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Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer

Köhlmeier_SpaziererJoel Spazierer ist ein Lügner, ein Dieb und ein Mörder. Er ist ein Schutzengel, ein fürsorglicher Begleiter, ein liebevoller Vater. Er arbeitet als Automechaniker ebenso erfolgreich wie als Drogendealer und Professor für wissenschaftlichen Atheismus (!). Joel Spazierer bewegt sich problemlos in Städten des West- und des Ostblocks, wenn es sein muss, macht er sich unsichtbar und lebt wochenlang im Wald oder im Keller eines Luxushotels. Er kommt in der Unterwelt genauso klar wie in der Gesellschaft der Industriellen oder der Apparatschiks der DDR:  Joel Spazierer besitzt die Gabe der Anpassung an die unterschiedlichsten Lebensbedingungen.

Natürlich ist Joel Spazierer nicht sein richtiger Name. Geboren ist er, nach eigenen Auskünften jedenfalls, im März 1949 in Budapest als András Fülöp. Sein Großvater, Ernö Fülüp, ist Leiter der internen Abteilung an der Semmelweisklinik. Er gerät in die Hände der Staatssicherheit, deren Häscher ihn einsperren und foltern, weil sie ihm vorwerfen, er habe versucht, den Parteivorsitzenden Ungarns während einer Gallenblasenoperation auf Geheiß des jugoslawischen Politikers Tito zu ermorden. Seine Großmutter, Helena Fülöp-Ortmann, eine Ägyptologin, die mit einem Buch über Echnaton auf sich aufmerksam gemacht hat, wird in dem Zusammenhang auch inhaftiert. András, keine vier Jahre alt, bleibt einige Tage in der Wohnung zurück, bis seine Mutter ihn besuchen möchte und ganz alleine vorfindet. András erinnert sich genau, wie er in diesen Tagen eine eigene Welt erschaffen hat: die Tiere, die auf seiner Bettdecke zu sehen sind, wurden dabei lebendig, sie besuchten ihn und unterhielten sich mit ihm. Und András baute Straßen aus der Erde der Blumenkübel auf der Fensterbank, nachdem er sie herunter geworfen hatte. Der Arzt, der ihn nach diesen Tagen alleine in der Wohnung untersuchte, aber meinte, er habe die meiste Zeit geschlafen, vor Hunger und vor Kälte.

Es ist nicht nur eine merkwürdige Zeit, in die Joel hineingeboren ist, er hat sich auch eine merkwürdige Familie ausgesucht. Offensichtlich haben die meisten Familienmitglieder mit dem Tricksen und Betrügen schon alle ihre Erfahrungen gemacht: Die  Großmutter, die der sehr reichen Familie Ortmann mit Nummern-Konten in der Schweiz entstammt, hat ihre auch im Ausland so hoch angesehene Echnaton-Biografie gar nicht selbst verfasst, sie hat die Ausarbeitung ihres Professors lediglich in eine gut lesbare Sprache übertragen. Joels Eltern haben nach der – zweiten – Flucht nach Österreich plötzlich neue Namen, sind verheiratet und promoviert. Und Joel experimentiert mit der Lüge und ihren Wirkungen schon seit er sechs Jahre alt ist und noch einmal zu seinen einsamen Tagen in der Wohnung befragt wird. Zu diesem doch sehr frühen Zeitpunkt seines Lebens kann er auch schon seine erste Lebensmaxime in die Tat umsetzen, nämlich

dass es bei der Beantwortung einer Frage nicht darauf ankommt, die Wahrheit zu sagen, als viel mehr, den Frager in Erstaunen zu versetzen, indem man genau das sagt, was er hören will. (…) ich habe das (…)  erste Gebot meines Lügendekalogs inzwischen schon sehr oft zur Anwendung gebracht; ich bin zu einem Experten auf dem Gebiet der manipulativen nonverbalen Kommunikation geworden. Anders ausgedrückt: Ich durchschaue die Wünsche der Menschen, vor allem jene, die sie vor sich selbst nicht zugeben, und kann ihre Einstellung zu mir steuern, indem ich sie erfülle oder nicht erfülle, je nachdem, ob mir ihre Zuneigung günstig oder ungünstig erscheint. (S. 36-37)

Wie auch immer der Leser diese sehr anpassungsfähige Lebensmaxime beurteilt und ob er sie ihm überhaupt glaubt oder nicht, Joel Spazierer besteht mit diesem doch sehr positiven Blick so manches Abenteuer, in das der Leser sich wahrscheinlich eher nicht gestürzt hätte. So beschließt er zum Beispiel, in das Haus seines Freundes einzubrechen, als die Familie im Urlaub ist, um den Trsor auszuräumen. Als er von der Mutter des Freundes überrascht wird, erschießt er sie. Als er nach dieser Tat vor Gericht steht, führt der Staatsanwalt sich auf, als hätte der das leibhaftige Böse vor sich:

Die Frage lautet nicht: Womit haben wir es hier zu tun? Sondern: Mit wem haben wir es zu tun? (…) Frau Pongratz hat ein bedenkenswertes Bild gefunden. Ich zitiere aus ihrer Aussage: „Hans-Martin ist ein Zwischending zwischen einem Engel und einem Teufel.“ (…) Der Angeklagte aber ist nicht zu dem geworden, als der er sich Ihnen heute präsentiert – er war immer so. Er war so als zehnjähriger, als neunjähriger, als Siebenjähriger. Das Böse ist nicht in ihn eingedrungen – es wohnte von Anfang an in ihm. Er ist das Böse. (S. 295 – 300)

Das Wechseln zwischen Gut und Böse, zwischen sympathisch und unsympathisch, zwischen Freund und Mörder, zwischen Gott und Teufel wird Joel sein Leben lang fortführen. Und er wird auch immer die Nähe suchen zu Menschen, die sich mehr oder weniger professionell mit diesen Fragen beschäftigen: zu Eltern, zu der Justiz, zu Priestern und  Seminaristen, zu anderen Gefangenen, zur Partei, zu Studenten.

Aber Joel Spazierer reflektiert natürlich sein Leben lang nicht nur diese sehr ernsten Themen, sondern erzählt vor allem auch mit ganz viel Liebe zum Detail von seinen wunderbaren, geradezu unglaublichen Erlebnissen, von den vertrackten Geschichten, von dem Sumpf, in den er wieder und wieder gerät und aus dem er sich jedes Mal, wie Münchhausen in einer seiner Geschichten, mit Hilfe des eigenen Zopfes ziehen kann. Egal, ob er im Gefängnis von üblen Mitgefangenen malträtiert wird, egal, ob er im Ost-Berlin der frühen 1980er Jahre mit seiner sagenhaften Lügengeschichte, er sei nämlich der Enkel von Ernst Thälmanns, natürlich auffliegt, er bringt seine Schäfchen ins Trockene und schafft es immer wieder, ein gutes, ein sehr angenehmes Leben zu führen.

Der Leser folgt dieser Lebensgeschichte über 60 Jahre gespannt und mit großer Sympathie: Was wird noch alles passieren, welche Ereignisse werden über Joel Spazierer hereinbrechen, in welche wird er sich selbst hinein- und wieder hinausmanövrieren, wie schafft er es nur immer wieder, auf die Füße zu fallen? Dabei steht der Leser oft überrascht vor den merkwürdigen Volten, die  Joel Spazierers Leben schlägt. Das liegt vor allem daran, dass Joel Spazierer, der Ich-Erzähler, so gut wie nichts über sich berichtet, schon gar keinen Einblick gibt in seine Gefühlswelt. So entsteht beim Leser ein merkwürdiges, ein verschwommenes Bild über ihn, denn als Figur mit einem Charakter ist er kaum fassbar. Er muss ja auch permanent unecht wirken, denn seine Lügen bestimmen sein ganzes Leben und jede Beziehung zu einem anderen Menschen basiert auf diesem Lügengebäude. Dabei wirken die ständigen Überraschungen, die über den Leser hereinbrechen natürlich auch spannend – wenn auch nicht immer atemlos spannend – witzig,

Und dass die Geschichte spannend, witzig und auch interessant ist, erreicht Köhlmeier auch dadurch, dass er die seinem Roman vorausgehenden literarischen Abenteuer- und Lügengeschichten, und genauso Märchen und andere Geschichten, immer wieder in überraschender Weise zitiert: auf Münchhausens Geschichten bezieht er sich, auch das Münchhausen-Syndrom ist dem abenteuerlichen Erzähler nicht fremd, im Wald erlebt er mit dem amerikanischen Sergeant eine Huckleberry Finn Geschichte, am Ende sitzt er im tiefsten Russland in einem Käfig und wird nach dem Vorbild von Hänsel und Gretel gemästet und die Geschichte vom „schlauen Hans“, einem Pferd, das rechnen konnte, wird sowieso zur Inspirationsquelle für Joels psychologische Tricks.

