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Leserückblick 2018 (2): Vier Entdeckungen

Das Jahr 2018 hat mich nicht nur mit einer Roman-Serie überrascht, sondern mir auch verschiedene Entdeckungen beschert. Entdeckungen von Autoren, die mich mit ihrem Debüt überzeugt haben und Entdeckungen von Autoren, die schon länger publizieren, von denen ich aber bisher noch nichts gelesen habe. Ihre Romane haben mich auf eine Ölplattform und durch halb Europa geführt, in die hohen Berge und ins ostdeutsche Dorf. Das waren alles interessante, merkwürdige und anregende Reisen, auf denen ich vieles entdecken konnte, die mich vor allem aber auch durch die Art ihrer Erzählung begeistert haben.

Anja Kampmann entführte mich auf die schon genannte Ölplattform und zu den Nomaden-Arbeitern, die den Ölfördergebieten nachziehen,um den Energiehunger der Welt zu stillen. Da ist Waclaw, der nach dem Tod seines besten Kumpels Mátyás nicht mehr zurückkehren kann in den alten Lebensrhythmus zwischen zwei Wochen Arbeit auf der Plattform und zwei Wochen Reisen und Spielen und Genießen an Land. Von Sizilien aus macht er sich auf denWeg über die Alpen ins Ruhrgebiet und dann Richtung Polen und begibt sich auf die Suche nach seinen Wurzeln. Waclaws Geschichte erzählt Anja Kampmann in so einer verdichteten, poetischen und melancholischen Art, das sie noch langenachhallt. Und dabei ist dieser Roman ihr Debüt.

Céline Minrad schickt ihre Protagonistin in die hohen Berge. Hier, auf 1600 Metern Höhe, legt sie ihren Gemüsegarten an, erwandert ihre unmittelbare und auch die weitere Umgebung, steigt auf ihren Hausberg und beobachtet Licht und Wetter aus ihrer High-Tech-Überlebenskapsel. Irgendwann entdeckt diese Abenteurerin mehr und mehr Spuren eines anderen Wesens, entdeckt gar vor einem verlassenen Steinhaus, das die Elektrizitätsgesellschaft vor Zeiten gebaut hat, ein Wesen sitzen, eine Gestalt mit wolligem Umhang, vielleicht Mensch, vielleicht Tier. Es beginnt ein Kampf um die besten Plätze, teils erbittert geführt, teils mit List, manchmal auch als versöhnliches Beisammensein. Das spannende an diesem Roman sind die philosophischen Überlegungen der Protagonistin, wenn ihre Gedanken beispielsweise um die wesentlichen Fragen des Lebens kreisen und die Fragen von Autorität und Macht. Besonders reizvoll ist auch die Art des Erzählens, die nämlich ganz ohne Projektionen auskommt, die ganz in der Beschreibung der Situation bleibt und so ganz anschauliche, ganz plastische Momente schafft. Auch das Genre des Abenteuerromans bekommt durch manche Schilderung unheimlicher Momente ganz neue Facetten. 

An Terézia Moras Romanen habe ich mich lange vorbeigeschlichen. Ihre Frankfurter Vorlesungen („Nicht sterben“) habe ich dann jedoch mit großem Interesse gelesen. Und da stand ja noch dieser Erzählungsband in meinem Regal. In diesem Sommer habe ich ihn endlich gelesen.  Und gestaunt, wie Mora es gelingt, von den soganz normalen Menschen, ja, den Menschen, die alle einen oder mehrere Kratzermit sich herumtragen, zu erzählen. Manche Kratzer haben sie sich selbstzugefügt, manche hat ihnen das Leben mit auf den Weg gegeben. Und diese oft einsamen, manchmal in ihren Gewohnheiten merkwürdigen Figuren, die im Licht der üblichen Konventionen vielleicht sogar als Aliens bezeichnet werden können, bringt Mora uns durch ihre Erzählung ganz nah, zeigt sie in ihrer Verletzlichkeit, gibt ihnen eine besondere charakterliche Tiefe und vor allem eine Würde. Von zehn Schaukästen habe ich geschrieben, in die uns die Erzählerin blicken lässt,wenn wir ihre Geschichten lesen, von bis ins kleinste Detail modellierte Welten.Mich haben sie sehr berührt – und es wird nicht mein letzter Terézia Mora Band gewesen sein!

