Acht Monate alt war Zora del Bueno, als ihr Vater ums Leben kam. Erinnern kann sie sich nicht an ihn. Ihre Mutter hatte sich in ihre Trauer eingekapselt und wenig erzählt. Als Kind wusste del Bueno genau, welche Fragen sie stellen durfte und welche nicht, weil sie zu schmerzhaft wären. Und nun, mit 60 Jahren, kann sie die Mutter nicht mehr fragen. Denn die verschwindet immer mehr in ihrer Demenz, erkennt oft die Tochter nicht mehr und beklagt, dass die sie nicht besuche.
Vielleicht ist das Auflösen der Wohnung der Mutter, in der sie auch alte Unterlagen findet, der Auslöser für ihre Beschäftigung mit dem Unfall. Jedenfalls rekapituliert sie immer wieder, was sie davon weiß: Dem lindgrünen Käfer des Onkels, in dem der Vater auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, kam auf der Landstraße in der Ostschweiz in einer unübersichtlichen Kurve auf der eigenen Spur ein Chevrolet entgegen, der ein Pferdefuhrwerk überholen wollte. Der Onkel kam mit einem Oberschenkelbruch davon, der Unfallverursacher, in den Zeitungen immer E.T. genannt, blieb unverletzt. Ihr Vater aber war sofort gehirntot, wurde im Krankenhaus durch Maschinen am Leben erhalten. Die Mutter musste über den Zeitpunkt entscheiden, wann sie abgestellt werden sollten. Der Vater war gerade 33 Jahre, die Mutter 29.
Das Gericht stellt die Schuld E. T. fest, verurteilt ihn aber lediglich zu einer Strafe von 200 Franken. Das empfindet die Familie del Bueno als ungerecht. Und auch die Kolleginnen und Kollegen des Vaters am Röntgendiagnostischen Institut des Kantonspitals Zürich. Del Bueno findet in den Unterlagen ihrer Mutter den Leserbrief eines Kollegen des Vaters. Und der vergleicht das charakterlose Verhalten des Schuldigen mit dem kompetenten und entwicklungsfähigen Arzt.
Nun macht del Buono sich auf die Spur von E. T., der Ernst Traxler hieß. Und möchte vor allem wissen, wie er wohl gelebt hat seit 60 Jahren mit dieser Schuld. Sie geht die Suche langsam an, recherchiert erst einmal scheinbar Nebensächliches. Wie viele lindgrüne Käfer es wohl seit Beginn der Modellproduktion in den 1930er Jahren gegeben habe, wie viele Menschen in den 1960er Jahren den Tod im Straßenverkehr gefunden habe, welche berühmten Personen bei einem solchen Unfall gestorben seien. Die Listen sind lang, an Sicherheit für die Autofahrenden hatte damals noch kaum jemand gedacht.
Langsam nur nähert sie sich der richtigen Suche nach Traxler. Wenn er noch lebt, wird er schon sehr alt sein. Also besucht sie die Altenheime in der Umgebung des Unfallortes, doch dort lebt er nicht. Immer wieder fährt sie in die Umgebung des Unfalls, fährt durch die Dörfer, betrachtet die Landschaft. Und folgt dem Rat, einfach die Menschen dort anzusprechen. Irgendjemand wird ihn kennen oder gekannt haben. So findet sie erste Hinweise, wie und wo Traxler. gelebt haben könnte. Positive Erinnerungen werden ihr erzählt – und sie wird wütend. Aber auch nachdenklich. Später wendet sie sich an die Ämter, durchsucht Archive, findet einen Archivar, der dann auch die alte Gerichtsakte zu Tage fördert.
Nun könnte man ja meinen, dass die Suche nach dem „Töter“ des Vaters, so hat sie als Kind immer gesagt, eine ganz persönliche Sache sei und für Lesende, die nicht mindestens Ähnliches erlebt haben, nicht weiter interessant. Ist es aber. Denn Zora del Bueno skizziert ja auch ihre Suchbewegungen, die manchmal zäh sind oder ins Leere laufen, manchmal aber auch überraschend zum Erfolg führen, und geht so auch der Frage nach, welche unvorhersehbaren Dinge bei einer journalistischen Recherche passieren können. Recherche und Suche haben dabei durchaus kriminalistischen Charakter – und so entfaltet sich hier auch ein Stück Spannung.
