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Brigitte Kronauer: Gewäsch und Gewimmel

KronauerIn fernen Zeiten, als das Wäschewaschen in einem Dorf noch gemeinschaftlich am Fluss, am Brunnen oder am Waschtrog stattfand, trafen sich die Frauen. Und während sie ihre Wäsche gemeinschaftlich einweichten, einseiften, schrubbten und bürsteten, kneteten, ausspülten, bleichten und trockneten, vertrieben sie sich die Zeit mit Gesprächen. Sie schwätzten und tratschen und schnatterten und klatschten und tauschten sich aus über die Fehler der anderen: sie wuschen also schmutzige Wäsche in verschiedener Hinsicht. Nun wird schon ewig nicht mehr am Dorfplatz gemeinsam gewaschen, geblieben ist das Gewäsch aber trotzdem: der Flurfunk belebt und würzt den Büroalltag, das Schwätzchen am Zaun verschafft die Teilhabe am Leben der vielen näher und entfernt wohnenden Nachbarn, im Supermarkt wird zwischen Kartoffeln und Möhren die Krankengeschichte der unglücklichen Tante zum Besten gegeben und bei der Geburtstagsfeier erhalten die Gäste einen mehr oder weniger ausführlichen Überblick über den Verlauf der Geschichte des schwarzen (Familen-)Schafes seit dem letzten Jahr. Es wird ja auch so gerne gesprochen über die, die gerade nicht da sind, geklatsch und getrascht, „gehaspelt, gesponnen, geschnurrt“, vor allem: verraten. Ob das alles wahr ist, was erzählt wird, ob nicht Lücken in der Geschichte des nicht Anwesenden selbst fantasievoll gefüllt werden, ob nicht die Geschichte schon auf ganz falschen Beobachtungen und noch falscheren Deutungen beruht, ob nicht gar auch ein bisschen abgegrenzt und ausgegrenzt werden soll – all das bleibt beim Gewäsch völlig offen.

Der Volksmund verdächtigt heute den (Hunde-)Friseur als Ort des Klatschens und Tratschens, des Raunens und Wisperns, des Schwafelns und Plapperns. Brigitte Kronauer hat in ihrem Roman einen weiteren Ort ausgemacht, einen modernen, wie geschaffen für die Enthüllung des ein oder anderen Geheimnisses: die Praxis der Krankentherapeutin Elsa Gundlach, in der die Patienten unter ihren Entspannung und Entlastung verschaffenden Händen alle Vorsicht und Rücksicht fahren lassen und zu plaudern beginnen. Wer hier was erzählt, ob die Geschichten selbst erlebt sind oder ob Gehörtes erzählt wird, bleibt in den  kurzen Erzählfragmenten offen: Wem kann der Leser vertrauen,  welchen Geschichten  geht er besser nicht auf den Leim? Wie es sich für richtigen Klatsch gehört, bleiben Quellen und Wahrheitsgehalt unklar, es gilt der Geschichte zu lauschen und dem Erzähler beizupflichten. Das ist der soziale Kitt dieser Art der Kommunikation.

Manchmal wird von Menschen erzählt, die wohl in Elsas Umgebung wohnen, manchmal aber auch von Menschen, die weit weg wohnen, in Berlin in Frankfurt, in Leipzig. So erfahren wir Leser von Pastor Dillenburgs Besuchen bei der alten und einsamen, nur mit ihrer Katze zusammenlebenden Frau Fendel, von seinen mühsamen Wegen auf schmerzenden Füßen von Hausbesuch zu Hausbesuch, von seiner Schwester, die erst zu ihm zieht, dann den um seinen treuen Hund Rex trauernden Timo Brück kennenlernt, den sie schließlich heiratet; vom mehrfach preisgekrönten Schiftsteller Pratz, der sich auf einer seiner ersten Lesereisen in das Allgäuer Städtchen Immenstadt verliebt und jetzt daran arbeitet, der Nachwelt versteckte Informationen zum Enträtseln zu hinterlassen; von Hubert Wind, der so gerne durch die Schweizer Alpen wandert; von Alex, der sich von einem prekärem Arbeitsverhältnis zum nächsten hangelt mit dem hehren Ziel, bloß nicht Hartz IV-Empfänger zu werden, bis er schließlich in der Gaststätte seiner Schwester mithilft und dort zwei ältere Damen bedient, die sich einmal über die Jungfräulichkeit Marias streiten. Die Menschen in den Geschichten, die Elsa in ihrer Praxis erzählt werden, beschäftigen sie noch bis in die Nacht und so weckt sie ihren Freund Henry, wenn sie mal wieder nicht schlafen kann, und erzählt sie ihm.

