am Rande notiert, Romane
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Eröffnung der Wuppertaler Literatur Biennale – #SchönLügen im Skulpturenpark, #WLB18

Wer am 6.5.2018 die Eröffnungsfeier der in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindenden Wuppertaler Literatur Biennale im Skulpturenpark besuchen wollte, hatte zunächst einmal einen herausfordernden Waldspaziergang zu bewältigen – zumal die zur festlichen Veranstaltung passenden Schuhe eben gerade nicht besonders geeignet waren, den manchmal steilen, manchmal unebenen Weg zu meistern. Nicht umsonst sind die den Park umgebenden Straßen nach Iltis, Hirsch und Gemse benannt. Die Mühe des Wanderns lohnte sich aber: Die neue lichtdurchflutete Ausstellungshalle ermöglichte spektakuläre Blicke über Wuppertal und in den anliegenden Wald. Und die Skulpturen von Markus Lüpertz boten zusätzlich einen großartig würdigen Rahmen für Eröffnung und Preisverleihung.

wlb_E4#SchönLügen ist das Motto der diesjährigen Wuppertaler Literatur Biennale. Es wurde schon vor der Wahl Trumps zum amerikanischen Präsidenten – mit großer Weit- und Klarsicht offensichtlich – festgelegt und ist auch in diesem Jahr eines der ganz aktuellen Themen, die die Gesellschaft umtreibt. Da wird der Begriff „alternative Fakten“ zum Unwort des Jahres gekürt, da verbreiten – auch hierzulande – manche Politiker und andere Vorbilder ganz fragwürdige und merkwürdig zugespitzte Inhalte, da kann es jedem passieren, in den sozialen Medien Opfer von Verleumdung und Hetze zu werden. Wahrheit und Fiktion – sie scheinen aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Und die Literatur? Ihr Wesen ist schon immer die Fiktionalität. Gerade indem sie nicht der Wahrheit entlang erzählt, schafft sie Einblicke in unsere Welt und unser Leben, die anders gar nicht möglich wären. Denn „Kunst“, so zitiert Torsten Krug im Programmheft Friedrich Nietzsche, „behandelt ´den Schein als Schein, will also gar nicht täuschen, ist wahr`.“

Natürlich setzten sich auch Alexa Hennig von Lange und Bodo Kirchhoff im ersten Teil der Veranstaltung mit der Frage nach Wahrheit und Lüge auseinander. So erzählt Kirchhoff, dass er schon immer ein „Flunkerer“ gewesen sei, ein „verlogenes Kind“. Schon als kleiner Junge habe er Geschichten erfunden und bald gelernt, dass dies ein gutes Mittel sei, für sich einen sicheren Raum zu schaffen, wenn das Leben sonst einige Unsicherheiten bereit hält. Anderen gegenüber sei das Erzählen eine besondere Fähigkeit, mit der sich auch fußballerisches Mittelmaß gut kompensieren ließ. Ein Schriftsteller, so fasst Kirchhoff zusammen, sei eben kein Journalist, er habe nicht wie dieser eine Verantwortung und Verpflichtung zur Wahrheit.

wlb_E6Für sein eigenes Schreiben sei die Sprache ganz wichtig, die für ihn viel zu tun habe mit Musik. Und für seinen neuen Roman „Dämmer und Aufruhr“, der im Juni erscheinen wird, seien auch Bilder Inspirationsquellen gewesen, die kleinen schwarz-weißen Bilder aus den 1950er Jahren, die er zum Teil mit der Lupe betrachtet habe, und von denen es nur wenige gab. Aber jedes von ihnen sei für den Schreibprozess umso bedeutender gewesen sei, habe eine besondere Aura gehabt und einen „Gefühlsraum“ eröffnet, wie er sich heute bei den vielen Bildern, über die wir verfügen, wohl nicht mehr einstelle.

Als er später dann die ersten Seiten seines neuen Romans liest, wird ganz unmittelbar klar, was Kirchhoff mit dem Zusammenhang von Sprache und Musik meint. Da entsteht beim Vorlesen ein Rhythmus, ein besonderer Sound, der den Inhalt des Textes durch den besonderen Klang stützt. Sein Text erzählt, anschaulich den Fotos folgend, die dem Zuhörer schnell vor dem inneren Auge erscheinen, von dem vierjährigen Jungen, der alleine mit seiner Mutter die Sommerfrische in Kitzbühel verlebt, vom gemeinsam getragenen Koffer, von den neuen Umgebungen und den vielen neuen Begriffen, die die Mutter ihm immer wieder ins Ohr flüstert.

Im zweiten Teil der Veranstaltung dann wurden die Preisträger des „Preises der Wuppertaler Literatur Biennale“ ausgezeichnet. 134 jüngere Autorinnen und Autoren haben ihre Texte für diesen Preis eingereicht. Die Jury hat aus den völlig anonymisierten Texten drei ausgewählt, die ihr preiswürdig erschienen.

wlb_E5Ausgezeichnet wurden nun Stephan Roiss, der den Auszug aus einem Romanmanuskript eingereicht hat. Ein Wir-Erzähler, ein kleiner Junge, erzählt in „Mutterseele“ von seiner ziemlich trostlosen Kindheit und ihren Auswirkungen auf seine Seele.

 

Wie Roiss erhielt auch Franziska Schramm wlb_E7den Förderpreis für ihre Geschichte über „Tutti“ und Thomas, die im Lebenmittelladen arbeiten und sich am Ladeneigentum bereichern. Dabei fällt die Strafe, als sie dann erwischt werden, den sozialen Schichten, denen sie entstammen folgend, auch unterschiedlich aus.

wlb_E8Den Haupttpreis hat sich Yannic Han Biao Federer erschrieben mit seiner Geschichte „stay hungry“. Die erzählt mit einigen Pointen vom glücklosen Schriftsteller René, der sich auch als PR-Berater mehr schlecht als recht versucht, finanziell über Wasser zu halten und in seinem fiktionalen Werk über einen Autor schreibt, der als PR-Berater jobbt. Als Frau Heinze, die Nachbarin, um die er sich immer wieder kümmert und einkaufen geht, plötzlich stirbt, findet er ein Thema für sein Buch.

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Mit den vielen fiktionalen Stimmen im Ohr fällt dann der Abstieg durch den immer noch von der Sonne beschienenen Wald ganz leicht. Vorbei an einigen der im Park verteilten Skulpturen wird deutlich, dass auch diese Kunst einen ganz besonderen Umgang mit der Realität pflegt.

Weitere Bilder und Eindrücke gibt es auch hier.

4 Kommentare

    • Das Wetter spielte mit und die Umgebung war klasse – die Veranstalter haben also alles getan, damit es wirklich schön aussah :-). Und so wurde es ein wirklich toller Abend.

    • #Schönlügen ist ein wirklich „sprechendes“ und „augenzwinkerndes“ Motto für eine Literatur-Reihe. Und bei den vielen interessanten Lesungen, die nun in den nächsten zwei Wochen auf dem Programm stehen, ärgere ich mich dann doch über meine vielen beruflichen Abendverpflichtungen… Aber ein paar Lesungen werde ich wohl doch besuchen können.
      Viele Grüße, Claudia
      Viele Grüße, Claudia

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