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Anna Seghers: Transit

Angeregt zum Wieder-Lesen von Anna Seghers Roman hat mich die Lektüre von Uwe Wittstocks „Marseille 1940“, in dem er mit einer großen Materialfülle die verschiedenen Fluchtgeschichten der vor den Nazis fliehenden deutsche Literaten, Philosophen, Maler und Politiker schildert. Auch das Schicksal Anna Seghers wird hier erzählt. Sie, die wegen ihrer kommunistischen Parteizugehörigkeit schon in den frühen 1930er Jahren mit ihrer Familie nach Paris gezogen war, flieht mit den beiden Kindern aus der Stadt. Bei der quälend langsamen Flucht zusammen mit tausenden anderen Flüchtenden auf den Straßen in den Süden wird sie von den deutschen Soldaten überholt und kehrt nach Paris zurück. Sie findet Unterschlupf bei Freunden und gelangt später mit deren Hilfe über die Grenze in das unbesetzte Frankreich des Vichy-Regimes. In Marseille, dem Sammelpunkt aller Fliehenden, lernt sie den grotesken und nervenaufreibenden Kampf um die notwendigen Papiere kennen, deren erstes schon abgelaufen sein kann, wenn das letzte schließlich fertig ist. Als Kommunistin kann sie nicht, wie viele andere, in die USA auswandern, findet aber in Mexiko ein Land, das sie und ihre Familie aufnimmt. …

Uwe Wittstock: Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur

Varian Fry reist im Juli 1935 kreuz und quer durch Deutschland. Er spricht mit Managern, Politikern und Professoren, mit Kellnern, Ladenbesitzern und Taxifahrern. Er will genau wissen, was vor sich geht in Europa und ist der Meinung, dass die Politik Hitlers auf einen Krieg zusteuert. Fry ist amerikanischer Journalist. Am Ende des Monats wird er die Stelle als Chefredakteur von „The Living Age“ übernehmen, einer Monatszeitschrift, die sich besonders mit außenpolitischen Themen auseinandersetzt. Dabei muss er gegen die Lethargie der Amerikaner anschreiben, die meinen, Europa sei so weit weg und müsse sie nicht interessieren. In Berlin, am 15.7.35, wird Fry Augenzeuge einer Straßenschlacht auf dem Kurfürstendamm. Mitten in die ruhige und friedliche Sommerstimmung hinein halten junge Männer in weißen Hemden Autos und zerren die Insassen heraus, stoppen einen Bus und schleifen wahllos Fahrgäste auf die Straße, die sie unter dem Brüllen von „Ein Jude!“ und „Tod den Juden“ verprügeln. Sie fegen das Geschirr von den Tischen eines Cafés, werfen ihn in das Schaufenster. Einem Mann in dem Café, in das Fry sich geflüchtet hat, stoßen …