Elsa.“Schläfst Du?“

Freund: „Wenn man mich nur ließe!“

Elsa: „Ich weiß es von sabine, jetzt Sabine Scheffel oder Scheffer, der Tochter von Frau Wäns. Der hat es die Galeristin Iris erzählt, diese Iris Steinert mit dem Silberblick, du erinnerst dich, die Steinert, diese Katze, die sofort alles körperlich ausdrücken, aber sich andererseits immer verstellen muss: Die geschiedene, von ihrem Schwarzen aber auch wieder getrennte, jetzt unversehens mollige Frau Herzer spielt neuerdings Blitzschach!“ (S. 548)

In die Lebensgeschichten von mindestens einem Dutzend Menschen gewährt Brigitte Kronauer uns so Einblicke. Dabei verändert sich von Geschichte zu Geschichte die Form der Erzählung. Manchmal scheint es sich um einen Zeitungsbericht zu handeln, manchmal wird ein Dialog erzählt oder ein Briefwechsel wiedergegeben, es finden sich viele Rätsel – die wohl auf den Leser abzielen und überprüfen, ob er auch aufmerksam bei der Sache bleibt -, manchmal sind es Märchen oder Geistergeschichten, oft  Anekdoten, immer unnachahmlich formuliert in Satzgirlanden, mit üppig ausgestreuten Attributen und einem manchmal gehörig bösen Humor.

Im Mittelteil des Romans, als Bindeglied zwischen dem vorderen und dem hinteren Episodenteil, findet sich eine zusammenhängende Geschichte. Hier erzählt die ältere Luise Wäns auf ihren Wanderungen durch das Schutzgebiet manchmal Elsa, wenn sie sie begleitet, manchmal auch ihrer Winterjacke oder ihrem Strohhütchen ihre Erlebnisse mit Hans Scheffer. Herr Hans, wie sie ihn gerne nennt, Naturschützer, der an der Renaturierung des Schutzgebietes arbeitet, ist der aus für den Leser völlig unerfindlichem Grund hochverehrte und von allen, egal ob Mann oder Frau, heftig verehrte Fixstern einer Gruppe mittelalter Menschen, die sich immer wieder im Haus von Luise und ihrer Tochter Sabine zu geselligen Abenden treffen. „König Hans“ bestimmt dabei ganz klar die Spielregeln: er kommt entweder als erster oder als letzter Gast, zu seinen Ehren wird ein köstliches Essen bereitet, am Tisch wird nicht über Berufe und Arbeit gesprochen, es gibt keinen Klatsch, dafür Gesellschaftsspiele, die er immer wieder vorschlägt.

In der Gruppe zeigen sich erste feine Risse, als Hans eines Tages für längere Zeit verschwindet ohne seinen Jüngern mit einem Wort zu verraten, was er zu tun  gedenkt. Bei den weiter beibehaltenen Treffen beginnen Hans Anhänger über seine Motive des Verschwindens zu spekulieren, sie zeigen erste Eifersüchteleien ganz offen, kleine Giftpfeile beginnen zu fliegen – Klatsch und Tratsch setzt sich mehr und mehr durch. Luise Wäns erzählt das aus der Perspektive der Beobachtenden, aber es bleibt höchst fragwürdig, wie glaubwürdig sie, die heillos in diesen merkwürdigen Hans Verliebten, die bei den Wanderungen im Schutzgebiet oft in einem Rucksack den ererbten Schmuck mit sich führt und die schon wähnt, der Nachbar habe sich in sie verliebt und stelle ihr nach, tatsächlich ist:

Am Ende, in meiner Lieblingskurve, wo im Mai eine Wildrose stürmisch im alten Weißdorndickicht klettert, nahm Herr Hans mein Gesicht zwischen seine Hände. Ich fing an zu beben und dachte, nun würde er mich noch einmal küssen. Das aber tat er nicht. Er sah mich nur an, eine Weile, Auge in Auge, lange Zeit, mitten auf dem Feldweg, und mahnte mich, nicht auszuweichen, als ich es nicht mehr ertrug; „Sie sollen mich ansehen, Frau Wäns“. (S. 584)

Die Autorin bereitet vor dem Leser ein Figuren- Panorama, wie wir es von Bildern kennen. Hier ist es zwar nicht der Markplatz, auf dem die vielen Figuren herumwimmeln und gleichzeitig ihren unterschiedlichen Tätigkeiten und Wegen nachgehen. Hier ist es eher das ewige Geraune und Gewisper der Patienten, allen voran von Luise, das nicht nur Elsa, sondern auch den bis in den Schlaf verfolgt. Oft verbergen sich ja die ganz existenziellen Themen des Lebens, Liebe und Tod, der Wunsch nach Anerkennung, Einsamkeit, Krankheit, Glück, in den ausgeplauderten Geschichten.

Weiter und weiter gräbt sich der Leser durch das unendliche Geplapper, vor allem auch neugierig darauf, zu welchem Ende die Autorin die Geschichten ihrer Figuren bringen wird, ob und wenn ja, wie sie die Lebenswege der Figuren, so die Vermutung, miteinander verschlingen wird. Das Ende ist überraschend und völlig anders als erwartet. Das alles ist das kunstfertig arrangierte Phänomen des Gewäschs – aber, es macht die Lektüre, noch dazu bei über 600 Seiten, auch schwierig, macht sie manchmal zur sehr anstrengenden Arbeit. Denn, so wie uns beim Getratsche am Gartenzaun die Person, deren schmutzige Wäsche  da voller Eifer vor uns ausgebreitet wird, als Mensch nicht nahekommt, so wie wir uns nicht identifizieren, so wie wir nicht mitleiden können, so bleiben dem Leser des Romans auch alle Personen, die ihm hier vorgestellt werden, fremd.

Trotzdem: Brigitte Kronauer geht in ihrem Roman dem Phänomen des Gewäschs ganz ordentlich auf den Grund und der Leser wird nach der Lektüre ganz vorsichtig werden auf dem Büroflur und im Supermarkt.  Er wird ganz genau hören, ob er den Verrat sofort erkennt und er wird sich vorsehen, welche Geschichte er selbst zum Besten gibt.

Brigitte Kronauer (2013): Gewäsch und Gewimmel, Stuttgart, Klett Cotta

14 Kommentare

  1. Liebe Claudia,

    danke für diese Besprechung, auf die ich ja bereits einige Zeit gewartet habe. Dein Lektüreerlebnis klingt spannend, natürlich, aber auch irgendwie ganz schön anstrengend! Puh! Reinlesen möchte ich in das Buch auf jeden Fall aber noch, mal schauen, wann ich das tun werde.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      ja, für diesen Roman habe ich wirklich lange gebraucht. Er ist nicht nur dick, sondern auch groß, so dass es viel zu lesen gibt :-). Brigitte Kronauer hat ihn toll konzipiert und auch geschrieben, aber er hat mich eben nicht so mitgerissen. Es gibt wenig Möglichkeiten der Identifikation, was ja auch am Gewäsch und Getratsche liegt. Ich bin schon neugierig, wie das „Gewäsch“ bei Dir ankommt. Vielleicht hast Du ja mal die Gelegenheit zum Hineinschnuppern.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Respekt! Dass du dich durch die 600 Seiten durchgearbeitet und eine doch recht positive Rezension geschrieben hast. Man bekommt einen guten Gesamteindruck. Ich habe für mich entschieden, dass das Buch nicht auf meine Liste kommt. Da bleibt nun mehr Zeit für anderes. Danke dafür!

    • Liebe Masuko,
      eigentlich verführe ich ja lieber zu Büchern… Ich kann aber gut verstehen, wenn Du Deine Lesezeit lieber für spannendere Bücher verplanst. Und dass meine Besprechung auch viele positive Aspekte enthält, ist mir ganz wichtig, weil Thema, Sprache und Inhalt ganz wunderbar zusammenpassen. Es gibt aber keine besonders dramatische, spannende, schnelle Handlung und keine Figuren, bei denen man wirklich gespannt ist, wie sie sich entwickeln. Das hat natürlich mit dem „Getratsche“ zu tun, macht die Lektüre aber auch schwierig.Ich hoffe, mir ist diese komplexe Beurteilung gelungen.
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia, deine Besprechung ist perfekt, gerade weil du auch kritisch sagst, was dir nicht so gefiel. Finde ich gut und wichtig. Man kann nicht immer zu 100 % begeistert sein.
        Schöne Grüße
        Masuko

  3. Seufz. Schon wieder so eine schöne Buchvorstellung. Der Name Kronauer lief mir nun bereits einige Male über den Weg, aber gelesen habe ich noch nichts von ihr. Leider, so scheint es…

    • Liebe Birgit,
      ich wäre schon neugierig, wie Du Kronauers Bücher alleine sprachlich findest, wobei dies auch mein erster Roman der Autorin gewesen ist. (Es müsste im Regal bei den ungelesenen Werken noch einer stehen, den ich mir unbedingt einmal anschauen muss.) Sie schreibt schon, im Vergleich zu anderen Autoren, ungewöhnlich; Adjektive und immer wieder beurteilende Substantive werden aus dem großen Füllhorn ausgeschüttet. Da muss man als Leser sehr genau aufpassen, dass man dem allen nicht total auf dem Leim geht. Aber vielleicht wimmelt es ja auch bei Dir irgendwann einmal…
      Viele Grüße, Claudia

  4. Liebe Claudia, du machst die Ambivalenz deines Leseeindrucks prima nachvollziehbar! Und ich danke dir, dass du jedenfalls diesmal tatsächlich nicht für ein weiteres Anwachsen irgendwelcher Listen und Stapel bei mir sorgst :-). Aber im Ernst, zur Zeit bleibt so wenig Zeit zum Lesen, dass ich keine Lust, Kraft und Energie habe für Bücher, die eher Arbeit bedeuten, ohne dass so ganz klar wäre, ob sich die investierte Mühe lohnt. Da würde ich mir dann wohl eher einen Klassiker schnappen, wenn ich wieder etwas mußevoller ans Lesen gehen kann. Das Thema selbst finde ich allerdings ganz interessant… LG Anna

    • Liebe Anna,
      ich habe ja versprochen, dass ich in dieser Woche erst einmal kein Buch vorstelle, dass UNBEDINGT gelesen werden muss :-). Das muss ja auch mal sein. Und ich hätte den Roman auch viel besser gefunden, wenn er nicht ganz so lange geplaudert und getratsch hätte.
      Ein erholsames Wochenende wünscht Claudia

  5. Das ist schön, Deine Eindrücke über Kronauers neues Buch zu lesen, Claudia.

    Ich habe diese Autorin vor vielen Jahren mit „Frau Mühlenbeck im Gehäus“ kennen gelernt und zuletzt von ihr den Roman „Zwei schwarze Jäger“ gelesen. Auch in den Jägern wimmelt viel Personal durch die Seiten und verheddert sich zuweilen. Dies aber auf lesenswerte Weise, überhaupt gefällt mir Kronauers Anspielungsreichtum und ihr Humor.

    • Liebe Atalante,
      da scheint es sich ja um einen richtigen Kronauer-Sound zu handeln! Ich bin mir nicht so sicher, ob das so die Sprache ist, die mich so ganz begeistert. Vielleicht muss man den Text aber auch langsamer lesen oder gar vorlesen, damit Anspielungen und Humor noch mehr zur Geltung kommen. Oder das „Gewäsch“ war nun einfach doch zu lang.
      Ein schönes Wochenende wünsche ich Dir, Claudia

      • Ich werde wohl „Zwei schwarze Jäger“ noch einmal lesen, irgendwann. Dieses Buch habe ich in einem Leseprojekt gelesen und wollte es unbedingt danach noch einmal für mich alleine genießen. Der Vorteil, es hat nur an die 300 Seiten. Das reicht mir in der Regel, nicht nur für solch‘ anspruchsvolle Literatur wie die Kronauers.
        Ob ich also ihren neuen Roman lesen werde, sei dahin gestellt. Ich habe ja noch ein seitenstarkes Langzeitprojekt und schon ein weiteres in Planung.
        Um so schöner, daß Du dich für mich durch Gewäsch und Gewimmel gewühlt hast. 😉
        Dir auch ein schönes Wochenende!

  6. Pingback: Die Sonntagsleserin #KW5 | Literaturen

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