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Julia Deck: Privateigentum

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Was in den Zeiten Schillers galt, gilt heute immer noch. Diese Erfahrung machen jedenfalls Eva und Charles Caradec, um die fünfzig, in ihrer neuen Doppelhaushälfte in einem Pariser Vorort. Jahrelang lebten sie in einer Mietwohnung in der Innenstadt, geräumig und komfortabel, der Fitnessraum im Haus. Aber dann hatten die Balkonpflanzen zu wenig Platz, brauchten neue, größere Töpfe, die Rosenstöcke beanspruchten mehr Raum für die Zweige.

Es war also Zeit für eine Immobilie vor den Toren der Stadt, mit einem Garten, mit Ruhe und besserer Luft, es war Zeit für: Privateigentum. Auch wenn der Begriff trügerisch ist, denn eigentlich gehört das Haus der Bank, bei der man bis zur Nasenspitze verschuldet ist. Und wirklich privat ist hier im Vergleich zur Anonymität der Großstadt auch keiner. Die Nachbarn kennen sich, besuchen sich zum Aperitif, zur Grillparty. Man beobachtet sich aus den Küchenfenstern, sieht, wann wer in welches Haus geht. Im Garten wird man unabsichtlich Zeuge der Gespräche auf der benachbarten Terrasse. Und das Scheppern jeden Teils, das herunterfällt und jedes Lachen oder Streiten dringt sowieso durch die dünnen Wände.

  In dieser Umgebung siedelt Julia Deck ihren dritten Roman an, der eine bitter-böse Geschichte über die Nachbarschaft und ihre Höhen und Tiefen im sündhaft teuren Vorort ist. Und sie fackelt auch gar nicht lange, um zu zeigen, worum es in ihrer Geschichte geht. Da steht im ersten Satz:

„Ich fand es falsch den Kater zu töten – ganz allgemein und auch in diesem speziellen Fall -, als du mir sagtest, was du mit dem Kadaver anstellen wolltest. Es war schon April, sechs Monate nachdem wir umgezogen waren. Die neuen Häuser glänzten in der Sonne, auf den Dächern glitzerten die Solarzellen, und der Rasen wuchs üppig auf beiden Seiten des Weges.“

Ta-dam! So schnell kanns gehen und schon ist man so verärgert, dass man dem Nachbarskater nach dem Leben trachtet. Dabei leben die Caradecs doch in der bilderbuchschönsten und teuersten Neubausiedlung, alles aus den besten Materialien, alles auch ökologisch tip top. Da sollte man doch meinen, auch die Nachbarschaft könne sich benehmen. Und verhalte sich anders als die Bewohner in den Hochhäusern an der Schnellstraße, die ihre Kühlschränke und Waschmaschinen auch schon mal an der Straße entsorgen.

Aber die Caradecs fremdeln von Anfang an mit ihrem neuen Haus. Charles, ein Lehrer, der aber wegen psychischer Probleme, die ihn seit siebenundzwanzig Jahren immer wieder mal mehr, mal weniger stark befallen, so dass er meistens nicht arbeitet, und Eva, Städteplanerin im Home-Office, müssen sich Freude und Glück mehr einreden, als dass sie etwas davon fühlen.

„Ich betrachtete unser Wohnzimmer, das Parkett aus Massivholz, die schneeweißen Wände, die Fensterfront, die auf den von duftenden Buchsbäumen umsäumten Garten hinausging. Wir hatten von unserem Wohnzimmer noch nie so viel Himmel gesehen. Ich dachte, dass wir wirklich Grund hatten, glücklich zu sein, es sprach einfach alles dafür.“

Und dann ziehen die direkten Nachbarn ein, die Lecoqs. Der Umzugswagen steht vor der eigenen Haustür und den ganzen Morgen werden die Habseligkeiten der Familie ins Haus getragen. Genau in dem Moment, als Eva weinend in der Küche sitzt, klingelt Annabelle Lecoq, den kleinen Sohn auf dem Arm, und verlangt, dass sein Fläschchen in der Mikrowelle erhitzt werde: „Dreißig Sekunden und nicht eine länger.“. Und da sie schon mal da ist, hätte sie auch noch gerne einen Kaffee. Charles erwärmt die Babymilch, macht den Kaffee und geleitet Annabelle schnell zur Haustür hinaus.

