Flucht und Entwurzelung, Lesen

Uwe Wittstock: Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur

Varian Fry reist im Juli 1935 kreuz und quer durch Deutschland. Er spricht mit Managern, Politikern und Professoren, mit Kellnern, Ladenbesitzern und Taxifahrern. Er will genau wissen, was vor sich geht in Europa und ist der Meinung, dass die Politik Hitlers auf einen Krieg zusteuert. Fry ist amerikanischer Journalist. Am Ende des Monats wird er die Stelle als Chefredakteur von „The Living Age“ übernehmen, einer Monatszeitschrift, die sich besonders mit außenpolitischen Themen auseinandersetzt. Dabei muss er gegen die Lethargie der Amerikaner anschreiben, die meinen, Europa sei so weit weg und müsse sie nicht interessieren.

In Berlin, am 15.7.35, wird Fry Augenzeuge einer Straßenschlacht auf dem Kurfürstendamm. Mitten in die ruhige und friedliche Sommerstimmung hinein halten junge Männer in weißen Hemden Autos und zerren die Insassen heraus, stoppen einen Bus und schleifen wahllos Fahrgäste auf die Straße, die sie unter dem Brüllen von „Ein Jude!“ und „Tod den Juden“ verprügeln. Sie fegen das Geschirr von den Tischen eines Cafés, werfen ihn in das Schaufenster. Einem Mann in dem Café, in das Fry sich geflüchtet hat, stoßen zwei Schläger, die durch den Raum patrouillieren und die Gäste mustern, die Klinge eines Dolches in die Hand. Vielleicht, weil er den Blicken der beiden entgehen wollte, seinen Kopf wegdrehte und sich so „schuldig“ machte.  Sie umkreisen eine Gruppe Frauen und schubsen sie hin und her, bis sie fallen. Viele erschrockene Passanten halten ihre Pässe hoch, um zu zeigen, dass sie nicht jüdisch sind. Und dann ertönt ein Sprechgesang des Trupps: „Juden raus!“.

Fry beobachtet diese willkürliche Gewalt und ist alarmiert. Er schreibt noch am Abend einen Artikel für die New York Times. Sein Besuch beim Pressesprecher der NSDAP am nächsten Tag beruhigt ihn nicht. Auch Ernst Hanfstaengl, der wie Fry in Harvard studiert hat, spricht davon, dass die „Judenfrage“ durchaus mit einem Blutbad gelöst werden könnte.

Uwe Wittstock schildert die Szene in Berlin so anschaulich wie eindringlich. Das Miterleben dieser Gewalt und Intoleranz gegen die Bevölkerung wird so zur Motivation für Frys späteres Handeln. Denn als die Wehrmacht im Mai 1940 bei dem Frankreich-Feldzug kaum Widerstand erfährt, den Norden des Landes innerhalb von ein paar Tage einnimmt und dann Anfang Juni auch Paris besetzt, treibt sie eine große Welle von Flüchtenden vor sich her. Unter den vielen, die in den Süden ziehen, sind auch deutsche Künstler, Intellektuelle und Politiker, die Jahre vorher schon aus Deutschland geflohen waren, weil sie Kritik an den Nazis geäußert haben oder als Juden nicht mehr in Deutschland leben und arbeiten konnten. Auch in Südfrankreich sind die Emigranten immer mehr bedroht, weil das Vichy-Regime sich mit den Vorschriften und Gesetzen den Forderungen Deutschlands beugt. Als Fry im Mai 1940 einen Anruf von Paul Hagen erhält, der im Exil die Widerstandsgruppe ‚Neu Beginnen‘ gegründet hat und die neue Situation der Exilanten gut kennt, ist er sofort dabei, das Emergency Rescue Committee zu gründen. Diese Organisation sammelt Spenden in den USA ein und will in Marseille den Ausreisewilligen helfen, die notwenigen Papiere zu bekommen.

Fry geht selbst nach Marseille und baut in den nächsten Wochen ein Büro auf, das den aus Europa Flüchtenden mit Geld und Hilfen zur Bewältigung der wirklich absurden bürokratischen Hürden zur Seite steht. Er erkundet Optionen der Ausreise und baut eine Organisation mit verchiedenen Helfenden und ihren Kenntnissen und Fähigkeiten auf – vom Pass-Fälscher bis zur Begleitung über die Pyrenäen -, um möglichst vielen Bedrängten aus Frankreich herauszuhelfen.

Wittstock erzählt davon chronologisch dem Kalender und den Ereignissen folgend. Er springt dabei an einem Tag von Schauplatz zu Schauplatz, so dass sich immer wieder mehrere lose Handlungsfäden ergeben, die an späteren Tagen wieder aufgenommen werden. So entsteht ein dichtes Geflecht verschiedener Geschichten, in deren Mittelpunkt immer wieder die Helfer des Emergency Rescue Committees stehen, die sich immer wieder neue Lösungen für unvorhergesehen Probleme einfallen lassen.

Indem Wittstock seine Protagonisten seit Mai 1940 begleitet, Varian Fry beim Spendensammeln und die exilierten Künstler und Politiker in Frankreich, erschafft er ein komplexes Bild der Situation: Über das Leben in den Männer- und Frauenlagern, die von den Franzosen gleich nach dem Einmarsch der deutschen Armee errichtet und in die alle Deutschen eingewiesen werden, bis sie die nötigen Papiere zur Ausreise haben – oder fliehen können. Über den schier unendlichen Strom der Flüchtenden aus dem Norden und aus Paris in Richtung auf die Grenze zum vom Vichy-Regime regierten südlichen Frankreich. Der manchmal so langsam ist, dass die deutschen Truppen ihn überholen. Von den beengten Verhältnissen im von Emigranten überlaufenen Marseille, das den einzig freien Hafen hat, aus dem noch Schiffe auslaufen. Über die bizarren bürokratischen Vorschriften, die die Mobilität innerhalb Frankreichs erschweren und für die Ausreise so viele Genehmigungen vorschreiben, dass die erste schon wieder abgelaufen ist, wenn die letzte vorliegt. Von den verschiedenen und im Laufe der Zeit immer länger und beschwerlicher werdenden Routen über die Pyrenäen für diejenigen Flüchtenden, die keine Ausreisepapiere aus Frankreich bekommen. Vom tragischen Suizid Walter Benjamins und der 12 großen Koffer, die Alma Mahler-Werfel tatsächlich über alle ihre Stationen und bis zur Ausreise mit sich führt. Über die Franzosen in Banjuls-sur-Mer, die nicht nur weggucken, wenn wieder Übernachtungsgäste da sind, die am nächsten Tag in die Berge ziehen, sondern die Fluchthelfer auch ganz aktiv warnen.

Von der Flucht der Feuchtwangers zusammen mit Heinrich, Nelly und Golo Mann über die Pyrenäen habe ich früher schon gelesen. Ich wusste aber nicht, dass ihre Flucht, ihre Papiere und ihre Route von Frys Comittee organisiert worden waren. Genauso wie die Ausreisen von Hannah Arendt und Anna Seghers und ihren Familien. Und so bin ich mit großem Interesse und manchmal auch angehaltenen Atem – denn Wittstocks unmittelbares und anschauliches Erzählen erzeugt Spannung, auch wenn der Ausgang vieler Fluchtgeschichten ja durchaus bekannt ist – den Tätigkeiten des Emergency Rescue Comittees gefolgt.

Wittstock erzählt seine Szenen an den Quellen entlang, die er für sein Projekt gefunden hat: Briefe und Tagebücher, Erinnerungen, Autobiografien und Interviews. Zwar fehlen direkte Nachweise im Text, was sicherlich der besseren Lesbarkeit geschuldet ist. Wittstock hat jedoch im Anhang seine zahlreichen Quellen aufgeführt und auch ein Personenregister zusammengetragen. So notiert er im Vorwort: „Für alles, was hier erzählt wird, gibt es Belege, nichts wurde erfunden.“ Wittstock hat die Handlungsstränge, die sich aus seinen Quellen ergeben haben, so grandios zusammengestellt, hat Szenen so anschaulich geschildert, dass hier eine bedrängende Zeit lebendig wird. In der aber eben auch Zuversicht zu finden ist. So zum Beispiel wenn Lisa Fittko, eine der Fluchthelferinnen über die Pyrenäen sagt: „Es ´hätte keiner von uns überleben können ohne die Hilfe von Franzosen in jedem Winkel des Landes – Franzosen, deren Menschlichkeit ihnen den Mut gab, diese Vertriebenen Fremden aufzunehmen, zu verstecken, zu ernähren`.“