Und so stellt sich dem Leser natürlich die Frage danach, was überhaupt wahr ist an den Geschichten, die ihm Joel Spazierers da auftischt. Verdächtig ist ja schon, dass ihm ein Freund treu bleibt und ihm beratend zur Seite steht, als er beschließt, sein Leben aufzuschreiben: Sebastian Lukasser, der Schriftsteller.

Ich habe mich inzwischen erkundigt, was ein Schelmenroman ist. Darin wird von einem Helden erzählt, der Schreckliches tut und Schreckliches erleidet, für ersteres nicht zur Verantwortung gezogen wird und am letzten nicht zugrunde geht, weil eigentlich nicht sein Schicksal interessiert, sondern das seiner Zeit, womit alle Menschen gemeint sind – außer ihm. (S. 283)

So möchte Joel Spazierer, aus verständlichen Gründen, sein Buch natürlich nicht verstanden wissen. Und wenn es doch so ist? Wenn tatsächlich gar nicht Joel Spazierer, der Lügner, der Dieb, der Mörder im Mittelpunkt der Geschichten steht, sondern, der Position Sebastian Lukassers folgend, viel mehr die Zeit, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem, über die er berichtet und in der Lüge, Betrug und Mord in bestimmten – politischen, wirtschaftlichen – Formen durchaus salonfähig sind?

Michael Köhlmeier (2013): Die Abenteuer des Joel Spazierer, München, Hanser Verlag

14 Kommentare

  1. Hallo Claudia, abgedrehte Protagonisten, die mehr erleben, als eigentlich in ein Menschenleben reinpasst und die unterhaltsam, aber nicht mehr psychologisch stimmig sind, kommen gerade schwer in Mode, oder? Wer stand denn für dich im Vordergrund? Joel oder die Zeit? Auf jeden Fall scheint die Lektüre Spaß zu machen. Abendliche Grüße, Anna

    • Hallo Anna,
      im Zusammenhang mit der Lektüre habe ich mich ein bischen in das Genre des Abenteuer- und Schelmenromans eingelesen und recherchiert über Titel, die auch „die Abenteuer“ im Titel führen. Das Zitat über den Schelmenroman von Joel Spazierer fasst die Sache gut zusammen. Und so lässt sich der Roman einmal über die interessante und überraschende Handlung verfolgen, ermöglicht aber auch die Perspektive, die Zeitgeschichte genauer zu betrachten. Mir war die Handlung alleine zu wenig, denn dann würde ich mich fragen: Was soll das alles, so wirklich glaubwürdig ist sie ja nicht immer.? Ich spekuliere und vermute auch, dass Köhlmeier die Geschichte alleine viel zu wenig wäre (wenn ich da an meine Lektüreerfahrung mit der „Idylle mit ertrinkendem Hund“ denke). Und dann ergibt sich ja doch ein sehr interessanter Blick auf unsere Epoche, in der Massenmörder (nämlich Politiker) gerne gesehen Gäste bei internationelen Treffen sind – der Bezug wird auch an einer Stelle im Roman hergestellt – und in der Wirtschaft an manchen Stellen gestohlen und betrogen wird – und die Täter sind hochanerkannte Persönichkeiten. — Und ja, die Lektüre hat Spaß gemacht, noch mehr Spaß wäre sicher aufgekommen, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte und zusammenhängender hätte lesen können. So hat es nun doch sehr lange gedauert.
      Auch noch einen schönen Advendsabend, Claudia

  2. Die Köhlmeier-Rede beim diesjährigen Bachmann-Preis hat mich sehr beeindruckt und auch berührt, sein Einstehen für seinen inzwischen verstorbenen Freund Jörg Fauser: Das ist menschliche Solidarität. Seither habe ich immer im Hinterkopf, dass ich jetzt dringend was von ihm lesen muss – deine Rezension gibt mir erneut einen Anstoß. Das Buch hört sich sehr interessant an.

    • Von der Rede habe ich schon mehrfach sehr viel Positives gelesen. Da muss ich dringend die Lektüre nachholen. Und wenn Du erst einmal ein sehr viel schlankeres Werk von Michael Köhlmeier lesen möchtest, dann sei Dir die „Idylle mit ertrinkendem Hund“ empfohlen.
      Viele Grüße, Claudia

      • Hi, danke für den Tipp. Wenn Du die Rede nachliest – es geht darum, wie MRR Jörg Fauser Jahre zuvor beim Bachmannpreis zusammengefaltet hat – dies wiederum ist als Video bei youtube zu finden. Wenn ich die Links entdecke, maile ich es Dir. Der ertrinkende Hund – na hoffentlich nicht auf dem Sofa 🙂

      • Danke für den youtube-Tipp. Dann kann ich mich ja mal auf eine Entdeckunsgreise machen. – Und: keine Sorge – der Hund ertrinkt nicht, nicht im Roman und nicht auf dem Sofa :-)!
        Viele Grüße, Claudia

    • Das ist das Problem: Wann soll man nur all die tollen Bücher lesen, die auf den vielen Blogs vorgestellt werden?! Der SUB wächst und wächst. Und „Joel Spazierer“ ist ja nun wahrhaft ein ziemliches Brikett mit den über 600 Seiten. Aber eines, das es zu lesen lohnt.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Ich habe den Roman zu Beginn des Jahres gelesen und erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich diesen dicken Bücherbrocken eine ganze Weile in der Hand hatte und zwischendurch sogar mal zur Seite legen musste, um mich mithilfe von leichterer Lektüre zu erholen. Ich habe den Roman als sehr spannende empfunden, vor allem auch durch die Fragen, nach gut und böse, die aufgeworfen werden und doch ist das Buch so reichhaltig an sprühenden Einfällen und Ideen, dass es mir ab und an sogar ein bisschen viel geworden ist.

    • Liebe Mara,
      ich erinnere mich noch an Deine Besprechung vor vielen, vielen Monaten, als ich noch so darüber grübelte, wie viel Zeit Du hast und wie diszipliniert Du bist, gleich alle Neuerscheinungen „wegzulesen“, während ich längst nicht so schnell lesen kann, wie ich Bücher schön finde und auf meinem Stapel sammel. Schön an „Joel Spazierer“ ist nun aber, dass er ziemlich zeitlos ist und sich sowohl die Geschichte als auch die Frage nach gut und böse ja noch in Jahren gut lesen lässt. Und ungewöhnliche Wendungen hat er ja wirklich eine Menge.
      Viele Grüße, Claudia

  4. laura sagt

    Ich kenne Köhlmeier aus der „Idylle“ und aus „Madalyn“ eher als Erzähler des Schlichten und Einfachen, insofern, dass nicht viel passiert, man nicht überladen wird mit Ideen und Nebensträngen in der Geschichte. Gerade das beeindruckte mich bei ihm immer sehr, da er es trotzdem schafft, vor allem in der „Idylle“, die ich sehr schätze, eine ganz eindringliche Atmophäre zu schaffen. Und seine Sprache schafft Bilder, die lange bleiben.
    Ist das hier anders? Welchen Eindruck hattest du von der Sprache?

    • „Joel Spazierer“ ist von seiner Anlage her als Abenteurer- und Schelmenroman ganz anders als die „Idylle“. So ist die Handlung eben sehr vielschichtig und nicht so reduziert, es kommen immer wieder unerwartete Wendungen, gerade die Erlebnisse in der DDR der 1980er Jahre sind schon ziemlich komisch. Den „komischen“ Ton trifft Köhlmeier gut und wendet so die Realität, wie wir sie kennen und wahrnehmen, immer wieder ein bisschen ins Absurde, sodass eine merkwürdige, eine andere Realtiät entsteht. Er erzählt gut und anschaulich – der Richtigkeit halber müsste ich natürlich sagen: Joel Spazierer erzählt so – manche Szenen sind auch einige Tage nach der Lektüre noch ganz lebendig und ganz bunt. Und er schafft es, alle Szenen, die sehr gewalttätig sind, so die Szenen, die beschreiben, wie der Großvaters in Ungarn gefoltert wird, die Situation im Gefägnis, auch die Morde, so darzustellen, dass dem Leser die Brutalität schon deutlich ist, dies aber nicht dramatisiert, sondern eher kurz, fast beiläufig geschildert wird. So passt die Erzählhaltung Joel Spazierers natürlich toll zu seinem Charakter und Joel Spazierer scheint so ein typisches Exemplar seiner Zeit zu sein, die ja auch nicht so genau auf die Auswüchse merkwürdiger Entwicklungen in Politik und Gesellschaft schaut. Und Köhlmeier zeigt, dass er es als Schriststeller versteht, ganz verschiedene Genres mit Leben füllen zu können. — Ich hoffe, dass ich Deine Frage auf die Schnelle ein wenig beantworten konnte…
      Viele Grüße, Claudia

  5. Pingback: Die Abenteuer des Joel Spazierer | Literaturgefluester

  6. Schön zu lesen! Ich habe erst kürzlich Abendland von ihm ausgelesen… Wollte es nicht rezensieren, doch nun überlege ich doch. Mal sehen:) Aber dank deiner Besprechungen zu Köhlmeier werde ich mich nach seinen anderen Werken auch mal umsehen:)

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