Alle unter sozialer Aufstieg verschlagworteten Beiträge

Natasha Brown: Zusammenkunft

Natasha Browns Ich-Erzählerin könnte die Kollegin von Carole sein, einer der Figuren aus Bernardine Evaristos Roman „Mädchen, Frau etc.“ sein: eine junge schwarze Frau, die sich durch Bildung und gute Leistungen eine Karriere im Finanzsektor erarbeitet hat, ein Einkommen bezieht, das eine schöne Wohnung in einem der georgianischen Townhouses in London ermöglicht, die eine soziale Stellung erreicht hat, die ihr einen Freund beschert aus einer der ganz alten englischen Familien, einer mit Standesbewusstsein, Großgrundbesitz und so viel Geld, dass die Familienmitglieder von den Zinsen leben können. Die biographischen Daten vom Aufstieg, von dem zwar anstrengenden, aber doch gelingenden Weg in die begüterte Mittelschicht, lassen eine Heldinnengeschichte vermuten. Aber die ersten Sätze, die ersten Vignetten, ätzende Momentaufnahmen einzelner Situationen, machen mehr als deutlich, dass hier eine Erzählerin nicht stolz auf das Erreichte schaut, sondern davon erzählt, dass die Diskriminierung nie aufhöre. Eine Diskriminierung, die sie als Frau trifft und besonders als schwarze Frau. Eine Diskriminierung, die sie zum Objekt macht, nicht nur, wenn es um die dummen sexistischen Sprüche geht, die jede Frau zur Genüge kennt. …

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Ein Roman mit dem schlichten Titel „Arbeit“ lässt Erinnerungen aufkommenan die Literatur der 1970er Jahre, Literatur über körperlich harte, schwere und schmutzige Arbeit in den Fabrikhallen, den Hütten und Kohlerevieren (des Ruhrgebiets), Literatur auch, in der über die Lebensumstände der Arbeiter erzählt wurde. Mit dieser Assoziation aber liegt man – auf den ersten Blick – gründlich daneben. Thorsten Nagelschmidts Roman spielt im heutigen Berlin, auf den quirligen Straßen Kreuzbergs. Er erzählt von denen, die dafür sorgen, dass das Leben und das Feiern auch nachts weitergehen: von Heinz-Georg Baderzky, dem Taxifahrer, von Anne, der Frau vom Späti, von Felix, dem Dealer, von Tanja und Tarek, den Rettungssanitätern. Von Sabrina, die in aller Herrgottsfrühe am Samstagmorgen aufsteht und mit ihrer Küpperweisser die Spuren der Nacht auf Straße und Gehweg beseitigt. Und von Ingrid. Sie hat einmal Soziologie studiert, ein Fach, mit dessen Abschluss sie, so erklärt sie ihren Berufsweg, Taxifahrerin werden konnte oder Antiquarin. Sie besaß keinen Führerschein, also wurde es das Antiquariat. Das hat sie mit Harald geführt, ihrem Mann. Es scheint, dass sie alle Bücher …