Uwe Wittstock (2024): Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur, München, C. H. Beck

8 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    habe herzlichen Dank für die Rezension dieses augenscheinlich wichtigen Geschichtsdokuments. Wir hatten noch nicht von diesem Buch gehört und sind froh, dass du uns darauf aufmerksam gemacht hast.
    Wir wünschen ein frohes Wochenende
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    • Lieber Klausbernd,

      dann bin ich gespannt, ob das Buch – oder das Hörbuch, von dem viele hier und auf Instgram auch begeistert berichten – auf eurem Büchertisch landen.

      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia

        dafür müsste es erst einmal ins Englische übersetzt werden. Das scheint mir noch nicht der Fall zu sein. Fremdsprachige Bücher gehen nämlich an unserem Büchertisch gar nicht.

        Herzliche Grüße vom Meer
        Klausbernd 🙂

  2. Hallo Claudia,

    jetzt stellst du das Buch doch so ansprechend vor, dabei hatte ich mir fest vorgenommen, das nicht zu kaufen, denn ich hatte vor einigen Jahren Frys eigene Erinnerungen gelesen. Auch die waren hochspannend. Und dann leider als erstes gelesen: die unsäglich zusammengestoppelte Geschichte von Eveline Hasler, die mal eben dezent verschwiegen hatte, dass sie den Leserinnen nur eine stümperhafte Nacherzählung von Frys Bericht andreht…

    Hmm, vielleicht warte ich wenigstens, bis es das als Taschenbuch gibt.

    Danke für die Vorstellung und einen schönen Restmai!

    Anna

    • Liebe Anna,
      dann hast du ja schon „das Original“ gelesen. Und ich kann verstehen, dass dich das schlechte Plagiat dann sehr gestört und geärgert hat. Mir geht es ähnlich mit einer Netflix-Serie („Transatlantik“), die auch vor allem der Spannung wegen die Dinge ein bisschen anders darstellt als Wittstock. Das nervt nach der Wittstock-Lektüre, die ja spannend und anschaulich, aber eher nicht übertrieben heroisch oder dramatisch daher kommt.
      Das Taschenbuch wird sich sicher lohnen. Und du kannst noch ein bisschen Vorfreude haben.
      Viele Grüße und noch ein schönes restliches Pfingstwochenende, Claudia

  3. Liebe Claudia,

    hab‘ vielen Dank für Deine engagierte Buchvorstellung. Was für ein Drama damals, mit tragischen und doch auch rettenden Verläufen. Und heute … ?!

    Anna Seghers „Transit“ hatte ich gelesen und die Verfilmung von Christian Petzold 2018 gesehen. Weitere Kenntnisse der Exil-Literatur verdanke ich der Lektüre von Hermann Kestens Werken.

    Daher kleine Rückfrage: taucht bei Uwe Wittstock der Name von Hermann Kesten auf? Er stand seinerzeit wohl auch im Kontakt mit dem ERC.

    Angenehme Feiertage zu Pfingsten und herzliche Grüße

    Bernd

    • Lieber Bernd,

      hab´ vielen Dank für die lobenden Worte. Und ja, die Erlebnisse der Flüchtenden in Marseille erinnern schon sehr an die aktuellen Fluchtbewegungen.

      Über Hermann Kesten erzählt Wittstock nichts. Auch in den Quellen findet sich kein Verweis auf Kesten. Wenn ich es gerade richtig recherchiert habe, ist Kesten schon im April 1940 über St. Nazaire am Atlantik nach Amerika ausgereist. Erst in New York hat er für den ERC gearbeitet.

      Anna Seghers „Transit“ habe ich dann auch im Anschluss an „Marseille“ gelesen. Und sie schildert die Atmosphäre in Marseille sehr ähnlich wie Wittstock.

      Ich wünsche dir noch einen schönen Pfingstmontag, Claudia

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