Der Text, dem keine Genrebezeichnung zugeordnet ist, erzählt aber nicht nur von der Suche nach dem Unfallverursacher, sondern wendet sich auch anderen Themen zu, die sich rund um den Unfall und den Verlust des Vaters ergeben haben. Da sind ihre Erinnerungen an das Leben mit der Mutter und ihrem großen Schmerz, an den sie nie rühren wollte. Da sind Erinnerungen an eine Recherchereise in die USA, bei der sie sich ihrem Vater plötzlich nah gefühlt hat. Dann wieder betrachtet sie die Landschaft oder erzählt, was an den Nebentischen im Seminarhaus, in dem sie noch kurzfristig ein Zimmer gefunden hat, gesprochen wird. Sie zitiert aus Gerichtsakten, aus eigenen literarischen Texten. Sie gibt die Gespräche mit den Freunden im Kaffeehaus wieder und immer wieder wirft sie gesellschaftspolitische Fragen auf, wenn sie z.B. vom Leben alleinerziehender Mütter und ihrer Kämpfe in den letzten 100 Jahren erzählt.
So entsteht ein komplexer Text, dicht gewebt, aus vielen Fäden. Ein Text, der zumindest am Anfang klare biographische Beweise erbringt, der dann aber nicht mehr als eindeutig biographisch oder fiktional bezeichnet werden kann. Das mögen dann jeweils die Lesenden klären und auch, ob sich die Wirkung des Textes verändert, je nachdem wie sie das Verhältnis von Biographie und Fiktion sehen.
Über ihren Suchprozess schreibt del Bueno in einer Sprache, die kein bisschen pathetisch oder larmoyant ist, eher sachlich und zurückhaltend, mal augenzwinkernd und immer wieder auch sich selbst reflektierend. Und so wird Stück für Stück aus dem Täter, den das Gericht, den Familie und Kollegen längst abgeurteilt haben, ein Mensch, der nicht nur die Schuld des Unfalls mit sich tragen musste, sondern möglicherweise auch noch andere Kämpfe ausgefochten hat. Und mit dem del Bueno selbst vielleicht ganz viel verbindet. Von dem sie irgendwann mehr weiß, als von ihrem Vater. Aus Schuld und Verurteilung wird Verständnis und Reue.
Und dann entdeckt Zora del Bueno bei den Sachen ihrer Mutter drei Filmrollen. Und endlich sieht sie ihren Vater, nicht eingefroren auf einem Foto, sondern wie er sich bewegt, wie er geht, im Café sitzt, wie ihre Mutter mit ihm spricht.
Zora del Bueno (2024): Seinetwegen, München, Verlag C. H. Beck


Danke für die Rezension. Der Text scheint interessant zu sein. Wir werden mal hineingucken.
Alles Gute
The Fab Four of Cley
🙂 🙂 🙂 🙂
Hallo Claudia,
das klingt nun aber doch sehr interessant, wie du das Buch vorstellst. Ich hatte es gedanklich für mich schon abgehakt, aber nun setze ich es vorsichtshalber doch mal auf die Liste. Dir einen nicht zu stressigen Advent und liebe Grüße. Anna
Liebe Anna,
irgendwie habe ich deinen Kommentar völlig übersehen. Entschuldige bitte. Ich habe auch richtig lange nicht mehr auf die Blogs geschaut. Immerhin habe ich es jetzt endlich mal wieder geschafft, mit großem Interesse und großem Spaß ein paar Romane zu lesen. Und vielleicht schaffe ich es dann ja auch mal wiede, ein bisschen was zu schreiben. Und vor allem: hier auch wieder häufiger zu schauen.
Viele Grüße, Claudia
Hallo Claudia, auch wenn ich deine Beiträge vermisse, kann ich doch so gut nachvollziehen, dass sich das intensive Bloggen eben nicht mehr so anfühlt wie zur Hochphase der Literaturblogs … Ich frage mich auch regelmäßig, ob ich den Aufwand eigentlich noch betreiben möchte, zumal die meisten ja nach Insta gewechselt sind, womit ich allerdings – schon rein technisch – immer noch ziemlich fremdele. LG Anna
Hallo Anna, die Probleme mit Instagram kann ich gut verstehen. Ich mag dort überhaupt keine langen Artikel lesen und ich finde es hochgradig ärgerlich, dass ich zu sehen bekomme, was mich gar nicht interessiert – aber eben scheinbar nur zufällig die Accounts, denen ich folge, denen ich sogar „mit Sternchen“ folge. Eigentlich sollten wir Blogger deshalb unsere Blogs wirklich in Ehren halten.
Liebe Grüße, Claudia
Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen!