Alle unter Rowohlt Verlag verschlagworteten Beiträge

Nell Zink: Avalon

Avalon – das ist doch die Insel, auf der Morgan le Fay mit ihren Schwestern lebt und das alte, mythische Wissen bewahrt. Die Insel, auf der sie den Halbbruder Artus gesund pflegt. Eine paradiesische Welt also, in der man sich von der harten Realität erholen kann. Brans Leben ist alles andere als paradiesisch. Sie lebt in prekären Verhältnissen bei einer White-Trash-Familie, die ihre Arbeitskraft als Kind und Jugendliche ausbeutet. Avalon begegnet ihr in Form einer kapitalistischen Touristenhochburg auf Catalina Island, südlich von Los Angeles. In den drei Büchern, die ihre Mutter ihr hinterlassen hat. Und in Form eines klapprigen Autos, das den schönen Modellnamen trägt. Und es gibt auch den blitzgescheiten Peter, der sich dem ritterlichen Konzept der Minne verschrieben hat. Aber der Reihe nach. Bran, abgeleitet von Brandy, ist eine moderne Waise. Ihre Eltern haben sie sitzengelassen. Doug, ihr nicht ehelicher Stiefvater, erzählt ihr, da ist sie 16, dass ihr Vater die kleine Familie verlassen habe, als sie 11 Monate alt gewesen sei. Er sei nach Australien verschwunden, Kontakt zu seiner Tochter hat er …

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

In Philip Roth´ Roman „Der menschliche Makel“ ist es Professor Coleman Silk, der sich, als Schwarzer mit sehr heller Haut auf dem Bewerbungsbogen der Navy als „weiß“ bezeichnet. Niemand stutzt, niemand stellt seine Zugehörigkeit in Frage. So lebt er das Leben eines weißen Professors an einer Universität, wird gar Dekan, hat eine große Familie. Nun, 71-jährig und bereits emeritiert, lässt er sein akademisches Leben mit einigen Lehrveranstaltungen langsam ausklingen. Und spricht dort, weil zwei Studentinnen häufig fehlen, von ihnen als „dunkle Gestalten“. Es sind die 2000er Jahre, in denen solche Bemerkungen schnell den öffentlichen Furor anheizen und zu unangenehmen Problemen führen können, zumal wenn die, über die gesprochen wird, tatsächlich People of Color sind. Ausgerechnet Coleman Silk strauchelt also über diese Bemerkung. Seine Kolleg*innen in der Fakultät lassen ihn fallen, seine Frau stirbt bei den Aufregungen. Trotz der offensichtlich ungerechten Verurteilung durch sein Umfeld offenbart Coleman Silk seine wahre Identität nicht. Wir Leser*innen ahnen, welche Hürde Silk einst genommen hat, wir ahnen, welche Kraftanstrengung es gewesen sein muss, in der weißen Gemeinschaft zu leben, ständig …

Khaled Khalifa: Keine Messer in den Küchen dieser Stadt

Khaled Khalifas 2013 erschienener Roman führt mitten hinein in das Leben in Syrien seit den 1960er Jahren. Damit spielt die Geschichte in der Zeit, in der die Baath-Partei nach der Macht gegriffen und Hafiz al-Assad durch einen Putsch an die Spitze der Partei und damit auch der Regierung gelangt ist. Dass diese Jahre bleiern auf den Leben der Familienmitglieder des Erzählers liegen, davon erzählt er uns. Die Mutter des Erzählers ist gestorben, an einem glühend heißen Junitag des Jahres 2004. Sein Onkel Nisâr hatte ihn angerufen, als er von der Arbeit – er übersetzt für eine Textilfabrik – auf dem Weg nach Hause war. Er solle die Schwester Saussan suchen und ihr Bescheid geben. Spät in der Nacht kommt Saussan zur Wohnung, in der die Mutter zwischen Eisblöcken und unter Decken liegt. Onkel Abdalmunim ist da mit seinem Sohn, und Nariman, die Freundin der Mutter. Zwei Generationen einer Familie treffen hier aufeinander, mit all ihren Animositäten und ihren Konflikten. Die trotz allem für eine respektvolle, für eine würdige Trauerfeier sorgen. Der Roman setzt ein, als …