Kennenlernen, die Hochzeit, Geburtstagsfeiern, sein Vorbeifahren an ihrer Arbeitswohnung und sein Winken zu ihrem Fenster. Es sind die Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben. Als sich der Jahrestag der Einweisung ins Krankenhaus jährt, beginnt sie, die Ereignisse der letzten Wochen vor seinem Tod zu berichten. Sie beschreibt eindringlich den Kampf ums Leben, aber auch das Loslassen und das Sterben.

Als Schriftstellerin beleuchtet Connie Palmen aber auch ihren Prozess des Schreibens kritisch, vielleicht geht sie hier auch schon auf die zu erwartende Kritik („offenherzig und schamlos“ (S. 220)) an ihrem Buch ein, denn gerade bei einem Logbuch, einem Tagebuch, steht ja auch die Frage von Wahrheit und Fiktion im Raum: wie viel „verrät“ sie in bei ihren Aufzeichnungen über sehr persönliche, intime, Dinge Hans van Mierlos und anderer Personen aus ihrem Umfeld. Dieses Thema bespricht sie immer wieder mit Freunden und vor allem auch mit den besorgten Kindern van Mierlos:

Das Trügerische am narrativen Versprechen von Tagebüchern, Logbüchern, Memoiren und Autobiographien ist, dass man meint, sie seien ehrlich, sie erzählten die Wahrheit. Ich weiß jetzt, wie es geht. Ich weiß, dass man mehr nicht aufschreibt. Ich weiß, dass man sich dreht und windet, dass man vieles verschweigt, um sich selbst und andere zu schonen, aber auch, dass das Gedächtnis selbst einen schon trügt. Es ist ein unzuverlässiger Gewährsmann. (…) Die Notwendigkeit des Schreibens ist keine literarische, sondern eine existenzielle. Das Buch nicht zu schreiben würde bedeuten, dass man mit dem Schreiben und mit dem Schriftstellerdasein aufhört. Es stünde jedem Buch im Weg, das man noch zu schreiben vorhat, es stünde dem Leben im Weg. Aber mit dem Erzählen der Wahrheit hat es herzlich wenig zu tun. (S. 171/172)

Sicher ist unstrittig, dass Connie Palmen ein mehr als unbarmherziges Jahr erlebt hat, aber so, wie sie ihre eigenen Erlebnisse und Gefühle als Ausgangspunkt ihrer Notizen nimmt, kommt weniger der Voyeur auf seine Kosten, als viel mehr der Leser, der hier einen Lebensentwurf betrachten kann, der die Kunst des Lebens und die Kunst des Sterbens aufzeigt. Die Kunst des Lebens wird exemplarisch deutlich an den Erinnerungen an die gemeinsamen Feiern und die Reden, die dort gehalten werden, und den kleinen Gesten im Zusammenleben. Es zeigt vor allem aber auch auf, dass trotz der Verzweiflung und der Trauer, auch dem Sterbeprozess in verschiedener Weise eine Würde zukommen kann. Hierzu wieder Wilhelm Schmid (2):

Sorge lässt sich vielleicht noch tragen für die Bedingungen, die bei der Begegnung mit dem absolut Abgründigen, als das der Tod erscheint, bejahenswert und in diesem Sinne schön sein können. Denn wenn nichts mehr bleibt, wenn „nichts mehr zu machen ist“, bleibt immer noch die Lebenskunst: sich um sich zu sorgen und palliativ (von lateinisch pallium, Mantel) umsorgt zu werden von anderen, die Rahmenbedingungen zu gestalten oder sie gestaltet zu bekommen, die äußerlich (Gestaltung des Raumes, Einteilung der Zeit), der innerlichen Ruhe und Gelassenheit zuträglich sind; (…) aus diesem Grund vielleicht Verzicht zu leisten auf letzte Therapien und Eingriffe im Krankenhaus; und nicht zuletzt festzulegen, zu welchen Menschen welche Nähe und Distanz angemessen ist. Berührung ist das, was bleibt, wenn nicht mehr viel zu sagen ist (…).

Und Palmen zeigt, wie dieser philosophische Ansatz im Konkreten umgesetzt werden kann:

Wir wohnen schon seit neun Tagen im Krankenhaus, seit einer Woche Tag und Nacht. Ich bin nicht mehr draußen gewesen. Außer unserer Familie weiß so gut wie niemand, wo wir sind. Hans will nicht, dass irgendwer weiß, dass er im Krankenhaus liegt. Wenn tagsüber die Wahnvorstellungen verschwinden, reden wir über unser gemeinsames Leben – und über den Tod. Ich weine viel, und er hält mich fest. Wir sind ratlos glücklich, das sagen wir zueinander, ratlos glücklich über das, was wir hatten, und ratlos glücklich über die Zeit, die wir jetzt zusammenhaben. (…) (S. 215)
Wir reden mit unseren Augen und unseren Händen. Manchmal versucht er, am Tubus vorbei irgendwelche laute auszustoßen. Es gelingt mir immer besser, ihn zu verstehen. Gestern Abend machte er mir deutlich, dass er die Fotos von unserer Hochzeit anschauen möchte. Ich habe die beiden Alben geholt und sie auf den Nachttisch neben seinem Bett gelegt. Er zeigt darauf. Ich nehme sie, lasse das Bett herunter, rutsche so nah wie möglich an ihn heran und schlage die Seiten um. (S. 221)

So ist Palmens „Logbuch“ ein beeindruckendes Buch über den Umgang mit der Liebe und mit dem Tod und zeigt einen Weg, das „Jahr der Trauer“ zu beschreiten und sich ins Leben zurückzuschreiben.

Eine weitere ausführliche Rezension findet ihr hier.

Connie Palmen (2013): Logbuch eines unbarmherzigen Jahres, Zürich
(1) Wilhelm Schmid (2005): Schönes Leben. Einführung in die Lebenskunst, Frankfurt am Main, S. 62.
(2) Wilhelm Schmid (2004): Mit sich selbst befreundet sein, Frankfurt am Main, S. 424.

Sam Savage: Firmin. Ein Rattenleben

Firmin_2Angeregt durch die Gestaltung des Buchcovers, des in der Innenseite des Klappendeckel abgebildeten Bildes des Autors sowie dem guten Ratschlag von Dennis Scheck („Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Sam Savages ´Firmin`“) gehörte dieser Roman über Firmin, die lesende Ratte– zugegebenermaßen schon vor etlichen Monaten – unbedingt auf meine Leseliste.

Und es geht gleich mit den wichtigen Fragen des Lebens und Lesens los: Warum fängt man eigentlich mit dem Lesen an, wenn doch alle anderen Geschwister lieber balgen und streiten? Wie kommt es, dass man sich zum Lesen, zur Literatur so hingezogen fühlt, dass man geradezu süchtig danach ist? Entgeht einem das Leben, wenn man liest? Oder: Lebt man gerade intensiver durch das Lesen? Macht Literatur anders? Oder: Ist sowieso anders, wer gerne liest? Und: Kann Literatur helfen, das Leben zu bewältigen, weil Probleme und Schwierigkeiten, ja das Leben selbst, in einem neuen Licht erscheinen, wenn man liest?

Firmin, um den es hier geht, ist tatsächlich anders. Er ist einer von dreizehn Rattengeschwistern und beschreibt die Unterschiede so:

Sie waren Monster. Blind und nackt, besonders nackt (…). Nur ich wurde mit vollständig geöffneten Augen geboren und mit einem schlichten Haarkleid aus grauem Pelz. Abgesehen davon war ich schwächlich. Und glauben Sie mir: Schwächlich ist schrecklich, vor allem, wenn man klein ist.

Und weil Firmin so schwach ist, hat er beim Essen das Nachsehen, denn beim Streit um die zwölf Zitzen der Mutter geht er regelmäßig leer aus. So verfällt er in seiner Not auf die Idee, die Papierschnipsel aufzuessen, mit der seine Mutter das Nest ausgekleidet hat. Davon wird ihm zwar regelmäßig übel, doch ist er schon nach kurzer Zeit geradezu süchtig nach dem Papierbrei. Ein Konflikt ergibt sich dann, als er merkt, dass er lesen kann, was auf den Papierschnipseln geschrieben steht. So entdeckt er die Literatur. Er lebt nämlich im Keller des Antiquariats von Norman Shine und seine Mutter hat zum Bau des Nestes kein geringeres Buch geplündert als „Finnegangs Wake“ von James Joyce, oder „das große Buch“ wie Firmin es nennt. Und Firmin ist Zeit seines Lebens untröstlich, dass durch den Nestbau und seinen anfänglichen Papierhunger Löcher im Buch entstanden sind, so dass er nie in den Genuss kommt, den Roman komplett lesen zu können. So also kommt Firmin, der schwächlichste unter den Geschwistern, zu seiner großen Liebe, der Literatur.

Wenn literarische Bildung einen Nutzen hat, dann den, die Ahnung drohenden Unheils zu vermitteln. Nichts schmälert den Lebensmut so effektiv wie eine lebhafte Fantasie. Las ich das Tagebuch der Anne, so verwandelte ich mich in Anne Frank. Die anderen, die konnten einen Schrecken kriegen, mochten sich in Winkeln verkriechen, von Angst in Schweiß ausbrechen – sobald die Gefahr vorüber war, ging alles wieder weiter wie zuvor, als sei nichts geschehen. Sie lebten fröhlich vor sich hin, bis sie erschlagen oder vergiftet wurden oder ein stählerner Fallbügel ihnen das Genick brach. Ich hingegen habe sie alle überlebt und bin zum Ausgleich tausend Tode gestorben. (S. 53/54)

Und über seine Entwicklung als Leser hält Firmin fest:

Mein Verstand wurde schärfer als meine Zähne. Bald schaffte ich einen vierhundertseitigen Roman in einer Stunde, Spinoza an einem einzigen Tag. So manches Mal schaute ich mich um und zitterte vor Freude. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Nicht nur einmal vermutete ich einen geheimen Plan dahinter: Sollte ich, ungeachtet meines absonderlichen Aussehens, zu etwas Großem berufen sein? Zu einem Schicksal, meine ich, wie es die Figuren in Geschichten haben, wo alle Ereignisse eines Lebens, mag es darin auch noch so brodeln und wirbeln, in all dem Brodeln und Wirbeln am Ende ein sinnvolles Muster erkennen lassen? In Geschichten hat ein Leben immer eine Richtung und ein Ziel. (S. 56)

Als Leser können wir Firmin auf diesem Weg zu seinem Lebensziel oder besser: bei seinem Rattenleben, begleiten. Wir erleben ihn zum Beispiel bei seinen urkomischen und verzweifelten Versuchen, Kontakt zu Menschen aufzunehmen. Er weiß, und spricht ganz offen darüber, dass er keine Möglichkeit hat, sich dem Menschen verständlich zu machen: ihm fehlen Stimmbänder, um zu sprechen und so kann er nur mehr oder weniger laut fiepen. In der Taubstummensprache hat er sich nur drei Wörter beibringen können („Auf Wiedersehen Reißverschluss“), denn weder mit den Vorder- noch mit den Hinterpfoten kann er die Fingerzeichen der Gebärdensprache nachahmen. Und eine Schreibmaschine, das schriftliche Kommunikationsmittel des Jahres 1961, kann er, weil er zu klein und zu schwach ist, nicht bedienen. Wir erleben ihn komisch, melancholisch, mutig, und verzagt. Ganz fabelhaft sind Firmins Größenphantasien, wenn er sich wahlweise als wichtiger Romancier fühlt, als Stepptänzer wie Fred Astaire sieht und als Liebhaber Ginger Rogers.

Und so kann es kommen, dass wir uns als Leser ganz nebenbei ein bisschen in die ungewöhnliche, völlig verkannte Ratte Firmin verlieben, mit ihr lachen und vor allem auch mit ihr bangen, denn von Anfang an liegt eine dunkle Gefahr von Tod und Zerstörung auf der Geschichte.

Sam Savage, ein, dem Bild des Fotos auf dem Klappendeckel nach zu urteilen, nicht mehr ganz junger Mensch, hat mit „Firmin“ seinen ersten Roman geschrieben. Seiner neben dem Bild spärlich beschriebenen Biographie nach könnte er fast Jerry Magoon ähneln, dem Schriftsteller apokalyptischer Science-Fiction Romane, der Firmin im Park rettet, mit nach Hause nimmt und darauf besteht, dass Firmin nicht „zahm“ sei, sondern „zivilisiert“. Indem Sam Savage die Geschichte der lesenden und belesenen Ratte Firmin erzählt, die ihrer bedrohlichen und bedrohten Umwelt die Liebe zur Literatur und die Magie der Träume entgegenstellt, und damit ein ganz anderes Leben führt als der Trott des üblichen (Ratten-)Lebens vorsieht, zeigt Savage auch dem Leser die großen Möglichkeiten des Lesens auf. Und er zeigt, dass Firmin ein anderes, aber geschützteres Leben geführt hat, als seine Geschwister, die er wohl alle überlebt, ein nachdenklicheres und tieferes Leben also, vor allem aber ein selbstbestimmtes, sinnliches – und letztendlich auch ein versöhntes.

Sam Savage (2008): Firmin. Ein Rattenleben, Berlin.

Hansjörg Schertenleib: Wald aus Glas

Eine furchtbare Kraft ist in uns, die Freiheit.

Dieses Zitat Cesare Paveses stellt Schertenleib seinem Roman voran. Und Freiheit und Selbstbestimmung sind auch die großen Themen des Romans, denn Schertenlaub zeigt uns gleich zwei Protagonistinnen, die 72-jährige Roberta und die 16-jährige Ayfer, die zu Beginn des Romans ihre Selbstständigkeit verloren haben und sie mühsam versuchen zurückzugewinnen, und dies, das erfährt der Leser gleich auf den ersten Seiten, nicht mit einem guten Ende.

Die 72-jährige Roberta ist in ein Altersheim zwangseingewiesen, denn sie hat sich geweigert, ihre Wohnung zu verlassen. Das Haus aber soll abgerissen werden, es steht schon ein Investor parat. Das Altersheim kommt ihr vor wie ein Panoptikum: der Zimmernachbar Humbel kennt nur das Thema der Fortpflanzung von Tieren, mit dem er bei Tisch alle Sitznachbarn belästigt. Frau Gautschi spielt, wann immer sie in den Speisesaal kommt, Stewardess, begrüßt alle Anwesenden recht herzlich, nennt die aktuelle Lokalzeit und bedankt sich für den Mitflug. Und wenn Roberta nicht abends zum organisierten Kartenspeilen kommt, muss sie sich dafür rechtfertigen. Das ist nichts für Roberta, die ihr Leben bisher selbst entschieden hat und so reift in ihr der Plan zur Flucht. Sie will zurück in ihre Heimat, sie will aus der Schweiz zurück nach Österreich reisen:

Mit einem Mal wusste sie, dass sie sich heute Nacht auf den Weg machen würde. Es ist ganz und gar nicht gleichgültig, wo man sich befindet, auch wenn man keinen Ort mehr hat auf der Welt. Ich verblasse, ich löse mich auf, hatte Roberta gedacht, als sie vor einigen Tagen zufällig ihr Spiegelbild entdeckt hatte. Worauf wartest du denn noch? fragte sie sich. Die Angst wird auch morgen da sein, also geh, geh endlich! (S. 45)

So macht sie sich des Nachts auf den Weg, den sie bis in Detail vorbereitet hat: in einem Rucksack bewahrt sie ihr Zelt auf, ihre neuen Wanderstiefel hat sie schon vorher gut eingelaufen, den Weg, den sie in Salzburg gehen möchte, bei Google Maps studiert und sie hat auch einen genaue Plan, wie sie ihren Hund Prinz aus einem Zwinger im Nachbarort befreien kann. Zu Fuß, mit einem Lieferwagen, einem Wohnmobil, dem Zug und dem Bus schafft sie die Strecke zurück in ihr Heimatdorf und trifft dabei auf viele Menschen, die ihr helfen weiterzukommen, und das nicht nur, weil sie sie ein Stück Weg mitnehmen, sondern auch, weil die Gespräche mit ihnen Roberta immer wieder ihr Leben reflektieren lassen. Und so wird ihre Rückreise nach Hause auch eine Rückreise in ihrem Leben.

Einen ähnlichen Weg wie Roberta geht auch Ayfer. Im Sommer hat sie die Sekundarschule beendet, aber keinen Ausbildungsplatz gefunden. Und da sie sich häufig mit dem aus Jugoslawien stammenden Davor trifft, schicken ihre Eltern sie in die Türkei, wo sie im Hotel ihres Onkels eine Lehre als Köchin machen soll. Dort wird sie gleich in allen ihren Bewegungs- und Kontaktmöglichkeiten beschränkt: das Handy wird ihr abgenommen, an die Hotel-PC darf sie nicht, sie darf nicht alleine das Hotel verlassen und Tante und Onkel reden immer öfter darüber, dass sie doch außerhalb der Arbeitszeiten einen Türban tragen solle. Sie beschließt zu fliehen, jedoch ist ihre Flucht, im Unterschied zu Robertas alles andere als geplant, denn Ayfer muss die Chancen nutzen, die sich ihr bieten. Aber auch sie hat unglaubliches Glück, denn nachdem sie ihren Verwandten im Gepäckraum eines Reisebusses entkommen ist, trifft sie auf der Rastplatztoilette die Österreicherin Annika, die mit ihrem Vater im LKW zurück nach Wien fährt.

Die Geschichten von Roberta und Ayfer, die immer wieder abwechselnd erzählt werden und dabei fast parallele Flucht- und Reiseerlebnisse berichten, spiegeln sich: beide Figuren leben in gefängnisartigen Situationen, beide wollen unbedingt ihre Freiheit, ihre Selbstbestimmung wieder erlangen. Beide haben mit ihren Reisen auch das Ziel, nach Hause zu kommen. Die Stationen der Reise und ihre Erfahrungen sind immer wieder sehr ähnlich, dann nämlich, wenn beide von freundlichen Menschen mitgenommen werden und in Familien einbezogen werden. Letztendlich stellen sich beide mit einem Stein in der Hand gegen sinnlose Gewalt, die eine, weil sie sich wehren und schützen muss, die andere, weil sie sich rächen will. Und für beide gilt, dass die Reise fast leichter ist als das Ankommen, denn beide finden zu Hause nicht das, was sie sich erhofft haben.

In ihrem Ringen um Freiheit und Selbstbestimmung verweisen Roberta und Ayfer auf ganz wesentliche Fragen unserer Lebensgestaltung. So loten sie auch aus, welche Konsequenzen Selbstbestimmung haben kann: Einsamkeit, Angst, das Kappen von sozialen Beziehungen. Roberta hat bereits Erfahrungen mit diesen Konsequenzen, Ayfer hat sie nun zum ersten Mal.

Diese ambivalente Situation der Figuren findet auch immer wieder in den Beschreibungen der Natur wieder, besonders stark in Robertas Geschichte, da sie bei ihrer Reise quer durch die Alpen immer wieder faszinierende Ausblicke hat, die gewaltig (schön) sind, aber auch rau und bedrohlich:

Einige der Berge, die am anderen Ufer wie eine Wand in den Himmel wuchsen, als markierten sie kalt und abweisend das Ende der Welt oder zumindest eine Grenze, hinter der alles anders war, einige dieser Berge, die sie als Kind an ein geblecktes Gebiss erinnert hatten, waren jetzt frei von Wolken. Ihre von Gerölladern gefurchten Felswände standen in weichem Abendlicht, während die wenigen Häuser unten am Ufer bereits im Schatten lagen, genau wie die Hälfte des Sees. (S. 140)

Aber trotz dieses wichtigen Themas, trotz der Reisen der beiden Protagonisten und trotz der Landschaftsbeschreibungen beschleicht den Leser immer wieder das merkwürdige Gefühl, hier ein Experiment zu beobachten, das keines ist, weil die Protagonistinnen gar keine Chance haben, es zu bewältigen. Vieles im Handlungsverlauf wirkt sehr konstruiert, damit es auch wirklich zum unglücklichen Ende kommen kann. Fraglich ist doch schon, ob es eine Frau, die in ihrem Leben so kontrolliert und planvoll vorgeht, wie Roberta, tatsächlich darauf ankommen lässt, solange in einer Wohnung zu bleiben, bis diese von Amts wegen geräumt und sie selbst als schrullige Alte in ein Altersheim zwangseingewiesen wird? Wunderlich ist, dass Ayfer an einer Ampel aus dem LKW springt und Annika und ihren Vater, die sie so weit mitgenommen haben, ohne einen Abschied verlässt? Und merkwürdig ist es auch, dass Ayfer, die für eine 16-jährige erstaunlich erwachsene Beobachtungen und Überlegungen anstellt – manchmal wirkt sie geradezu altklug – so naiv sein kann und die vielen Zeichen übersieht, die deutlich darauf verweisen, dass sie ihrer Familie aus Gründen der Ehre nicht mehr willkommen sein wird. Und dann muss auch noch der Hund erschossen werden, den Roberta nun, zu Hause im Wald, zum ersten Mal auf der ganzen Reise von der Leine lässt. Das wirkt alles gewollt und auf ein dramatisches Ende hin geschrieben.

Gewollt und dramatisch ist auch oft die Sprache, die dem Leser immer schon ganz eindeutig aufzeigt, was er denken und fühlen soll, z.B. wenn die Berge bedrohlich an den See gerückt sind (S. 146) oder wenn Prinz die Schnauze vor Schmerzen aufgerissen hat, obwohl er doch vom Schuss des Jägers sofort tot war (S. 274).

Und dann ist da noch – gewollt und dramatisch – der Bezug zu Thomas Bernhards Roman „Frost“, den Roman, den Roberta in der Bibliothek mit einer Liste von Worten findet und den sie mit auf ihre Reise nimmt, um ihn immer mal wieder zur Hand zu nehmen und darin zu lesen. Und hier liegt dann auch der Referenzrahmen für Schertenleibs Geschichte: In Bernhards Roman, der ebenfalls in einem Hochtal im Salzburger Land spielt, also in Robertas Heimat, leidet einer der Protagonisten, der Maler Strauch, am Frost, „dem Frost in der ganzen Welt, der in die Seelen gedrungen ist.“ (Kindlers Neues Literaturlexikon, Multimedia Ausgabe 2000, Stichwort Thomas Bernhard: Frost). Wie Roberta stirbt auch Strauch im Winter im Gebirge, an Kälte und Frost, vielleicht ein Selbstmord wie bei Roberta, deren letzte Gedanken immer wieder auf Worte aus „Frost“ verweisen und die dann zum Schluss den „Wald aus Glas“ sieht.

Wenn dann das Ende durch Bernhards Roman schon so klar ist, dann kann das Freiheits-Experiment wirklich nur scheitern. Das ist schade. Vielleicht hätte hier etwas weniger Konstruktion den Figuren mehr Raum gegeben – und scheitern hätten sie ja trotzdem dürfen.

Eine andere, viel positivere, Rezension zu diesem Roman findet sich hier.

Hansjörg, Schertenleib (2012): Wald aus Glas, Berlin

John Lanchester: Kapital

Das Kapital_2Es ist schon eine spannende Idee, in die Häuser einer Straße zu schauen, um durch die vielen Lebensgeschichten ihrer Bewohner exemplarische Blicke zu bekommen auf die Beschaffenheit einer Gesellschaft. Diese Idee hat John Lanchester für die Pepys Road übernommen, eine Straße in London, deren Häuser vor über Hundert Jahren für die kleinen Angestellten aus Rechtsanwalts- und Steuerkanzleien erreichtet wurden, die aber mittlerweile in den Sog der Immobilienblase geraten und damit nur noch für sehr gut betuchte Menschen erschwinglich sind. Die momentan noch ansatzweise gemischte Bevölkerung, die hier lebt, zeigt dann tatsächlich ein gutes und vielschichtiges Panorama großstädtischen Lebens unserer heutigen Zeit. Dabei streift der Zeitraum von Dezember 2007 bis November 2008 tatsächlich die Zeit des Ausbruchs der Finanzkrise. Dass dieses Panorama in der Marketingmaschinerie von Verlag und Feuilleton dann aber gleich als Roman zur Finanzkrise erklärt wird, ist kaum nachvollziehbar.

Ein Jahr lang kann der Leser einige der Bewohner der Straße, aber auch der Menschen, die im Umfeld der Straße arbeiten, in ihrem Leben begleiten und schlaglichtartig Höhen und Tiefen miterleben. Als roter Faden dient außerdem auch eine Postwurfsendung, die die Bewohner erschreckt, weil sie auf Fotos Details ihres Häuser wiedererkennen und dazu den merkwürdigen Satz „Wir wollen was ihr habt“.  Diese Briefe werden weiterhin verschickt und die Aktionen werden sich im Laufe des Jahres in ihrer Bedrohlichkeit steigern. Im Laufe der Polizeiarbeit, die auf Wunsch der Betroffenen für Aufklärung der merkwürdigen Post sorgen soll, geraten einige der Anwohner und Bediensteten auch ins Visier der ermittelnden Behörden.

Viele der hier versammelten Geschichten sind packend erzählt, zum Beispiel die von Petunias Tochter Mary. Sie kehrt in ihre Elternhaus zurück, um ihre Mutter, der einzigen Bewohnerin, die seit ihrer Kindheit in der Pepys-Road lebt und die an einem Hirntumor erkrankt ist, zu pflegen. Ein paar Woche habe sie nur noch zu leben, hatten die Ärzte erklärt. Aber nun, zuhause, zieht sich das Sterben doch viel länger hin als gedacht. Und Mary kann es nicht ertragen. So putzt und kocht sie und ist sehr beschäftigt, nur mit ihrer Mutter Zeit zu verbringen, das kann sie nicht. Den Gewissenskonflikt versucht sie mit Zigaretten zu ersticken, aber auch das gelingt nicht. Und oben im Zimmer liegt ihre Mutter, hat manchmal wache Momente und reflektiert dann über das Verhalten der Tochter, das sie sich auch anders wünscht.

Mary setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Auf dem Nachttisch standen eine Kanne Wasser, ein Glas und ein paar Schnittblumen. Mary spürte, wie sehr es sie belastete, hier in diesem Zimmer zu sein. Ein quälendes Gefühl des Verlustes erfüllte sie, das Bewusstsein des sich in Zeitlupe vollziehenden Todes ihres Mutter. Und gleichzeitig passierte gar nichts. Die Zeit schien nicht zu vergehen.

Oder die fantastische Geschichte von Freddy Kamo und seinem Vater Patrick, die aus dem Senegal nach London gekommen sind, weil ein Talentscout Freddy beim Fußballspielen beobachtet und ihn zu einem Permier-League-Verein nach London gelotst hat. Ihre Zwei-Zimmer-Hütte tauschen Vater und Sohn nun mit einem modernen Haus an der Pepys Road. Patrick, der ehemalige Polizist, fühlt sich ohne seine Arbeit und seine Kontakte zu anderen Menschen so fremd und verloren in London, dass er versucht, die Stadt durch Spaziergänge kennenzulernen. Und so wird er zum Flaneur, zum Beobachter der Stadt und der Menschen:

Seine langen einsamen Wanderungen führten zwar nicht dazu, dass er London mit einem Mal ins Herz schloss, aber er bekam zumindest das Gefühl, die Stadt ein wenig besser zu verstehen – wie sie angelegt war und welchem Rhythmus sie folgte. Und er begriff auch, was ihn an diesem Ort so irritierte: Es war der Eindruck, dass hier alle jederzeit mit etwas beschäftigt waren. Die Menschen waren nie untätig. Und das galt auch für die Zeit, in der sie eigentlich nichts taten. Sie gingen mit ihren Hunden spazieren, oder besuchten Wettbüros, oder lasen die Zeitung, während sie an der Bushaltestelle warteten, oder hörten Musik mit ihren Kopfhörern oder fuhren aus Skateborrds (…).

Und Freddy erlebt direkt bei seinem ersten Spiel für den Londoner Verein, am zweitenWeihnachtstag, wie es ist, in der Premier-League zu spielen und sich dort durchzusetzen:

Zu Hause in Afrika, hatte er einen Trickgehabt, den er sooft angewendet hatte, dass er schon längst nicht mehr funktionierte (…) Aber hier kannte ihn niemand. Die Bewegung war Freddy noch vertrauter als sein eigenes Spiegelbild und fiel ihm so leicht, wie morgens aus dem Bett zu steigen. Er täuschte mit dem linken Fuß einen Sprung in Richtung Ball an, ließ ihn aber dann vorbeirollen und spielte ihn stattdessen mit rechts. Sein Gewicht verlagerte sich, und er wechselte die Richtung, alles in einer einzigen Sekunde, und er war weg. Es war Täuschung, Ausweichmanöver und ein plötzlicher Sprintstart in ein und derselben Bewegung.

Oder die Geschichte Quentina, die  Hals über Kopf ihre Heimatverlassen musste, weil sie sich einer politischen Untergrundbewegung angeschlossen hatte, die den Umgang der Regierung mit Aids anprangerte. Nun, als abgewiesene Asylbewerberin in London, die wegen der politischen Verhältnisse aber nicht sofort abgeschoben wird, darf sie, die einen Bachelor und einen Master in der Tasche hat, nicht offiziell arbeiten und so treibt es sie in die Illegalität bei einem privaten Überwachungsunternehmen für das sie als Politesse die Parkvorschriften überwacht. Durch die Ermittlungen der Polizei, bei der  sie als Zeugin verhört werden soll, fliegt sie auf und lernt, mitten in Europa, die unwürdigen Zustände der Abschiebehaft kennen.

Alle waren von dem Thema der Ernährung besessen. Eine der fünfzehn Forderungen der Häftlinge, die sich im Hungerstreik befanden, lautete: „Wir wollen etwas zu essen bekommen, das auch wirklich essbar ist. Und das war durchaus nicht als Scherz gemeint. (…) Die Mahlzeiten sahen nicht nur unappetitlich aus, sondern stanken noch dazu. Das Fleisch roch jedes Mal, als sei es schon verdorben. Es fehlten jegliche Gewürze im Essen; alles schmeckte nach nichts. Der Nachtisch war sogar noch klumpiger und ungenießbarer als das Hauptgericht.

Es gibt aber auch Charaktere, und das sind gerade die, die zum Bankenkosmos gehören, die sehr klischeehaft gestaltet sind. Allen voran Arrabella, die Frau des Bankers Roger, in deren Leben es tatsächlich nichts anders gibt als Konsum und Boshaftigkeit. Roger selber, der die Zeit als Leiter der Derivateabteilung vornehmlich damit zu verbringen scheint, sich seinen Jahresbonus auszurechen, durchschaut zwar den einen oder anderen Mechanismus des Verhaltenskodex der Banker, entzieht sich dem aber nicht, sondern macht immer wieder fröhlich mit. Und sein Assistent, der – natürlich – sein ärgster Konkurrent ist, bringt durch seine wahrlich kriminelle Energie nicht nur Roger um seinen Job, sondern das Bankhaus gleich noch in die Insolvenz, zum Glück noch kurz bevor mit der Pleite der Lehman Brothers sowieso die Geldblase an den Börsen zerplatzt.

Auch Lanchester zeigt somit als Auslöser der Bankenkrise den egomanischen Einzelnen als Täter, denjenigen, der vor lauter Gier den Hals nicht voll bekommt und durch einsame Alleingänge seine Bank ruiniert. Einen ähnlichen Ansatz hat schon Kristof Magnuson in seinem Roman „Ich war es nicht“ verfolgt. Damit wird aber ein Problem verharmlost, das eher in den Strukturen der Banken steckt und sich dort verselbstständigt hat, als dass es auf die Psychopathie eines durchgeknallten Einzeltäters heruntergebrochen werden kann

Nichtsdestotrotz ist „Kapital“ ein „süffig“ zu lesender komplexer Roman, der vielleicht nicht so sehr durch literarische und stilistische Raffinessen auffällt, sein Ziel aber, nämlich den Zustand einer Gesellschaft zu beschreiben, indem, exemplarisch, die Bewohner einer Straße beobachtet werden, gut und lesenswert umsetzt.

PS: Die Studie „Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt“ von Claudia Honegger, Sighard Neckel und Chantal Magnin, Berlin 2010, gibt sehr deutliche und erschreckende Einblicke in die Ursachen der Bankenkrise, besser als dies bisher ein Roman gezeigt hätte.

John Lanchester: Das Kapital, Stuttgart 2012, Klett-Cotta

Und meine Empfehlung ist dies: Hunde unter Wasser

Können Hunde tauchen? Meine Hunde können gut schwimmen und sie können auch alles mögliche aus dem Wasser holen, aber ob sie tauchen können, das weiß ich nicht. Ich weiß es nicht, weil wir zum Schwimmen immer einen Ball mitnehmen, der auch sicher alleine  schwimmen und den „Kopf über Wasser“ halten kann. Wenn ich die Vorsorge, die ich immer treffe, wenn wir ans Wasser gehen, genauer betrachte, zeigt sie mir, dass ich – meinen – Hunden das Tauchen, vor allem das richtige Tauchen, eigentlich nicht zugetraut habe.

Der Tier-Fotograph Seth Castell hat durch Zufall herausgefunden, dass Hunde sehr wohl tauchen können und das auch mit wahrer Hingabe. Bei einem ganz normalen  Shooting hat sich sein Fotomodell Buster sein eigenes Spiel ausgedacht: Buster schubste einen Tennisball in den Pool, sprang hinterher und tauchte nach ihm.  Schnell kaufte der Fotograf eine Unterwasserkamera und knipste Buster bei seinen Tauchgängen. Das war dann der Beginn einer Fotoserie über tauchende Hunde.

HundeunterWasser_1Und daraus ist dann dieser tolle Bildband geworden, der die verschiedensten Hunde unterschiedlicher Rassen und verschiedenen Alters beim Tauchen zeigt. Man kann fast immer völlig aufgerissene, auf das Objekt der Begrierde konzentrierte Augen sehen, angsteinflößend große Mäuler mit sehr bedrohlichen Zähnen, man kann die verschiedensten Körperhaltungen sehen, mit denen die Hunde ins Wasser eintauchen, ganz gezielt mit dem Kopf nach unten abtauchen, um den Ball am Beckenboden zu erreichen, oder man sieht sie auch majestätisch auf der Treppe stehen, um den Ball doch mit der sehr langen Pfote zu erreichen. Und durch die vielen Luftblasen, die entstehen, weil Hunde sich beim Springen weder die Nase zu- noch die Luft anhalten, entstehen zum Teil ganz künstlerische Bilder, wenn sich in einer Luftblase zum Beispiel der Teil des Kopfes spiegelt, der noch über Wasser ist.

Meine Hunde jedenfalls können das Buch kaum aus der Pfote geben. Wenn sie sich aber doch überreden lassen, dann nur, weil sie wissen, dass alle Menschen, denen sie es geben, ganz viel Spaß beim Anschauen haben und immer wieder ganz laut lachen müssen. Und für das nun beginnenden Frühjahr haben sie sich auch gewünscht, endlich mal tauchen zu dürfen.

Auf der Seite des Fotografen sind ein paar Bilder, die einen guten Vorgeschmack auf den Bildband geben.

Seth Castell: Hunde unter Wasser, 2012,  Rivaverlag, München

Felix döst

Anna Kim: Anatomie einer Nacht

Die deutsche Journalistin Ella ist nach Grönland gereist, weil sie herausfinden möchte, warum es dort so viele Selbstmorde gibt. Auf ihre Frage erklärt Peder, der die Touristeninformation leitet, dass Selbstmorde in der Natur der Grönländer liegen. Weil Grönländer nämlich nur in der Gegenwart lebten, so seine Meinung, weil sie unfähig seien, ihr Unglück zu kontrollieren und weil es ihnen an Vernunft mangele, führe eine unglückliche Gegenwart sie eben unweigerlich dazu, sich selbst zu töten.

In der Nacht, in der Ella im Pakhuset, der einzigen Diskothek Amarâqs mit Peder spricht, töten sich innerhalb von fünf Stunden gleich elf Grönländer. Ella hat wohl keinen dieser Menschen kennengelernt. Wer es sich dann zur Aufgabe macht, die Entwicklungen dieser Nacht, die Stunden zwischen 22 und 3 Uhr, zu rekonstruieren, das bleibt unklar. So versucht der Roman, die Handlungen, aber auch die Gedanken und Reflexionen der Personen wiederzugeben, die sich entschließen in dieser Nacht zu sterben. Strukturierendes Prinzip ist dabei der Ablauf der Zeit in dieser Nacht, sodass der Leser die Personen zu einzelnen Zeitpunkten in ihrem Denken und Tun immer wieder begleitet. Ziel der Erzählung ist es, durch die genaue Beobachtung, die Gründe und Auslöser der Krankheit identifizieren zu können. Und dies ist die Aufgabe, die dem Leser zugewiesen wird.

So entfacht sich ein breites Panorama der individuellen Geschichten und Lebensläufe dieser Personen. Da ist zum Beispiel die 14 jährige Julie, die von ihrem Stiefvater missbraucht wird und sich in den Polizisten Jens verliebt. Der nimmt dann eines Abends aber ihre ältere Cousine Sivke mit nach Hause. Oder der 57 jährige Keyi, der als Kind gegen den Willen seiner Eltern nach Dänemark geschickt wurde, in eine liberale Familie, die ihn, den kleinen grönländischen Wilden, aber erst einmal auf dem Dachboden unterbringt, bevor er nach ein paar Monaten für würdig befunden wird, gemeinsam mit der Familie zu leben. Oder Mikileraq, die als Jugendliche mit dem Arzt Sǿrensen einen – teuflischen – Deal eingeht, damit er ihr den Weg nach Kopenhagen ebnet, wo sie auch studiert und Lehrerin wird, aber nie von der Schuld loskommt, ihr gerade geborenes Kind ohne weiteren Abschied nach der Geburt in Grönland zurückgelassen zu haben. Oder Inger, die mit dem Traumdeuter Niels ihre Familie verlassen und nach Amarâq gezogen ist, dann aber immer mehr unter der Gewalt Niels leiden muss, bis sie sich zu Mikkel flüchtet.

 Liebe in Amarâq ist einerseits ein Zeitvertreib, dem jeder nachgeht, weil die Auswahl an Tätigkeiten, Hobbys, beschränkt ist und man meint, dass Liebe wiederholbar sei, andererseits nehmen die Bewohner das Lieben sehr ernst, da es für sie die Hauptsache dessen ist, was ihr Leben bedeutsam macht, sie klammern sich geradezu an sie, denn sie ist anders als die Liebe anderswo, sie ist Rettung Erlösung: Sie öffnet die Isolation, die Enge, verkürzt die Entfernung zum Horizont und glättet den Himmel. Mit einem Mal erscheint die Erde endlich, man selbst als Teil dieser Welt und nicht wie sonst ausgestoßen.

So werden Menschen dargestellt, die alle daran gescheitert sind, in glücklichen Beziehungen zu leben und die sich alle sehr einsam fühlen. Im Laufe des Romans, wenn die Figuren mehr und mehr Details ihrer Lebensgeschichten erzählen, die Geschichten teilweise auch bis in die Generation der Großeltern verfolgt wird, zeigt sich aber ein weiterer  Diagnoseansatz für die Krankheit. Der ist vor allem in der großen Kluft zwischen Dänen und Grönländern zu erkennen: Sei es die falsch gestaltete Sozialpolitik, die den ärmeren Einwohnern Amarâqs, nachdem sie seit Jahrzehnten aus ihren ursprünglichen Lebensgewohnheiten heraus gerissen werden, zwar bunte 30-Quadratmeter-Häuser mit Küche, Wohn- und Schlafzimmer zugesteht, sie darüber hinaus aber in einer untätigen Hoffnungslosigkeit belässt. Seien es die Dänen selbst, die nach Grönland kommen, „Idealisten mit alten Ideen, Karrieristen mit neuen“, und entweder ihre Position schamlos ausnutzen, wie der Arzt Jesper Sǿrensen, der in Grönland viele Jahre seine Vorliebe für minderjährige Mädchen ausleben kann, oder aber beim ersten Konflikt alle liberalen und linken Vorstellungen fahren lassen und sich ganz ihren Vorurteile hingeben. So entsteht eine Gesellschaft von entwurzelten, gebrochenen Menschen, die ohne Orientierung sind und ohne Hoffnung. In dieser Gesellschaft gibt es dann wenig Liebe, dafür Gewalt in vielfältigsten Formen.

Anna Kims Roman ist schwer; schwer, weil der Leser lange verwirrt ist von den vielen detailreichen Geschichten, die so bruchstückhaft ausgebreitet werden, dass er sich nur schlecht zurechtfinden und erinnern kann. Da ist das vorangestellte Personenregister auch nur eine kleine Hilfe. Diese Zerstückelung mag die Unübersichtlichkeit der Leben und die Orientierungslosigkeit der Protagonisten transportieren und dies dem Leser so greifbar machen, mag auch dem Ziel geschuldet sein, dass der Leser die vielen Einzelteile zusammensetzten muss, um eine Diagnose der Krankheit vornehmen zu können. Vor allem in der ersten Hälft des Romans leiden darunter aber Lesefluss und Lesegenuss deutlich. Und der Roman ist schwer, weil er nur auf die Hoffnungslosigkeit schaut und auf die Selbsttötuingen – einen positiven Lebensentwurf  gibt es nicht.

Anna Kims Roman ist gut; gut, weil sie ihre Geschichten in einer beeindruckenden Sprache erzählt, genauso wie die Kargheit und Größe der Landschaft wunderbar beschrieben wird. Und gut, weil sie Geschichten erzählt, die weit differenziertere Einblicke in das Leben einiger Grönländer gibt, als Peder vom Tourismusbüro sich das wohl vorstellen kann.

Anna Kim (2012): Anatomie einer Nacht, Suhrkamp-Verlag

Kauni-Damask-Jacke

Ich musste es tun:

Kauni-WolleZuerst habe ich vor fast zwei Jahren vier Knäule Kauni Regenbogen gekauft, weil ich die Farbverläufe so toll fand. Und da ich furchtbar gerne Fair-Isle-Muster stricke, ergeben sich ganz von selbst und ohne unwahrscheinlich viele Fäden zu vernähen, besondere Farbkonstellationen. Gegen die Wolle sprach aber, dass ich gar nicht so gerne so bunte Sachen anziehe und viele Kommentare im Internet auch noch davon berichtet haben, die Wolle sei sehr kratzig – und kratzige Wolle mag ich gar nicht. Trotzdem: die Farbverläufe wollte ich irgendwann unbedingt ausprobieren.

Da lagen die Knäuerl also eineinhalb Jahre sehr dekorativ herum, bis ich mich im Januar endlich an die Jacke mit DEM für Kauni fast obligatorischen Muster gemacht habe: Damask. Auch das Muster ist eigentlich überhaupt nicht mein Stil, aber das Stricken versprach großen Spaß. Und so ist es auch. Nach fast jeder Reihe sieht das Stück durch die sich ständig verändernden Farben anders aus und schafft so jede Menge Motivation, noch eine Reihe zu stricken und noch eine und noch eine… Die Farben sind schon grell: ein sehr sonnenblumiges Gelb trifft auf ein sehr kitschig meerfarbiges Türkis, das langsam zu einem sehr grünen Erbsgrün wird. Es sieht fantastisch aus, aber ob ich das anziehe….?

Zum ersten Mal beim Fair-Isle-Stricken in der Runde habe ich meine Steeks selbst abgehäkelt und nicht zur Schneiderin zum Absteppen und Ketteln gebracht. Das ging hier gut, weil die Maschen groß genug sind, um sie alle beim Häkeln zu erwischen. Trotzdem habe ich zu sehr am Rand entlanggeschnitten, so dass ich nun doch einige Maschen hindern muss, sich ins Nirgendwo aufzulösen. Die Nähmaschinenlösung scheint hier doch die sichere Variante zu sein.

So kratzig, wie beschrieben, fühlt sich die Wolle übrigens nicht an. Sicherlich ist sie nicht weich wie Cashmere oder Yak, aber es gibt auch keine besonders kitzelnden Härchen, die in alle Richtungen abstehen und möglichst noch durch T-Shirts hindurchpieksen. Also hat sich zumindest das Problem schon mal gelöst. Nun fehlen also nur noch die Ärmel, die ich, damit sich die Farbe gleichmäßig verteilt, in einem Stück, wieder mit Steeks, stricken werde, und dann bin ich gespannt auf das gesamte Werk – und ob ich die Jacke dann auch tatsächlich anziehen werde.

Kauni-Anfang

Kauni_Farbverlauf

Kauni_Muster

Kevin Kuhn: Hikikomori

HikikomoriAls Till die Zulassung zum Abitur nicht bekommt, räumt er alle Möbel aus seinem Zimmer bis auf die Matratze, ein Buchregal und den Schreibtisch mit seinem PC. Nun hat er mehr Platz und wenn er seine Matratze, die er in die Mitte des Zimmers auf den Boden gelegt hat, umrundet, braucht er jetzt 15 Schritte, während er früher nur 12 schaffte:

Im-Kreis-Gehen belebt das Denken. Ich bin lange nicht mehr im Kreis gegangen, ich hatte lange keine Zeit zum Denken mehr.

Immer mehr läuft Till im Kreis, immer mehr zieht er sich aus der Welt zurück und beschränkt sein Leben auf sein Zimmer. Er will keinen Kontakt mehr mit seinem Freund Jan und seiner Freundin Kim. Er nimmt nicht mehr an den Familienessen im Wohnzimmer teil. Und als Jan nach dem Abitur zur ehemals gemeinsam geplanten Reise nach Amerika und Australien aufbricht, beschließt er, die Welt im Kleinen, also die Welt in seinem Zimmer zu entdecken. Seiner Freundin, die er mit Jan auf der Reise vermutet, schreibt er:

vielleicht erklimmt ihr gerade einen berg, während ich mandarine um mandarine esse. Ich nehme es euch nicht übel, dass ihr die welt auf diese weise erkundet. ich mache es auf meine weise, ich werde beweisen, dass im kleinen detail die ganze welt stecken kann und dass man bei der betrachtung des kleinsten in ungeahnte höhen gerät. ich meine, es gibt doch forscher, die sich ihr ganzes leben lang mit amöben herumschlagen, sie heranzoomen, sezieren, zuordnen, ohne dass es ihnen langweilig wird. Mein zimmer ist so eine amöbe, eine box, die alles nur mögliche in sich trägt. du kannst bald kommen und sie dir anschauen! till.

Und konsequent und zielstrebig setzt er seinen Plan um, in seinen Mikrokosmos zu leben: Er tauscht mit seiner Mutter Zettel unter der Tür aus, und bekommt so Essen und Wasser, ohne dass er sein Zimmer verlassen muss. Er trainiert nächtelang in „Medal of Honor“, um seinen Kampf dort zu perfektionieren und neue Freundschaften zu pflegen. Er beobachtet die Vögel vor seinem Fenstersims, füttert sie und gewöhnt sie so an sich, dass sie ihm schließlich aus der Hand fressen. Er achtet auf einen Nachbarn im Haus gegenüber , der sich auch viel zu Hause aufhält, und gemeinsam rauchen sie Zigaretten, jeder hinter seinem eigenen Fenster. Er bestellt in Mexiko einen grünen Leguan und kann dessen Vertauen gewinnen, sodass sich das Tier schließlich auf seine Brust legt und am Hals kraulen lässt. Er versucht sich allen Veränderungen bestmöglich anzupassen, wie Jan es auf der großen Reise vielleicht auch tun muss: Als die Eltern in Urlaub sind und sich später auch grundsätzlich weigern, ihm Essen vor die Tür zu stellen, bestellt er sich Lebensmittel im Internet; als die Eltern ihm erst die Heizung und dann den Strom abstellen, versucht er immer wieder, andere Möglichkeiten zu finden, um sich an die neuen äußeren Bedingungen anzupassen.

So schafft Till sich immer mehr seine kleine perfekte Welt, in der er meint, den anderen möglichst wenig zur Last zu fallen und endlich etwas Eigenes zu entwickeln. Und im Internet schafft er für sich und seine neuen Freunde dann auch tatsächlich eine Welt, in der jeder nach eigenen Vorstellungen leben und sein Umfeld nach eigenen Ideen gestalten kann. Eine perfekte Welt. Dabei merkt Till gar nicht, dass er nicht zur Kenntnis nimmt, wie es ihm wirklich geht. Wie Magersüchtige auch, jagt er einem immer für Außenstehende immer sonderbarer werdenden Ziel hinterher:

Es ist alles okay, will ich ihm [dem Vater] sagen, (…). Es geht mir blendend, will ich ihm versichern, er kann sich voll und ganz auf mich verlassen. Ich bin auf einem tollen Weg, ich bin voll und ganz dabei, mir eine neue Form zu verpassen, kantig zu werden, ganz wie er es für essenziell hält.

Nach Milena Michiko Flasars Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ ist Kevin Kuhns Geschichte nun die zweite in kurzer Zeit, der sich mit dem Phänomen des Hikikomori beschäftigt. Aber während Flasars Hiro nach langer Zeit sein Zimmer zum ersten Mal verlässt und den schweren Weg schildert, wieder heraus und unter Menschen zu gehen und sich wieder zu den Eltern an den Tisch setzen und mit ihnen zu reden, lässt Kuhn seinen Ich-Erzähler Till die Geschichte des Rückzugs vom Beginn erzählen.
Dabei schafft Till es durchaus, die Sympathie des Lesers zu gewinnen und ihn mehr und mehr mit in seinen Kreis zu ziehen, auch wenn er nicht viel über die Gründe seines Ausstiegs erzählt. Nur die wenigen Blicke von außen auf Till, dann, wenn der Nachbar sein Zimmer mit einer Kamera beobachtet und sich die Follower dieses Live-Streams im Internet Gedanken machen über Pizzakartons, Tüten mit gelblichem Inhalt und der Staubschicht, oder wenn Till im elterlichen Wohnzimmer auftaucht, weil der Leguan zu sterben droht, zeigen die wahre, durchaus lebensbedrohliche Wirkung seines vermeintlich autarken Lebens in seinem Zimmer.

Auch die Rolle der Eltern bleibt hier durchaus in der Schwebe: Till zugewandt und ihn unterstützend auf der einen Seite, zum Beispiel wenn die Mutter hilft, das Sofa in den Keller zu bringen und ihn später mit allen Lebensmitteln versorgt, um die Till sie auf seinen Zetteln, bittet. Oder wenn der Vater die Disziplinvorwürfe in der Waldorfschule immer wieder belächelt und die Nicht-Zulassung nun juristisch klären will. Die Berufe aber sind eher eine Karikatur eines modernen Lebens, in dem jeder zum Architekt seines eigenen Lebenstraums werden kann: Schönheitschirurg der Vater, die Mutter Besitzerin eines künstlerisch ambitionierten Showrooms, in der alle merkwürdigen Möbel mit der entsprechend marketingaffinen Sprache zu horrenden Preisen verkauft werden. Da wird Tills Rückzug schnell zum „Projekt“ erklärt und als er nach Monaten mit dem halb toten Leguan im Wohnzimmer auftaucht, weiß die Mutter keinen besseren Kommentar als:

Das ist alles, was du uns nach so langer Zeit präsentierst, Till? Einen Kadaver?

Vielleicht leidet Till an einer Umwelt, die sicherlich sein Bestes will und ihm alle Freiheiten zur Entwicklung lässt, auf der anderen Seite aber auch gnadenlos den individuellen Erfolg einfordert. Dann leidet Till an einer Gesellschaft, die Heranwachsenden vor dem Hintergrund einer falsch verstandenen Erziehung zur Selbstständigkeit so wenig Unterstützung gibt, dass die, völlig überfordert, nur noch scheitern können.

Kevin Kuhn hat einen sehr schönen Roman geschrieben über die Probleme des Erwachsenwerdens in einer Gesellschaft, die es jedem erlaubt, ja geradezu einfordert, nach seiner Idee glücklich zu werden

Kevin Kuhn: Hikikomori, Berlin Verlag 2012

Grégoire Delacourt: Alle meine Wünsche

Beim StöbernDelacourt_Alle im Besten Buchladen hat das Umschlagbildes mein Interesse geweckt: Faden, Nadel, Knopf und Stoff. Und als ich dann auf dem Klappentext gelesen habe, dass die Protagonistin einen Weblog über Sticken, Nähen und Stricken betreibt, bin ich neugierig geworden  – auch wenn ich beim Hinweis auf den hohen Lottogewinn erst einmal einen recht kitschigen Inhalt befürchtet habe.

Jocelyne Guerbette ist die Besitzerin eines Kurzwarenladens in Arras. Sie lebt dort mit ihrem Mann, die beiden Kinder gehen schon ihre eigenen Wege. Seit ein paar Monaten betreibt sie unter dem Namen „Zehngoldfinger“ einen Blog, der so schnell so viele Leserinnen anspricht, das es schon fast unheimlich ist:

Ich schreibe darin jeden Morgen über die Freuden des Strickens, des Stickens, des Nähens. Ich stelle Stoffe und Wolle vor, Bänder mit Pailletten, aus Samt, Satin und Organdy; Baumwoll- und Elstikspitze, Tattenschwanzschnur, gewachste Schnürsenkel, geflochtene Kunstseidenkordel, Anorakkordel.

Und schon kommt eine Journalstin und möchte sie interviewen für einen Beitrag in der Zeitung:

Sie haben schon tausendzweihundert Besucher am Tag, ruft die Journalstin, tausendzweihundert, allein hier in der Gegend. (…) Ihr Blog ist überraschend. Ich habe hundert Fragen. Warum wollen jeden tag tausendzweihundert Frauen etwas über Stoffe lesen?Warum plötzlich diese Begeisterung für das Stricken, die Kurzwaren … das Greifbare? Glauben Sie, dass wir an berührungsmangel leiden? Hat das Virtuelle die Erotik getötet?

Mit den den Zwilligen, die den benachbarten Friseursalon betreiben, geht sie ab und zu in der Mittagspause essen und da die beiden jede Woche Lotto spielen, überreden sie Jocelyne, die dieser Art von Spielerei im Grunde nichts abgewinnen kann, doch einmal eine Reihe zu tippen.

Und nun  reist Jocelyne nach Paris, zur Zentrale von Francaise de Jeux. In Hervé Meuniers exklusivem Büro befühlt sie den dicken, weichen Teppich, schaut auf die großen Gemälde an der Wand, bestaunt die Aussicht. Bevor sie aber ihren Scheck bekommt, immerhin geht es ja um 18.547.301 Euro, die sie bei ihrem Experiment gewonnen hat, muss sie noch mit der hauseigenen Psychologin sprechen:

Sie braucht vierzig Minuten, um mir zu erklären, dass das, was mir passiert, eine große Chance und ein großes Unglück ist.  Ich bin reich. Ich werde mir kaufen können, was ich will. Ich werde Geschenke machen können. Aber aufgepasst. Ich muss mich hüten. Denn wenn man Geld hat, wird man plötzlich geliebt.

Und dann holt die Psychologin aus und erklärt ausführlich, was ein Lottogewinn doch für ein Unglück sei. Sie spricht von den Bettelbriefen völlig Fremder, von Selbstmorden anderer Gewinner, von dem veränderten Blick der Familie und der Freunde auf sie, weil alle nicht mehr sie sielbst, sondern nur noch ihr Geld sehen, und letztlich auch von ihrem Ehemann, der sie nun verwöhnen wird, einschläfern, geradezu vergiften.

Jocelyne fährt nach Hause, versteckt den Scheck in einem Schuh, sagt niemanden etwas und lebt ihr ganz normales Leben weiter. Es ist nicht so, dass die Psychologin ihr so einen großen Schreck eingejagt hat, vielmehr mag sie ihr Leben, so wie es ist. Sie mag ihren Mann mit seinen Ecken und Kanten – auch wenn sich beim Lesen sehr viele Ecken und Kanten zeigen – sie mag ihre Freundinnen und vor allem mag sie ihren Laden mit seinen Produkten, die es erlauben, etwas Eigenständiges zu erstellen: Sie ist, bei aller Bescheidenheit ihres Lebens, recht zufrieden damit.

Aber sie fängt auch an zu überlegen:  sie könnte auf einen Schlag alle Wünsche ihres Mannes erfüllen,  sie könnte den Zwillingen den ersehnten Mini kaufen, ihrem Sohn eine Créperie, ihrer Tochter eine Wohnung in London. Über ihre eigenen Wümsche führt sie lange Listen, aber darauf notiert sie meistens Wünsche, deren Erfüllung nichts mit Geld zu tun hat.  Sie ist noch zu keiner Entscheidung darüber gekommen, was sie mit den Lottogewinn tun wird, da wird ihr diese Entscheidung aus der Hand genommen. Und damit bewahrheiten sich dann doch die schlimmsten Prognosen der Psychologin. Am Ende hat sie zwar ein großes Haus an der Cote d`Azur und ihr schwer kranker Vater lebt endlich bei ihr, aber sie hat auch vieles verloren.

Ktischig wird die Geschichte nicht, denn die Ich-Erzählerin Jocelyn ist keine larmoyante Person. Zu ihren Erinnenungen und ihren Gefühlen hält sie Distanz, sich selbst betrachtet sie durchaus mit Ironie. Die Brüche in ihrem Leben und die Katastrophe, die nun über sie hereinbricht, beschreibt sie zurückhaltend, fast beiläufig.  Natürlich nehmen ihre Erlebnisse sie mit, die positiven wie auch die negativen, aber sie lässt sich von keiner Seite vereinnahmen, sondern bleibt sich selbst treu, kühl reflektierend. Einmal bleibt sie sich vielleicht sogar zu sehr treu, aber diese Lebenslüge erkennt und überwindet sie schließlich. So ist dies ein dünnes, schönes Buch, vielleicht gar nicht so sehr über das Stricken und Sticken und den Lottogewinn, als vielmehr über Liebe und Lüge, über Verrat und Gerechtigkeit, also über das ganz normale Leben.

Alan Bennett: Die souveräne Leserin

Die souveräne LeserinDie Queen liest – Ein Buch über die subversive Kraft des Lesens

Beim Staatsbesuch in Kanada ist die Queen „übellaunig“. Ihre emotionale Befindlichkeit zeigt sie ganz auf ihre Art:

„Im hohen Norden warteten die wenigen Eisbären, die sich auftrieben ließen, lange auf Ihre Majestät, und als die sich nicht blicken ließ, machten sie sich auf einer vielversprechenden Scholle davon. Zahllose Holzstämme verkeilten sich im Fluss, Gletscher kalbten ins eisige Meer, alles vom königlichen Gast unbeachtet, denn die blieb in ihrer Kabine.“

Was ist passiert, dass die Queen, die ihre Aufgaben immer pflichtbewusst wahrnimmt, immer pünktlich und adrett erscheint, nun nicht einmal mehr zu den Niagara-Fällen fahren möchte?

Die Queen hat entdeckt, wie wunderbar das Lesen ist. Gemeinsam mit ihrem persönlichen Leseberater Norman, der vor diesem Sprung in die Höhen des königlichen Beraterstabs Küchenjunge war, hat sie eine Lesekiste für den Staatsbesuch in Kanada gepackt. Die ist aber niemals angekommen, und nun sitzt sie ohne Lektüre und geistige Nahrung in der Natur Kanadas. Von ihrem Leseeifer ist der Hof nämlich wenig begeistert. So warnt ihr Privatsekretär, Sir Kevin, sie geradezu: durch das Lesen mache „man sich unzugänglich“, Lesen sei geradezu „eine selbstsüchtige Beschäftigung“. Und da die Queen  so uneinsichtig ist, sorgt Sir Kevin selbst dafür, dass die Bücherkiste nie in Kanada ankommt.

Alan Bennett, ein in Deutschland eher unbekannter englischer Dramatiker, hat ein ganz wunderbares Buch über die Queen und ein ganz wunderbares Buch über die (subversiven) Wirkungen des Lesens geschrieben. Zwar schaut Queen Elisabeth ganz neugierig vom typisch roten Buchcover des Wagenbachverlags, ihr Name oder der ihres Gatten oder ihrer Kinder wird im Buch jedoch niemals erwähnt. Und so ist das Buch eine Phantasie darüber, was passieren würde, wenn eine Queen das Lesen entdeckte.

Dabei lernen wir Leser Vieles über das Leben der Queen, die uns im Laufe unserer Lektüre mit ihrer klaren Beobachtungsgabe der Menschen in ihrer Umgebung und ihrer wunderbar spitzen Zunge richtig ans Herz wächst. Wir lernen Vieles über das strenge höfische Protokoll, das kaum Luft zum Atmen und der Queen vor allem keinen eigenen Entscheidungsspielraum lässt. Und natürlich lernen wir Vieles über das Lesen. Am Anfang liest die Queen aus Pflicht, im Laufe der Zeit aber liest sie immer mehr aus Lust. Sie entdeckt die vielen Autoren, wird immer kundiger beim Lesen und immer anspruchsvoller. Schritt für Schritt verändert das Lesen die Wahrnehmung  ihrer Umwelt und sie will – wie unerhört – mehr und mehr mitentscheiden. Und zum Ende hat das Lesen die Queen so verändert, dass sie zum ersten Mal in ihren Leben eine wirklich eigene Entscheidung trifft.

So lehrt uns Alan Bennett, welche ungeheure Kraft die Bücher haben, welches erzieherische Potential sie geradezu bereithalten. Und das lehrt er uns nicht mit dem erhobenen Zeigefinder, sondern in einer humorvoll und mit Augenzwinkern erzählten Geschichte über die Queen. Und schon spinnt der Leser den Gedanken weiter: Was wäre wohl, wenn der der ein oder andere deutsche Politiker  das Lesen anfinge…?

Alan Bennett: Die souveräne Leserin, Wagenbach Verlag 2008