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Kevin Kuhn: Hikikomori

HikikomoriAls Till die Zulassung zum Abitur nicht bekommt, räumt er alle Möbel aus seinem Zimmer bis auf die Matratze, ein Buchregal und den Schreibtisch mit seinem PC. Nun hat er mehr Platz und wenn er seine Matratze, die er in die Mitte des Zimmers auf den Boden gelegt hat, umrundet, braucht er jetzt 15 Schritte, während er früher nur 12 schaffte:

Im-Kreis-Gehen belebt das Denken. Ich bin lange nicht mehr im Kreis gegangen, ich hatte lange keine Zeit zum Denken mehr.

Immer mehr läuft Till im Kreis, immer mehr zieht er sich aus der Welt zurück und beschränkt sein Leben auf sein Zimmer. Er will keinen Kontakt mehr mit seinem Freund Jan und seiner Freundin Kim. Er nimmt nicht mehr an den Familienessen im Wohnzimmer teil. Und als Jan nach dem Abitur zur ehemals gemeinsam geplanten Reise nach Amerika und Australien aufbricht, beschließt er, die Welt im Kleinen, also die Welt in seinem Zimmer zu entdecken. Seiner Freundin, die er mit Jan auf der Reise vermutet, schreibt er:

vielleicht erklimmt ihr gerade einen berg, während ich mandarine um mandarine esse. Ich nehme es euch nicht übel, dass ihr die welt auf diese weise erkundet. ich mache es auf meine weise, ich werde beweisen, dass im kleinen detail die ganze welt stecken kann und dass man bei der betrachtung des kleinsten in ungeahnte höhen gerät. ich meine, es gibt doch forscher, die sich ihr ganzes leben lang mit amöben herumschlagen, sie heranzoomen, sezieren, zuordnen, ohne dass es ihnen langweilig wird. Mein zimmer ist so eine amöbe, eine box, die alles nur mögliche in sich trägt. du kannst bald kommen und sie dir anschauen! till.

Und konsequent und zielstrebig setzt er seinen Plan um, in seinen Mikrokosmos zu leben: Er tauscht mit seiner Mutter Zettel unter der Tür aus, und bekommt so Essen und Wasser, ohne dass er sein Zimmer verlassen muss. Er trainiert nächtelang in „Medal of Honor“, um seinen Kampf dort zu perfektionieren und neue Freundschaften zu pflegen. Er beobachtet die Vögel vor seinem Fenstersims, füttert sie und gewöhnt sie so an sich, dass sie ihm schließlich aus der Hand fressen. Er achtet auf einen Nachbarn im Haus gegenüber , der sich auch viel zu Hause aufhält, und gemeinsam rauchen sie Zigaretten, jeder hinter seinem eigenen Fenster. Er bestellt in Mexiko einen grünen Leguan und kann dessen Vertauen gewinnen, sodass sich das Tier schließlich auf seine Brust legt und am Hals kraulen lässt. Er versucht sich allen Veränderungen bestmöglich anzupassen, wie Jan es auf der großen Reise vielleicht auch tun muss: Als die Eltern in Urlaub sind und sich später auch grundsätzlich weigern, ihm Essen vor die Tür zu stellen, bestellt er sich Lebensmittel im Internet; als die Eltern ihm erst die Heizung und dann den Strom abstellen, versucht er immer wieder, andere Möglichkeiten zu finden, um sich an die neuen äußeren Bedingungen anzupassen.

So schafft Till sich immer mehr seine kleine perfekte Welt, in der er meint, den anderen möglichst wenig zur Last zu fallen und endlich etwas Eigenes zu entwickeln. Und im Internet schafft er für sich und seine neuen Freunde dann auch tatsächlich eine Welt, in der jeder nach eigenen Vorstellungen leben und sein Umfeld nach eigenen Ideen gestalten kann. Eine perfekte Welt. Dabei merkt Till gar nicht, dass er nicht zur Kenntnis nimmt, wie es ihm wirklich geht. Wie Magersüchtige auch, jagt er einem immer für Außenstehende immer sonderbarer werdenden Ziel hinterher:

Es ist alles okay, will ich ihm [dem Vater] sagen, (…). Es geht mir blendend, will ich ihm versichern, er kann sich voll und ganz auf mich verlassen. Ich bin auf einem tollen Weg, ich bin voll und ganz dabei, mir eine neue Form zu verpassen, kantig zu werden, ganz wie er es für essenziell hält.

Nach Milena Michiko Flasars Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ ist Kevin Kuhns Geschichte nun die zweite in kurzer Zeit, der sich mit dem Phänomen des Hikikomori beschäftigt. Aber während Flasars Hiro nach langer Zeit sein Zimmer zum ersten Mal verlässt und den schweren Weg schildert, wieder heraus und unter Menschen zu gehen und sich wieder zu den Eltern an den Tisch setzen und mit ihnen zu reden, lässt Kuhn seinen Ich-Erzähler Till die Geschichte des Rückzugs vom Beginn erzählen.
Dabei schafft Till es durchaus, die Sympathie des Lesers zu gewinnen und ihn mehr und mehr mit in seinen Kreis zu ziehen, auch wenn er nicht viel über die Gründe seines Ausstiegs erzählt. Nur die wenigen Blicke von außen auf Till, dann, wenn der Nachbar sein Zimmer mit einer Kamera beobachtet und sich die Follower dieses Live-Streams im Internet Gedanken machen über Pizzakartons, Tüten mit gelblichem Inhalt und der Staubschicht, oder wenn Till im elterlichen Wohnzimmer auftaucht, weil der Leguan zu sterben droht, zeigen die wahre, durchaus lebensbedrohliche Wirkung seines vermeintlich autarken Lebens in seinem Zimmer.

Auch die Rolle der Eltern bleibt hier durchaus in der Schwebe: Till zugewandt und ihn unterstützend auf der einen Seite, zum Beispiel wenn die Mutter hilft, das Sofa in den Keller zu bringen und ihn später mit allen Lebensmitteln versorgt, um die Till sie auf seinen Zetteln, bittet. Oder wenn der Vater die Disziplinvorwürfe in der Waldorfschule immer wieder belächelt und die Nicht-Zulassung nun juristisch klären will. Die Berufe aber sind eher eine Karikatur eines modernen Lebens, in dem jeder zum Architekt seines eigenen Lebenstraums werden kann: Schönheitschirurg der Vater, die Mutter Besitzerin eines künstlerisch ambitionierten Showrooms, in der alle merkwürdigen Möbel mit der entsprechend marketingaffinen Sprache zu horrenden Preisen verkauft werden. Da wird Tills Rückzug schnell zum „Projekt“ erklärt und als er nach Monaten mit dem halb toten Leguan im Wohnzimmer auftaucht, weiß die Mutter keinen besseren Kommentar als:

Das ist alles, was du uns nach so langer Zeit präsentierst, Till? Einen Kadaver?

Vielleicht leidet Till an einer Umwelt, die sicherlich sein Bestes will und ihm alle Freiheiten zur Entwicklung lässt, auf der anderen Seite aber auch gnadenlos den individuellen Erfolg einfordert. Dann leidet Till an einer Gesellschaft, die Heranwachsenden vor dem Hintergrund einer falsch verstandenen Erziehung zur Selbstständigkeit so wenig Unterstützung gibt, dass die, völlig überfordert, nur noch scheitern können.

Kevin Kuhn hat einen sehr schönen Roman geschrieben über die Probleme des Erwachsenwerdens in einer Gesellschaft, die es jedem erlaubt, ja geradezu einfordert, nach seiner Idee glücklich zu werden

Kevin Kuhn: Hikikomori, Berlin Verlag 2012

4 Kommentare

  1. Danke für diese schöne Besprechung, die mir aus dem Herzen spricht, denn auch ich habe den Roman von Kevin Kuhn sehr gerne gelesen. Seit „Ich nannte ihn Krawatte“ fasziniert mich die Hikikomori-Thematik unheimlich, ich hatte durch das Buch von Milena Michiko Flasar zum ersten Mal davon gehört.

    Schön auch, dass ich deinen Blog entdecken durfte – ich werde bestimmt noch häufiger vorbeischauen. 🙂

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Mara, über den ich mich schon alleine deshalb ganz besonders freue, weil Du die ERSTE bist, die einen Kommentar geschrieben hat. Da gehe ich doch gleich ganz beschwingt durch den Tag.
      Faszinierend an den beiden Romane finde ich, wie unterschiedlich das Thema erzählt wird. Und beide Autoren haben das jeweils so toll gemacht, dass ihnen viele Leser zu wünschen sind. Wer weiß, vielleicht können wir uns ja bald über weitere Hikikomori-Romane austauschen :-).

  2. Über weitere Hikikomori-Romane würde ich mich total freuen! .-) Vor einigen Wochen bin ich bereits über den Roman „Hikikomori and the Rental Sister“ gestolpert, den es bisher aber nur auf Englisch gibt und leider ist mein Englisch etwas eingerostet.

    Übrigens finde ich auch dein anderes Blogprojekt über die Hundejungs unheimlich spannend. Gerade verfolg bereits die Zeit, als ich eigentlich nur mal einen Blick da rein werfen wollte. Ganz tolle Fotos und Geschichten. Bandit und wir haben letztens auch einen Ball einbüßen müssen und haben ihn trotz aller Versuche leider nicht wiederfinden können. Um so mehr habe ich mich über deine „Igel“-Geschichten gefreut!

    • Von Felix und Linus soll ich ausrichten, dass Bandit sich gerne mal bei den Hundejungs melden könne, um aus seinem Alltag zu erzählen… Er weiß aus seiner leseverrückten Umgebung sicherlich auch ein paar gute Geschichten zu erzählen und findet bestimmt auch das ein oder andere Bild…

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