„Was für eine blöde Kuh, hoffentlich kriegen wir von ihr und ihrem Kind nicht allzu viel mit“, hast du gesagt und die Tür geschlossen.“

Der erste Kontakt ist also denkbar schlecht. Und dann parkt auch noch Arnaud Lecoq permanent sein Autor vor der Haustür der Caradecs, wäscht es dort sogar. Mittwochs ist Annabelle zuhause und telefoniert den ganzen Tag, in einer Lautstärke, dass die Caradecs nun sämtliche Ereignisse aus der Immobilienagentur der Nachbarn kennen. Ihr dicker roter Kater streift durch alle Gärten und versteckt sich – zum Unwillen Charles´- auch gerne mal im Haus. Und dann, im März, haben die Lecoqs zur ersten Barbecue-Party geladen. Die schöne, neue, verkehrsberuhigte Straße ist komplett zugeparkt, die Champagnerkorken knallen, die Gäste diskutieren lautstark und in der Nacht ist der Lärm der Musik und das Geschrei der Angetrunkenen so laut, dass Eva sich über die Hecke hinweg beschwert.

Und diese lärmenden, irgendwie auch ein bisschen prolligen Nachbarn, sind ja nicht das einzige Ungemach. Im Winter stellt sich heraus, dass das Duschwasser nicht warm wird und die Räume auch nicht. Sachverständige schauen sich die Häuser und die verbaute Technik an und schnell ist klar: das Planungsbüro hat sich verrechnet. Die nagelneue Straße muss noch einmal aufgebaggert werden, damit Gasleitungen verlegt werden können. Und in dieser Baugrube finden sich eines schönen Morgens die übel zugerichteten sterblichen Überreste des roten Katers.

Ja, Julia Deck bedient sich vieler der üblichen Vorstadtkonfliktklischees. Im Vorstadtladen fehlt Eva die vertraute Hähnchenmarke, auch der Schafsmilchjogurth für den kranken Gatten. Und zwischen den Nachbarn gibt es den üblichen Klatsch und Tratsch, es gibt Intrigen und immer wieder neue Allianzen. Es gibt Aperitifs, Grillfeste und Krisensitzungen, Krach und Dreck durch Bauarbeiten an den Leitungen oder den Terrassen, es gibt die unmöglichen Micro-Pants von Annabelle, hinter der die Männer hinterherschwächeln, und immer wieder Gerüchte über Seitensprünge oder Clubbesuche.

Und so entfaltet sich ein großer Lesesog. Das liegt zum einen an den scharfsichtigen Beobachtungen von Charles und Eva und ihren fiesen Kommentaren über die lieben Nachbarn. Das liegt zum anderen in der verdichteten Erzählung, in der kein Wort zu viel ist und keines an der falschen Stelle sitzt. Das liegt nicht zuletzt auch am – voyeuristischen? – Interesse der Leserin an diesem merkwürdigen Ehepaar. Was mag es sein, dass dieses Paar über die vielen Jahre und die Erkrankung Charles zusammenhält? Und: Ist Eva wirklich so tough, so abgeklärt und kontrolliert, wie es sich in ihrer Erzählung gibt?

Denn mehr und mehr wird höchst fragwürdig, ob das, was Eva hier einem Du, wahrscheinlich ihrem Mann, erzählt, stimmt. Bei genauerem Betrachten ist nichts, wie es scheint, vor allem schon einmal nicht so bourgeoise, wie man meinen könnte. So wie Eva beim Erzählen immer mal wieder von ihrer Bildungsbürgersprache in den Jargon abrutscht und wie sich hinter den schönen, glänzenden Neubaufassaden Seitensprünge, Streit und der Mord am roten Kater abspielen. Und dann verschwindet auch noch die Nachbarin Annabelle mit ihrem Sohn Leo. Die Polizei ermittelt und schnell wird Charles zum Hauptverdächtigen und landet im Gefängnis.

Es ist ein großer Spaß, Evas Erzählung zu folgen, immer auf der Hut vor neuen (Bau-)Gruben, die sie aushebt, um abzulenken von dem, was wirklich passiert ist. Und auch wenn es in Julia Decks Geschichte weit und breit keinen „frommen“ Nachbarn gibt, so geht es für die Leserinnen doch um die Rekonstruktion der Geschichte, auf der Suche nach der Wahrheit, also nach der Frage, wer denn wirklich der „böse“ Nachbar resp. die „böse“ Nachbarin ist.

Julia Deck (2020): Privateigentum, Berlin, aus dem Französischen übersetzt von Antje Peter, Klaus Wagenbach Verlag

6 Kommentare

  1. Hallo,

    das Buch klingt nach wirklich bösem Humor, nach einem messerscharfen Blick auf die Abgründe der „guten Gesellschaft“ der gehobenen Vorstadt. Gefällt mir!

    Nur der Katertut mir jetzt schon leid…

    LG,
    Mikka

    • … und der Welpe… Und man weiß ja auch nicht, was mit Mutter und Sohn ist.
      Trotzdem: Julia Deck schreibt das so gut, dass du eine gewisse Distanz zu den toten und vermissten Lebewesen behältst.
      Viele Grüße, Claudia

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