am Rande notiert, Lesen
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Das Lesejahr 2021 – Ein Rückblick

Im letzten Jahr habe ich nicht viel gelesen und noch weniger über meine Leseeindrücke geschrieben. Eine schwere Krankheit im nächsten Familienumfeld hat Kraft gekostet und ganz andere Prioritäten gesetzt.
Trotzdem habe ich geschaut, welche Bücher aus dem letzten Jahr mir besonders gut in Erinnerung geblieben sind. Das Suchen nach ihnen und das Schreiben über sie ist also ein erster Gehversuch hin zu einer wieder aktiveren Zeit auf dem Blog. Und es sind drei Bücher auf meiner Rückblicksliste gelandet, die mir wegen ihrer Idee, wegen ihrer sprachlichen Gestaltung, wegen ihres Stils so besonders gut gefallen haben.

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc
Über Evaristos Roman habe ich ja schon einen Blogbeitrag geschrieben. Die Idee, vielen unterschiedlichen Frauen eine Stimme zu geben, ihre Lebensgeschichten zu skizzieren, ihre Probleme, die manchmal ja auch gesellschaftliche Diskussionen widerspiegeln, und ihre Glücksmomente, das hat mir richtig gut gefallen. Evaristo erzählt vom prallen weiblichen Leben, vom Leben Schwarzer Frauen. Es sind aber alles Geschichten, in denen sich natürlich alle Frauen wiederfinden, es sind Figuren, die mal mehr mal weniger zur Identifikation einladen.
Bernardine Evaristo (2021): Mädchen, Frau etc., Stuttgart

Hervé Le Tellier: Die Anomalie
„Die Anomalie“ wollte ich ja eigentlich nicht lesen. Zu verrückt schien mir die Ausgangsidee mit den sich durch die enorme Regenfront duplizierenden Flugzeug einschließlich sich verdoppelnder Besatzung und Passagiere. Und dann hat mich die Geschichte, die beim Lesen gar nicht mehr so unglaublich erscheint, um so mehr gefesselt. Wie geht die Gesellschaft um mit diesem bizarren Ereignis, wie die Politik und das Militär? Wie ein amerikanischer Präsident, der durch die sozialen Medien stolpertt? Und dann die Betroffenen selbst, die sich nun, mit ihren Doppelgängern konfrontiert, in einem neuen Leben einrichten müssen. Le Tellier spielt mit den Genres, mit dem Agentenroman, dem Sci-Fi-Roman (die Szenen auf dem Militärflughafen nahe Washington erinnern mich sehr an Szenen aus der „Begegnung der dritten Art“), dem Wissenschaftsroman, dem Liebesroman. Spannend geschrieben, nachdenklich, manchmal urkomisch.
Hervé Le Tellier (2021). Die Anomalie, aus dem Französischen übersetzt von Jürgen und Romy Ritte, Hamburg

Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand
Über die 10 Jahre des Zusammenlebens mit ihrem durch zwei Schlaganfälle schwer gehandicapten Mann schreibt von Arnim in ihrem Buch. Innerhalb weniger Tage hat er seine Motorik verloren, auch die des Sprechens. Das ist für einen Menschen, der sich als Journalist die Welt vor allem durch den mündlichen Austausch mit Anderen erschlossen hat, eine harte Prüfung. Von Arnim beobachtet genau, reflektiert immer wieder und bleibt, auch wenn sie von den fast würdelosen Situationen, in die Krankheit ihren Mann zwingt, erzählt, in der Distanz, die ihr der Abstand von ein paar Jahren des Aufschreibens nach seinem Tod ermöglicht. Sie zeigt in ihrem Text, welche ungeheuerlichen Anforderungen an die Betroffenen gestellt werden, welches Glück sie hatte, in einer finanziell gut abgesicherten Situation. Sie schreibt von den Kraftquellen, die sie sich erschlossen hat, von dem Kämpfen, die sie mit ihrem Mann ausgefochten hat, von dem Zusammenrücken und den innigen Momenten. So ist, auch durch die oft poetische Sprache, ein ganz beeindruckender Text entstanden.
Gabriele von Arnim (2021): Das Leben ist ein vorübergehender Zustand, Hamburg

8 Kommentare

  1. Anonymous sagt

    Liebe Claudia,
    wie schön, von dir zu lesen. „Die Anomalie“ muss warten, bis das Buch als Taschenbuch erscheint, aber dein Hinweis bestärkt mich darin, dass man das doch mal lesen sollte, ich war diesbezüglich auch erst skeptisch. Gabriele von Arnim steht auch irgendwo vermerkt auf einer meiner Listen.
    Ich wünsche dir alles Gute, viel Kraft und Zuversicht für deine persönliche Situation, ganz viel von dem, was uns das Leben schöner macht, Wolle, Bücher, freundliche Menschen, Hundespaziergänge … Und würde mich sehr freuen, wenn du in diesem Jahr wieder mehr Muße zum Lesen und/oder Bloggen findest.
    Herzlichen Grüße
    Anna

    • Liebe Anna,
      ich danke dir sehr für deine lieben Worte. Ich habe ganz fest vor, mich wieder mehr an Büchern und Blogs zu erfreuen. Die Hundejungs sind sowieso ganz prima, die lassen überhaupt gar keine Faulheit zu :-). Und heute freue ich mich sehr auf mein literarisches Quintett, das am Nachmittag stattfinden wird. Bei dem wir neben den Büchern auch so ziemlich alles andere durchkauen.
      Ganz liebe Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia,
    einen guten, gesunden Jahresanfang 2022 wünscht dir Susanne.
    Ich habe mich sehr gefreut, von dir zu lesen, ich dachte schon, du hättest aufgegeben.
    Ich hoffe, deiner Familie geht es besser und ihr hattet ein besinnliches Weihnachtsfest.
    Danke für die Literaturtipps, die Anomalie werde ich als Hörbuch genießen.
    Einen schönen Abend von Susanne

    • Vielen Dank für deine guten Wünsche zum neuen Jahr! Und auch dir einen guten, frohen und gesunden Start ins neue Jahr. Und eine gute Zuhörzeit bei „Der Anomalie“.

  3. Liebe Claudia, ich wünsche Dir und Deinen Lieben ein glückliches, gesundes und spannendes neues Jahr! Schön wieder von Dir zu lesen – I missed you 🙂

    • Liebe Sabine,
      vielen Dank für deine guten Wünsche zum neuen Jahr. Und natürlich sende ich dir auch die besten Wünsche und eine guten, frohen und gesunden Start. Auf dass wir uns wieder häufig lesen!
      Viele Grüße, Claudia

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