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Anja Kampmann liest aus „Wie hoch die Wasser steigen“ – Wuppertaler Literatur Biennale #SchönLügen

Die erste schöne Lüge an diesem Abend sei doch schon der Name des Veranstaltungsorts, so leitet Dina Netz, die Moderatorin des Abends, in Gespräch und Lesung mit Anja Kampmann ein und erklärt: Der Jazzclub nenne sich „Loch“, doch müsse man erst viele Treppen steigen, um zum Eingang zu gelangen, der dann auch noch eine schöne Aussicht über das Wuppertal gewährt. Diese Perspektive, nämlich mit einem Stück Distanz – durch Höhe – auf den Roman und seine Facetten zu schauen, gab dann auch thematisch die Richtung des Abends vor, in dem es um die großen und kleinen Lügen ging, um die Arbeit auf Ölplattformen und die poetische Sprache. Zunächst erzählt Anja Kampmann über den Protagonisten Waclaw, der als Sohn polnischer Einwanderer groß geworden ist in Bottrop und sich geschworen hat, nie so zu enden wie sein Vater, dem die schwere Arbeit unter Tage auch noch eine Staublunge beschert hat. Also ist er mit seiner Freundin Milena weggegangen, zurück nach Polen. Dort aber hat Geld gefehlt und so hat Waclaw sich entschlossen, auf die Ölplattform zu gehen. …

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Seit dem 19. Jahrhundert sind Menschen aus aller Herren Länder ins Ruhrgebiet gekommen. Sie sind den schlechten Lebensbedingungen in ihrer Heimat entflohen und haben hier Arbeit gefunden, „unter Tage“ beim Kohleabbau oder in den Stahlwerken beim „Stahl kochen“. Sie haben schwere und oft auch gefährliche Arbeit geleistet, haben ihre Gesundheit ruiniert bei Arbeitsunfällen und durch das schleichende Gift des Kohlenstaubs. Sie haben sich oft ihr Leben lang nicht heimisch gefühlt in der neuen Heimat in Bottrop oder Dinslaken, in Gelsenkirchen oder Dortmund und in den kleinen, ärmlichen Bergbauwohnungen direkt neben dem Pütt. Aber sie haben zumindest mit ihren Familien gelebt, sind an einem Ort geblieben und haben Freundschaften geschlossen. Und manch einer hat neue Hobbys gefunden, den Fußball oder die Taubenzucht. Heute sind die Zechen nördlich der Ruhr längst geschlossen. Der Hunger der Welt nach Energie wird in den Ölfeldern gestillt, die Arbeit ist dorthin gewandert, mit ihr die Arbeiter. Wie damals unter Tage arbeiten nun Männer verschiedenster Nationalitäten auf den Ölplattformen, aber sie gehen nach der Arbeit nicht zu ihrer Familie nach Hause, sondern …