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Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen

Zum Ende der Probe reißt eine Saite über dem Steg von Emilias Geige. Ihr Bruder, der Pianist, möchte eine Passage noch einmal proben, ihm ist ihr Tempo zu schleppend. Aber die Reservesaiten im Geigenkasten musste Emilia am Flughafen in Zürich abgeben. Sie könne die Drähte ja auch als Waffe nutzen, hatte der Beamte der Flugsicherheit gemeint. Sie hat weitere Saiten im Reisegepäck, das schon im Hotel ist. Da die Zeit bis zum Beginn der Matinee reicht, beschließt sie, mit dem Taxi zum Hotel zu fahren. Die Berliner Straßen sind leer, es ist ein Sonntag im Oktober, zudem ein Feiertag. Der Fahrer, graumeliert und mit leichtem arabischen Dialekt, stellt ihr den kleinen Hund vor, der vorne im Beifahrerfußraum mitfährt, den Hund seiner Tochter, den er immer sonntags beaufsichtigen muss. Und Emilia, die tief den Geruch des Hundes einatmet, erinnert sich an den Hund ihres verstorbenen Mannes. Sie hebt ihn auf die Rückbank, er legt sich neben sie, die Schnauze auf ihrem Oberschenkel.  Emilia bittet den Fahrer, an einer Kreuzung kurz anzuhalten. Sie kurbelt das Fenster herunter …