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Céline Minard (2014): Mit heiler Haut (#backlist 1)

Im letzten Jahr hat Céline Minard mit „Das große Spiel“, einer philosophischen Abenteuergeschichten im hohen Gebirge, einen ganz außergewöhnlichen Roman geschrieben. Der machte auf jeden Fall neugierig auf die anderen Bücher Minards. Schon das Cover des 2014 erschienen Romans macht deutlich: „Mit heiler Haut“ ist ein Western. Kann das denn gut gehen, kann das „gute Literatur“ sein? Immerhin ist der Western eher bekannt für seine immer gleichen Klischees, den Postkutschen und Banken, die gerne mal überfallen werden, dem Saloon und dem Gefängnis, den Planwagen und Eisenbahnen, den Siedlern und Indianern, den Glücks- und Goldsuchern, den Ganoven und den Cowboys und ihren immer gleichen Konflikten, die manchmal mit der Hilfe des Sheriffs und der Gesetze gelöst, manchmal aber durch den schnellsten Schützen entschieden werden.

Und tatsächlich: Minard bedient sich all dieser Klischees – und erzählt sie doch alle wieder neu. „Unablässig rollte der Planwagen voran.“ So beginnt der Roman mit der Geschichte von den Brüdern Brad und Jeffrey, die zusammen mit Brads Sohn Josh und ihrer Mutter im Planwagen gen Westen reisen, weil vor allem Brad davon träumt, sich dort eine Farm aufzubauen, am liebsten in der Nähe einer friedlichen Stadt mit ein oder zwei Saloons, wo er auch mal ein Glas trinken gehen kann. In den Monaten ihrer Reise aber haben sie einige Beschwernisse: „Hinten lag die Großmutter und schrie mit aller Kraft gegen die Erde und die Stöße an, gegen die Luft in ihren Lungen.“ Diese Großmutter, die vor siebzig Jahren ihr Dorf in Schottland verlassen hat und nun, hochbetagt, monatelang in diesem unkomfortablen Planwagen „ins letzte Exil“ fährt, ist wütend. Wahrscheinlich völlig zu Recht, wenn die Söhne das Weite suchen mussten, um dem aufgebrachten Nachbarn zu entkommen, dem zwölf Silbertaler entwendet wurden. Erst auf dem Wagen sitzend, nun nur mehr liegend, schreit die Großmutter ihre Mutter nun während langer Passagen der Fahrt um die Erlaubnis an, „endlich das Reich betreten“ zu dürfen. Erst als sich die Indianerin Über-die-Ebene-fließendes-Wasser, eine bei den verschiedenen Indianerstämmen hoch angesehene Heilerin, ihrer annimmt, kann sie endlich in Frieden sterben.

Nicht nur Brad, Jeffrey und Josh reisen durch diese Gegend. Auch Zebulon durchwandert die Prärie, zu Fuß, weil er vor zwei Wochen beschlossen hat, seine Pferde in Owensboro stehen zu lassen und nur noch nachts weiterzugehen. So liegt er auch mal unter einem Salbeibusch beim Mittagsschläfchen, während Männer eine Herde Pferde nahe an ihm vorbei treiben. Zebulon träumt davon, endlich einen Ort zu finden, an dem es etwas zu trinken gibt, ein richtiges Bett mit richtigen Laken, Decken und Kissen – und ein Bad.

Bird Boisverd ist auf seinem Pferd ebenfalls in der Nähe angekommen. Er hat im letzten Winter im Norden zusammen mit Richmond, einem Trapper, „der die feinsten Kniffe seines Berufs kannte“ Fallen gestellt und den Winter über Leder gegerbt. Und dann ist Richmond im Frühjahr, Bird hatte alles schon für die Reise zusammengepackt, einfach des Nachts alleine abgehauen, zum nächsten Markt, wo er die gesamte Arbeit des Winters verkauft hat. Bird ist ihm nachgereist, ist aber zu spät zum Markt gekommen. Seinem Leitspruch folgend, einen Ort immer reicher zu verlassen, als er ihn betreten hat, schärft er ein Messer ohne Griff, das er irgendwo gefunden hat, solange, bis es ein Haar in der Luft spalten kann. Dann sucht er weiter, findet Richmond „und war dann auf eine Art und Weise mit ihm umgesprungen, dass der andere sich nicht mehr daran erinnern konnte.“ Bird hat dann den Norden verlassen, denn der ist keine gute Gegend mehr gewesen für diejenigen, die Selbstjustiz üben.

Auch Elie Coulter, der Goldsucher, ist auf dem Weg. Er ist zu Fuß unterwegs, leider, denn diese Art der Fortbewegung findet er nur „attraktiv, wenn sie von Frauen auf den Brettern einer Bühne oder beim Einkaufen unter den Arkaden einer Stadt praktiziert werden.“ So nutzt er die Gelegenheit, als er Bird Boisverds Pferd alleine am Rand eines Waldes stehen sieht, um es zu stehlen. Und freut sich, dass er nicht nur ein Pferd hat, sondern auch die komplette Ausrüstung eines Trappers sowie Lebensmittelvorräte. Nach der Flucht kocht er damit erst einmal ein schönes Chili. Aber das isst ihm Zebulon weg – Elie hat gerade am Flussufer Haare und Gesicht gewaschen und das Essen nicht bewacht – und beim anschließenden Würfeln verliert Elie alles -entgegen seinem einzigen Grundsatz: „Man darf beim Spielen alles verlieren bis auf sein Pferd“.

Minards Prinzip wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Ihren Roman bevölkern die üblichen Figurentypen, die einen Western ausmachen, die aber in ihrem Roman ganz eigene Denk- und Betrachtungsweisen haben, denen individuelle Vorlieben oder Gewissheiten zu eigen sind, die den Leser immer wieder irritieren, verwundern, zum Lachen bringen. Manche dieser Besonderheiten sind in der Handlung angelegt, der Mittagsschlaf des Romanhelden unter einem Salbeistrauch zum Beispiel, vieles in der Art der Figuren, die Welt zu betrachten und zu träumen, oder auch in der Sprache, in der erzählt wird. Die Autorin jedenfalls bürstet mit großer Freude und Fabulierkunst unsere Vorstellungen vom Western gegen den Strich und erschafft Figuren mit ihren Vorgeschichten, mit ihren Vorlieben und Visionen, mit ihren Träumen, mit ihren Stärken und vor allem auch mit ihren Schwächen. Schwach werden sie nämlich alle schon mal, wenn es um Recht und Gesetz geht, sie alle haben mehr oder weniger Dreck am Stecken. Nicht nur für Zebulon gilt: „Schließlich herrschte hier kein Recht und Gesetz. Genau deshalb war er ja da.“

Langsam nähern sich die Reisenden alle der neuen Stadt, von der sie gehört haben. Dabei ist „Stadt“ ein sehr beschönigender Ausdruck, denn es handelt sich ja eigentlich nur um ein paar Bretterbuden rechts und links einer Straße, dazwischen Zelte. Immerhin aber stehen diese Behausungen mitten in der einsamen Prärie.  Und es sind schon fast alle da, die man in einer funktionierenden Stadt braucht: ein Fleischer, ein Barbier, ein Waffenhändler und ein Eisenwarenhändler. Am Rand hat Nils Antulle eine Schafzucht aufgebaut, seine Töchter fertigen aus der Wolle Decken und helfen beim Vermieten der Betten in ihrem Zelt-Hotel. Das einzige zweigeschossige Gebäude ist der Saloon, den Sally betreibt, mit Zimmern in der oberen Etage, die ihrem Bordell gehören. Hier ist auch Arcadia angekommen, eine Musikerin, die mit ihrem Bass herumreist, sich bei Sally eingemietet hat und nun mit ihrer Musik zum gesellschaftlichen Leben im Ort beiträgt. Die Frauen in dieser Stadt sind überhaupt alle starke Figuren, die locker „ihren Mann“ stehen.

Mit Zebulons Ankunft in der Stadt kehrt ein bisschen mehr Zivilisation ein. Zebulon, der sich schon auf seiner Reise als sehr freundlicher, umgänglicher und hilfsbereiter Mensch erwiesen hat und der sein Gegenüber ein ums andere Mal „sympathisch“ findet, setzt nämlich hier in der Stadt einen Wunsch um: Er, der das Baden so sehr liebt, lässt mit der Postkutsche Badewannen liefern und eröffnet sein Badehaus “Zum rudimentären Luxus“, dessen Preise, das ist ihm ganz besonders wichtig, er so wählt, dass sich jeder die Freuden des Bades leisten kann. Mit seinem Badehaus kommt er ganz schön Sally in die Quere, die an den ersten Tagen nach der Eröffnung kaum Kunden begrüßen kann. Dieses Problem aber lösen Sally und Zebulon ohne Problem.

Hier in der Stadt werden nun die auf der Reise entstandenen Konflikte um Bird Boisverds Pferd gelöst, es werden die Auseinandersetzungen mit dem Obergauner Quibble und seiner Bande nunmehr gemeinschaftlich geführt und es gibt Verhandlungen mit den Dakota-Indianern um den Häuptling Grollendes-Gewitter. So etablieren sich langsam Strukturen, die dem Ort Sicherheit und Stabilität geben und den Rahmen für weitere Prosperität.

Aber Minard geht es nicht nur um den Aufbau einer neuen Stadt. Es geht ihr auch um einen Vater-Sohn-Konflikt, um die Auseinandersetzung mit einem Vater, der in einer anderen Gegend zwar vom Kopfgeldjäger zum Sheriff geworden ist, der sich aber von seinem Sohn in der Öffentlichkeit, noch dazu vor dem Governeur, nicht die Wahrheit sagen lassen kann. Dann kann er auch schon mal die Buchstaben des Gesetzes nach eigener Lesart auslegen. Mit seinen Milizionären ist er dem Sohn nun auf der Spur und findet ihn auch irgendwann in der neuen Stadt. In der Stadt aber ist man schon lange vorbereitet auf die Auseinandersetzung, denn die Indianerin Über-die-Ebene-fließendes-Wasser, bestens vernetzt und im Besitz aller wichtigen Informationen in dieser Gegend, hat mehrfach vor den näher kommenden gefährlichen Männern gewarnt.

Céline Minard hat den Western in anspruchsvolle Literatur verwandelt. Sie jongliert souverän mit seinen Versatzstücken und gibt ihm, auch durch die sprachliche Gestaltung, eine ganz moderne Form. Wenn es um die mystischen Rituale der Indianer geht, dann schleichen sich auch märchenhafte Facetten ein. Und dem amerikanischen Mythos von der Eroberung des Westens stellt sie mit Zebulon eine biblische Figur zur Seite: Sebulon ist einer der Söhne Jakobs, der zum Gründungsvater eines der zwölf jüdischen Stämme wird.

Den großen Showdown zum Ende, den löst sie dann auch auf alt-europäische Weise, vor allem ist hier der Gemeinsinn, in der französischen Revotlution war ja von der Brüderlichkeit die Rede, viel wichtiger als der Cowboy mit dem schnellsten Finger am Colt. Obwohl: geschossen und gestorben wird hier auch, den ersten Schuss gibt Arcadia ab, als einer der Männer des Vaters eine falsche Bewegung macht. Die Bilder aber, die Minard hier vor dem Auge des Lesers entstehen lässt, die langsamen Bewegungen der Protagonisten und ihr Schweigen, die lassen Bilder entstehen, die auch aus einem Westernfilm stammen könnten. Und die Musik von Sergio Leone hat der Leser sofort im Kopf.

Celine Minard (2014): Mit heiler Haut, aus dem Französischen von Nathalie Mälzer, Berlin, Matthes & Seitz

2 Kommentare

  1. Hallo,

    in letzter Zeit habe ich zwei Bücher gelesen, die im Wilden Westen angesiedelt sind – „Dragon Teeth“ von Michael Crichton und „The Hunger“ von Alma Katsu. Obwohl ich mich vorher nicht unbedingt als Fan von Wildwest-Geschichten bezeichnet hätte, fand ich beide sehr interessant (auch wenn „Dragon Teeth“ als Frühwerk Crichtons nicht ohne Schwächen ist).

    Insofern bin ich an „Mit heiler Haut“ durchaus interessiert. Die Rezension klingt großartig. Dazu kommt noch, dass zwei Bücher von Matthes & Seitz mich in den letzten Monaten sehr positiv überrascht haben und ich daher vorhabe, mehr aus dem Verlag zu lesen.

    Ah, wie ich sehe, hat die Onleihe das eBook, das habe ich mir doch direkt mal ausgeliehen…

    LG,
    Mikka
    [ Mikka liest von A bis Z ]

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