Auf Kathrin Gerlofs Roman „Nenn mich November“ bin ich ineiner kurzen Rezension in der Tageszeitung aufmerksam geworden. Da ist es doch,mein Thema, dachte ich, als ich dort las von dem Berliner Ehepaar, das dasAbrutschen in die Hartz-IV-Welt zu einem Umzug in ein ererbtes Haus in ein Kaffzwischen den Maisfeldern der ostdeutschen Provinz zwingt. Der Ehemann, David, hat wohl seinen Job verloren. Von einer Abfindung jedenfalls ist die Rede, die er zum großen Teil an der Börse verzockt. Die Reste steckt er in eine innovative Idee, die er mit seiner Frau Marthe umsetzen möchte. Die hat nämlich bei der Arbeistsagentur gekündigt, weil sie dieÜberprüfung und Gängelei ihrer „Kunden“ nicht mehr ertragen konnte. Aber kompostierbares Porzellan, so die Geschäftsidee, könnte ja durchaus marktfähig sein. Es klappt aber nicht und David und Marthe bleibt nur der Umzug in das geerbte Haus in der Provinz. Da lässt sich vielleicht die Zeit der Privatinsolvenz besser überstehen als in der teuren Hauptstadt. Als dann auch noch die Flüchtlinge im Dorf untergebracht werden sollen, kommen latente Abwehrreflexe gegen alles, was fremd ist, ans Tageslicht. Ein leiser Dorfroman, der davon erzählt, wie es um unsere Welt bestellt ist.

Von allen Autorinnen habe ich in diesem Jahr zum ersten Mal einen Roman gelesen. Außer Kampmann haben alle anderen den einen oder anderenRoman veröffenlticht. So wird es im nächsten Jahr sicherlich immer mal wiederzum #backlistlesen kommen.

18 Kommentare

  1. Ein spannender Jahresrückblick. Ich liebe Terezia Mora, sie ist so genau, geht in die Tiefe, trifft. Das Ungeheuer von ihr ist eines meiner Lieblingsbücher

  2. Das ist das Schöne am Bloggen – man entdeckt unter artverwandten Bloggerinnen immer wieder Autor/innen, auf die man selbst so nie gekommen wäre. Drei der vier von dir hier aufgeführten sind mir auch vollkommen unbekannt gewesen – das Buch von Anja Kampmann liegt inzwischen hier, ich hoffe, die ruhige Weihnachtszeit gibt mir Raum zum Lesen.
    Dir gute Lesetage, Birgit

    • Liebe Birgit,
      ich wundere mich auch gerade bei den Jahresrückblicken, dass es doch offensichtlich auch noch viele andere Bücher gab, die meinen Lieblingsbloggern gefallen haben und von denen ich kaum etwas wusste. Ich glaube, mittlerweile haben wir alle einen ganz schön eigenen Geschmack und ganz besondere Vorlieben ausgebildet. Das ist total schön, weil es immer etwas zu lesen gibt, was ich nicht kannte und vielleicht auch gar nicht selber lesen werde (aber ich kann dann überall total kundig mitschwätzen :-)) und manchmal entdecke ich auch Titel, die ich sonst nie im Leben wahrgenommen hätte.
      Ich denke, die ruhige Weihnachstzeit, wenn es früh dunkel und auf dem Sofa bei Kerzenschein und Tee oder Kaffee oder Kakao ganz besonders gemütlich ist, ist genau die richtige Lesezeit für Anja Kampmanns Roman. Und Vorsicht: zu Beginn ist es ordentlich stürmisch und sehr nass!
      Viele Grüße, Claudia

  3. Kann mich Birgit nur anschließen. Keines dieser Bücher habe ich bislang gelesen und alle vier klingen richtig gut. Man bekommt zwar eine Leseliste die man im ganzen Leben nicht abarbeiten kann, aber dank des hübschen japanischen Wortes Tsundoko weiß man ja jetzt, geht vielen so und ist sogar gesund. Danke auf jeden Fall fürs Aussieben und vorstellen 🙂
    Ganz liebe Grüße, Sabine

    • Liebe Sabine,
      und wenn es mit der Lesezeit und den vielen Empfehlungen nicht reicht, dann hat man wenigstens einen kleinen Einblick bekommen in Romane, die man bisher nicht auf der Liste oder dem Stapel hatte. Aber natürlich empfehle ich sie alle vier. Und hoffe, dass ich es schaffe, am Ende der Woche noch einmal auf vier besondere Romane (da sind dann auch auch zwei sehr, sehr dicke dabei) zurückzublicken. Die aber schon mal häufiger auf den Blogs vorgestellt wurden. Viele Tsundoku-Anregungen… 🙂
      Bis dahin viele Grüße, Claudia

  4. Der Roman von Minard hat mir auch sehr gut gefallen, es ist ein ganzes eigenes Werk. Den Roman von Kampmann behalte ich mal im Hinterkopf. Ich habe dazu schon andere Empfehlungen gelesen, so dass ich neugierig geworden bin. Viele Grüße

    • Liebe Constanze,
      von Minard habe ich mittlerweile auch den Western „Mit heiler Haut“ gelesen. Auch richtig klasse. Und dass, obwohl ich seit den Winnetou-Zeiten nicht wirklich ein Western-Fan bin. Ich werde berichten.
      Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dir Kampmanns Roman gut gefallen würde. Aber es ist eben oft so, dass so viele andere spannende Romane auf der Leseliste stehen oder auf dem Stapel liegen. Alles lesen geht halt nicht.
      Viele Grüße, Claudia

      • Hallo liebe Claudia, ja, „Mit heiler Haut“ steht schon seit einiger Zeit auf meiner Wunschliste, die nicht kürzer wird, weil ich Kampmann mal dazustelle. Im Übrigen lese ich sehr gern mal einen Western, gerade auch aktuell: Sebastian Barry und sein Roman „Tage ohne Ende“. Viele Grüße

      • Liebe Constanze,
        dann bist du ja nach Barry schon richtig „im Thema“ und könntest bei Minard in das Entstehen einer neuen Stadt eintauchen. Und ich warte auf deine Besprechung der „Tage ohne Ende“, vielleicht schließt sich ja eine weitere Western-Lektüre auch bei mir an :-).
        Viele Grüße und eine schöne Weihnachtszeit wünscht Claudia

      • Hallo liebe Claudia, ja, zu Barry schreibe ich einen Text nach Weihnachten. Es ist ein wundervolles Buch, das mir unheimlich gut gefallen hat. Ich wünsche Dir ebenfalls eine wundervolle Weihnachtszeit. Viele Grüße

  5. Anja Kampmann liegt leider auch schon viel zu lange hier – seit der LBM. Am Interesse mangelt es nicht… LG (Kommeniteren klappt hier ja wieder 😉 )

    • Es ist halt so. Bei manchen Büchern kommt irgendwie immer etwas dazwischen…oder drängelt sich etwas vor… Und dass das Kommentieren wieder klappt, hat nichts mit mir zu tun. Ich habe alles kontrolliert, alles für richtig befunden und vor allem: nichts geändert. Das war wohl auch gut so. Steckt man eben nicht immer drin in den Bits und Bytes.
      Liebe Grüße, Claudia

  6. Liebe Claudia, zum Glück gibt’s Jahresrückblicke für Dauerblogpausierer wie mich 🙂 Moras Erzählungen haben mein Interesse geweckt. Ich wünsche Dir ein schönes Weihnachtsfest und einen tollen Start ins neue Jahr.

    • Liebe Peggy,
      dann wünsche ich dir viel Freude mit den „Aliens“ – und vielleicht auch weiteren Büchern von Mora. Und natürlich dir auch ein wunderbares Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr! Auf dass wir uns wohlbehalten in 2019 wiederlesen.
      Viele Grüße aus dem nicht gerade weihnachtlichen nordrheinwestfälischen Dauerregen bei 7 Grad, Claudia

  7. Hallo Claudia,
    deine Worte bringen das schön auf den Punkt:
    „Ich glaube, mittlerweile haben wir alle einen ganz schön eigenen Geschmack und ganz besondere Vorlieben ausgebildet. Das ist total schön, weil es immer etwas zu lesen gibt, was ich nicht kannte und vielleicht auch gar nicht selber lesen werde … und manchmal entdecke ich auch Titel, die ich sonst nie im Leben wahrgenommen hätte.“
    Und trotzdem sind wir „artverwandt“ 🙂
    Mir geht es wie dir bei mir: Von deinen Jahreshighlights habe ich keines gelesen. Macht aber nichts. Siehe deine Worte. Und das finde ich immer wieder großartig, anregend, spannend, informativ, belehrend, Horizont erweiternd, erleichternd (ich muss nicht alles lesen), muss mich nicht für alles interessieren, bekomme aber trotzdem das ein oder andere mit. Und leider trotzdem immer noch so viele tolle, unwiderstehliche Tipps, die dann eben doch auf die Wunschliste kommen.
    Also, liebe Artverwandte, auch dir ein frohes neues Jahr mit lohnenden Büchern zuhauf.
    LG Anna

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